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Asmaa al-Atawna: Keine Luft zum Atmen – eine Rezension

Die Ausbrecherin. Asmaa al- Atawnas Debütroman ist der Bericht einer persönlichen Rebellion, einer Sehnsucht nach Ausbruch, nach Bruch mit den Regeln ihrer patriarcharlischen Gesellschaft, nach Freiheit, nach dem eigenen Ich.

Das Buch gliedert sich in zwei Teile: Der Weg hinaus und das Leben dort. Beides in Ich-Form geschrieben. Es ist flüssig zu lesen, in schnörkellosem Stil, fast ein bisschen „schulaufsatzmäßig“.

Abstammung

Als Tochter einer palästinensischen Mischfamilie, väterlicherseits von Beduinen aus der Negev und dem Sinai abstammend, mütterlicherseits von wohlhabenden Bauern, bricht Asmaa al- Atawna schon früh die sittlichen Spielregeln ihrer Gesellschaft. Sie spielt lieber mit den „Jungs“ als mit den Mädchen und wird entsprechend ständig von ihrer Mutter ermahnt, muss sich also ständig verbiegen und kleine Lügen und Ausflüchte erfinden, auch um dem gewalttätigen Vater zu entkommen. Sie ist aufsässig und rebellisch, also fast wie ein „normales“ Mädchen in unseren Breiten. Aber ihr Gefühl des Eingesperrtseins ist nicht nur den gesellschaftlichen (und religiösen) Riten geschuldet, sondern potenziert sich durch die Tatsache, dass sie im Gaza-Streifen aufgewachsen ist, unter israelischer Besatzung, ohne die Freiheit des Kommens und Gehens nach eigenem Belieben

Aufwachsen im „Schwarzen Viertel“

Anschaulich schildert sie das Viertel, in dem sie aufwuchs, das sog. „Schwarze Viertel,“ weil das Flüchtlingslager an das Viertel der „Schwarzen“ (ehemaligen Sklaven aus arabischen und osmanischen Zeiten) grenzte. Ein Viertel ohne Straßennamen, Hausnummern oder Namensschilder, ein Labyrinth für jeden Fremden. Plastisch und lebendig erleben wir den Alltag mit seinen fest gefahrenen Strukturen und seiner sozialen Kontrolle. Namen bekommen ein menschliches Antlitz: die Großeltern und Geschwister, die Nachbarn. Angesprochen wird der innerpalästinensische Rassismus: auch hier gilt weiß, weißer, am weißesten als menschliches Schönheitsideal mit den Konsequenzen der Ausgrenzung und Verachtung gegenüber dunkelhäutigen, schwarzen Menschen.

Jugendfreunde

Die Brüder Râmi und Abdallah waren ihre Jugendfreunde. Mit Abdallah verband sie eine leise Liebesbeziehung. In der Schule Streiche und Strafen (erstaunlich, dass in einer Schule der UNRWA – ein Hilfswerk der Vereinten Nationen – körperliche Züchtigung gestattet war). Aber Strafen dieser Art kannte sie zur Genüge von zu Hause: die Mutter benutzte ein schmales Bambusrohr oder einen schwarzen Schlauch, der Großvater seinen Gehstock und der Vater seinen Ledergürtel.

Der Vater

Ihr Vater ging in die Vereinigten Arabischen Emirate, um Arbeit zu suchen. Die Familie folgte ihm wenig später und es blieb Asmaa nicht einmal Zeit, weder von ihren beiden Freunden noch von ihrem Heimatland Abschied zu nehmen. Sie kehrten zurück, weil der Vater seine Arbeit verloren hatte und weil er ihre Schwester Amal verheiraten wollte. Asmaa bekam Wutanfälle, dass ihre jüngere Schwester mit einem älteren Mann verehelicht wurde.

Studium in Gaza

Fünf Jahre später brachte ihr Vater sie nach Gaza und sie schrieb sich mit 18 Jahren an der neuen Al Fatah-Universität ein. Sie lebte bei ihrer Schwester Amal und deren Mann und fühlte sich zum ersten Mal frei in Gaza. Die Intifada war zu Ende, das Oslo-Abkommen in Kraft und Vaters Kontrolle und Wut waren weit entfernt. Sie las und las und entdeckte andere Schicksale, fühlte sich dadurch nicht mehr allein. Die Literatur rettete sie.

Da sie wegen unbotmäßigen Verhaltens einem Professor gegenüber von der Uni verwiesen wurde, suchte und fand sie Arbeit: als Reporterin bei einer spanischen Nachrichtenagentur. Sie schrieb über die überfüllten Lager und ihre Bewohner, über Besatzung und Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität und die naiv-bevormundende UNRWA: „sie behandelt uns wegen Kopfschmerzen, obwohl wir eigentlich Krebs haben.“

Durch Zufall hatte sie in der Zeitung vom Märtyrertod Abdallahs gelesen und die triste Begegnung mit Râmi auf dem Friedhof ließen Trauer und Kummer und zugleich Wut in ihr aufsteigen.
Es war Zeit zu gehen, zu fliehen, der Hölle zu entrinnen. „An einen ruhigeren und grüneren Ort.“

Aufsässigkeit und Anderssein

Wir lesen, wie sich Aufsässigkeit und Anderssein entwickeln und artikulieren und mitunter fragt man sich, warum nicht alle rebellieren: gegen die Unmündigkeit in einer patriarchalischen Gesellschaft, gegen die Strangulierung des eigenen Ichs. Aber wahrscheinlich muss man das Gen der Aufsässigkeit und der Rebellion in sich haben. Vielleicht war schon Asmaas Geburt ein Vorzeichen: fast erstickt an der Nabelschnur, der Fluch des Vaters, dass sie nun die vierte „Braut“ war und nicht der ersehnte Stammhalter. Vielleicht spielte ihr hier das Unterbewusste einen Streich: sich Freiheiten wie ein Junge nehmen zu wollen. Ganz wichtig ist ihr zu betonen, dass es ihr primär um die persönliche Freiheit ging. Die politische Unfreiheit spielte hintergründig eine tragende Rolle und war nicht unbeteiligt an dem Gefühl der Enge, war aber nicht der ausschlaggebende Punkt ihres Ausbruchs.

Und gewiss gilt dieser Wunsch nach Ausbruch auch für junge Männer. Denn auch sie unterliegen den ungeschriebenen sozialen Gesetzen und der Herrschaft ihres Umfeldes.

Der eigene Raum

Asmaa al -Atawna wollte nicht als Widerstandskämpferin abgestempelt werden, sondern sie wollte nur wie Virginia Woolf: A Room of One’s Own. Und dieser ganz eigene Raum, im architektonischen wie im seelischen Sinn, ist wohl die Essenz dieses Buches und vielleicht auch ein Lösungspunkt: sich der familiären und sozialen Kontrolle entziehen zu können. Um frei zu atmen, Kraft zu schöpfen, tagträumerisch an die Decke zu starren oder aus dem Fensterchen zu schauen, ungestört zu lesen und zu denken, Tagebuch zu schreiben……

Weitere Rezensionen unserer Autorin findest du z.B. hier und hier.

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