Anas Alhakim kennt trotz Rollstuhl keine Grenzen

Der 30-jährige Anas Alhakim, der seit einer Operation an der Wirbelsäule querschnittsgelähmt ist, verließ Syrien vor acht Jahren, um in Deutschland zu studieren. Im Gespräch mit kohero gibt er einen Einblick in seine Geschichte und schildert, wie Inklusion gelingen kann.

Rollstuhl
Fotograf: Mohammad Abo Shukur

Rufe nach mehr Vielfalt in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft sind heute lauter denn je. In der Diversitätsdebatte geht es meist um Religion, ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, sexuelle Orientierung und soziale Herkunft. Es gibt aber eine Gruppe, die vergleichsweise wenig Beachtung findet: Menschen mit Behinderung.

 

Ein OP-Fehler und seine Folgen

Anas Alhakim war erst fünf Jahre alt, als Ärzte in Syrien zufällig entdeckten, dass seine Knochen ungleichmäßig wachsen und er an kleidokranialer Dysplasie leidet. Eine Behandlung in Syrien war nicht möglich: Deshalb reiste er einmal im Jahr zusammen mit seiner Mutter zur medizinischen Versorgung nach Deutschland. Aufgrund einer Wirbelsäulenverkrümmung trug er als Kind zweiundzwanzig Stunden am Tag ein auffälliges Korsett. Damals nahm er es mit Humor: „Ich rannte auf die Mädchen und Kleinkinder zu und riss mein Hemd auf. Ich fühlte mich wie Iron Man und nutzte das Korsett als Instrument, um andere zu erschrecken.“

Als die Wirbelsäulenverkrümmung lebensbedrohlich wurde, musste er sich 2003 im Alter von elf Jahren einer Operation unterziehen. Bei dem Eingriff in Hannover wurde jedoch sein Rückenmark verletzt. Während er zuvor noch laufen konnte, war dies nach dem Aufwachen aus dem wochenlangen Koma nicht mehr möglich. Seine Gefühlswelt damals beschreibt er so: „Von dem Moment an war ich kein Kind mehr, sondern bin auf einmal erwachsen geworden. Ich war nicht wütend. Ich war traurig, aber ich wusste nicht wieso. In den ersten Monaten nach der OP kämpfte ich ums Überleben, und es war einfach zu viel los, sodass ich nicht verstand, was geschehen war. Danach fiel ich in eine tiefe Depression.“

 

Das Kind, das nicht mitspielen konnte

Im Jahr 2004 kehrten Alhakim und seine Mutter wieder nach Syrien zurück. Dort fühlte er sich einsam. Er verlor all seine Freund*innen, weil er nicht mehr mit ihnen spielen und herumtoben konnte. Nachdem er sich aufgrund einer falschen Behandlung in der Therapie auch noch das Bein brach, ermöglichten ihm seine Eltern, die Rehabilitation in Deutschland fortzusetzen. Während der dreijährigen Reha-Zeit in Hannover konnte er nicht zur Schule gehen und hatte keinen Kontakt zu Gleichaltrigen. Außerdem war die Abhängigkeit von seiner Mutter ein großes Problem für ihn: „Ich begriff, dass ich Rollifahrer bin und immer auf die Hilfe meiner Mutter angewiesen sein würde. Egal, was ich tat, sie musste mir bei allem helfen. Es war schwer, damit umzugehen. Zudem waren meine Ziele und Träume futsch. Ich sah nur schwarz.“

Doch mit der Zeit fasste er neuen Lebensmut. Nicht zuletzt dank seiner Therapeutin und eines älteren Ehepaars, das er in Deutschland kennengelernt hatte. Auf gemeinsamen Reisen versuchte das Paar ihn abzulenken. Allmählich gelang es Alhakim, sich damit abzufinden, nicht mehr laufen zu können: „Mir wurde klar, dass sich an meiner Situation nichts ändern wird. Es gab keinen Weg zurück in die Vergangenheit. Ich musste meinen Körper trainieren, um mit der neuen Situation so gut wie möglich zurechtzukommen. Plötzlich hatte die Depression ein Ende, denn ich wusste, wohin die Reise gehen würde.“

 

Der Elefant im Raum

Nach der Rehabilitation kehrte er schließlich mit gestärktem Selbstbewusstsein nach Damaskus zurück. Dort holte er innerhalb weniger Monate den Lernstoff der siebten, achten und neunten Klasse nach und legte eine Prüfung ab, die es ihm ermöglichte, die Schule fortzusetzen. Auch wenn Alhakims Erkrankung, der Eingriff und die daraus resultierende Behinderung seine gesamte Familie vor große Herausforderungen stellte, konnte er sich immer auf seine Eltern verlassen. Das war zur damaligen Zeit in Syrien keine Selbstverständlichkeit.

Alhakim erzählt, dass er in der Stadt nur ganz selten anderen Kindern mit einer Behinderung begegnete. Viele Familien schämten sich für sie und hielten sie versteckt. Aber sein Vater war stets bemüht, ihm Stärke zu vermitteln und das Gefühl zu geben, alles erreichen zu können. Mit einem Lächeln spricht Alhakim über seinen inzwischen verstorbenen Vater: „Ich war ständig der große Elefant im Raum, egal wo ich hinkam. Aber mein Vater hat jedes Mal frech reagiert und die Leute direkt gefragt, warum sie mich anstarren.“

 

Neue Chancen in Deutschland

Nach dem Schulabschluss wollte Alhakim, der aus einer Akademikerfamilie stammt, unbedingt Informatik studieren. Die nächstgelegene barrierefreie Universität befand sich jedoch außerhalb von Damaskus. Die Situation in Syrien war außerdem aufgrund des Krieges sehr unsicher. Deshalb entschied er sich für ein Studium im Ausland. Er weihte vorerst nur seinen Vater und seinen Bruder in die Pläne ein. Alhakims Wahl fiel ausgerechnet auf Deutschland als Studienort, weil ihm die Mentalität gefiel. Außerdem verband er viele positive Erinnerungen mit dem Land. Und das, obwohl ihm hier das Laufen genommen wurde.

Sein Vater war zunächst schockiert. Er willigte aber ein, seine Zustimmung zu geben, wenn Alhakim unter Beweis stellte, dass er seinen Alltag allein ohne die Hilfe seiner Mutter meistern könne. Als er sich bereit fühlte, stellte der Vater seine Frau vor vollendete Tatsachen und setzte die Interessen von Alhakim ohne Diskussion durch. Rückblickend empfindet es Alhakim als falsch, wie seine Mutter behandelt wurde: „Ich bin eigentlich ein Feminist. Ich bin ein Fan davon, offen über alles zu sprechen und nicht zu sagen: Das ist meine Meinung und es wird getan, was ich für richtig halte. In der damaligen Situation kann ich das allerdings gut verstehen und nachvollziehen.“

 

„Ich kann nicht frei sein, wenn ich nicht selbständig bin“

Ende 2013 kam Alhakim schließlich mit einem Studierendenvisum nach Hannover. Die ersten drei Monate lebte er bei dem älteren Ehepaar, das er schon während seiner Reha-Zeit kennengelernt hatte. Danach zog er in eine eigene Wohnung. Nach dem Besuch der Sprachschule erhielt er einen Platz am Studienkolleg der Technischen Universität in Berlin. Inzwischen hat er seinen Bachelor in Medieninformatik an der Berliner Hochschule für Technik erworben. Jetzt steht er kurz vor dem Abschluss des Masterstudiums.

Seine mit einem Leben in Deutschland verbundenen Hoffnungen haben sich für Alhakim voll erfüllt: „Hier fühle ich mich frei und das hat mir in Syrien gefehlt. Mit Freiheit meine ich nicht nur in politischer Hinsicht, sondern, dass ich allein von A nach B gelangen kann, ohne auf Hilfe angewiesen zu sein.“ Den Zusammenhang zwischen Freiheit und Unabhängigkeit beschreibt er so: „Ich versuche immer selbstbestimmt und selbständig zu sein. Und das hat viel mit Freiheit zu tun. Denn ich kann nicht frei sein, wenn ich nicht selbständig bin.“ Das Gefühl der Freiheit assoziiert er auch stark mit Sport und ist deshalb mehrmals pro Woche beim Krafttraining im Fitnessstudio anzutreffen.

 

Erfahrungsaustausch im Ehrenamt

Bald nach seiner Ankunft in Deutschland stand für Alhakim fest, dass er sich ehrenamtlich engagieren möchte: „Ich habe mich viel mit der deutschen Geschichte beschäftigt. Deutschland konnte nur durch freiwillige Helfer*innen wiederaufgebaut werden. Ehrenamtliche Arbeit ist sehr wertvoll und deshalb war und ist es mir wichtig, etwas zurückzugeben.“ 2016 gründete er zusammen mit einigen Kommiliton*innen den Verein Make it German e. V., in dem er bis zu seinem Austritt im Jahr 2019 als Vorsitzender aktiv war. Außerdem ist er seit sechs Jahren als Ehrenamtlicher bei der Otto Benecke Stiftung e. V. tätig. Bei beiden Organisationen geht es darum, Geflüchtete und Migrant*innen möglichst in ihrer Muttersprache zu beraten. Sie sollen mit Informationen versorgt und über ihre Rechte und Pflichten aufgeklärt werden. Ziel ist es, ihnen den Einstieg ins Studium, in die Ausbildung oder ins Berufsleben zu erleichtern.

 

Integration ist eine Einbahnstraße

Als Zugewanderter weiß Alhakim wovon er spricht. Schließlich hat er viele der Hürden am eigenen Leib erlebt und verfügt somit über einen umfangreichen Erfahrungsschatz. Das schafft Vertrauen. Laut Alhakim können vor allem drei Faktoren den Einstieg in Deutschland vereinfachen: mehrsprachige Beratungsstellen, gut strukturierte Informationen und ein Erfahrungsaustausch zwischen denjenigen, die schon länger hier sind, und den Angekommenen. Während Deutschland bei Alhakims Ankunft diesbezüglich noch schlecht aufgestellt war, ist das heute seiner Meinung nach anders.

Als problematisch empfindet er dagegen nach wie vor die Erwartungshaltung der Gesellschaft gegenüber Geflüchteten und Migrant*innen: „Ich bin kein großer Fan des Wortes Integration, sondern eher ein Befürworter des Wortes Inklusion. Ich will nicht in einer integrierten Gesellschaft leben, denn Integration ist eine Einbahnstraße. Inklusion wiederum bedeutet Akzeptanz, Respekt und Begegnung auf Augenhöhe von verschiedenen Seiten. Das heißt, ich respektiere die Menschen so, wie sie sind, und erwarte, dass ich auf dieselbe Weise respektiert werde.“ Ein gesünderes Miteinander hält Alhakim aber nur für möglich, wenn von staatlicher Seite mehr auf die Einhaltung des Antidiskrimierungsgesetzes beharrt werden würde.

 

Ein Netzwerk für Geflüchtete und Migrant*innen mit Behinderung

Darüber hinaus engagiert sich Alhakim als Aktivist bei „Empowerment Now“, ein Projekt, das vor zwei Jahren von der Organisation Handicap International ins Leben gerufen wurde. Bei „Empowerment Now“ haben sich Geflüchtete und Migrant*innen mit einer Behinderung zusammengeschlossen, um auf die Rechte und Interessen ihrer Gruppe aufmerksam zu machen. Sie setzen sich dafür ein, dass ihre Belange systematisch mitgedacht werden. Ihre Arbeit ist vielfältig: Sie treten als Berater*innen, Expert*innen, Interessensvertreter*innen und Referent*innen auf.

Laut Alhakim ist dieses Programm deutschlandweit einmalig: „Es gibt keine andere Organisation, die sich für Menschen mit beiden Merkmalen stark macht, dabei sind gerade diese Personen in mehrfacher Hinsicht benachteiligt.“ Langfristig hofft er jedoch, dass es nicht mehr nötig sein wird, Geflüchtete und Migrant*innen mit einer Behinderung separat zu betrachten, da er diese Sichtweise für wenig inklusiv hält.

 

Diversität endet oft nach der Stellenausschreibung

In Sachen Inklusion befindet sich Deutschland insgesamt auf einem guten Weg. Dennoch sieht Alhakim noch Handlungsbedarf: „Politisch gesehen ist immer von einer Empfehlung die Rede und nicht von einer Verpflichtung. Es gibt nach wie vor Orte, die nicht barrierefrei sind. Wir brauchen einen Push, damit man wirklich überall mit einem Rollstuhl reinkommt. Ich will nicht mehr darüber nachdenken müssen, weniger zu trinken, weil ein Ort vielleicht keine barrierefreie Toilette hat.“

Alhakim beklagt, dass Menschen mit Behinderung oft an letzter Stelle stehen oder gar nicht berücksichtigt werden, wenn es um das Thema Vielfalt geht. Als Beispiel führt er den Arbeitsmarkt an: In vielen Stellenausschreibungen wird Diversität ausdrücklich begrüßt, obwohl das Firmengebäude in Wirklichkeit gar nicht barrierefrei ist. Barrierefreiheit und Teilhabe sind jedoch wichtige Voraussetzungen für Inklusion.

 

Kommunikation auf Augenhöhe zum Abbau von Klischée

Alhakim wünscht sich eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Damit das gelingen kann, ist eine „offene und direkte Kommunikation mit Feingefühl“ entscheidend, an der beide Seiten mitwirken müssen. Nur so können Vorurteile abgebaut und ein Verständnis dafür geschaffen werden, dass nicht alle Menschen mit einer Behinderung automatisch gleich sind und dieselben Bedürfnisse haben.

Am meisten macht Alhakim folgendes Klischée zu schaffen: „Bei Menschen mit Behinderung geht man in der Regel nur davon aus, sie seien Hartz-IV-Empfänger. Und wenn sie arbeiten, dann in Werkstätten. Ich selbst werde oft unterschätzt hinsichtlich meines Potentials und meiner Qualifikationen. Die Erwartungen belaufen sich auf ein Minimum. Ich muss dann immer aktiv dagegen aufklären. Meines Erachtens kommen diese Pauschalisierungen durch Unklarheiten und mangelnde Berührungspunkte zustande.“

 

Die Zitrone will ausgepresst werden

Alhakim träumt davon, eines Tages nicht mehr auf seinen Rollstuhl reduziert, sondern vor allem als Informatiker und Ingenieur wahrgenommen zu werden. Nach dem Ende seines Masterstudiums könnte er sich vorstellen, als Freelancer zu arbeiten, vielleicht sogar im Ausland: „Ich bin kein Baum. Das heißt, ich kann mich überall hinbewegen.“ Sein Wunsch, die Welt zu bereisen und die Menschen verstehen zu lernen, ist enorm. Herausforderungen, die ihn blockieren würden, gibt es inzwischen nicht mehr. Insbesondere seit Alhakim deutscher Staatsbürger ist. Stattdessen hat er eine kaum zu bändigende Lebensfreude: „Ich sage immer, das Leben ist wie eine Zitrone. Und ich bin fest entschlossen, sie bis zum allerletzten Tropfen auszupressen.“

Ajda Omrani
Ajda hat einen Master in Medienwissenschaft der TU Berlin und arbeitet seit 2018 in einer Event- und Kommunikationsagentur. Sie reist viel, würde am liebsten die ganze Welt erkunden. Ihre zweite Leidenschaft ist Schreiben. Bei Kohero unterstützt sie Menschen mit Fluchtgeschichte beim Schreiben.

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Ajda Omrani
Ajda hat einen Master in Medienwissenschaft der TU Berlin und arbeitet seit 2018 in einer Event- und Kommunikationsagentur. Sie reist viel, würde am liebsten die ganze Welt erkunden. Ihre zweite Leidenschaft ist Schreiben. Bei Kohero unterstützt sie Menschen mit Fluchtgeschichte beim Schreiben.

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