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Migration: Wenn der Hintergrund in den Vordergrund rückt

Sprache schafft Identität und verbindet. Besonders im Kontext marginalisierter Gruppen besitzt sie aber auch die Macht, auszuschließen. Wann muss eine Gesellschaft neue Worte finden? "Menschen mit Migrationshintergrund" ein Audruck, der mittlerweile negativ konntiert ist und auf Menschen angewendet wird, die selbst nie Migration erlebt haben.

Ein Dia wird vor ein Fenster gehalten
Fotograf: Gemma Evans auf Unsplash

Der Begriff Migrationshintergrund

Ein Viertel aller deutschen Bürger*innen hat einen Migrationshintergrund. Diese Bezeichnung wirkt, als hätten sie ihre Migrationsgeschichte selbst erlebt. Bereits 2013 wurde in einem Workshop der Neuen deutschen Medienmacher*innen mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über den Begriff des „Migrationshintergrundes“ diskutiert. Bis heute stellt sich die Frage, ob der Ausdruck Mensch mit Migrationshintergrund eine identitätsstiftende Bezeichnung ist oder vorrangig ausgrenzt.

Vor 45 Jahren kamen meine Großeltern aus Krios, einem winzig kleinen Dorf im Norden Griechenlands, als Gastarbeitende nach Deutschland und sind bis heute geblieben. Sie kamen an, ohne die Sprache zu sprechen, ohne Kontakte, aber voller Hoffnung. Mama war damals fünf oder sechs. Für meine Großeltern und meine Mutter war es anfangs sicher nicht leicht, in einem fremden Land von vorne zu beginnen. Aber ich liebe diesen Teil in der Geschichte meiner Familie, obwohl ich etwa bei Gesprächen nur die Hälfte verstehe und meine Mama häufig übersetzen muss.  

Als Migration wird laut der Bundeszentrale für politische Bildung „die längerfristige Verlegung des Lebensmittelpunkts über eine größere Entfernung und administrative Grenze hinweg“ bezeichnet. Die UN unterscheiden zwischen temporärer Migration mit einer Dauer von mehr als drei Monaten und dauerhafter Migration ab einem Jahr Aufenthalt im Zielland. Nicht nur die Zeitspanne definiert Migration, es ist auch die Motivation, aus der Migrant*innen handeln. Eine erste Unterteilung wird etwa in „Arbeits-, Familien- oder Bildungsmigration, Flucht- oder Gewaltmigration oder Lifestyle Migration“ (bpb) vorgenommen. Sogenannte Push- und Pull-Faktoren differenzieren die Gründe für Migration. Das können Faktoren im Herkunftsland (Push-Faktoren; etwa Gefährdung des eigenen Lebens durch Kriege oder politische Verfolgung) und Umstände im Zielland (Pull-Faktoren; Aussicht auf eine Anstellung) sein.

Verallgemeinerung einer diversen Gruppe kann dazu führen, dass rassistische Diskriminierung unsichtbar wird

Die Bezeichnung des Migrationshintergrunds wurde 2005 vom Statistischen Bundesamt etabliert, um eine bestimmte Gruppe an Menschen in Deutschland zu kategorisieren. Dabei geht es um Menschen, die „selbst oder [bei denen] mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde“. Unter diesen 21,2 Millionen (Stand 2019) besitzt mehr als die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit – überwiegend seit ihrer Geburt, also ohne eine eigene Migrationsgeschichte erlebt zu haben. Es handelt sich um eine so große und heterogene Personengruppe, dass man keine allgemeingültigen Aussagen über sie treffen kann. So viele Menschen unter einem Begriff zusammenzufassen birgt auch Gefahren. Eine Folge sei laut Journalistin Azadê Peşmen, dass rassistische Diskriminierungen schnell unsichtbar werden können.

Auch die kroatisch-deutsche Schriftstellerin, Dramatikerin und Kolumnistin Jagoda Marinić ordnet die Zuschreibung „Mensch mit Migrationshintergrund“ kritisch ein. „Besonders klebrig haftet dieser Migrationshintergrund an jener Generation, die nie eingewandert ist […] Der Gast, der Geduldete, der Ausländer, Eingebürgerte, der Eingewanderte, der Deutsche mit Migrationshintergrund. Es ist, als wollte die Kette nicht enden, nur um nicht sagen zu müssen: Aus dem Gast wurde ein Deutscher. Seine Kinder sind Deutsche“. Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, werden durch diese Benennung von anderen als „nicht zugehörig“ oder „anders“ gesehen. Bis zu dem Punkt, an dem ihnen ihre Identität, zu der gegebenenfalls das „Deutschsein“ gehört, abgesprochen wird.

Herkunft ist mehr

Ich wurde schon häufig belächelt, wenn ich erzählt habe, dass ich Halbgriechin bin. Daher hatte ich oft das Gefühl, dass ich als Mensch mit Migrationshintergrund bestimmte Erwartungen oder Kriterien erfüllen muss. Ich spreche beispielsweise kaum Griechisch und es ist eher eine Mischung aus beiden Sprachen, in der ich mich mit meinen Großeltern unterhalte. Pappous (παππούς, gr. für Opa) nickt immer stolz, wenn ich griechische Worte benutze. Außerdem sieht man mir meine griechische Herkunft nicht unbedingt an. Ich habe zwar dunkle Haare und Augen, entspreche aber nicht dem äußerlichen Klischee einer Südländerin. Für mich bedeutet meine Herkunft aber mehr. Es ist das Lebensgefühl, der Familiensinn, die Bräuche und Traditionen, die ich schon als Kind kennenlernen durfte und die ich für immer in mir tragen werde. 

Alternative Begrifflichkeiten

Kritik an der Bezeichnung Mensch mit Migrationshintergrund wurde 2018 auch von Kadir Özdemir formuliert. Der Journalist und Autor migrierte im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland und erlebte dadurch, wie identitätsstiftend – aber auch exkludierend – Sprache sein kann. In einem Plädoyer fordert er, fortan den Ausdruck Migrationserbe zu nutzen. „Ähnlich wie Gender ist ‚Migrationshintergrund‘ ein machtvolles gesellschaftliches Konstrukt“, argumentiert Özdemir und weiter, dass „[d]ieser Begriff längst zu einem Ausdruck des Ausschlusses, des (häufig negativen) Sonderfalls geworden [ist].“ Ein weiterer Vorschlag für eine alternative Begrifflichkeit wurde Ende Januar von der Fachkommission Integrationsfähigkeit an die Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben. Die Kommission um SPD-Politikerin Derya Çağlar empfiehlt die Bezeichnung „Eingewanderte und ihre Nachkommen“.

Diese Menschen haben in ihrem Leben eine mutige Entscheidung getroffen

Aufgrund ihrer Migrationsgeschichte habe ich auch meine Mutter gefragt, wie sie die Begriffe nutzt: „Ich bezeichne mich als Mensch mit Migrationshintergrund, weil ich damals alles direkt miterlebt habe. Aber ich sehe auch, dass der Begriff in der Öffentlichkeit negativ konnotiert ist. Das ist schade und übersieht, dass diese Menschen mehrere Kulturen in sich tragen und in ihrem Leben eine mutige Entscheidung getroffen haben. Wir brauchen eine positiven Begriff, der zeigt, was man erreicht hat. Ich habe zwar nur einen griechischen Pass, hätte aber am liebsten beide, weil ich mich mit beiden Ländern identifiziere. Meine Eltern dagegen sehe ich immer noch als griechische Gastarbeitende, weil das eben ihre Intention war. Ich bin sehr stolz auf sie, dass sie sich in Deutschland so gut zurechtfinden und diese Entscheidung zum Wohle einer besseren Zukunft auch für ihre Kinder getroffen haben.

Meine Kinder sind für mich durch ihren Geburtsort, ihren Lebensmittelpunkt und ihren deutschen Vater eher Deutsche. Mein Mann hat sich sehr für meine Herkunft interessiert, die Sprache und die traditionellen Tänze gelernt und das hat geholfen, das auch meinen Kindern weiterzugeben. Es war immer selbstverständlich, auf die griechischen Tanzfeste zu gehen und beide Osterfeste zu feiern. Ihnen wurde die Familiengeschichte vererbt. Es ist wie eine Abstufung der Begriffe von Generation zu Generation.“

Unsere Sprache reduziert Menschen auf Kategorien

„Die jüdische Frau. Der Schwarze Mann. Die Frau mit Behinderung. Der Mann mit Migrationshintergrund. Die muslimische Frau. Der Geflüchtete. Die Homosexuelle. Die Transfrau. Der Gastarbeiter.“ Auch Kübra Gümüşay, Journalistin und Aktivistin aus Hamburg, stellt in ihrem Buch „Sprache und Sein“ fest, dass unsere Sprache Menschen auf Kategorien reduziert. Doch eine Person ist deutlich mehr als die Bezeichnung, die ihr von anderen gegeben wird. Kommunikation muss auf Augenhöhe stattfinden, da Sprache unsere Realität prägt. Die Abschaffung der Bezeichnung Mensch mit Migrationshintergrund wäre ein erster Schritt. Der nächste wird sein, darüber zu diskutieren, ob wir dann überhaupt eine Alternative finden müssen.

Natalia studiert Modejournalismus und Medienkommunikation in Hamburg. Besonders gerne schreibt sie über (und mit!) Menschen, erzählt deren Lebensgeschichten und kommentiert gesellschaftliche Themen. „Ich arbeite bei kohero, weil ich es wichtig finde, dass die Geschichten von Geflüchteten erzählt werden – für mehr Toleranz und ein Miteinander auf Augenhöhe.“  
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