Meine Nachricht an alle afghanischen Frauen

Mein Name ist Zainab Behroozian, ich bin 35 Jahr alt und komme aus Herat, Afghanistan.

Ich habe an der Universität Informatik studiert und für internationale und nationale Organisationen sowohl in der IT als auch im Management gearbeitet. Meine persönliche Lebenserfahrung sowie gesellschaftliche Aspekte haben mich dazu gebracht, Frauenrechtlerin zu werden und für Gleichberechtigung zu kämpfen. Ich arbeitete als stellvertretende regionale Managerin von Medica Afghanistan – Women Rights Support Organisation (MedicaMondiale) im afghanischen Herat.

Ich kam hierher, um ein besseres Leben für meinen Sohn und mich zu haben. Im Moment lerne ich die Sprache und suche nach einem Job in der IT-Branche oder im Management. Mein langfristiger Plan ist, mein eigenes Geschäft zu gründen bzw. mein eigenes Business aufzuziehen.

Deutschland als sicherer Zuchfluchtsort

Ich wurde weit weg von Deutschland und seiner Kultur geboren, aber ich entschied mich dazu, hierher zu kommen und ein Teil dieser Gesellschaft zu sein. Als ich nach Deutschland kam, suchte ich Sicherheit für meinen Sohn und mich. Ich wollte in einer Gesellschaft leben, in der wir als Individuen respektiert werden. Ich habe gehofft, in Deutschland nicht als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden, und nach unseren bisherigen Erfahrungen sehe ich, dass wir die Möglichkeit haben, uns weiterzuentwickeln, weiterzukommen und zu lernen. Meine Erwartungen wurden erfüllt und ich bin sehr zuversichtlich.

Als alleinerziehende Mutter wünsche ich mir für meinen Sohn, dass er seine Träume in der Zukunft erreichen kann. Er ist die erste Einwanderergeneration und ich versuche mein Bestes, um ihm alle Unterstützung zu geben, die er braucht, um sich zu verbessern und ein starkes Individuum zu werden. Ich hoffe, dass wir zukünftig vollständig in unsere neue Gesellschaft integriert sein werden und Deutschland zu unserer Heimat wird.

„Wir verdienen das Beste vom Leben“

Meine Botschaft an afghanische Frauen ist, daran zu glauben, dass wir das Beste vom Leben verdienen. Was ich als Problem sehe, sind unsere Gedanken und unsere Perspektiven.
Wir haben in unserem Land Probleme mit der Sicherheit, Wirtschaft usw. Eines der größten Hindernisse in unserem täglichen Leben ist jedoch, unsere Art zu denken. So viele von uns glauben an eine Kultur, die uns begrenzt und erniedrigt, in der wir hauptsächlich existieren, um Kinder zu versorgen und die Bedürfnisse von jemand anderem zu erfüllen. Wenn wir daran glauben, dass wir Respekt und gleiche Rechte in unserem Leben verdienen, können wir die Normen im Laufe der Zeit ändern.

Ich will arbeiten und in Deutschland leben. Neben dem Absolvieren von Weiterbildungen möchte ich ein eigenes Unternehmen gründen. Ich will Handel mit Afghanistan betreiben, um dadurch die wirtschaftliche Lage der afghanischen Frauen in meinem Heimatland zu verbessern. Ich habe aus eigener Erfahrung gelernt, dass eines der wichtigsten Elemente häuslicher Gewalt die finanzielle Abhängigkeit von Frauen in Familien ist, die Gewalt tolerieren. Unabhängige Frauen können besser denken, entscheiden und sich selbst und ihre Kinder schützen. Eine bessere wirtschaftliche Situation gibt den Frauen die Freiheit und die Möglichkeit zu wählen.

Afghanische Frauen müssen für ihre Rechte kämpfen

Als ich mein Land verließ, hatte ich keine andere Wahl, als zu gehen. Es war eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Die sich aber gleichzeitig zur besten Chance in meinem Leben entwickelt hat.
Ich verließ meine Familie, meine Freunde und meine Wurzeln in Afghanistan und lernte eine neue Sprache und Kultur. Ich bin alleine und kämpfe um einen besseren Plan für die Zukunft. Am wichtigsten ist, eine alleinerziehende Mutter zu sein und die volle Verantwortung für meinen Sohn zu haben, war und ist nicht einfach, aber das Unterstützungssystem hier hilft mir, all das zu überwinden. Ich halte mich nicht mehr für eine Fremde und fühle mich eher zu Hause.

Laut Volkszählung sind Frauen, die Hälfte der Bevölkerung Afghanistans, noch unsichtbar. Sie werden nicht gehört, gesehen oder wahrgenommen. Die Diskriminierung beginnt bereits bei ihrer Geburt und sie wachsen in einer solchen Umgebung auf. Ich bin stolz auf die afghanischen Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen und erkennen, dass sie mehr verdienen, als die afghanische Gesellschaft ihnen zugesteht. Sie kennen alle Gefahren, Risiken und Grenzen, kämpfen aber für gleiche Rechte und positive Veränderungen.

In ländlichen Gebieten haben Frauen keinen oder nur sehr wenig Zugang zu Sicherheit, Justiz, Gesundheitsversorgung und Bildung. Wenn es um die Zentren von Großstädten wie Herat oder Kabul geht, sind die Probleme und Härten von unterschiedlicher Natur, dort geht es nicht mehr um die Grundbedürfnisse. Dort arbeiten Frauen in diesen Bereichen, aber sie müssen sich in einen Rahmen von Kulturen und Normen begeben, der von der patriarchalischen Gesellschaft und ihren Werten akzeptiert wird. Sie müssen ihre Gedanken, Kleider, Aktivitäten und Gespräche nach dem richten, was die Gesellschaft für sie entscheidet. Wenn sie selbstbewusst klar machen, wer sie sind, beginnen die Probleme. Die Gesellschaft wird sie nicht akzeptieren und eher isolieren. In einigen Fällen werden sie den Unterschied in der Ideologie mit ihrem Leben bezahlen.

Der Kampf für Gleichberechtigung auf unterschiedlichen Niveau

Ich denke, Frauen in Afghanistan und Deutschland leben in zwei verschiedenen Jahrhunderten. Sie sind nicht in der gleichen Situation oder haben dieselben Chancen. Sie leben in zwei völlig verschiedenen Umgebungen. Frauen in Afghanistan kämpfen für die grundlegendsten Rechte, während Frauen in Deutschland auf einem viel höheren Niveau für Gleichberechtigung kämpfen.
Wir als afghanische Frauen haben nicht das Recht, unsere Kleidung auszusuchen, wir können nicht entscheiden, wen wir heiraten oder was wir glauben. Wir haben kein Recht auf unsere Kinder. Viele Frauen erleiden ihr ganzes Leben lang häusliche Gewalt, nur weil sie ihre Kinder nicht zurücklassen können und das Gesetz den Vater oder seine Familie als Hüter der Kinder anerkennt. Als afghanische Mutter hatte ich keine Rechte an meinem Kind. Im Ausweis oder Reisepass meines Sohnes kann man meinen Namen nicht finden, das musste ich in Deutschland viele Male erklären. Ich bin eine afghanische Mutter, aber unsichtbar, ohne Rechte.

In Deutschland fordern Frauen gleiche Jobchancen und gleiches Gehalt, während wir in Afghanistan als Frauen nicht arbeiten dürfen. Und wenn doch, entscheiden andere, was unsere Arbeit und Karriere sein soll. Hoffentlich wird sich das im Laufe der Zeit ändern. Aber ich glaube, wir haben einen langen Weg vor uns, bis wir das Leben einer afghanischen Frau mit einer deutschen Frau vergleichen können.

Der Internationale Frauentag erinnert mich daran, was die Macht der Frauen bedeutet und auch, warum diese Bewegung überhaupt begonnen hat und welche Ursachen dafür noch immer vorhanden sind. Seit dieser Zeit haben Frauen viel erreicht, um überall auf der Welt gleiche Rechte zu haben. Aber die Ungleichheit widersteht der Zeit und wir Frauen müssen vereint und aktiv bleiben.

Julia Von Weymann
Julia ist Kulturmanagerin und Mediatorin. Ihre Leidenschaft ist die Gestaltung von Gesellschaft und die gelebte Soziokultur, egal ob im Kultur-, Bildungs- oder Integrationsbereich oder in ihrer selbständigen Tätigkeit. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin des leetHub e.V., der u.a. eine Bürogemeinschaft beherbergt, deren Teil kohero ist. Julia ist außerdem Mitbegründerin einer deutschlandweiten Bewegung KulturLeben Hamburg e.V., die Teilhabe aller am kulturellen, gesellschaftlichen Leben ermöglicht. „Mein Ansatz ist eigentlich immer gewesen MIT Geflüchteten zu arbeiten und nicht nur FÜR Geflüchtete. Das Magazin ist ein tolles Feld dafür.“
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Julia Von Weymann
Julia ist Kulturmanagerin und Mediatorin. Ihre Leidenschaft ist die Gestaltung von Gesellschaft und die gelebte Soziokultur, egal ob im Kultur-, Bildungs- oder Integrationsbereich oder in ihrer selbständigen Tätigkeit. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin des leetHub e.V., der u.a. eine Bürogemeinschaft beherbergt, deren Teil kohero ist. Julia ist außerdem Mitbegründerin einer deutschlandweiten Bewegung KulturLeben Hamburg e.V., die Teilhabe aller am kulturellen, gesellschaftlichen Leben ermöglicht. „Mein Ansatz ist eigentlich immer gewesen MIT Geflüchteten zu arbeiten und nicht nur FÜR Geflüchtete. Das Magazin ist ein tolles Feld dafür.“

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Eine Antwort

  1. Ich mag es total, solche Geschichten von Geflüchteten zu lesen und von geflüchteten (, alleinerziehenden) Frauen weiß man eben leider viel weniger als von den Männern.

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