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Die von Europa träumen – eine Buchbesprechung

Melita H. Šunjić lebte mit ihren Eltern mehrere Jahre in einem UNHCR-Flüchtlingslager. Sie studierte und arbeitete als Journalistin. Als leitende Pressesprecherin des UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, war Melita H. Šunjić u.a. in Afghanistan, im Sudan und im Irak im Einsatz.

Europa träume
Fotograf: privat

In ihrem Buch Die von Europa träumen , das vor Kurzem erschien, beschreibt die Autorin Melita H. Šunjić wie Flucht und Migration ablaufen.

Aus der Feldforschung zu den Migrationshintergründen entwickelte sie die Kampagne „www.tellingtherealstory.org“. Das ist eine digitale Plattform, die seitdem jährlich von mehreren Millionen Menschen aus den betroffenen Ländern besucht wird. So ist ihre Kritik an dem Umgang der Politik mit den heutigen Flüchtlingsbewegungen profund, nachvollziehbar und geprägt von eigenen Erfahrungen.

Einzelschicksale

Das Buch beschreibt neun Einzelschicksale: Ihre Motive, ihre Träume und Hoffnungen, ihre Leidenswege: Asif aus Afghanistan, Djamal und Becca aus Syrien, Berhane aus Eritrea, Dorine aus Kamerun, Karim aus Syrien, Mamadou aus dem Senegal, Imani und Idris aus Somalia, Nihad aus dem Irak.

Einige von ihnen waren gebildet und konnten sich wenigstens zum Teil per Smartphone, GPS und Recherche orientieren. Die anderen waren die idealen Opfer für die bauernfängerischen Methoden der Schlepper. Die wenigsten wussten Konkretes über das „Gelobte Land Europa“ und was sie dort in der Realität erwartete: Ein bürokratischer Dschungel. Alle waren von den Posts in den sozialen Medien geblendet, mit denen sich Freunde und Bekannte präsentierten. Allen gemeinsam auch der traditionelle soziale Hintergrund: Schande und Ehrverlust für die Familie, wenn sie erfolglos aus Europa zurückkehren würden. Fast alle aber gestanden nicht ein, dass sie gescheitert waren oder in prekären Verhältnissen leben mussten. Sie posteten nun ihrerseits Erfolgsmeldungen und taten nichts, um dieses Perpetuum aufzubrechen.

Angekommen in der Realität

Waren sie in der Realität angekommen, wurden sie mit überfüllten Heimen und Lagern konfrontiert. Hinzu kam eine überlastete Bürokratie, die zum Teil Jahre brauchte, um die Asylanträge zu bearbeiten. Das waren lange Wartefristen, die wie ein Horror vacui belasteten. Und nicht zu vergessen, die Ablehnung, geschürt durch gewisse Politiker und ihre folgsamen Medien: Ein Cocktail mit inflationären Zahlen, den man wunderbar für die eigenen Zwecke mixen kann. Nämlich mit Begriffen wie Überfremdung, Islamisierung der christlich-jüdischen Kultur (sic!!), Testosteron gesteuerten Jungmännern, die von blonden Germaninnen träumen.

Die Fakten verursachen Wut

Bei der Lektüre überkamen mich Wut, Enttäuschung und Scham. Alle Fakten waren mir bekannt. Sie aber noch einmal so detailliert zusammengefasst zu lesen, war erschreckend. Da werden von der europäischen Union Millionen Euros verteilt wie im Grimm’schen Märchen „Sterntaler“. Nur dass das Geld oft in intransparenten Kanälen versickert, z.B. für die libyische Küstenwache. Der Etat von Frontex wird immer weiter aufgestockt. Obwohl man doch mit ein wenig Menschenverstand wissen müsste, dass totale Grenzabschottung das Geschäft der Schlepper, das man angeblich bekämpfen will, noch mehr anheizt. Der große Schock ist für die meisten Europäer Vergangenheit: als 2013 im Mittelmeer fast 400 Leichen geborgen wurden. Große Proklamationen der humanitären Worthülsen: man werde nicht zulassen, dass das Mare nostrum zum Massengrab werde.

Das Buch

Die Autorin erklärt auch noch einmal besonders die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und Migranten. Letztere hier als Wirtschaftsflüchtlinge tituliert. Auch diese müssen ein Asylverfahren durchlaufen, obwohl sie einen sog. Gastarbeiterstatus vorziehen würden: Sie wollen arbeiten und lernen, um wieder in die Heimat zurückzukehren. Ihre Kenntnisse und Erfahrungen wären eine Bereicherung für ihr Ursprungsland und ein Faktor, die dortigen Verhältnisse zu verbessern. Gleichzeitig fördert die EU Programme, um Arbeitskräfte in anderen Ländern abzuwerben, meist im Billiglohnsektor. Dabei darf man nicht vergessen, dass die fließenden Gelder der Migranten in die Heimat ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor sind. Sie lähmen die Entwicklung dort insofern, als dass die Regierungen keinen Handlungsbedarf sehen, um in Bildung etc. zu investieren.

Vorschläge zur Veränderung

Melita Šunjić unterbreitet Vorschläge zu einer ganzheitlichen Veränderung, die eben nicht nur bruchstückweise an den Symptomen herumdoktert. Sie hat eine Studie eingeleitet, in der die Betroffenen selbst zu Worte kommen. Sie nutzen ihre Erfahrungen und ihre eigenen Vorstellungen zu einer Änderung dieser Problematik, die unlösbar erscheint.

Ein erster Schritt wäre eine klare Einwanderungspolitik, ein Masterplan, so dass Migranten befristete Arbeitsvisa bekommen könnten. Ein weiterer Schritt wäre, die Flüchtlinge in den Erst-Asylländern besser zu versorgen, das sei kostengünstiger und sicherer für alle. Die meisten wollen lieber in ihrem eigenen Kulturkreis bleiben und somit wäre die Sekundärmigration leichter einzudämmen. Der allerwichtigste Schritt jedoch wäre, die Schleppernetzwerke, die nicht nur Menschenschmuggler, sondern auch Menschenhändler vernetzt, zu unterwandern. Denn das ist ein mafiöses, perfekt organisiertes internationales Geschäft. Die gelegentlich aufgegriffenen Helfer sind nur kleine Fische, vergleichbar mit dem kleinen Straßendealer. Die Köpfe sitzen ganz oben, mit weißen Westen als Schreibtischtäter…..

Und der neue „Pakt für Migration“ der EU ist auch wieder nur ein Vorschlag, der sich in fruchtlosen Debatten das eigene Wiegenlied singen wird.

Empfehlung

Eine eindringliche empfehlenswerte Lektüre, die dem, der sehen will, die Augen öffnet über eine Politik, die sich mit Mäntelchen wie Humanität, Verfechter von Menschenrechten wortreich umhüllt.

Anmerkungen

PS1.: Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1957 legt fest, wer ein Flüchtling ist. Die Flüchtlingskonvention der Organisation für Afrikanische Einheit hat 1969 in Addis Abeba die Kriterien erweitert: auch Besetzung, Fremdherrschaft, Katastrophen sind ein Anerken- nungsgrund. Die Charta der Menschenrechte legt fest, dass jeder das Recht hat, in einem anderen Land Schutz zu suchen und zu bekommen.

PS2: Auch die meisten europäischen Auswanderer nach Amerika hatten ihren Traum von einem besseren Leben und waren nach heutiger Definition Wirtschaftsflüchtlinge.

PS3: Die Menschen, die Flüchtlingen im 2. Weltkrieg über die Pyrenäen und später aus der DDR halfen, nannte man Fluchthelfer. Auch sie waren last not least Schlepper, wenn auch nicht in diesem globalisierten, kapitalistischen Ausmaß. Oder?

PS4: Es gibt einen interessanten Roman von Abdourahman Waberi, einem Somalier:“ In den  Vereinigten Staaten von Afrika.“ Vielleicht wird sich das Schicksal der Europäer in klimawandlerischen Zeiten einmal umdrehen? Nobody knows.

Weitere Rezensionen von Almut Scheller – Mahmoud findest du z.B. hier und hier

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