Flügel und Freunde

Journalistin, Schriftstellerin und kohero-Autorin Boshra schreibt über ihr Leben als syrische Geflüchtete in einer neuen Heimat, ihre Arbeit und den Weg zum Kieljournal.

Fotograf: privat

„Irgendwo,“ sagt unsere Autorin Boshra Al-Bashawat aus Syrien, „habe ich einmal die Redewendung ‚Anstelle von Flügeln gab Gott uns frohe Nachrichten und Freunde‘ gelesen.“Dieser Redewendung sollte man hinzufügen: Akzeptanz, Zufriedenheit und Kameraden.

Seit September 2020 arbeite ich beim Kieljournal. Und seit sechs Jahren wohne ich in der Landeshauptstadt, dieser Küstenstadt über dem Kielkanal. Die Bundesmarine wollte eine Verbindung zwischen ihrem Stützpunkt im baltischen Meer und dem in der Nordsee ohne Umweg über Dänemark schaffen. Also entschied sie, den Kanal zu bauen. Doch ich bin nicht hier, um über diese sanfte und ruhige Stadt zu sprechen.

Der Weg zum Kieljournal

Ich möchte über mein Leben als syrische Geflüchtete in dieser Stadt sprechen und über die Beziehung, die ich zu ihr aufbaute – oder die sich mit der Zeit ergab.

Eine Beziehung zum Ort, eine Beziehung im zeitlichen Gefüge und eine Beziehung zu anderen Menschen – das ist das Wichtigste. Eine Beziehung zu den Menschen, mit denen ich zusammenwirke, eine Beziehung zwischen Zeit und Raum.

Ich hatte gerade das B2-Niveau im Deutschkurs erreicht, als sich das Coronavirus auszubreiten begann und damit die Zeit des Lockdowns über alle Bundesländer hinweg einläutete.

Unter diesen Umständen war mein theoretisches Sprachniveau nicht ausreichend, um einen Schritt in Richtung neue Berufsausbildung, Studium oder Arbeit zu machen.

Die Sachbearbeiterin im Arbeitsamt schickte mich also auf meine Anfrage hin und aufgrund meines bereits absolvierten Studiums in diesem Bereich zum Kieljournal.

Sie meinte, dort könne ich in eine gewohnte Arbeitsatmosphäre zurückkehren und die Sprache praktisch anwenden, im Kontrast zum trockenen Unterricht.

Die neue „Klasse“

Der Monat September holte bei mir stets all die Gefühle von früher an die Oberfläche. Der Semesterstart in Syrien, die Rückkehr der Kinder, Lehrer und Student*innen in die Klassen – und ich kehrte in eine noch höhere und weitaus herausfordernde Klasse zurück.

Die „Klasse“, in die man mich versetzte, war das halbjährlich erscheinende Kieljournal mit seinen etwas mehr als zehn Mitarbeiter*innen, die alle fachfremd waren – mit Ausnahme eines „nicht mehr anwesenden“ Kollegen.

Dieses Konzept fußt auf der Idee, interessierten Menschen sowie Journalist*innen ohne Vorkenntnisse, also denjenigen, die lernen wollen, eine Möglichkeit zum Schreiben zu bieten. Das Journal erscheint in drei Sprachen (Deutsch, Arabisch und Englisch), und das war meine Chance.

So konnte ich zum ersten Mal seit langem meiner wahren Berufung nachgehen und gleichzeitig meine Sprachkenntnisse anwenden und erweitern sowie in realer Umgebung und mit direktem Praxisbezug mit dieser Sprache kommunizieren, die mir bis dato immer einen Schritt voraus gewesen war und mir die Zunge rausgestreckt hatte.

Die erste Hürde

Die erste Hürde, die ich überwinden musste, erschien in Gestalt der Hauptprojektleiterin Rebecca und ihrem jungen Assistent Konrad. 

Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen direkten Kontakt zu dieser Sprache und ihren Sprecher*innen gehabt, obwohl die Sprache doch eine Beziehung zu den Mitmenschen erst möglich macht.

Und was gibt es Besseres an diesem Ort als Freunde und das Meer?

Ich war es nicht gewohnt, das Deutsche so schnell und in unterschiedlichen Dialekten zu hören, von zahlreichen Personen mit verschiedenen Stimmen und Nuancen, mit unterschiedlich viel Erfahrung und auf unterschiedlichen Lernstufen. 

Besorgniserregend, verwirrend, auch bedrohlich. Mit ungeheurer Angst vor unbeabsichtigten Fehlern, wenn ich einen Satz oder eine Antwort auf eine Frage nicht verstand.

Aber Rebecca war immer da, lächelnd, dynamisch und unverdrossen.

Auch Konrad war immer da, hübsch und freundlich, ein Student kurz vor dem Abschluss.

Und dann die anderen Freunde, die anderen Kollegen.

Es gab einen weiteren Syrer, der Einzige außer mir, der Arabisch sprach, sowie zehn weitere Kolleg*innen.

Das erinnert mich an einen Satz des Dichters Mahmoud Darwish: „Auch wenn sie uns die Orte wiedergeben, wer bringt uns dann die verlorenen Freunde zurück?“

Die Kolleg*innen wurden zu Freund*innen.

Den ersten Monat erlebte ich wie einen realen Test. Ich fühlte die Berührung dieser Sprache, ihre Berührung mit den Lippen der Muttersprachler*innen. Auch die Berührung mit den Buchstaben auf der Tastatur, die mit arabischen Buchstaben überklebt waren, damit der Mitarbeiter hier leicht und schnell arabische Artikel schreiben könne. 

Dieser Monat war anders als jeder zuvor. Ich tat mich zunächst beim Verstehen einiger Kolleg*innen schwer, aber nach und nach übte ich das Verstehen. Besonders in den Pausen half es, bei ihnen zu stehen und zuzuhören, wie sie sich über die alltäglichen Neuigkeiten austauschten. Jeden Tag nahm mich Carina, eine meiner Kolleginnen, im Auto mit zur Arbeit und wieder zurück, denn sie wohnte im selben Viertel wie ich.

Vielleicht überrascht es manche, dass ich dieses freundliche Angebot von einer Deutschen erhielt. Doch ich finde, es kursieren zu viele falsche Gedanken über die Deutschen, die aus Unwissenheit entstehen.

Hin und zurück mit Carina, wobei wir uns ein wenig unterhielten, auch lachten und ich eine Hürde nach der anderen nahm.

Der erste Artikel

Weitere Monate beim Journal folgten, in denen es mir gelang, einen Artikel zu schreiben. Die Mitarbeiter*innen kamen und überprüften den Artikel und berichtigten Fehler. Sie waren immer lächelnd, und mit einem vollen Dutzend Themen, die sich jeden Tag zur Diskussion stellten: von der Küche bis zur abgelegensten Gasse in Kiel.

Nachdem ich Monate gebraucht hatte, um mich in diesen Kolleg*innenkreis einzufügen und ich mich nun endlich zumindest teilweise ihnen zugehörig fühlte, mussten sie mir einfach die Chance auf Verlängerung geben. Und als ich danach gefragt wurde, stimmte ich schnell und enthusiastisch zu.

Die Verlängerung

Rebeca öffnet ihr Heft und beginnt, mir eine Reihe an Fragen zu stellen, auf die ich antworten soll.

Warum bist du zum Kieljournal gekommen?

Wie hast du von der Arbeit hier profitiert?

Bei was haben Konrad und ich dir während deiner Arbeit hier geholfen?

Und sehr viele weitere Fragen, die ich aufrichtig beantwortete und in „undeutscher“ Kürze beantwortete, da ich Angst hatte, Fehler zu machen.

Die Entdeckung einer fremden Welt

Rebeca sagte mir nach einem ganzen Jahr der Zusammenarbeit im Kieljournal vor wenigen Wochen, dass sie etwas befangen gewesen sei, als sie mich zum ersten Mal sah, und vielleicht auch etwas besorgt. Sie hatte sich gefragt, wie es wohl sein würde, zum ersten Mal mit einer arabischen Frau, einer verschleierten Muslimin zusammenzuarbeiten. Denn sie hatte doch keinerlei Erfahrung in dieser Hinsicht sammeln können.

Sie hatte sich gefragt, wie sie mit mir umgehen müsste und über welche Themen wir uns unterhalten könnten. Sie hatte sich sogar Gedanken über das Essen und Trinken gemacht, wie das wohl sein würde.

Vielleicht dachte sie, dass sie diese fremde Welt entdecken müsse, und es besser wäre, letztere zu kennen.

Rebeca erzählte unbeirrt lächelnd weiter, dass sie, als sie mich kennenlernte, schon nach dem ersten Treffen den Hijab vergaß und ihn auch anschließend nicht mehr als ein Hindernis sah. Durch mich und durch unsere gelegentlichen Unterhaltungen lernte sie, wie die arabischen Frauen sind, wie die syrische Frau ist.

Das können die Medien nicht vermitteln. Wie ist dieser andere Mensch, der aus einer weit von unserer Kultur und unserem Leben entfernten Welt kommt?

Sie sagt, dass sie neuerdings positiv über ihre Erfahrung mit einer syrischen und arabischen Frau berichten kann (übrigens, für die anderen sind wir außerhalb der geografischen Bezeichnungen alle nur Araber*innen).

Sie kann über alles sprechen, was sie von mir weiß.

Sie kann einige Namen so aussprechen, wie wir sie aussprechen.

Sie kann von einigen unserer Bräuche und Traditionen erzählen.

Sie kann einfach erklären, was Eid al-Fitr und Eid al-Adha sind.

Sie kann ihren Mitmenschen von der Ehe erzählen, von der arabischen Familie, von Bildung, vom Leben in Syrien in jenen Häusern, die für sie bisher geheimnisvoll und fragwürdig erschienen.

Sie lächelt und fügt etwas Überraschendes hinzu, dass sie sieht, was ich erreicht habe und noch erreichen werde.

Eine positive Erfahrung

Und das verdiene es, dass sie von ihrer Erfahrung mit mir positiv berichtet. Diese Erfahrung würde stets in ihre persönliche Geschichte einfließen und alle früheren Vorstellungen vom Menschen, der aus seinem Land floh, vom Menschen, der immer von vorne anfängt, ausmerzen. Ein Mensch, geleitet von Menschlichkeit und Vernunft, geprägt von Abschied und Flucht, Trauer und Vergangenheit – und doch heiter ob neuer Anfänge.

Sie spricht immer von der Freude über den Neuanfang, was mich sehr freut. Ich werde meine Arbeit beim Kieljournal im nächsten Februar beenden, um eine andere Ausbildung zu beginnen, und dabei werde ich diese Erfahrung im Herzen tragen. 

 

Dieser Artikel wurde zuerst auf Arabisch veröffentlicht und im Scheibtandem von Sonja Jacksch übersetzt.

Hier kannst du eine andere Erfolgsgeschichte lesen.

Boshra ist eine syrische Dichterin und Schriftstellerin. Sie studierte Medienwissenschaften an der Universität Damaskus und hat zwei Gedichtsammlungen veröffentlicht. Heute lebt sie in Kiel.

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Boshra ist eine syrische Dichterin und Schriftstellerin. Sie studierte Medienwissenschaften an der Universität Damaskus und hat zwei Gedichtsammlungen veröffentlicht. Heute lebt sie in Kiel.

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