Bis sie ein Garten wird

Die Sehnsucht nach der Heimat, wie er sie einst kannte. Der Versuch des Wiedererkennens von Dingen, die ihn hier mit seinen Erinnerungen verbinden. Das Suchen nach Träumen und Momenten in seinem Kopf, die nicht durch grausame Bilder zerstört werden. Wer ist er? Wer hätte er sein können? Und wer wird er sein? Ammar Sommaks Gedanken und sein Wunsch nach friedvoller Hoffnung fließen in berührende Zeilen, die verstehen lassen, was so schwer erklärbar ist für all jene, die nicht seinen Weg gehen mussten.

Ammar Sommak
Fotograf: Privat

Bis sie ein Garten wird

Hin und wieder suche ich nach den Dingen,
die ich mit mir brachte, als ich nach Deutschland kam –
um mich zu erinnern.

Da ist ein Bild von einem Traum
bevor er zerstört wurde.
Ein Reisepass
der mir die Flucht aus meinem Land ermöglichte
aber mich nicht zurückkehren lässt.
Eine Nabelschnur, die mich mit dem
Herzen meiner Mutter verbindet.

Am Bahnhof in Bochum beobachte ich die Züge
die mich nicht nach Hause bringen.
Am Ufer der Ruhr beobachte ich die Be­wegungen des Wassers
so unendlich und ruhig
und so anders als der Lärm meiner Erinnerungen.

Der Schall der Schüsse durchbohrt meinen Kopf
in meiner Seele ist das Geschrei der Menschen
die gingen oder blieben.

In meiner Erinnerung suche ich nach einer Wohnung
die vom Lächeln der Kinder lebt
und vom Urgroßelternduft.

Ich suche die Freude über eine gute Note in der Schule
einen festlichen Empfang.

Ich suche mich selbst in meinen Erinne­rungen:
Vielleicht hatte ich einen Laden mit Süßigkeiten
und die Kinder umringten mich.
Vielleicht war ich ein Briefträger
und überbrachte Liebespaaren Briefe
Küsse und eine heimliche Sehnsucht.

Nicht alle Erinnerungen kommen zu mir zu­rück.
Die Schüsse haben mein Gedächtnis durchlöchert
mein Lachen ausgehöhlt
die ruhige Erinnerung zerstört.
Ich finde in mei­nem Kopf die Geschosse
und das Geschrei des unendlichen Krieges.
Kindergräber.

Ich fürchte mich vor dem Blick in den Spie­gel.
Wen sehe ich, wenn ich mich sehe?
Ich fürchte, nur einer von Tausenden zu sein
ein Flüchtling in Deutschland.

Ich fürchte, eine blutende Wunde zu sein
vor der die Menschen in diesem Land Angst haben.
Ich fürchte, dass ich im Schlaf von einer Fliegerbombe getötet wurde.
Ich ver­suche, wegzuschauen.

In Berlin fährt ein Flüchtling in eine Men­schenmenge
in Hamburg schlachtet ein Flüchtling einen Menschen mit einem Mes­ser
in München zerschlägt ein Flüchtling einen Menschen mit einer Axt.
Bin ich die­ser Flüchtling?

Ich stehe in einem neuen Land und öffne meine Arme
ich atme eine neue Luft
ich atme Hoffnung.

Ich spüre die Nabelschnur, die mich mit dem Herzen meiner Mutter verbindet.
Meine Arme wollen sich öffnen, meine
Augen möchten nach vorne schauen.
Ich werde noch einmal einen Traum zulassen.

So habe ich die Kraft, die Schüsse in mei­nem Kopf zum Schweigen zu bringen
eine Blume auf die Gräber der Toten zu legen
die Blume zu pflegen und zu wässern
bis sie ein Garten wird.

Quelle: Dieser Text erschien 2018 in der 11. Ausgabe der Zeitung „Neu in Deutschland“.

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