Stirbt die Hoffnung zuletzt?

Jan ist erst 19 Jahre alt, hat aber bereits in vier verschiedenen Ländern gelebt: in Syrien, der Türkei, Kroatien und Deutschland. Sein Leben ist geprägt von Umbrüchen, Neuanfängen, von unerfüllten Wünschen und der Hoffnung, dass es trotzdem weitergehen kann. Für kohero hat er seine Geschichte erzählt.

Fotograf: Tim Marshall on Unsplash

17. August 2013. Ankunft in der Türkei.

18. Juli 2018. Flug nach Kroatien.

19. August 2019. Ankunft in Deutschland.

20. November 2020. Erster Abschiebungsversuch.

21. Juni 2021. Abschiebung nach Kroatien.

„Ich erinnere mich an jedes dieser schlechten Daten.“, sagt Jan (sprich: Dschan). Er grinst, obwohl er gerade von Dingen erzählt, die zum Heulen sind. Jans erster Name ist Muhammed, aber so wird er nicht gerne genannt. „Ich möchte nicht mehr der kleine Muhammed sein. Der hat so viele Sachen gesehen, die er nicht sehen sollte. Ich will endlich erwachsen werden. Außerdem ist Jan ein kurdischer Name, das gefällt mir.“ Jan ist syrischer Kurde, 19 Jahre alt, aufgewachsen in Aleppo. Als er zehn Jahre alt ist, beginnt der Bürgerkrieg in Syrien, und damit auch Jans Migrationsgeschichte: Er und seine Familie verbringen viele Jahre in Istanbul, gelangen dann mithilfe der Internationalen Organisation für Migration nach Kroatien und schließlich nach Deutschland

Immer wieder auf die Beine kommen

Heute ist Jan zurück in Kroatien. Wenn ihn hier Leute verwundert fragen, warum er Deutsch spricht, weicht er aus: „Das ist eine lange Geschichte.“ Eigentlich redet Jan nicht gerne über diese Geschichte. Er bewohnt ein kleines Zimmer im Osten von Zagreb: ein Bett, eine Stafette mit einem Bild, das er gemalt hat. Auf dem Bücherregal: 1000 Redensarten Deutsch, Der kleine Prinz auf Kroatisch, daneben weiße Blätter und ein Farbkasten mit Acrylfarben.

Deutsche Redensarten verwendet Jan bereits: „Leider bin ich jetzt hier. Aber ich versuche, wieder auf die Beine zu kommen.“ Auf seinem Schreibtisch hat Jan Platz gemacht für Oliven, Brot und gefüllte Auberginen, die seine Mutter ihm aus Deutschland geschickt hat. Jan ist der Einzige aus seiner Familie, der abgeschoben wurde, seine Eltern und seine Brüder sind noch in Deutschland. Wie lange sie bleiben können und wann er sie wiedersehen kann, weiß Jan nicht.

Plötzliches Ende der Kindheit

Jans Kindheit endet schlagartig, als er 2013 als Elfjähriger mit seiner Familie in die Türkei flüchtet: Anstatt in die Schule zu gehen, näht er mit seiner Mutter in einer Textilfabrik Schuhe, damit sie sich das Leben in Istanbul leisten können. Kinderarbeit unter syrischen Flüchtlingskindern in der Türkei ist keine Seltenheit: 2017 lebten in der Türkei 1,2 Millionen geflohene Kinder, die Mehrheit von ihnen in Großstädten. Viele von ihnen schuften wie Jan in der Textilindustrie oder der Landwirtschaft.

Heute sagt Jan, er habe damals gar nicht verstanden, dass das Kinderarbeit war: „Es hat mich einfach gefreut, wenn ich vom Chef ein Lob für meine Arbeit bekommen habe. Je mehr ich arbeitete, desto mehr Energie bekam ich.“ Jans Tage in der Türkei sind straff getaktet: Morgens geht er mit seiner Mutter zur Arbeit in die Textilfabrik. Nach der Arbeit geht er direkt nach Hause, um für seinen Bruder Essen zu machen. „Deswegen kann ich heute gut kochen“, sagt Jan lächelnd.

Für die Schule zu groß, für die Arbeit zu klein

Mithilfe der Internationalen Organisation für Migration gelangen Jan, mittlerweile 16 Jahre alt, und seine Familie schließlich nach Europa. Im Juli 2018 kommen sie in Velika Gorica an, eine Kleinstadt nahe der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Doch sein größter Wunsch, endlich in die Schule gehen zu können, erfüllt sich auch hier nicht. Jan wartet und wartet auf einen Schulplatz, doch nach zehn Monaten Vertröstung ist er völlig verzweifelt. „Ich wollte einfach irgendwas machen. Aber es gab nirgendswo Platz für mich: Ich war für die Schule zu groß und für die Arbeit zu klein. Aber dann hat meine Mutter etwas sehr mutiges gemacht.“ Sie beschließt, es in Deutschland zu versuchen.

Etwa ein Jahr nach der Ankunft in Kroatien kommen Jan und seine Familie nach Deutschland. Jan ist jetzt fast volljährig. Sie werden zunächst von Unterkunft zu Unterkunft geschickt, bis sie sich in Waldenburg in Baden-Württemberg niederlassen können, nur wenige Wochen bevor die Corona-Pandemie Deutschland zum Stillstand bringt. Trotz des Lockdowns und der unsicheren Bleibeperspektive scheint es langsam bergauf zu gehen: Jan bringt sich während des Lockdowns Deutsch bei und beginnt ein Praktikum im Kindergarten. Die Arbeit im Kindergarten macht ihm viel Freude, denn er kann gut mit Kindern umgehen – vielleicht auch, weil er selbst keine Kindheit hatte.

Ein schwarzer Tag

In der Berufsschule trifft er auf Gleichgesinnte: Menschen, die aus dem Iran, aus Mazedonien, aus Afghanistan oder afrikanischen Ländern nach Deutschland migriert oder geflüchtet sind. Seine Lehrerin verspricht ihm, dass er den Hauptschulabschluss machen kann, wenn er die A2 Prüfung in Deutsch besteht. Doch dann wacht Jan eines Nachts umrundet von Polizist*innen auf. Es ist der erste Versuch, ihn und seine Familie abzuschieben. Der Versuch scheitert nur aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes seines Vaters und seines Bruders. „Das war ein schwarzer Tag, ein langer Tag. Ich will gar nicht darüber sprechen.“

Das hat einen guten Grund: Laut eines Berichts der Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) reaktivieren nächtliche Abschiebungen ohne Vorankündigung alte Traumata. Auch psychisch gesunde Menschen werden durch das nächtliche Eindringen von Polizist*innen in ihr Zuhause, einen sicher geglaubten Ort, traumatisiert. Insbesondere dann, wenn die Abschiebung mit gewaltvollen Übergriffen einhergeht. Doch oft ist die Psyche von Menschen mit Fluchtgeschichte durch Gewalterfahrungen, durch ihren unsicheren Aufenthaltsstatus und das Zurechtfinden in einem fremden Land besonders zerbrechlich.

Die Angst bleibt

Abschiebungen von Menschen in einer so verletzlichen Situation sind eine unmenschliche Praxis, die Menschen kriminalisiert, traumatisiert und ihre Psyche und Würde zerstört. Die IPPNW fordert daher, dass nächtliche Abschiebungen ohne Vorankündigung und insbesondere die Abschiebung von Kindern und Jugendlichen aufhören müssen.

Auch Jan wacht nach dem ersten Abschiebungsversuch jede Nacht um drei Uhr auf, aus Angst, dass wieder Polizist*innen in seine Wohnung stürmen. Während seine Familie sich von Duldung zu Duldung hangelt, malt Jan das Erlebte Nacht für Nacht auf, wenn er nicht schlafen kann. Im April bekommt er schließlich eine Zusage für einen Ausbildungsplatz im Kindergarten – die wichtigste Voraussetzung, damit er in Deutschland bleiben kann.

An einem Dienstagabend im Juni 2021 lädt ein Freund ihn und seinen Bruder zu sich nach Hause ein. Nur Jans Bruder geht. Jan selbst bleibt zuhause, um für eine wichtige Deutschprüfung am nächsten Tag zu lernen. Kurz vor Mitternacht geht Jan schlafen. „Um 2 Uhr öffnete ich meine Augen, und es waren von hier…“ – Jan macht eine ausladende Bewegung mit der Hand – „bis dorthin mehr als 10 Polizist*innen um mich. Sie sagten, ich muss nach Kroatien. Oh je.. damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte, der Ausbildungsplatz schützt mich.“

Abschiebung in die Wohnungslosigkeit

Jans Mutter erleidet einen Nervenzusammenbruch, Jans Bruder ist nicht vor Ort und sein Vater kann aufgrund seines Gesundheitszustandes nicht abgeschoben werden. Also wird dieses Mal nur Jan mitgenommen. Er und die Polizist*innen steigen ins Auto: „Wir fahren, und fahren, und fahren. Es war so dunkel, alle schliefen und ich saß in diesem Polizei-Auto. Als ich zur Toilette wollte, haben die Polizist*innen mir die Beine verbunden, wie einem Hund. Als ob ich etwas Kriminelles gemacht hätte. Da waren so viele Leute, die mich angeguckt haben…“

Jan schluckt, in seinen Augen hat er Tränen. „Das war sehr schwierig für mich.“ Während er zu seiner Abschiebung gefahren wird, will er mit seinem Rechtsanwalt oder seiner Integrationsmanagerin telefonieren. Aber die Polizist*innen nehmen ihm das Handy nach wenigen Sekunden Telefonat wieder aus der Hand.

Um 12 Uhr mittags hebt schließlich am Kölner Flughafen ein Flugzeug Richtung Zagreb ab. Mit an Bord ist Jan, ein 19-Jähriger, der allein in die Wohnungslosigkeit in einem fremden Land abgeschoben wird.  Noch am Tag seiner Ankunft in Zagreb erhält seine Familie den Ausbildungsvertrag, der die Abschiebung verhindert hätte.

Zuhause ist da, wo meine Familie ist

Als Jan mir das erste Mal von seiner Abschiebung erzählt, sitzen wir Mitte Januar in einem Café in Zagreb. Der Raum ist verraucht und die Atmosphäre viel zu unbekümmert, um über so ernsten Sachen zu sprechen. „Du fragst dich bestimmt, wie ich weitermachen kann, nachdem mir das passiert ist“, sagt Jan. „Aber ich muss alles positiv nehmen. Wenn ich immer nur darüber nachdenken würde, wie ungerecht das Leben zu mir war, würde ich verrückt werden.“

Jan geht jetzt auf eine Berufsschule in Zagreb und lernt einen Pflegeberuf. Er malt weiter, lernt Kroatisch und besucht abends Deutschkurse im Goethe-Institut. Fragt man ihn, wo er sich zuhause fühlt, zuckt er mit den Schultern: „Ich habe mich nie irgendwo richtig zuhause gefühlt. Ich denke, dort wo deine Familie ist, ist dein Zuhause.“

Doch wegen der zweijährigen Einreisesperre nach einer Abschiebung darf Jan seine Eltern in Deutschland nicht besuchen. Und seine Eltern dürfen Deutschland nicht verlassen, um ihn zu besuchen. „Schlafende Hunde soll man nicht wecken“, sagt Jan über die deutschen Behörden, die besser nicht auf seine Familie aufmerksam werden sollen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, steht in der Beschreibung seines Instagram-Profils, und vielleicht lernt Jan auch deswegen weiter Deutsch. „Ein Junge in dem Kindergarten, in dem ich gearbeitet habe, hat mich mal gebeten, einen Stock zu zerbrechen“, erzählt Jan, kurz bevor er geht. „Ich habe den Stock für ihn zerbrochen, und der Junge sagte: ‚Du bist der stärkste Mann der Welt‘. Das hilft mir manchmal hier.“

Emily ist Wahlhamburgerin, Sinologiestudentin und außerdem begeistert von Sprache und Politik. Bei kohero möchte sie diesen beiden Leidenschaften zusammenbringen und mehr über Migration und die Herausforderungen, denen Menschen dabei begegnen, lernen. Sie schreibt Artikel und arbeitet am Newsletter mit.

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Aurel Crisafulli . Foto:Alaa Taliaa
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