Warum mich das Medium Film interessiert

Jamil Jalla floh 2016 aus Afghanistan nach Deutschland. Hier hat der begabte Filmemacher sein Masterstudium an der Hochschule für bildende Künste mit sehr guten Noten abgeschlossen und arbeitet nun erfolgreich als Regisseur und Kameramann.

In dem folgenden Gespräch spricht Jamil Jalla über die letzte Zeit in seiner Heimatstadt Kabul, er gibt Einblicke in seine Tätigkeit sowohl vor als auch hinter der Kamera und er erklärt, warum ihn das Medium Film so fasziniert.

Wie haben Sie die Situation in Afghanistan wahrgenommen, bevor Sie geflohen sind?

„Das war nicht einfach damals, denn schon da waren die Taliban sehr aktiv, haben schlimme Gräueltaten begangen. Jeden Tag, wenn jemand von meiner Familie oder meinen Freunden das Haus verlassen hat, war nicht sicher, ob er jemals wieder zurückkommt. Viele Menschen sind einfach spurlos verschwunden. Sogar ein guter Freund von mir, mit dem ich auch zusammengearbeitet habe, ist verschollen. Keiner weiß, was mit ihm passiert ist. Gerade Menschen wie ich, die in den Medien arbeiten, bekommen große Schwierigkeiten. Am besten ist es, drinnen zu bleiben, alles andere ist einfach zu gefährlich. Das war also eine sehr schwierige Zeit für mich. Die Situation an sich war angespannt und geprägt von Angst.“

Sie haben an der Kabul University Faculty of Fine Arts studiert – was war Inhalt dieses Studiums?

„Ja, ich habe an dieser Universität meinen Bachelor gemacht. Das war im Bereich Film. Als ich mein Studium begonnen habe, war das Universitätsgebäude komplett zerstört und kaputt. Wir hatten kaum technische Ausrüstung, wie zum Beispiel einen Beamer oder Laptops. Das Gute war aber, dass meine Dozenten wirklich, wirklich gut gewesen sind. Viele waren aus dem Ausland und sie haben mir sehr viel beigebracht. Ich habe also gelernt, wie man Regie führt, wie man Rohmaterial schneidet und wie man mit einer Kamera umgeht. Das war sehr bereichernd.“

Mögen Sie etwas über Ihre Tätigkeit als Videojournalist und Kameramann in Kabul erzählen?

„Nach meinem Studium habe ich als Freelance- Filmemacher gearbeitet, unter anderem beim afghanischen Fernsehen. Und ich habe viele Filme selber gedreht. Das hat mich oft in Schwierigkeiten gebracht, wenn nicht sogar in Gefahr. Denn so etwas darf man in Afghanistan nicht – das ist das große Problem. Aus diesen Gründen bin ich schließlich nach Deutschland gekommen, um in Sicherheit arbeiten zu können.“

Wie ging es dann beruflich für Sie in Deutschland weiter?

„2018 habe ich ein Stipendium bekommen und konnte mich an der Hochschule für bildende Künste für den Masterstudiengang im Bereich Film einschreiben. Jetzt habe ich mein Studium gerade ganz frisch abgeschlossen – mit der Noten 1,0. Mit dieser Note bin ich mehr als zufrieden. Und ich arbeite für eine Organisation, sie heißt Sportexperten. Wir machen Filmprojekte mit Kindern zu den Themen Sport und Bewegung. Ich habe dort eine pädagogische Aufgabe. Ich bringe den Kids bei, wie man beispielsweise ein Interview vorbereitet, aber auch, wie man ein Set aufbaut und eine Kamera richtig bedient. Damit habe ich 2019 angefangen und diese Art der Arbeit gefällt mir sehr.

Und ich habe eine Teilzeitstelle als Büroassistenz. Meine Aufgabe hierbei ist es, Dokumente auszudrucken, Materialien zusammenzustellen und manchmal koche ich auch Kaffee. Von Zeit zu Zeit arbeite ich auch für die GEW. Die haben ein Magazin und dafür mache ich Grafiken oder stelle Fotos zur Verfügung. Ich bin also ganz gut beschäftigt. Aber mein Hauptaugenmerk liegt definitiv beim Filmemachen.“

Wie beschreiben Sie die Medienlandschaft in Afghanistan?

„Momentan wird alles stark zensiert, ist Propaganda von den Taliban. 2016 war – rein medientechnisch gesehen – sehr viel los. Es gab diverse Zeitungen und viele verschiedenen Fernsehsender, so an die 20 Stück alleine in Kabul. Und auch die Social-Media-Kanäle wurden viel und gerne genutzt. Heute, fünf Jahre später, ist alles anders. Es gibt keine freien, unabhängigen Medien mehr.“

Sie arbeiten kreativ – woher bekommen Sie Inspiration?

„Das ist eine gute Frage. Ich denke viel nach, über die Dinge, die passiert sind. Und ich habe viel gesehen, viel erlebt. Diese Erlebnisse befinden sich tief in meinem Innersten und ich verarbeite sie dadurch, dass ich kreativ werde. Wenn mich zum Beispiel etwas berührt oder beschäftigt, dann fange ich an, zu fotografieren oder ich male etwas oder ich mache sogar einen kurzen Film daraus. Denn oft möchte ich über diese Dinge nicht sprechen. Wenn ich aber kreativ arbeite, dann fühle ich mich ganz frei. Und das wiederum macht mich zufrieden.“

Wie bewerten Sie die jüngsten Ereignisse in Afghanistan?

„Wenn ich ehrlich sein soll, dann lese ich manchmal gar nicht die Zeitung und ich schaue oder höre keinen Nachrichten. Ich bin zu sensibel dafür, es macht mir Angst. Wenn ich etwas darüber lese, was gerade in Afghanistan passiert, dann macht mich das sehr, sehr traurig. Die Lage im Land ist so angespannt, so dramatisch. Natürlich mache ich mir große Sorgen um meine Freunde und meine Verwandten, die ich dort habe. Denn ihr Leben ist in Gefahr, jeden Tag aufs Neue. Das beunruhigt mich sehr.“

Was ist mit Ihrer Familie?

„Wissen Sie, ich habe eine sehr große Familie. Und von uns allen bin ich der Einzige, der hier in Europa gelandet ist. Zwei Brüder und zwei Schwestern sind in den USA und in Kanada. Meine Eltern sowie mein Onkel und meine jüngste Schwester sind noch in Kabul.“

Haben Sie manchmal Heimweh?

„Ja, mit Sicherheit. Ich bin in Kabul aufgewachsen, habe Familie und Freunde dort. Und obwohl ich schlechte Erinnerungen habe, vermisse ich meine Heimat. Andererseits habe ich aber auch viele schöne Erinnerungen von Afghanistan. Manchmal, wenn ich eine bestimmte Musik höre oder einen gewissen Duft rieche, dann kommen diese Erinnerungen hoch – sowohl die guten als auch die schlechten. Dann habe ich Heimweh, ja.“

Was wünschen Sie sich für Afghanistan?

„Natürlich wünsche ich mir Frieden für Afghanistan, dass die Menschen dort friedlich und ohne Angst leben können. Der Krieg muss aufhören. Aber das ist ein langer Weg. Ich beobachte die Ereignisse in meiner Heimat mit Sorge.“

Lest hier unsere Kolumne Neues aus Afghanistan: Dezember

  

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