Flüchtling – Einwanderer – Weihnachtsgast

Reber ist Mitte 30, kommt aus Syrien und ist seit sieben Jahren in Deutschland. Klingt bis hierher vielleicht wenig spektakulär. Doch er hat Einiges gemacht und geschafft: Dolmetscher, Studium, Verkehrsplaner und – ganz wichtig: Weihnachtsgast. Für Reber ist das alles das Ergebnis der Kombination aus Arbeit und Glück – Details dazu im folgenden Interview.

Fotograf: Eugenia Loginova
Es gibt diesen einen Satz, den (fast) alle in Deutschland kennen: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Er wird Michail Gorbatschow zugeschrieben als der im Oktober 1989 gegenüber dem DDR-Staatschef ein wenig mehr Reformgeschwindigkeit anmahnt. Reber meint hingegen, dass diejenigen, die später gekommen sind, einen Vorteil haben. Er denkt dabei jedoch nicht an die deutsch-deutsche-Einheit, zu dem Zeitpunkt ist er mal gerade zwei Jahre alt und lebt im syrischen Qamischli. Vielmehr meint er diejenigen, die während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ im Herbst 2015 nach Europa gekommen sind. Deren Vorteile bestehen darin, so Reber, dass deren Aufenthaltsstatus schneller anerkannt wird. Herbst 2015 – zu diesem Zeitpunkt ist er schon fast ein Jahr hier.

 

Frank: Reber, du bist im Dezember 2014 in Deutschland angekommen. Was waren die Gründe für deine Flucht?

Reber: Im Herbst 2013 habe ich den Entschluss gefasst, zu fliehen. Zweieinhalb Jahre vorher hatte der Bürgerkrieg begonnen. Und der kam meiner Heimat im Nordosten Syriens immer näher. 2013 waren im Umkreis von 100km alle vier Hauptgegner präsent: kurdische Truppen, syrische Regierungs- und syrische Oppositionstruppen und der Islamische Staat (ISIS). Ich musste damit rechnen, zum Militär eingezogen zu werden, ich wollte kein Teil des Bürgerkriegs sein.

 

Niemand wird ‚einfach so‘ seine Familie, seine Freunde, seine Umgebung verlassen und in eine vollkommen ungewisse Zukunft gehen. Wie war das bei dir?

Ich habe acht Geschwister, und ich bin der Jüngste. All diese Älteren haben mich nicht verstanden, schon vorher nicht. Vor allem, was den Glauben und die Einstellung zum Leben angeht, da bin ich eher liberal. Und meine Familie und die ganze syrische Gesellschaft halten meiner Meinung nach sehr an veralteten Traditionen fest. Es fiel mir schon lange Zeit schwer, in einer Gesellschaft zu leben, in der abweichender Glaube und abweichende Meinung bestraft werden. Du musst wissen, dass ich schon vor dem Bürgerkrieg davon gesprochen habe, irgendwann nach Europa zu wollen. Die Reaktion meiner Familie war unmissverständlich: „Das ist dann der Bruch mit der Familie.“

(Kein) Bruch mit der Familie

 

Weggehen wollen und dann von der Familie gesagt bekommen, dass sie mit dir nichts mehr zu tun haben will – das haben die doch hoffentlich nicht durchgehalten?

Nein, zum Glück nicht. Ich habe während der Flucht und auch heute noch Kontakt zu ihnen, meistens per WhatsApp. Zwei meiner Geschwister sind mittlerweile auch nicht mehr in Syrien, eine Schwester lebt im Libanon, ein Bruder im Irak. Doch ich war als der Jüngste der Erste, der weggegangen ist. Heute sagen meine Geschwister, dass es vielleicht doch gut für mich war, nach Europa zu gehen.

 

Wenn ich dich jetzt frage, ob deine Familie und deine Freunde vielleicht sogar neidisch auf den großen und gewagten Sprung von dir sind … dann klingt das europäisch-arrogant, oder?

Nein, neidisch ist niemand von ihnen, sie freuen sich jetzt sogar darüber, was ich gemacht und geschafft habe. Und die Frage ist gar nicht europäisch-arrogant, schließlich könnte ich ja auch neidisch auf das Leben meiner Schwester im Libanon sein … bin ich aber nicht.

 

Okay – doch zurück in den Herbst 2013, als du losgezogen bist. Vierzehn Monate warst du unterwegs bis zu deiner Ankunft und Deutschland.

Ich bin über den Irak, die Türkei, Bulgarien usw. nach Österreich und dann nach Deutschland gegangen. Zwischendurch gab es immer wieder mal Tage ohne Weiterkommen, es war meistens unklar, wann es wie wohin geht. Und dann bin ich eine kurze Zeit in Österreich geblieben, von dort nach Bulgarien abgeschoben worden – doch ich wollte nach Deutschland. In Nordrhein-Westfalen war ich für jeweils ungefähr einen Monat lang in mehreren Aufenthaltsheimen. Ich hatte ein Bett, Verpflegung und bekam ein Taschengeld. Ich habe sofort einen Asylantrag gestellt, bekam den Schutzstatus. Und am Ende landete ich in Aachen: Arbeitslos, keine Deutschkenntnisse, nur Schutzstatus.

 

Was hast du in dieser Situation gemacht?

Ich habe sehr schnell mit einem Deutschkurs in einer Kirchengemeinde angefangen, ich wollte die Sprache lernen. Denn mir war klar: Ohne Sprache läuft nichts. Dann habe ich ehrenamtlich in der Küche eines Wohlfahrtsverbandes geholfen, ich wollte etwas tun. Den Kontakt hatte eine Freundin aus der Kirchengemeinde hergestellt. Und durch sie bekam ich auch Kontakt zu einem Verkehrsplanungsbüro, bei dem habe ich ein Praktikum gemacht und dann auch eine Festanstellung bekommen habe.

 

Verkehrsplanung – wie bist du darauf gekommen?

Nun, es gibt ja schließlich auch noch ein Leben vor der Flucht. Ich habe eine Ausbildung zum Fahrdienstleiter bei der syrischen Eisenbahn gemacht und war danach Bahnhofschef. Da liegt das Thema ‚Verkehr‘ und ‚Planung‘ nun wirklich nah.

 

Das ist ja prima, wenn du in Deutschland deine Berufsausbildung nutzen kannst …

… nutzen konnte ich sie nicht, denn sie wurde nicht anerkannt. Und gleichzeitig wollte ich etwas wirklich anderes machen. Denn entweder musste ich für immer im Büro Aushilfstätigkeiten machen – oder eben eine Ausbildung beginnen. Da dachte ich mir: Wenn bei Null beginnen, dann kannst du auch gleich etwas ganz Neues machen.

Mal was ganz Anderes wagen

Das heißt, du hast Arbeit in deinem Fachgebiet – und fängst dann was ganz Anderes an?

Für mich war das Thema ‚Verkehr‘ auch stark mit Syrien verknüpft. Ich wollte aber in Deutschland sein. Deshalb habe ich begonnen, Sozialarbeit zu studieren.

 

Na, das ist von Verkehrsplanung eher weiter weg. Doch gerade die ‚krummen‘ Lebensläufe sind ja meistens die interessantesten …

Klar, aber wenn ich was gelernt habe in den vergangenen Jahren, dann, dass ich mich gut auf neue Situationen einstellen kann – ich kann mit dem, was du ‚krumm‘ nennst, sehr gut umgehen. Und eine Nähe zu sozialen Themen habe ich schon seit Langem. Als Jüngster in der Familie habe schon von klein auf gelernt, auf Nichten und Neffen aufzupassen – und auch während meiner Arbeit bei der syrischen Bahn war mir kollegiales Miteinander immer sehr wichtig. Ich habe also ein paar Praktika im Bereich der Sozialarbeit gemacht, und dann stand der Entschluss schnell fest: Ich möchte Sozialarbeit studieren. Im Sommer 2021 werde ich das Studium abschließen – und dann läuft auch mein Aufenthaltstitel aus. Dann steht die nächste große Entscheidung an.

 

Sorry – da beißt du dich mehrfach durch, stehst immer wieder auf, wagst Neues und hängst dich rein. In Hochglanz-Zusammenhängen mit StartUps nennt man jemanden wie dich ‚Existenzgründer‘, oder? Und Existenzgründer werden normalerweise unterstützt, begleitet und getragen. Und nicht allein gelassen oder gar hinausgetrieben. Wie bezeichnest du dich eigentlich – immer noch als Flüchtling?

Das ich geflüchtet bin, das kann ja nun niemand bestreiten, von daher bin ich Flüchtling. Was ich daraus gemacht habe, ist was anderes. Nein, ich sehe mich nicht mehr als Flüchtling, sondern als Einwanderer.

 

Woran machst du das fest?

Ich habe eine klare Perspektive, was ich wo tun möchte: Nach meinem Studium im Bereich der Sozialarbeit in Deutschland arbeiten. Und ich bin finanziell eigenständig, ich bekomme keine Sozialhilfe, sondern BAföG. Außerdem arbeite ich als Kellner und bin bei einem Träger der ambulanten Familienhilfe tätig. Darüber hinaus spreche ich mittlerweile so gut Deutsch, dass ich als ehrenamtlicher Dolmetscher tätig bin. Ich helfe also anderen, sich hier in Deutschland zu verständigen und einzuleben.

 

Verstanden – eine Perspektive haben, wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen und die Sprache beherrschen – das macht dich zum Einwanderer. Und wo ist für dich ‚Heimat‘?

Die ist da, wo meine Freunde sind: In Aachen, in Syrien und auch weltweit in Österreich, Kanada, Australien. Heimat hat doch deshalb etwas mit einem Ort zu tun, weil es genau dort die Menschen gibt, mit denen man sehr gern zu tun haben möchte.

Integration

Nun reden viele von ‚Integration‘ – ist das für dich wichtig, und: Was gehört dazu?

Integration ist für mich wichtig, damit ich mich dort, wo ich lebe, wohl fühle. Damit ich mich nicht als fremd fühle. Dazu gehören Sprache, Kultur und Bekannte, Freunde. Ich hatte ja zu Anfang gesagt, dass die 2015/16 nach Deutschland geflohenen Menschen den Vorteil hatten, schneller anerkannt zu werden. Ich hatte den Vorteil, von Beginn an mehr Kontakte über den Kreis der Flüchtenden hinaus zu bekommen, weil wir damals nicht so viele waren. So ergaben sich Kontakte zu anderen viel eher.

 

‚Integration’ heißt doch nicht nur, dass du dich an Gepflogenheiten anpassen sollst – gibt es auch so etwas wie ‚Integration andersherum‘, dass also Deutsche etwas von dir übernehmen?

Da gibt es ein schönes Beispiel. Typisch deutsch ist für mich, dass nach einem gemeinsamen Essen im Restaurant alle für sich einzeln bezahlen. Wie kann das sein, zusammen zu essen und getrennt zu bezahlen? Das habe ich nie verstanden, ich fühle mich dann komisch, für mich wird durch das getrennte Bezahlen das Band des gemeinsamen Essens zerschnitten. Das habe ich so auch meinen deutschen Freunden kommuniziert. Die fanden es zuerst merkwürdig, dass ich das merkwürdig fand. Jetzt ist es so, dass einer heute für alle bezahlt, beim nächsten Mal jemand anders. Und da wird keine typisch deutsche Liste geführt, das regelt sich von selbst. Da haben sich meine deutschen Freunde ein wenig an mich angepasst, die haben sich so gut integriert, dass das mittlerweile gar kein Thema mehr ist.

 

Dann ist das Anpassen und aufeinander Zugehen keine Einbahnstraße. Sag mal, Reber, wann hast du für denn zum ersten Mal gemerkt, dass du hier wirklich angekommen bist?

Da gibt es genau ein Ereignis – das mag klein erscheinen, für mich war es wichtig und ich denke gern daran zurück. Wirklich angekommen war ich in Aachen und in Deutschland als ich das erste Mal von einem deutschen Freund zu Weihnachten am Heiligen Abend zu ihm eingeladen wurde.
Reber, geboren 1987 in Qamischli (Syrien), lebt heute in Aachen. Von ihm kommen die Schilderungen, Eindrücke und Einordnungen.
Frank,  Frank, geboren 1962 in Osnabrück (Deutschland), kommt der Interviewtext.lebt heute in Hamburg. Von ihm kommt Interviewtext. Ein Buch von ihm kommt gerade heraus
Frank, geboren 1962 in Osnabrück (Deutschland), lebt heute in Hamburg. . Frank schreibt Bücher, Aufsätze, Blogs und ist auch ein leidenschaftlicher Bergsteiger. Ein Buch von ihm kommt gerade heraus: 
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