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Kultur der Liebe #4: Der Wunsch nach mehr Selbstbesinnung

Yaz ist in Hamburg aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus der Türkei. In ihrer Kindheit gab es wenig Raum, um über Liebe und Sexualität zu sprechen. Im vierten Teil unserer Reihe "Kultur der Liebe" spricht sie über ihre Aufklärung, das Frauenbild in ihrer Kindheit und den Wunsch nach mehr Selbstbesinnung.

Kultur der Liebe #4: Yaz
Fotograf: Maxi Spalek (sie/ihr; Illustratorin)

Dating und Liebe – das kann sehr schön aber auch sehr anstrengend sein. Schön, weil man auf eine Person treffen kann, die einen inspiriert, mit der man Nähe und Intimität austauschen kann. Anstrengend, weil wir in einer Gesellschaft leben, die immer schnelllebiger wird, mit sexistischen und rassistischen Stereotypen und Normen. Welche Erfahrungen machen Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung in Deutschland beim Daten und in der Liebe? 

Zwei Menschen treffen aufeinander und damit auch zwei (kulturelle) Identitäten mit unterschiedlichen Erwartungen, Sozialisierungen und Erfahrungen. Unterschiedliche Wünsche, Freiheiten und manchmal auch Sprachen. Dabei kann es zu Missverständnissen, Vorurteilen, neuen Einblicken und Gemeinsamkeiten kommen. 

 

Yaz ist 32 Jahre alt. Sie ist in Hamburg geboren und aufgewachsen und hat einen 2 ½-jährigen Sohn. Ihre Eltern kommen beide aus der Türkei. Ihr Vater ist in Hamburg aufgewachsen, die Mutter ist erst mit 18 Jahren hergekommen. In Yaz’ Jugend gab es keine Aufklärung zum Thema Liebe und Sex. Auch wenn sie einige Male verliebt war, konnte Yaz diese Erfahrung nicht mit ihrer Mutter teilen. Für Yaz gab es in ihren Jugendjahren kein wirkliches Daten. Sie beschreibt sich selbst als “Dr. Sommer-Kind” und sagt, die Aufklärungsrubrik in der Jugendzeitschrift “Bravo” habe ihr die Möglichkeiten gegeben, sich unabhängig zu informieren. Die Zeitschriften hat sie manchmal sogar von ihrem Vater bekommen.

 

“Hätte ich das meiner Mutter erzählt, die wäre durchgedreht. Sie hat schon nicht verstanden, warum wir Sexualkunde in der Schule hatten.”

 

Als ich noch zu Hause gelebt habe, war der einzig akzeptierte Rahmen, um sexuelle und romantische Erfahrungen zu machen, die Ehe. In der muslimischen Religion wird Sex zwar als Genussmittel gesehen, aber diese positiven Erfahrungen sollten auf eine Person beschränkt sein. Meine deutschen Freundinnen dagegen haben sich schon sehr früh mit sexuellen Themen auseinandergesetzt. Teilweise haben deren Mütter sie schon in jungen Jahren mit zur Frauenärztin genommen, um etwas über Verhütung zu lernen. Hätte ich das meiner Mutter erzählt, wäre die durchgedreht. Sie hat schon nicht verstanden, warum wir Sexualkunde in der Schule hatten. Meine Freundinnen waren sehr früh sexuell aktiv.

Ich hatte aber auch einen großen Freundeskreis von Jungs und habe deren Wahrnehmung dazu mitbekommen. So habe ich schnell gemerkt, dass Mädchen viel mehr Emotionen als Jungs in diese sexuellen Begegnungen gesteckt haben und dementsprechend auch trauriger waren, wenn diese nicht erwidert wurden. Das war für mich eher ein abschreckendes Beispiel.

Als ich mit 15 Jahren von zu Hause ausgezogen bin, bin ich das erste Mal romantische Beziehungen eingegangen. Die Freiheit, nicht unter Druck zu stehen oder den Beurteilungen der Familie ausgesetzt zu sein und sich rechtfertigen zu müssen, habe ich sehr genossen. Diese Zeit würde ich auch als meine nicht-religiöse Phase beschreiben. Diese ersten Erfahrungen zeigten mir, dass ich es lieber mag, eine Verbindung zu einer Person aufzubauen und Vertrauen zu schaffen. Später stärkte das auch meine Religion. Und dann habe ich mich auch verliebt. Mit 18 Jahren hatte ich eine Beziehung, in der ich meine ersten sexuellen Erfahrungen gemacht habe.

 

„Es kommt mir so vor, als ob Leute aufgrund meines Aussehens davon ausgehen, meine sexuellen Vorlieben zu kennen.“

Kultur der Liebe #4 Steckbrief

Ich habe auch gemerkt, dass Leute wegen meines südländischen Aussehens bestimmte Vorstellungen von mir haben. Zum Beispiel, dass ich laut und dominant wäre. Es kommt mir so vor, als ob Leute aufgrund meines Aussehens davon ausgehen, meine sexuellen Vorlieben zu kennen. Ich selbst habe gemerkt, dass ich eher nicht an türkischen, arabischen oder muslimischen Männern interessiert war. Das hängt auch damit zusammen, was ich zu Hause von meiner Familie und der nicht-westlichen Kultur mitbekommen habe. Etwa wie die Frauen behandelt wurden, das hat mir damals schon nicht gepasst. Daraus habe ich dann wahrscheinlich meine eigenen Vorurteile entwickelt.

Aber ich muss auch sagen, dass sich das Frauenbild seit der Generation meiner Eltern geändert hat. Damals hat die Selbstbestimmung der Frau komplett gefehlt. Wenn man diese doch ausgelebt hat, war man die Ausgestoßene, man wurde belächelt oder verachtet. Das habe ich selbst erlebt. Meine Unabhängigkeit verschreckt auch jetzt nochmanchmal türkische Männer.

Ist die Ungleichbehandlung der Frauen ein kulturelles Problem? Ist es ein religiöses, das die Menschen falsch ausleben? Ich jedenfalls habe es vorgezogen, keine arabischen, türkischen oder muslimischen Menschen zu daten. Außerdem hatte ich ein Bild von südländischen Männern, die den Frauen die Tasche tragen, den ganzen Tag in Cafés gehen und ihr Geld verspielen. Und so eine Beziehung wollte ich definitiv nicht. Mittlerweile sehe ich das mit weniger Vorurteilen und versuche auch darüber nachzudenken, warum Leute vielleicht so sind. Man muss sich bewusst werden, dass Menschen unter ganz anderen Umständen aufgewachsen sind und ganz andere Rollenverteilungen als Vorbild hatten.

 

„Ich verstehe nicht, was Leute mit selbstbestimmter Sexualität meinen, weil ich mir absolut nicht vorstellen kann, wer sonst meine Sexualität bestimmen kann, wenn nicht ich.“

 

Sex ist mir sehr wichtig und ich bin generell sehr selbstbestimmt. Ich verstehe nicht, was Leute mit selbstbestimmter Sexualität meinen, weil ich mir absolut nicht vorstellen kann, wer sonst meine Sexualität bestimmen kann, wenn nicht ich. Aber das zu verstehen und zu leben, war ein Prozess. Dabei muss man zwangsläufig lernen, sich selber zu lieben. Und seitdem ich meine Religion lebe, merke ich, dass sie mir bestimmte Leitlinien gibt und ich bedachter bin.

In meiner nicht-religiösen Zeit ging es mir mehr um Lust, als darum, gute und feste Bindungen zu Menschen zu schaffen. Jetzt habe ich gemerkt, das diese Art von Erfahrungen nichts mehr für mich sind und ich das nicht nochmal tun würde. Jetzt möchte ich Vertrauen und Freund*innenschaft zu den Menschen eingehen, mit denen ich bin. Ein liebevoller Umgang miteinander ist mir sehr wichtig. In der Religion geht es immer viel um Moral und auch ich mache Dinge, die nicht religiös sind. Aber ich bin eben bedacht. Noch mehr, nachdem ich meinen Sohn habe, denn uns gibt es nur im Doppelpack. Ich würde sagen, ich bin seitdem selektiver geworden. Und Dating ist einfach nicht mehr eine Priorität in meinem Leben. Das Schwierige beim Daten mit einem Kind wäre wahrscheinlich auch die Akzeptanz des Gegenübers.

 

Yaz’ Wunsch in Bezug auf Dating und Liebe ist, dass Menschen sich mehr auf sich selbst besinnen. Die Menschen sollten sich mehr auf sich selbst konzentrieren und weniger darauf, was die Gesellschaft von ihnen erwartet. Erstmal sollte man anfangen, bei sich selbst Werte und Offenheit wahrzunehmen, auch in Bezug auf das Sexuelle. Denn es fällt viel leichter, das auszuleben, hinter dem man steht. Die Menschen sind in allem so schnelllebig. Sie nehmen sich nicht die Zeit, zu überlegen, was sie in einer Beziehung überhaupt möchten.

 

 

Die Reihe „Kultur der Liebe“ erscheint zweiwöchentlich. Möchtest auch du Teil unserer Reihe werden und uns von deinen Erfahrungen rund ums Dating erzählen? Melde dich unter team@kohero-magazin.de oder per DM auf Instagram oder Facebook. Die Porträts der Reihe “Kultur der Liebe” werden von Maxi Spalek illustriert.

Emma Bleck
Emma kommt aus Hamburg und hat dort “Kultur der Metropole” an der Hafencity Universität studiert. Seitdem ist sie kritische Alltagsforscherin und befasst sich mit machtkritischen Gesellschaftsanalysen. Sie liest gerne und interessiert sich für Sprachen, Feminismus und Migration. Nebenbei engagiert sie sich politisch.

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Emma Bleck
Emma kommt aus Hamburg und hat dort “Kultur der Metropole” an der Hafencity Universität studiert. Seitdem ist sie kritische Alltagsforscherin und befasst sich mit machtkritischen Gesellschaftsanalysen. Sie liest gerne und interessiert sich für Sprachen, Feminismus und Migration. Nebenbei engagiert sie sich politisch.

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