Die Flucht nach Roraima.

Alejandro Iara fährt mit der Hand an der Stirn, um die Schweißperlen wegzuwischen, die sich immer wieder in die Augen drängen. Es ist ein sehr heißer Tag, wie fast immer im Norden Südamerikas, in diesem Niemandsland zwischen Venezuela und Brasilien. Er und seine Frau Leticia sind schon seit Tagen unterwegs, an dieser elenden Landstrasse, die das Wort Asphalt schon seit Jahren nicht mehr gehört hat. Alejandro trägt seinen zweijährigen Sohn Luiz in einem improvisierten Rucksack. Leticia schleppt den verschlissenen Rollkoffer mit den letzten Habseligkeiten, die sie aus ihren Zuhause in Venezuela mitbringen konnten. Geld für einen Sammeltaxi oder Bus haben sie nicht. Die paar Pesos, die sie noch besitzen, reichen gerade für Getränke und etwas Essen auf dem Marsch nach Pacaraima, einem gottverlassenen Nest an der gemeinsamen Grenze.

Fotograf: Privat

Die 16.000 Bewohner wundern sich jeden Tag angesichts der unzähligen Menschen, die aus dem Nachbarland im Norden Tag für Tag in die Stadt kommen. Es sind viele Tausende auf der Flucht vor dem großen Hunger. Die Menschen in Brasilien wissen, dass diese Flüchtlinge nicht einmal mehr Essen in ihrer Heimat kaufen können, falls sie überhaupt das Geld dafür hätten. Die meisten flüchtenden Nachbarn haben aber nicht vor, in dieser Stadt zu bleiben. Sie wollen weiter in Richtung Boa Vista, zur Hauptstadt von Roraima, dem nördlichsten Bundesstaat Brasiliens. Die Gegend gehört zu den ärmsten des Landes und ist kaum bevölkert.

Mit Zugang zu Wasser für etwas Würde gesorgt

Alejandro und Leticia wissen noch nicht, wie sie die zweihundert Kilometer bis Boa Vista schaffen sollen. Mit etwas Glück werden sie als Anhalter von einem gutherzigen Fahrer mitgenommen. Und wenn nicht – dann werden sie eine Weile in Pacaraima bleiben müssen und versuchen, etwas Geld zu verdienen. Vielleicht kann Alejandro in seinem Beruf arbeiten. Er ist Metzger. Aber er würde jetzt jede Arbeit annehmen –  egal was. Hauptsache er und seine Familie sind erst einmal weg von Venezuela, wo man als einfacher Arbeiter oder Angestellter nicht mehr existieren kann.

Es ist fast 13:00 Uhr, als der Bürgermeister Juliano Torquato sein Büro im kleinen Rathaus in Pacaraima zum Mittagsessen verlässt. Auf dem Weg zu seinem Stammlokal des Freundes Fernando wirft er einen Blick auf das kleine, neue Viertel seiner Stadt.  Flüchtlinge haben sich dort mit alten Baumaterialien, Planen und allem, was sie bekommen können, ein kleines Zuhause gebaut. Seit zwei Jahren kommen immer mehr Menschen. Mittlerweile sprechen die Bewohner über die „Favela“ der Venezoelaner. Das Wort wird von den Einheimischen nicht herablassend benutzt. Viele haben sogar den neuen Ankömmlingen geholfen, dieser armen Ansammlung etwas Würde zu geben. Juliano selbst hat die Stadtarbeiter geschickt, um für Wasser und eine improvisierte Kanalisation zu sorgen. Das ist alles, was sie bisher machen konnten. Die Kinder wurden in den wenigen Schulen aufgenommen. Ihre Eltern können hier und da ein paar Reais als Aushilfen verdienen.

Juliano weiß aber, dass es eine Frage der Zeit ist, bis diese Stadt, bis seine Stadt, mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert sein wird. Schon jetzt ist das kleine Ortskrankenhaus häufig überfüllt und die meisten Bewohner haben oft nicht das Geld, um nach Boa Vista zu fahren und sich dort im Krankenhaus behandeln zu lassen. Juliano ahnt, dass es nicht lang dauern wird, bis die Flüchtlinge von einigen im Ort negativ und vielleicht sogar aggressiv beäugt werden. Schon jetzt wird darüber geredet, dass junge, alleinstehenden venezoelanische Frauen als Prostituierten in der benachbarten Stadt Caimbe ihr Geld verdienen. Auch wenn keiner der Einheimischen bisher eine der Frauen dort wirklich gesehen hat. Kaum einer fährt dorthin. Das Dorf gleicht eher eine Bruchbude, wo Goldsucher ihr Glück verdienen.

Es fehlt ein großflächiger Plan

Nein, sagte Juliano einem Reporter, er konnte keinen Anstieg der Kriminalität feststellen. Auch der Polizeichef hat seine Aussage bestätigt. Aber man hört immer wieder, dass in der Hauptstadt Boa Vista die Anzahl der Diebstählen höher geworden ist. Das wäre auch kaum zu vermeiden, weiß Juliano. Mittlerweile leben 40.000 Flüchtlinge dort. Das sind mehr als 10% der Gesamtbevölkerung. Und einige dieser armen Menschen haben keine andere Wahl. Es ist eine schwere Aufgabe, seine Landsleute davon zu überzeugen, dass sie selbst dieses neue Problem anpacken müssen, solang die Zentralregierung mehr oder minder darüber schweigt.

Die meisten im fernen Brasilia wissen absolut nichts über die Lebensbedingungen in Bundesstaat Roraima. Erst jetzt, nach zwei langen Jahren, sah sich der Verteidigungsminister in der Pflicht, ein paar Bataillonen in diese abgelegene Gegend zu schicken. Die Soldaten haben tatkräftig geholfen, Brunnen zu bauen, Behausungen auszubessern und Mülldeponien zu errichten. Auch die militärischen Ärzte haben ihr Bestes getan, um die Not der Flüchtlinge zu lindern. Das ist aber zu wenig, meint Juliano. Ein großflächiger Plan muss entwickelt werden. Er weiß auch, dass sich die politische Lage in Venezuela nicht so schnell ändern wird. Und währenddessen werden immer mehr kommen.

Vorfahren der Europäer sind Anfang des 20. Jahrhunderts nach Brasilien emigriert

Der Bürgermeister ist kein studierter Mann. Er liest aber gern Zeitungen und Zeitschriften aus den großen Hauptstädten. Und dort kann er fast täglich verfolgen, wie die Ablehnung und sogar Hass gegen Geflohene und Ausländer in den europäischen Ländern zunimmt. Er redet gern und ausführlich mit seinem guten Freund Fernando darüber. Viele der Vorfahren dieser Europäer sind Anfang des 20. Jahrhunderts nach Brasilien emigriert. Sie flohen vor Hunger, Elend und Perspektivlosigkeit. Er selbst und viele seiner Mitbürger sind lebende Beispiele der gemischten Ehen zwischen weißen Europäern, Schwarzen und Indianern. Alle Einwanderer haben eine Chance bekommen, in diesem schwierigen Land Brasilien ein neues Leben aufzubauen. Auch seine Großeltern gehörten dazu. Juliano ahnt aber, dass sich ein neuer Geist schell und weltweit verbreitet und mit ihm Neid, Missgunst und Ablehnung gegenüber Fremden Einzug halten werden.  Er kann nicht genau erklären, warum und auch sein Kumpel Fernando weiß keine Antwort. Aber sie wissen, dass es so ist – auch wenn sich in seiner kleinen Stadt bisher alle Bewohner gut verstanden haben. Keiner hat gefragt, warum ein Neuer da ist und woher er kommt. Das Leben in Roraima ist weiß Gott kein Zuckerschlecken. Aber wer sich anstrengt, wird auch was zum Leben bekommen.

Juliano steht schon vor dem Restaurant und denkt über all das nach, als er eine Familie auf der Hauptstrasse sieht. Der Mann trägt ein Kleinkind und die Frau hinter ihm zieht an einem alten Rollkoffer. Sie sehen sehr müde aus und ihre Kleidung ist staubig von dem langen Weg. Alejandro und Leticia stehen erst einmal da und denken darüber nach, was als Nächstes zu tun ist. Sie wissen, dass ihr Geld nicht ausreichen wird, um in einer Pension mehrere Tage zu verbringen. Alejandro wundert sich über den Mann, der mit einem kleinen Lächeln auf sie zukommt. Juliano fragt nach ihren  Namen und lädt sie ins Restaurant ein, wo sein Freund Fernando bereits das Ganze beobachtet. Nein, sie brauchen nichts zu zahlen. Sie sollen sich erst einmal erholen. Der Rest wird sich schon zeigen.

Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.
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Leonardo De Araujo
Leonardo De Araujo, geboren in Rio de Janeiro, Brasilien lebt seit etwas mehr als 30 Jahren in Deutschland, vorwiegend in Hamburg. Nach einigen Berufsjahren in Werbeagenturen hat er 35 Jahre in der Fernsehproduktion gearbeitet. Nebenbei hat er sich auch als Drehbuchautor und Fotograf beschäftigt – und für das Flüchtling-Magazin, heute kohero, geschrieben.

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