Èric Plamondon – Taqawan

Almut Scheller-Mahmoud rezensiert "Taqawan" von Éric Plamondon. Der Roman folgt dem Schicksal der fünfzehnjährigen Océane, die in Folge einer Razzia von ihrem Reservat verschleppt wird.

Èric Plamondon – Taqawan
Fotograf: privat

Ich bin erstaunt, wie der Westdeutsche Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung diesen Roman als Krimi bzw. Thriller etikettieren können, wie es auf der Cover-Rückseite vermerkt ist.

Die Geschichte der indigenen Völker Kanadas

Für mich ist das ein gesellschaftspolitischer, ein ethnographischer Roman, der viele Facetten in sich vereinigt – die Geschichte der indigenen Völker in Nordamerika, in diesem speziellen Fall in Kanada, ihre Traditionen und Sitten und die Willkür der Herrschenden: bürokratische und machtpolitische Willkür. Auch in diesem Falle leider wieder die Willkür des „Weißen Mannes“.

Der Roman spielt in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, im französischsprachigen Teil Kanadas, in der Provinz Quebec. Doch die geschilderten Geschehnisse könnten auch heute passieren, wie man den Presseberichten der jüngsten Zeit über die missionarischen Residential Schools und über die Provinzstadt Thunder Bay in Ontario entnehmen kann. Eine gefährliche Stadt für indigene Frauen mit Vergewaltigungen und Morden (an Ciudad Juarez in Mexiko erinnernd). In den christlichen Internaten gab es Folter und sexuellen Missbrauch, mit tausenden ungeklärten Todesfällen.

Plamondon entführt uns in kurzen, prägnanten Kapiteln in die Welt eines der vielen Indianerstämme, der Mi’gmaqs, unterbrochen von Einsprengseln zu ihrer Lebensart, zu ihrer Kultur, zu ihren Traditionen: so erfahren wir viel über den geheimnisvollen Lachs, der seinen Metabolismus dem Wechsel von Salz- zum Süßwasser anpassen kann, ohne dass die Naturwissenschaftler dieses Rätsel lösen konnten, sowie auch über seinen Wandertrieb, denn der Lachs kehrt Jahre nach seiner Geburt zurück in sein fluviales Laichgebiet Tausende von Kilometern entfernt.

Razzia gegen den Lachsfang

Und natürlich auch etwas über die Geschichte der Indigenen. Von ihrer Ankunft über die Beringstraße, ihr Stammesleben in Ost und West, bis die ersten Fremden auftauchten: Wikinger, Basken und dann vor allem Engländer und Franzosen. Sie waren den Siedlern behilflich, nicht wissend, dass die „Ordnung schafften“: die Wälder abholzten, die Bisonherden ausrotteten und ihnen den überlebenswichtigen Lachsfang einschränkten. Der weiße Mann hat das Land gezähmt: der Ackerbau war das erste Verbrechen, das sie den Völkern antaten. Eine erzwungene Sesshaftigkeit für Völker, die seit Jahrtausenden in Einklang mit der Natur und ohne Anhäufung von Gütern lebten. Und auch die Reservate für die Überlebenden sind ein Ordnungsprinzip.

Alles beginnt mit einer Razzia. Die Lachsfangnetze werden konfisziert, der Lebensunterhalt der Mi’gmaqs vernichtet: 300 Bewaffnete gegen die Bewohner des Reservats. Aber es geht um mehr, die Indigenen sind nur ein Mosaik im Great Game, das die Provinzregierung von Quebec gegen die Bundesregierung ausficht.

Eines der unschuldigen Opfer in diesem ungleichen und ungerechten Kampf ist Océane, die an dem Tag der Razzia ihren 15. Geburtstag feiert. Sie kann entkommen, wird aber als vermisst gemeldet. Der Ex-Ranger Leclerc findet sie im verängstigt und verstört im tiefen Farn, als er zum Angeln will. Er bringt sie in seine Hütte mitten im Wald, ohne Nachbarn, nur William, ein alter Indianer, lebt noch noch tiefer im Wald.

Menschenhandel mit jungen Mädchen

Océane wird jedoch von ihren Peinigern gefunden, an einen Stuhl gefesselt, geknebelt, halberstickt. Beide Peiniger überleben ihren Wachtdienst nicht…..
Denn Leclerc und William bringen Océane zu Caroline Segnete, einer Französin, die an der Berufsschule im Ort unterrichtet. Aber auch dort wird Océane aufgestöbert und Leclerc und William können ihre Spuren bis zu einem Wohnmobil verfolgen: eine nuttige Glitzerwelt, ein mobiles Bordell. Für die Gäste eines großen Chalets im Wald, einem Rückzugsort für Reiche, sogar mit einem Sterne-Restaurant. Hier werden Geschäftsleute und Financiers, einflussreiche Politiker und Journalisten mit kubanischen Zigarren und edlen französischen Rotweinen verwöhnt. Und auch mit jungen Mädchen.

Der Verräter in diesem Drama, der Zuhälter für die Elite, ist Pierre Pesant, ein Anthropologe, der sich als Gutmensch ganz in den Dienst der indigenen Menschenrechte stellt, sogar im Reservat lebt. So hat er Zugang zu Menschen und Akten.

Diese dramatische Geschichte hat jedoch ein Happy End. Das hier jedoch nicht verraten werden soll.

Was ist der Mensch?

Bewundernswert, wie Eric Plamondon seine Story leidenschaftslos ohne modisch-dekorative Beiworte erzählt. Wobei es doch so viele Fakten und Fragen gibt: wer oder was ist der Mensch? Ist er gut, ist er böse? Ist er Opfer der Umstände oder seines Glückes Schmied? Was ist Recht, was ist Unrecht?
Aufklärend empfinde ich seine Schilderung der differenzierten Lebenskonzepte zu Territorium,Kultur, Sprache und Familie. Und wer kann eine Antwort geben auf seine Frage: was ist diese kollektive Kraft, dass die Menschen seit Urgedenken sich umbringen im Namen eines Ortes, einer Familie, wegen einer Andersartigkeit? Warum dafür sein Leben geben, das einzige, das wir haben?

Das sind Menschheitsfragen, die damals wie auch heute immer noch aktuell sind. Um so mehr in christlich gefärbten Ländern: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Moral von der Geschicht’: die Eigenliebe ist von Furcht, Angst,Gier und Hass überlagert.

Danke an Èric Plamondon, dass er zumindest mich angeregt hat, mich noch einmal in die Geschichte der amerikanischen Urvölker zu vertiefen. Denn die Kindheits-Winnetous und Hollywoods kitschige Western sind ein Hohn und bedienen nur infantile Bilder und Phantasien.

 

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