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Zeigen, was man kann – Kompetenzfeststellung beim Grone-Bildungszentrum

Dr. Susanne Winterberg ist Pädagogische Fachkraft beim Grone-Bildungszentrum für Qualifizerung und Integration in Hamburg. Hier stellt sie uns ein interessantes Projekt vor.

Foto von Khalil alnazihi
Fotograf: Khalil alnazihi

FM: Bitte geben Sie uns zunächst einen Überblick, worum es bei dem Projekt geht.

Dr. Susanne Winterberg: Das Projekt heißt: Kompetenzfeststellung in Gastronomie und Hotellerie für Flüchtlinge. Wir stellen hier fest, was jemand aus seiner Heimat an Erfahrungen und Kenntnisse im Bereich Küche, Service oder Housekeeping mitbringt. Es gibt aber auch Teilnehmer, die in ihrer Heimat noch gar nicht in diesem Bereich gearbeitet haben, sich das jetzt aber als Berufsperspektive gut vorstellen können.
Die Leute, die in ihrer Heimat z.B. Koch waren, aber kein Zertifikat mitbringen oder auf der Flucht verloren haben, können hier zeigen was sie können. Das dauert zwei Wochen, davon eine Woche Praxis hier in dieser Küche, das heißt: an einem Tag lernen sie in einer kleinen Gruppe in der Küche, an einem weiteren Tag lernen sie Service: Wie decke ich den Tisch ein? Wie serviere ich das Essen?

Foto von Khalil alnazihi
Foto von Khalil alnazihi
Foto von Khalil alnazihi

Am Ende gibt es ein Zertifikat

Wie kann ich Servietten falten? Welche Schritte sind wichtig im Bereich Service? Am dritten Tag lernen sie bereits Housekeeping: Wie putze ich Fenster? Wie reinige ich eine Toilette? Welche Reinigungsmittel gibt es? Wie kann ich bügeln? Also alles im Bereich Reinigung und Wäsche. In jedem dieser Bereiche gibt es einen Ausbilder. Er gibt Anleitungen, beobachtet und macht Notizen zu jedem einzelnen Teilnehmer. Es gibt noch einen Mann von der Handelskammer, Herr Jänicke, der nimmt alle Beobachtungen, schaut auch selbst und schreibt dann ein Zertifikat.

Jeder Teilnehmer bekommt so ein Zertifikat mit Noten und noch ein Blatt, das beschreibt, wie gut er sich ins Team integriert hat, ob er selbständig gearbeitet hat, ob er Interesse gezeigt hat. Diese beiden Papiere bekommt man am Ende der zweiten Woche in der Handelskammer überreicht. Und es findet dort ein Speed-Dating statt, das heißt: Man trifft dort Vertreter aus 5-6 Betrieben, vielleicht Restaurant-Chefs oder Personalleiter aus einem Hotel. Die Teilnehmer können direkt mit diesen Leuten sprechen über Praktika, Ausbildung oder Mini-Jobs. Sie können in Kontakt treten, ihr Zertifikat überreichen und den Lebenslauf. Den Lebenslauf schreiben wir in der zweiten Woche im Theorie-Teil. Wir lernen etwas über die duale Ausbildung in Deutschland: Wie werde ich Koch, ein Restaurantfachmann, ein Hotelfachmann? Wir laden ehemalige Teilnehmer ein, die jetzt schon arbeiten und befragen sie: Was arbeitest du, welche Probleme gibt es, wie kommst du mit deinen Deutsch bei der Arbeit aus, wie ist die Bezahlung, bekommst du Trinkgeld? An einem weiteren Tag in der zweiten Woche besuchen wir ein Hotel, sprechen vielleicht mit dem Hotelchef, kriegen eine Führung durch das Haus, sehen ein Zimmer an oder die Küche.
Der Chef erzählt, was ein Arbeitgeber erwartet, was wichtig ist, wenn man anfangen möchte zu arbeiten.

Die Teilnehmenden zeigen, was sie können

FM:Wie viele Teilnehmer haben sie?

Dr. Susanne Winterberg: Wir haben zwischen 15 und 17 Teilnehmer hier in dem Kurs und in der alten Küche waren es 25 Teilnehmer. Wir haben angefangen im August 2016, das hier ist jetzt das 11. Mal, das wir durchführen. Insgesamt 182 Teilnehmer waren bis jetzt dabei. Ungefähr 20 Prozent der Teilnehmer gehen in eine Ausbildung oder in einen Job. Praktika machen mehr, einige machen dann aber erst einen Deutschkurs zu Ende oder etwas anderes. Das ist eine gute Quote bei der Vermittlung. Mit vielen habe ich noch Kontakt. Manche rufen mich noch ein Jahr später an. Manche beginnen auch eine Arbeit ohne Bescheid zu sagen.

FM: Welches Sprachniveau ist genug?

Dr. Susanne Winterberg: Für das Projekt ist es egal, weil wir Dolmetscher haben. Die haben wir, weil es ja darum geht, zu beweisen, was man schon kann. Und das ist erst einmal unabhängig von der Sprache. Du sollst nicht zeigen, dass du Deutsch kannst, sondern, ob du kochen kannst oder ob du Service machen kannst. Wir haben aber auch Leute hier, die sprechen eine ganz andere Sprache, etwa eine Georgierin oder ein Mann aus Eritrea. Manchmal passiert dann aber etwas ganz Tolles, nämlich, dass ein Teilnehmer die Sprache spricht und die Übersetzung weiter übersetzen kann.

Das ist etwas Schönes hier, dass sich die Leute gegenseitig helfen

FM: Glauben Sie, dass nach 2 Jahren nicht alle Geflüchtete Deutsch können?

Dr. Susanne Winterberg: Nein, es hängt sehr davon ab, aus welchem Land man kommt. Menschen aus den fünf Ländern mit sehr guter Bleibeperspektive – Syrien, Iran, Irak, Somalia, Eritrea – haben von Anfang an die Möglichkeit auf Integrationskurse gehabt, die sprechen zumal schon recht gut. Viele der Afghanen hatten eine lange Zeit gar keine Möglichkeit. Jetzt ist es etwas besser geworden, aber ich beobachte, dass gerade viele Afghanen Schwierigkeiten mit der Sprache haben, weil sie jetzt erst langsam nach zwei Jahren anfangen, Deutsch zu sprechen oder Deutschkurse zu belegen. Oder ihr Aufenthalt ist so unsicher, dass sie seit Jahren im Camp leben und keiner spricht Deutsch. Wir haben aber auch Syrer, die nach vier Jahren noch ganz schlecht Deutsch sprechen, das hängt ja auch vom Alter ab.
Nach den zwei Wochen, wenn man in die Betriebe geht, muss man selber sehen, wie man zurecht kommt. Da ist dann natürlich kein Dolmetscher mehr.

Gutscheine helfen bei der Integration in den Arbeitsmarkt

FM: Und zwei Wochen sind genug?

Dr. Susanne Winterberg: Für diese Kompetenzfeststellung, ja. Wir wollen hier nichts beibringen. Viele sagen, ich lerne hier vielleicht etwas. Aber dafür ist das Projekt nicht gemacht. Wir wollen feststellen, was ihr könnt. Das schreiben wir auf, damit ihr euch damit bewerben könnt.
Man könnte die Praxiszeit natürlich noch länger machen, dann hätte man vielleicht kleinere Gruppen. Dann könnte man noch besser beobachten, aber das kostet natürlich auch Geld für Ausbilder, Lebensmittel und die Räume. Zwei Wochen ist schon eine gute Zeit.

FM: Wie finanziert sich das Projekt?

Dr. Susanne Winterberg: Die Finanzierung läuft über einen sogenannten Aktivierungs- und Ermittlungsgutschein AVGS. Die werden vom Job-Center und der Agentur für Arbeit ausgegeben. Es wird geprüft, ist jemand förderfähig, d.h. wissen wir, ob jemand auch noch in 2-5 Monaten in Deutschland ist. Dann kann das Jobcenter sagen:“ Okay, wir geben diesen Gutschein, um eine Integration in den Arbeitsmarkt zu beschleunigen“.

Offene Sprechstunden für Interessierte

FM: Bis wann gibt es noch dieses Projekt?

Dr. Susanne Winterberg: Wir werden es im nächsten Jahr wahrscheinlich sieben Mal durchführen, ab Ende Januar. Danach muss man weitersehen, wie erfolgreich das Projekt ist, wie viele überhaupt noch kommen.

FM: Was kann man machen, wenn man am Programm teilnehmen möchte?

Dr. Susanne Winterberg: Es gibt eine offene Sprechstunde, immer mittwochs zwischen 10 und 13 Uhr in unserem Büro bei Grone in der Eiffestrasse 664 b-c in Hamburg. Dort kann man sich über das Projekt informieren. Oder man kann seinen Arbeitsvermittler ansprechen und fragen, ob man einen Gutschein für das Projekt bekommt.

FM: Was bedeutet Integration für Sie?

Dr. Susanne Winterberg: Für mich bedeutet Integration, dass ich die Möglichkeit habe, als Geflüchteter an dem gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilzunehmen, sowohl im Bereich Arbeit als auch im Freizeitbereich, z.B. Sport, Musik, Gruppenaktivitäten gemeinsam mit den hier lebenden Menschen. Beide Seiten sollten sich aufeinander zu bewegen, voneinander lernen, offen sein und sich austauschen.
Die Sprache ist tatsächlich ein Schlüssel für die Integration. Man könnte ja auch ohne Sprache etwa miteinander kochen, aber man könnte sich nicht miteinander austauschen über das, was man fühlt und was man denkt.

Integration durch Austausch

FM: Dieses Projekt fördert also Integration?

Dr. Susanne Winterberg: Ich glaube, ja. Es integriert schon bei dem Projekt, weil wir mit verschiedenen Nationen zusammenkommen, uns austauschen. Es ist der Kontakt zu den Deutschen da. Wir können den Teilnehmern zeigen, wie die Gesellschaft und das Arbeitsleben in Deutschland funktionieren. Wir öffnen uns, lassen einen Einblick zu. Und wir ermöglichen durch das Zertifikat und den Lebenslauf, dass jemand mit diesen Unterlagen zu einem von uns vermittelten Kontakt gehen kann und dort einen Einstieg in Arbeit finden kann.

FM: Welche Erfahrungen haben Sie dabei mit den Geflüchteten gemacht?

Dr. Susanne Winterberg: Es ist ganz wichtig, nicht immer von den Geflüchteten zu sprechen, weil die Gruppe sehr unterschiedlich ist. Es gibt immer jemanden, der ist gleich sehr sympathisch und wir sprechen und lachen gemeinsam, andere sind da eher reservierter. Es gibt auch Leute, mit denen habe ich mich schon gestritten. Weil für mich schon einige Dinge wichtig sind, z.B. für mich als Frau so respektiert zu werden wie ich hier bin: ohne Kopftuch, ich arbeite, ich sage was ich denke, ich gebe jedem die Hand. Und da erwarte ich auch Respekt, da streite ich mich auch. Aber das ist sehr selten.

„In den meisten Fällen empfinde ich den Kontakt zu Geflüchteten als sehr bereichernd“

Und ich erlebe sehr viel Dankbarkeit. Das ist schön, wenn ich ein bisschen dazu beitragen kann, das jemand hier Fuß fasst und sich nicht mehr so einsam fühlt. Denn das ist ein großes Thema: Isolation und Einsamkeit der Geflüchteten, ihre Traumata.

FM: Wie können wir das machen, Deutsche und Geflüchtete?

Dr. Susanne Winterberg: Das weiß ich auch nicht. Jeder kleine Verein, jede Organisation, die es gibt, müsste sich öffnen und laut sagen: „ Hier sind Geflüchtete willkommen!“, und auch auf die Geflüchteten zugehen, an die Türen von Camps klopfen. Es ist wichtig, dass die Geflüchteten versuchen, diesen schwierigen Schritt raus aus der eigenen Community zu gehen, sich zu trauen zum Chor, zum Fußballverein, zum Kochkurs zu gehen. Das erfordert Mut und das, was wir in Deutschland gerne haben: Disziplin. Die Geflüchteten bringen aber auch tolle Sachen mit, sie brauchen vielleicht mehr Selbstbewusstsein, um zu wissen: Das kommt hier gut an, ich darf meine Kultur geben, meine Meinung sagen, selbst aktiv werden.
Dieses Projekt hat mein Leben verändert, auch meine Einstellung zu Deutschland verändert.

„Ich bin kritischer geworden“

Mohamed Armu Foto von Khalil alnazihi

Meine eigenen Probleme werden im Vergleich zu den Problemen der Geflüchteten sehr klein. Ich finde es gut. Ich bin dadurch sehr viel reicher geworden, aber es führt manchmal zu Konflikten mit anderen Deutschen, die Angst vor den Geflüchteten haben. Es ist total wichtig, mit den Leuten in Kontakt zu treten, dann werden aus den Geflüchteten einzelne Personen. Das würde ich den Deutschen wünschen, dass sie sich das trauen.

FM: Danke für das interessante Gespräch! Und zum Abschluss noch eine Stimme von einem der Teilnehmenden:

„Mein Nahe ist Mohamed Armu. Ich komme aus Nord-Syrien. Ich bin hier seit drei Jahren. Ich spreche Arabisch, Kurdisch, Persisch, Russisch und Deutsch. Ich habe hier in diesem Kurs viel über deutsche Gesetze gelernt, und ein bisschen, wie es ist, ein Kellner zu sein und wie das System in Deutschland geht, um in der Küche zu arbeiten, in einem Restaurant. Ich würde gerne ein Job finden, das ist mein Wunsch.“

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“
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Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“

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