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Eindrücke aus einem Flüchtlingslager: “Sie wollen das Leben, das wir für selbstverständlich halten”

Das Nea Kavala Camp ist ein Flüchtlingslager in Nordgriechenland mit ungefähr 650 BewohnerInnen aus Syrien. Die norwegische Journalistin Ida Eri Sorbye war dort freiwillig als Koordinatorin tätig. Sie spricht über die Wichtigkeit von Normalität, erklärt, warum das Camp seine eigene Währung besitzt und wie überrascht sie von der Reaktion der GriechInnen war.

Fotograf: Franziska Bauer

Kannst du kurz erklären, wie du darauf gekommen bist, im Camp zu arbeiten und uns ein paar grundlegende Informationen darüber geben?

Es hat damit angefangen, dass ich meine Masterarbeit über die Flüchtlingskrise geschrieben habe. Zur selben Zeit haben die Probleme ihren Lauf genommen und ich wollte irgendwie helfen. Da bin ich auf die Organisation „A Drop in the Ocean“ gestoßen, mit der ich dann in Griechenland war. Sie hat ihre Arbeit an den Stränden von Lesbos angefangen, als die Entwicklung der Krise dort begonnen hat. Die Organisation hatte eine Stellenanzeige für KoordinatorInnen für das Nea Kavala Camp veröffentlicht.

Es ist kein Notfalllager, das Leute direkt von den Booten aufnimmt. Die BewohnerInnen sind in Idomeni gestrandet, als die Grenzen geschlossen wurden, also sind alle jetzt schon etwas über ein Jahr im Camo. Es ist jetzt eine kleine Gemeinschaft geworden, mit vielen Familien. Vielleicht ist es unvermeidbar, dass Leute versuchen, ein Gefühl von Normalität zu schaffen, wenn sie über eine ganze Zeit hinweg zusammen an einem Ort leben müssen.

Ida Eri Sorbye

Kannst du ein bisschen die Atmosphäre beschreiben?

Was ich im Camp bemerkt habe ist eine frustrierte Stimmung, weil die Leute schon so lange dort sind. Natürlich wollen sie weiterkommen im Leben und es so normal wie möglich verbringen. Sie haben Asylinterviews hinter sich, manche auch zwei. Die brauchen sie, bevor sie umziehen können. Also müssen die Menschen vor allem eines: warten. Manche arbeiten auch für die Organisationen, die dort aktiv sind. Um das zu tun, braucht man aber ein gutes Englischlevel. Wenn man das nicht hat, gibt’s ganz schon viel Zeit zu verbraten. Dass man nichts zu tun hat und nicht für seine Familie sorgen kann, sind wahrscheinlich die zwei härtesten Dinge.

Kannst du die Alltagsaufgaben zusammenfassen?

Eine Aufgabe ist das Kleider- und Essenverteilen. Ein Bestandteil davon ist der ‚Kleidermarkt‘: Wir haben eine Art Laden dafür aufgebaut. Die Camp-BewohnerInnen können die Klamotten, die sie möchten, mit einer virtuellen Währung namens „Drops“ erwerben. Die Leute bekommen jede Woche „Drops“, um mit ihnen einkaufen zu gehen. Man muss ins Geschäft gehen und Preise und Ausgabemöglichkeiten berechnen. Auf der einen Seite kann die Erfahrung so würdevoll vonstattengehen, andererseits haben wir damit sichergestellt, dass nicht mehr genommen als tatsächlich gebraucht wird.

Das Essen, das wir verteilen, funktioniert mehr wie ein Zusatz. Die Armee, die das Lager leitet, stellt drei Mahlzeiten pro Tag zur Verfügung. Die Qualität ist aber nicht sehr gut, weshalb die Menschen unsere Ausgabe von Gemüse und getrockneten Lebensmitteln sehr geschätzt haben. Auf diese Weise konnten sie auch mal selbst kochen und auch dadurch ein bisschen Normalität herstellen.

Gab es kürzlich irgendwelche Entwicklungen im Camp?

Kinder können jetzt zur Schule gehen. Und es gibt einige davon, etwa 150. Das war ein großer Schritt, vor allem für die Eltern, um zu wissen, dass etwas passiert, was für sie einen extrem hohen Stellenwert besitzt – dass ihre Kinder keinen Nachteil davontragen. Viele von ihnen konnten in der Türkei, wo ein großer Teil über Jahre hinweg gewohnt hat, nicht die Schule besuchen. Syrische Kurden werden dort zum Beispiel sehr diskriminiert.

Kannst du sagen, was die Leute im Lager vor allem brauchen?

Ich denke, wenn du sie fragen würdest, würden sie wahrscheinlich antworten mit: ein normales Leben – ein Haus und eine Arbeit, der wir nachgehen können. Der Mangel an Normalität, der ist wichtig. Sie wollen das Leben, das wir für selbstverständlich halten – und, dass die Warterei ein Ende nimmt. Ich glaube, sie haben es echt satt, in Containern zu wohnen und sich immer angemessen anzuziehen, einfach nur, um auf die Toilette zu gehen. Zudem war der Winter sehr kalt, und es gab eine Zeit lang kein Wasser…all diese zusätzlichen Dimensionen, an die wir gar nicht denken.

Was ist dir am meisten aufgefallen, während du als Freiwillige tätig warst?

Wenn du weißt, dass du nach Griechenland fährst, um dort in einem Flüchtlingslager zu arbeiten, konzentrierst du dich vor allem darauf. Was mich vor Ort allerdings wirklich schockiert hat, war die wirtschaftliche Krise, in der die GriechInnen leben. Für mich ist es mittlerweile ein entscheidener Teil der ‚Flüchtlingskrise’, dass es auch vielen GriechInnen schlecht geht. Es ist etwas, über das wir in den Medien eigentlich nichts mehr hören.

Als ich dort war und einfach mit Leuten vor Ort geredet habe, war es ziemlich unglaublich, wie sie mit diesem Problem umgegangen sind. Die meisten GriechInnen, mit denen ich geredet habe, haben nichts gegen Flüchtlinge – sie stehen ihnen recht gleichgültig gegenüber. Für sie stellt es eher ein Problem dar, wenn sie sehen, dass wir alle nach Griechenland strömen, um den Geflüchteten zu helfen, zusätzlich zu all dem Geld, dass dafür in das Land fließt. Sie nehmen eventuell auch wahr, dass den Flüchtlingen durch die Unterstützung ein besseres Leben bevorsteht, an dem sie keinen Anteil haben werden. Viele fühlen sich von der EU, von Deutschland, alleine gelassen.

Mir scheint es immer wichtiger, diesen Aspekt nicht zu vergessen, wenn man das geflügelte Wort der “Krise” in den Mund nimmt. Manchmal schäme ich mich ein bisschen, wenn ich mit GriechInnen spreche und ich dann sagen muss: Ich bin aus Norwegen. Und ich fühle mich so oft dazu gezwungen zu sagen, dass es mir Leid tut, dass der Rest Europas sie im Stich lässt.

Hast du irgendwelche Tipps für junge Leute, die – so wie du selbst – aktiv werden möchten?

Es gibt verschiedene Arten zu helfen – und verschiedene Orte. Eine Möglichkeit besteht darin, ein Flugzeug oder ein Auto zu nehmen und als FreiwilligeR tätig zu werden. Die werden immer gebraucht. Auch Geld spenden ist ein Weg, wenn man gerade ein wenig davon übrig hat. Wenn man jünger ist und nicht so viel auf dem Konto hat, kann man auch einfach dort aktiv werden, wo man gerade ist. Einer der Jobs in Europa, der ständig an Bedeutung gewinnt, ist die aktive Teilnahme an Integrationsarbeit: das heißt, Verantwortung im eigenen Land übernehmen, die Neuankömmlinge empfangen und ihnen das Gefühl geben, dass sie willkommen sind. Und sie zu unterstützen, ein neues Leben anzufangen.

Das Interview wurde aus dem Englischen übersetzt.

Franziska arbeitet in den Bereichen Marketing, Redaktion und Social Media in Berlin. Sie interessiert sich für interkulturelle Verständigung und für alles rund um die Themen Migration und Integration. „Das Tolle am Flüchtling-Magazin finde ich, dass es einen partizipativen Ansatz hat und einen Dialog schafft – für alle, die in Deutschland leben.“
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Franziska arbeitet in den Bereichen Marketing, Redaktion und Social Media in Berlin. Sie interessiert sich für interkulturelle Verständigung und für alles rund um die Themen Migration und Integration. „Das Tolle am Flüchtling-Magazin finde ich, dass es einen partizipativen Ansatz hat und einen Dialog schafft – für alle, die in Deutschland leben.“

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