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Die Engel auf der Strecke – eine Geschichte

In unserer Reihe Storys, könnt ihr heute eine weitere Geschichte unserer jungen Autorin Sorour Keramatvoroujeni lesen.

Wer sind die Frauen im pinken Minirock? Haben sie Flügel? Sind sie Engel?
Fotograf: Eugenia Loginova

Wer sind die Frauen im pinken Minirock? Haben sie Flügel? Sind sie Engel?

Diese Geschichte wurde mit  Nataia Grote   im Schreibtandem geschrieben.

Endlich waren alle abfahrbereit. Die Mutter ging mit einem kleinen und großen Koffer aus der Wohnung zum Auto und der Vater legte diese in den Kofferraum. Der graue Mercedes fuhr los. „Willst du immer noch schweigen?“, sagte der Vater. Die Mutter sah aus dem Fenster und ihr Blick schweifte am Stacheldraht entlang. „Jetzt willst du plötzlich mit mir sprechen?“ Der Vater lächelte und sah ihre Augen, ihre Lippen und ihren Hals eine Sekunde an. „Ich möchte immer mit dir sprechen.“ Die Mutter drehte den Kopf zu ihm und sagte: „Ok, erzähl dann! Warum bist du gestern nicht nach Hause gekommen?“ Der Vater antwortete: „Ach, lass das bitte.“ Die Mutter drehte ihr Gesicht wieder zum Fenster. „Bei wem warst du?“ Der Vater schwieg. „Wer war dir so wichtig?“, fragte sie.

„Mama! Ich habe Hunger“, sagte das 5-jährige Mädchen, das hinten im Auto saß. „Warte ein bisschen, Schatz. Gleich sind wir in Rumänien“, antwortete die Mutter. Ein paar Minuten später erreichten sie eine große Baustelle auf der Strecke. Der Mercedes hielt an. Männer arbeiteten schwitzend, obwohl das Wetter nicht so warm war.

Der Vater warf einen Blick auf das GPS. Er fuhr in eine enge Nebenstraße. An der neuen Strecke war kein Stacheldraht mehr zu sehen, der Mercedes war umgeben von nackten Bäumen des Winters und der Sonnenuntergang färbte den Himmel rot. Das kleine Mädchen wurde auf einen Specht aufmerksam, der ein kleines Stück von einem Baum zerspante. Sie betrachtete die Bewegung des Schnabels, den der Specht erst langsam und dann schneller in den Baum schlug. In der Entfernung sah sie sieben Frauen, die verteilt an der Straße standen. Der Mercedes fuhr so schnell an ihnen vorbei, dass der Moment ihrer Begegnung wie ein unscharfes Bild von blonden Barbie-Puppen im pinken Kleid vor einem rot-grünen Hintergrund war.

„Mama! Wer sind die denn?“ Die Mutter sah die Frauen nochmals im Autospiegel. „Das sind…“, sie machte eine Pause und überlegte, „Das sind fremde Leute.“ Das Mädchen drehte sich in ihrem Sitz um und schaute, auf ihren Knien hockend, den Frauen nach. „Ist es ihnen hier nicht zu kalt?“ Die Mutter fragte den Vater: „Sind wir hier überhaupt richtig?“ Der Vater antwortete leise: „Keine Ahnung, das GPS hat nicht funktioniert.“ Die Mutter schwieg. „Mama?“ „Ja.“ Das Mädchen lehnte sich zu ihrer Mutter. „Vielleicht haben sie ihre Jacken zuhause vergessen. Wir können ihnen deine Jacke geben, die im Koffer ist und sagen, sie sollen deine Jacke im Frühling zu uns nach Hause bringen.“ Die Mutter sagte: „Meine Süße, wir können das nicht machen. Aber guck mal“, sie öffnete ihre Handtasche, „Hier habe ich Kekse.“

Auf der anderen Seite der Strecke fuhr ein Lastwagen langsam an dem Mercedes vorbei. Dieser Lastwagen, auf dessen Kennzeichen ein großes »H« erkennbar war, hielt weiter entfernt hinter dem Auto der Familie an. Der Vater fuhr den Weg zum Lastwagen zurück und wurde langsamer. Der Fahrer stieg aus dem Lastwagen aus. Der Vater sagte: „Ich gehe ihn kurz nach dem Weg fragen“, und stieg aus.

Das Mädchen saß wieder nach hinten gedreht auf den Knien. Sie sah, dass eine der Frauen außer einem pinken Minirock und einem gleichfarbigen Top noch kleine pinke Flügel auf dem Rücken hatte. „Mama, guck sie an!“ Die Mutter sah das Mädchen im Spiegel. „Starr nicht die ganze Zeit zu ihnen!“ „Mama, sie hat dieselben Flügel wie ich zuhause.“ „Nein, das hat sie nicht! Sag sowas nie wieder!“ Der Vater stieg wieder ein. „Ich weiß es jetzt; wir müssen einmal den Weg zurück und auf die andere Straße abbiegen“ Der Mercedes fuhr los.

Das 5-jährige Mädchen, das die Frauen immer noch aus dem Fenster beachtete, sah, dass der Fahrer des Lastwagens auf die Frau mit pinken Flügeln zuging. “Was will er von ihr, Mama? Kennen sie sich?“ Die Mutter atmete tief ein und aus und sagte: „Er will seine Zeit mit der falschen Frau verschwenden.“ Der Vater drehte sein Gesicht mit großen Augen zu der Mutter, dann schaute er auf das kleine Mädchen im Spiegel.

Das Kind starrte noch immer zu dem Fahrer und der Frau und sah, dass der Fahrer seinen Geldbeutel aus seiner Hosentasche herausholte. Dann bog der Mercedes um eine Kurve und die Frauen waren nicht mehr zu sehen. „Jetzt funktioniert das GPS endlich“, sagte der Vater. Das Mädchen setzte sich wieder ordentlich hin. Der Mercedes erreichte schließlich eine Straße, an deren Ende sich die rumänische Flagge im Wind bewegte.

Hier könnt ihr noch eine weitere Geschichte unserer Autorin lesen

Sorour-Keramat
Sourour war 16. als sie in Deutschland ankam. Die ersten zwei Jahre in Deutschland wohnte sie in mehreren Flüchtlingsunterkünften. Dort beobachtete sie das Unglück anderer Flüchtlinge, die aus verschiedenen Ecken dieser Welt in Deutschland Schutz suchten. Dass die anderen Menschen genau wie sie unter Heimatlosigkeit leiden und jeden Tag ein Stück von ihrer Identität verlieren, versetzte sie in tiefe Melancholie. Sie sah, wie schamlos Deutschland und andere europäischen Länder die Asylsuchenden abschieben und durch Europa treiben. Alle Herausforderungen, die die Geflüchteten in Deutschland und auf der Flucht haben, tragen dazu bei, dass sie heute Literatur als eine Form des Ausdrucks nutzt, um über das ganze Elend zu berichten.
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Sorour-Keramat
Sourour war 16. als sie in Deutschland ankam. Die ersten zwei Jahre in Deutschland wohnte sie in mehreren Flüchtlingsunterkünften. Dort beobachtete sie das Unglück anderer Flüchtlinge, die aus verschiedenen Ecken dieser Welt in Deutschland Schutz suchten. Dass die anderen Menschen genau wie sie unter Heimatlosigkeit leiden und jeden Tag ein Stück von ihrer Identität verlieren, versetzte sie in tiefe Melancholie. Sie sah, wie schamlos Deutschland und andere europäischen Länder die Asylsuchenden abschieben und durch Europa treiben. Alle Herausforderungen, die die Geflüchteten in Deutschland und auf der Flucht haben, tragen dazu bei, dass sie heute Literatur als eine Form des Ausdrucks nutzt, um über das ganze Elend zu berichten.

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