DREI DEUTSCHEN UND DEN

Wie hat sich Fußball in Brasilien entwickelt? Und welche Rolle spielte Deutschland für den brasilianischen Fußball? Dabei ist vor allem an Hans Nobiling, Hermann Friese und Arthur Friedenreich zu denken.

Schmerzhafte Niederlagen

Die europäischen Fußballfans mussten eine lange Durststrecke aushalten, bevor sie den Sieg der „Squadra Azurra“ erleben durften. Besonderes schmerzhaft war es für die deutschen Fans, das Ausscheiden der deutschen Mannschaft zu erleben, ausgerechnet in Wembley und ausgerechnet gegen die Gründer des Fußballs, England. Knapp zehntausende Kilometer weiter südlich, traf es auch die fanatischen brasilianischen Anhänger. Brasilien verlor das Endspiel der „Copa America“ gegen den Erzrivalen Argentinien. Ausgerechnet in Maracana-Stadion in Rio de Janeiro, ausgerechnet Argentinien.

Hans Nobiling, mit einem Fußball im Gepäck

Und doch haben beide Mannschaften, Deutschland und Brasilien mehr miteinander zu tun als manche vermuten würden. Ein deutscher, ein Hamburger war es, der den professionellen Fußball in Brasilien gründete. Hans Nobiling, ein Ingenieur und Fußballspieler, traf 1897 in Sao Paulo ein. Im Gepäck brachte er neben einem Fußball auch die Statuten des SC Germania mit, einem der Vorgänger des Hamburger SV. Nobiling formte bald mit anderen Sportfreunden, Deutschen, Engländer u.a. das „Hans Nobiling Team“. Sie waren erst die dritte Fußballmannschaft in Brasilien, nach dem „Sao Paulo Athletic Club“ und der Mannschaft  des „Mackenzie College“.

Die ersten Erfolge

Nach der Absage des Athletic Clubs auf eine Einladung von Nobiling zu einem Wettspiel, sagte das Mackenzie College zu und so kam es am 05.03.1899 zur ersten offiziellen Fußballpartie auf brasilianischem Boden. Das Ergebnis wird als 0 X 0 unentschieden überliefert, amtliche Belege des Spiels gibt es allerdings nicht. Nobiling wollte aus der Spielgemeinschaft einen regulären Club entwickeln, scheiterte aber an der Namensgebung des Vereins. Fünf Spieler und Nobiling votierten für den Namen „Germania“, 15 weitere Spieler für „SC Internacional“. Der Club wurde am 19.08.1899 gegründet und wurde zu einer Legende.

Nach zwei erfolgreichen Meisterschaften 1907 und 1928 geriet der Verein jedoch in finanziellen Schwierigkeiten. Nach einem Umbau der Organisation entstand der heutige Erfolgsverein „FC Sao Paulo“, einer der besten der brasilianischen 1. Liga. Trotz der Enttäuschung gab Nobiling nicht auf und gründete mit anderen deutschen Einwanderern 1899 den „Sportclub Germania“. Die Mannschaft trug die gleichen Farben wie sein früher Club in Hamburg, der heutige HSV.

Der Fußballer Hermann Friese

Zum Team des „ Germania“ gehörte Hermann Friese, ein Hamburger, der bereits in Europa als Leichtathlet Ruhm erlangt hatte und als Gewinner der deutschen Meisterschaft 1902 beim 1500-Meter-Lauf. Das reichte ihm aber nicht, als Fußballer war er bis Oktober 1902 für den Vorgängerverein des Hamburger SV aktiv, bevor er 1903 nach Brasilien auswanderte. Auf dem brasilianischen Rasen zeigte Friese sein körperbetontes Spiel. Der kräftig gebaute Friese gewann schnell den Beinamen „Vorschlaghammer“, obwohl er für seine Dribbelkunst und Ballbehandlung hoch gelobt wurde.

Dieser deutsche Spieler brachte seine Mannschaft „Germania“ maßgeblich zu zwei Meisterschaften in der Liga von Sao Paulo und wurde mehrfach zum Torschützenkönig. Die Tageszeitung „O Estado de Sao Paulo“ bezeichnete ihn 1903 als den „sensationellsten Fußballer aller Zeiten. Der zweite Deutscher, der den brasilianischen Fußball maßgeblich geprägt hat, auch in seiner späteren Funktion als Schiedsrichter. Er wurde Patron der „Akademie der Schiedsricher Charles Miller“ in Sao Paulo, eine Ehre, die neben ihm nur neun weiteren Schiedsrichtern zuteilwurde.

Die Geschichte des deutschen  Einflusses im brasilianischen Fußball wäre nicht komplett ohne Arthur Friedenreich, geboren 1892 in Sao Paulo. Sein Vater, Sohn eines deutschen Emigranten, wurde im südbrasilianischen Blumenau geboren, seine Mutter war eine schwarze Wäscherin. Durch den Sportunterricht im Mackenzie College, einer privaten Oberschule, kam Arthur zum Fußball, der damals eine Sportart der Oberschicht war. Nachdem er beim Kicken auf der Straße angefahren wurde, brachte ihn sein Vater zum „SC Germania“, um Arthur von den Straßen fernzuhalten. Dort förderte Hermann Friese ihn.

Rassismus im Fußball

Friedenreich hat als Nicht-Weißer unter dem Rassismus in Brasilien gelitten, so wie noch heute Millionen farbigen Brasilianer. Um wie ein Weißer zu erscheinen, glättete er, wie andere afrobrasilianische Spieler auch, seine krausen Haare, manchmal trug er ein Haarnetz. Trotz des schweren Anfangs wurde Arthur Friedenreich zum ersten brasilianischen Fußballstar. 1914 nahm er am ersten Spiel der brasilianischen Nationalmannschaft gegen den englischen Club „Exeter Cizy FC“ teil. Brasilien gewann 2:0 und im ruppigen Spiel verlor Arthur zwei Zähne. Seine Teilnahme geschah nur durch den Einfluss seines Vaters, da erst ab 1918 auch schwarze Spieler in der Nationalmannschaft spielen durften. Trotzdem blieb Friedenreich im Südamerikanischen Pokal 1921 außer vor. Der damalige brasilianische Präsident befürchtete, dass durch das Auftreten eines nicht-weißen Spielers „Brasilien als unterentwickeltes Land betrachtet und sein Ruf beschädigt werden könnte“. +

Trotz allen Widrigkeiten wurde Arthur der Spieler, der die meisten Tore während seiner Laufbahn schoss. 1.329, 49 Tore mehr als Pelé. Der erste, der die 1000er-Marke überschreiten konnte. Viele Jahre später hat eine deutsche Mannschaft durch einen unglaublichen Sieg von 7 X 1 auf dem heiligen Rasen des Stadions Maracana in Rio de Janeiro einen Ehrenplatz im Brasilien errungen.

Die Rua Hans Nobiling

Hans Nobiling hätte bei seiner Ankunft in Sao Paulo mit einem Fußball im Gepäck sicher niemals von dieser Entwicklung auch nur träumen können. Nobiling, der Hamburger, der den Fußball mitgestaltet hat, bekam eine Straße in einem noblen Viertel nach ihm genannt: Rua Hans Nobiling.

Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.
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Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.

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