• kohero
  • >
  • Fokus
  • >
  • Von Syrien nach Föhr – unsere lange Flucht

Von Syrien nach Föhr – unsere lange Flucht

Wir sind eine Familie von drei Mädchen, zwei Jungen und unseren Eltern. Früher wohnten wir in einem kleinen Dorf. Es heißt Jaba und liegt in Quneitra in Syrien .

Fotograf: Babette Hnup

Vor unserer Flucht hatten wir ein schönes und ruhiges Leben in Syrien. Wir wohnten in einem großen Haus und mochten es dort sehr. Es gab auch Haustiere, vor allem Kühe und Schafe. Tagsüber gingen wir in die Schule und alles war sehr gut. Wir waren fleißige Schüler – die Besten in der Schule.
Mein Vater hatte viel Arbeit. Er war Bauer und arbeitete auf dem Land um zu säen und zu ernten.
Er war auch Friseur und hatte ein Bekleidungsgeschäft. Meine Mutter war Grundschullehrerin. Wir hatten viele Freunde.

Als der Krieg begann

Plötzlich begann der Krieg und alles wurde schlecht. Es gab keinen Strom mehr. Einmal verbrachten wir drei Monate ohne Elektrizität. Die Bäckerei wurde geschlossen und die Lebensmittel wurden sehr teuer. Bomben fielen auf unser Dorf und die Flugzeuge kamen ohne Vorwarnung. Als die Bomben fielen, versteckten wir uns unter den Tischen oder in den Ecken.
Manchmal dauerte es den ganzen Tag und auch nachts, wir konnten dann nicht schlafen.

Entschluss zur Flucht

Als wir uns zur Flucht entschlossen, hat uns die syrische Armee die Flucht verboten. Wir konnten nicht mehr zur Schule gehen, weil es zu gefährlich war. Manchmal konnten wir nur für eine Unterrichtsstunde dorthin gehen. Als mein Vater zu seiner Arbeit ging, hat ihm die Armee sein Auto weggenommen. Nach drei Tagen bekam er es wieder. Wir hatten Glück, denn viele andere bekamen ihr Auto nicht zurück.
Die Armee hat einige Leute aus unserem Dorf verhaftet. Es war nicht immer ganz klar weshalb. Wir haben gehört, dass einige Leute Verbrechen begangen haben sollen oder weil die Armee Leute gebraucht hat. Mein Vater konnte deshalb nicht zur Arbeit gehen. Dann verschlechterte sich die Situation und unsere Eltern hatten Angst um uns. Deshalb hat mein Vater entschieden, dass wir flüchten. Darum haben wir alles, was wir besaßen (auch unser Auto) verkauft. So hatten wir genug Geld für die Reise.
Als wir zur Flucht bereit waren, haben wir uns von unseren Verwandten verabschiedet und das war sehr schmerzhaft.
Wir sind mit unseren Cousins nach Damaskus gefahren, denn sie wollten die Flucht mit uns gemeinsam antreten.

Die Flucht bis zur Türkei

Wir haben bei unserer Cousine in Damaskus geschlafen und sind um sechs Uhr morgens mit einem großen Bus in den Libanon gefahren. Als wir an der libanesischen Grenze ankamen, hatten wir ein Problem. Die Polizei verweigerte uns die Einreise. Nach einer Wartezeit von acht Stunden unter der heißen Sonne erlaubten sie uns dann doch noch die Einreise. Es war schon sehr dunkel geworden. Wir sind dann mit einer großen Fähre gefahren um in die Türkei zu gelangen.

Das Meer haben wir gar nicht gesehen, weil es so dunkel war. Das war das erste Mal, dass wir mit einem Schiff gefahren sind. Aber es war ein großes Leid. Wir waren alle seekrank und hatten Kopf-und Bauchschmerzen. Außer unsere großen Schwester und unserem Vater mussten sich alle übergeben.

Das größte  Problem war, als wir das Meer das erste Mal gesehen haben. Es war beängstigend. Wir hatten sehr große Angst, weil wir mit der Fähre in der Mitte des Meeres waren.

Ankunft in der Türkei

Nach zwei Tagen sind wir in der Türkei angekommen und direkt nach Izmir gefahren, um weiter nach Griechenland zu kommen.
Die Probleme begannen in Izmir. Das Aussehen der Menschen war sehr schlecht. Die Leute haben auf der Straße gesessen, geschlafen und gegessen. Alle warteten auf einen Schlepper, der uns nach Griechenland bringen sollte.
In der Türkei  war es am Tag sehr heiß und in der Nacht sehr kalt. Wir waren 14 Tage in der Türkei. Einmal haben wir versucht, mit einem Schlepper mitzugehen, aber er war ein Lügner. Wir mussten mit einem Schlauchboot fahren das für maximal 40 Personen Platz hatte. Besetzt wurde es jedoch mit 60 Menschen. Nach 10 Minuten ging das Boot kaputt. Wir hatten viel Glück, dass wir nicht in der Mitte des Meeres waren.

Ein langer Weg

Die Flucht ging weiter: Wir waren wir auf einer unbewohnten Insel. Dort haben wir zwei Tage ohne Essen und Trinken verbracht. Wir wussten nicht mehr weiter. Nach dem wir die Hoffnung schon fast verloren hatten, sind wir sechs Stunden gelaufen. Ich weiß nicht, was mit den anderen Leuten passiert ist. Dann ist die türkische Polizei gekommen und sie haben uns auf ihre Polizeistation gebracht. Danach wurden wir wieder nach Izmir zurückgebracht. Da waren wir sehr verzweifelt.

In Izmir waren wir 15 Tage. Es ging uns dort ziemlich schlecht, weil wir auf der Straße leben und schlafen mussten. Nach dieser Zeit sind wir noch einmal mit einem Schlepper mitgegangen und dieses Mal haben wir es geschafft. Mitten in der Nacht sind wir in die Wüste gefahren -40 Leute kamen mit – alle saßen aufeinander. Es war sehr dunkel. Wir konnten kaum atmen, so eng war es. Manche mussten sich übergeben, es war sehr schlimm. Dann sind wir mit einem Boot gefahren. Drei Stunden haben wir auf dem Meer verbracht. Endlich sind wir auf einer griechischen Insel angekommen.

Ankunft auf einer griechischen Insel

Die Insel heißt Gaios. Es war eine große Freude. Wir haben die griechische Polizei aufgesucht und sind nach zwei Tagen dann weiter mit einer Fähre nach Athen gefahren. Es gab tausende von Menschen. Sie haben auf Züge gewartet um nach Mazedonien zu kommen. Wir haben auch lange Stunden gewartet, bis wir endlich nach Mazedonien einreisen durften.
Dann sind wir mit dem Zug weiter nach Serbien gefahren. Weil wir sehr müde waren, haben wir in einem Hotel in Belgrad  geschlafen. Das war sehr schön, denn wir konnten nach langer Zeit mal wieder in einem richtigen Bett schlafen und auch duschen. Am nächsten Tag haben wir unsere Reise fortgesetzt.

Von Flüchtlingslager zu Flüchtlingslager

Mit dem Bus  sind wir nach Ungarn gefahren und dort 6 Stunden zu Fuß gelaufen. Als wir die österreichische Grenze überqueren wollten, kam die ungarische Polizei. Sie hat uns zu einem Flüchtlingslager gebracht. Wir wurden gezwungen uns per Fingerabdruck zu registrieren. Als sie uns in ein  anderes Lager gebracht haben, sind wir geflüchtet. Aber wir haben in einem Zug mit tausenden Menschen festgesessen. Wir haben 3 Tage im Zug ohne Essen und Trinken verbracht, dort haben wir auch geschlafen.

Nach diesen drei Tagen hat uns die Polizei zu einem Flüchtlingslager gebracht. Wir sind nur einen Tag in diesem Lager gewesen. Am nächsten Tag sind wir dort weggegangen und sind nach Österreich gefahren. Das war uns nun erlaubt, weil wir uns ja registriert hatten. Wir sind mit dem Zug nach Wien gefahren. In der österreichischen Hauptstadt haben wir eine Nacht in einem Flüchtlingslager geschlafen.

Endlich in Deutschland

Am nächsten Tag haben wir die Reise fortgesetzt und endlich sind wir in Deutschland angekommen. Das war am 07.09.2015. Nachdem wir nach Neumünster gefahren sind, kamen wir ins Flüchtlingslager nach Boostedt. Dort haben wir 20 Tage verbracht. Besonders glücklich waren wir dort nicht, weil so viele Menschen zusammen gepfercht waren. Es gab dort keinerlei Privatsphäre. Man hat uns gesagt, wir sollen nach Föhr umziehen. Darum sind auf die Insel gefahren.

Ankunft und Leben auf Föhr

Als wir am Hafen ankamen, war da ein Mann, der auf uns gewartet hat. Er hat uns zu unserer Unterkunft gebracht und wir haben eine schöne Wohnung bekommen. Nach einem Monat sind wir wieder in die Schule gegangen. Zuerst war es sehr schwer, weil wir die Sprache nicht verstanden. Aber nach einiger Zeit konnten wir schon ganz gut verstehen und auch sprechen. Und das Schönste ist, dass die Lehrer zu uns sehr nett sind.
Auch die Schüler waren und sind sehr nett. Sie waren erst überrascht, weil sie zum ersten Mal ein Mädchen mit Kopftuch gesehen haben. Aber auch wenn wir ein Kopftuch tragen, sind wir doch auch Menschen wie ihr. Und wir lieben, was für alle gut ist. Wir könnten ohne unsere Kopftücher nicht leben, denn das Kopftuch ist ein Teil unseres Lebens und es gehört zu unserer Religion. Und natürlich sind wir auch stolz auf unsere Kopftücher.

Brüder und Schwestern

Leider gibt es Menschen die Flüchtlinge hassen, weil sie denken, dass ihnen etwas weggenommen werden soll. Oder dass die Geflüchteten nur Geld haben wollen. Aber wir sind nicht so. Deshalb sind wir nicht nach Deutschland gekommen.
Wir mussten wegen des Kriegs fliehen.
Wir hatten in Syrien ein schönes Haus, ein Auto und vieles mehr.
Wenn der Krieg zu Ende ist, möchten wir gern wieder nach Hause.
Wir sind hier in Deutschland, weil wir gern in Sicherheit leben möchten. Und wir möchten sehr gern einen guten Schulabschluss haben. Es spielt keine Rolle, ob wir Muslime sind und bei Christen leben. Wir sind doch alle Brüder und Schwestern.

Ein Text von Haya, Ranim und Tasnim

Share on facebook
Share on twitter
Share on google
Share on xing
Share on linkedin
Share on telegram
Share on email
Share on reddit
Share on whatsapp

Dir gefällt die Geschichte? Unterstütze das Magazin

Engagement ist unbezahlbar, aber ohne Geld geht es nicht. Damit wir weiter unabhängig arbeiten können, brauchen wir finanzielle Mittel. Mit deinem Beitrag machst du kohero möglich. Spende jetzt!

„Keine Schwangere, die ihr Kind wirklich haben will, sieht Informationen über Schwangerschaftsabbrüche und denkt dann daran, ihr Kind abzutreiben“,…

Schreiben für ein Miteinander.

Wir freuen uns auf dich. Komm ins Team und werde ein Teil von kohero. Die Möglichkeiten der Mitarbeit sind vielfältig. Willkommen bei uns!

Kategorie & Format
Autorengruppe

Newsletter

Täglich. Aktuell. Mit Hintergrund. Bestelle jetzt unseren kostenlosen kohero-Newsletter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Abonniere unseren Newsletter

Erfahre zuerst von unseren Veranstaltungen und neuen Beiträgen. Kein Spam, versprochen!

Du möchtest eine Frage stellen?

Du möchtest uns untersützen?

Du möchtest Teil des Teams werden?

Du möchtest eine Frage stellen?

Kohero Magazin