Das Universitätsleben ist eine beeindruckende Welt

Wie unterscheidet sich ein Studium in Deutschland von einem in Syrien? Welche Hindernisse gilt es am Anfang zu überwinden? Und warum ist ein Studium eine große Chance? Ein Erfahrungsbericht von der Uni Erfurt.

Ich bin Shilan, ein kurdisches Mädchen aus Syrien.
Fotograf: Gulistan Ahmad

Ich bin Shilan, ein kurdisches Mädchen aus Syrien. Seit meiner Kindheit träume ich davon, eine erfolgreiche Grundschullehrerin zu werden. Ich liebe Kinder und habe daher schon in der Kindheit immer die Rolle einer Lehrerin übernommen. Als ich erwachsen wurde und mein Abitur mit Schwerpunkt Literatur ablegte, erreichte ich einen hohen Notendurchschnitt, der einer 1,8 in Deutschland entspricht – eine sehr gute Note. Ich beschloss, zu studieren und meinen Traum, Grundschullehrerin zu sein, zu verwirklichen.

Wegen des Kriegs in meinem Land konnte ich nur zwei Semester studieren. Mein Vater beschloss in dieser Zeit, dass wir Syrien verlassen. Wir suchten nach einem sicheren Land, in dem meine Familie und ich leben könnten – weit weg von Krieg und Zerstörung. Mein Vater beschloss, dass wir in Deutschland Zuflucht suchen sollten.

Neuanfang in Deutschland

Das Leben war nicht einfach für mich. Alles um mich herum war neu. Eine der größten Herausforderungen war das Erlernen der deutschen Sprache. Ich habe am Anfang allein Deutsch gelernt, denn unser Antrag auf Aufenthalt wurde dreimal abgelehnt, so dass ich keine Sprachschule besuchen konnte. Acht Monate lang musste ich mich allein bemühen. Dann konnte ich zusätzlich auch Sprachkurse besuchen.

Außerdem hatte ich eine ehrenamtliche Tätigkeit als Helferin für Geflüchtete und Zugewanderte begonnen. Als wir in ein neues Haus zogen, wurde ich an einer Privatschule aufgenommen. Ich konnte dort meine Ausbildung zur Sozialassistentin machen. Nach meinem Abschluss in diesem Bereich entschied ich mich für ein Studium der Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Universität Erfurt.

Der glücklichste Tag meines Lebens

Mein erster Tag an der Universität war der glücklichste Tag meines Lebens und eine einzigartige Erfahrung. Erlebt habe ich ihn mit widersprüchlichen Gefühlen: Ängste, Hoffnungen und Ambitionen. Ich begann, meinen Traum, Erziehungs- und Sozialwissenschaften zu studieren, in die Realität umzusetzen. Dabei wusste ich genau, dass der Weg nicht einfach ist und ich auf viele Schwierigkeiten stoßen würde. Aber ich war zuversichtlich, dass ich alle Hindernisse überwinden würde.

Wie erwartet war die Art des Umgangs mit anderen Studierenden an der Universität anders. Es war sehr schön, dass ich mich anpassen konnte. Die Studierenden in Erfurt haben verschiedene kulturelle Hintergründe und unterschiedliche Denkweisen. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich diesen Studiengang gewählt habe, und ich bin von meiner Wahl überzeugt. Die Universität ist für mich eine neue Welt. Natürlich habe ich mir das Ziel gesetzt, dass mir das Studium viel bringen wird. Ich fühle mich jetzt mehr für mich selbst verantwortlich als vorher.

Erste Schritte auf einem neuen Weg

Das erste Semester war der Beginn eines neuen Lebens: ein neuer Weg, mich selbst zu verwirklichen und zu beweisen, Einschränkungen loszuwerden und neue Freunde zu finden. Zu Beginn meines Studiums traf ich eine Gruppe anderer Studienanfänger*innen. Durch sie konnte ich neue Persönlichkeiten kennenlernen, etwas über andere Kulturen lernen und Erfahrungen machen, die manche vielleicht für unmöglich halten. Dies alles hatte einen großen Einfluss auf mein Leben. Ich merkte, dass ich in vielen Dingen stark war und keine Angst hatte.

In den Einführungsveranstaltungen der Universität erfuhr ich alles über die verschiedenen Abteilungen der Uni, die Prüfungsordnung und alles weitere Relevante. Das erste Semester an der Universität war der Beginn des Kennenlernens des Lebens in seiner privaten und öffentlichen Form. Mein erster Monat an der Universität war ungewöhnlich, denn meine Gefühle schwankten zwischen Leidenschaft und Erwartungen. Ich versuchte, weniger Zeit zu Hause zu verbringen, sondern stattdessen fast den ganzen Tag in der Universität zu verbringen und mich mit anderen Studierenden zu treffen.

Ermutigung und Unterstützung durch meine Eltern

Zu Beginn meiner Laufbahn an der Universität hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, vor allem mit der Sprache. Aber ich war fest entschlossen, meinen Traum vom Studium nicht aufzugeben. So habe ich alle meine Fächer mit einer sehr guten Note abgeschlossen. Meine Entschlossenheit, die Liebe zur Bildung und die Ermutigung und Unterstützung meiner Eltern geben mir viel Motivation, das Studium fortzuführen. Meine Eltern haben mir den Rat gegeben, dass ich mir ein Ziel in meinem Leben setze, das ich jeden Tag anstrebe. Trotz der Hindernisse habe ich begonnen, meine ganze Energie darauf zu verwenden, gute Noten zu bekommen. Jeden Tag habe ich einige Zeit allein an der Universität gelernt.

In Syrien studiert man anders

Als die Klausuren begannen, wurde mir klar, dass sich die Prüfungen in Deutschland von denen an meiner Universität in Syrien unterscheiden. Das Studium hier ist stärker durch Verstehen und Diskutieren als durch Auswendiglernen geprägt. Mir fällt auch auf, dass die Atmosphäre an der Universität anders ist als an meiner Schule und Universität in Syrien, da meine deutsche Uni durch die Bildung der Persönlichkeit der Studierenden gekennzeichnet ist. Ich sehe, dass die Lebensphase an der Universität außergewöhnlich und unverwechselbar ist.

In meiner ersten Vorlesung war ich sehr enthusiastisch. Ich fing an, die Materialien herunterzuladen und den Studienplan zu erstellen. Ich leugne nicht, dass ich unter den Unterschieden zum akademischen System in Syrien litt: den vollen Lehrplänen, dem selbstständigen Arbeiten und dem umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten. Auch die häufig notwendige Internetrecherche stellte eine Herausforderung für mich dar. Diese ganzen Dinge kannte ich so nicht von meinem Universitätsstudium in Syrien. Aber der hilfsbereite Umgang der Professoren mit den Studierenden gab mir Motivation, viele Schwierigkeiten zu überwinden.

Studium als Chance

Nun studiere ich Erziehungs- und Sozialwissenschaften schon im dritten Semester. Ich habe mich an der Universität eingeschrieben und bin bereit, diese Erfahrung mit all ihren Vor- und Nachteilen zu nutzen. Das Universitätsleben ist für mich eine beeindruckende Welt. Ich denke, dass es für uns junge Menschen eine große Chance bedeutet, da wir neue Freundschaften schließen und mit unserer Umgebung interagieren. Außerdem bietet es Kultur, Themen und die sinnvolle und tolle Beschäftigung mit den eigenen Interessen. Es ist in jeder Hinsicht eine lohnenswerte Erfahrung.

Dieser Text ist im Schreibtandem mit Margarethe Hoberg entstanden.

Shilan Akan
Shilan ist 24 Jahre alt und studiert Erziehungswissenschaft an der Universität Erfurt. Sie kommt aus Syrien und lebt seit 2016 in Deutschland. In ihrer Freizeit schreibt sie gerne Texte.
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