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Zum Internationalen Kinderbuchtag: Bilder erzählen in allen Sprachen der Welt.

Lampedusa – die Insel im Mittelmeer war und ist für Menschen auf der Flucht, darunter viele Kinder, eine Zwischenstation. Kein Ort zum Bleiben. Kein Ort, an dem sich das Gefühl von Vertrautheit und Orientierung leicht einstellen kann. Hier mischen sich viele Sprachen, viele Schicksale, Hoffnungen, Träume und Trauer.

Fotograf: Susanne Brandt

Durch Bücher können Kinder auf der Durchreise Ruhe und Respekt erfahren

Mittendrin gibt es seit einigen Jahren einen besonderen Ort, einen stillen Ort für Bücher, „….eine Bibliothek für die Kinder der Insel, so dass sie lernen können, von ihren Erfahrungen zwischen Horizont und Grenze zu erzählen – für Kinder, die nur auf der Durchreise sind, damit Lampedusa mehr für sie werden kann als nur eine Zwischenstation auf ihrer Reise. Denn durch Bücher können wir daran mitwirken, dass sich Menschen willkommen fühlen, Respekt und Teilhabe erfahren.“ – so beschrieb Giusi Nicolini, ehemalige Bürgermeisterin von Lampedusa und Linosa, das Anliegen der „Stillen Bücherei“ auf dieser Insel.

„Stille Bücher“ – das sind Bilderbücher ohne gedruckte Worte, die jedem Menschen allein mit ihren Bildern etwas erzählen können. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand lesen kann oder nicht. Lernen als Leistung und Forderung – das steht hier nicht im Vordergrund. Die Gedanken und Geschichten, die zu den Bildern im eigenen Kopf entstehen, formen sich in der jeweils vertrauten Sprache der Menschen. Manche finden hier einen Moment der Ruhe. Inmitten all der Verunsicherungen und Belastungen einer Flucht rühren die „stillen Bücher“ persönliche Gefühle und Erinnerungen an.

Die Träume der Kinder finden für Momente ein Zuhause

Manchmal können die Bilderbücher ohne Worte eine Vergewisserung bewirken. Denn sie geben den Träumen der Kinder in der Fantasie ein sicheres Zuhause. Ein erster Schritt zur Krisenbewältigung? Vielleicht. Das lässt sich von außen schwer beurteilen. Hoffen lässt sich jedoch, dass Menschen – und ganz besonders Kinder – beim Blättern und Schauen nach der erlittenen Not durch Krieg und Flucht hier eine spürbare  Entspannung erfahren. Ihre Fantasie wird neu belebt und kann zur Stärkung für den weiteren Weg werden. Sie träumen sich hinein in Bilderwelten. Vielleicht können manche dabei Vertrautes wiedererkennen oder sich einfach an überraschenden Gedanken freuen. Vielleicht können sie etwas entdecken, was ihrer Seele Entlastung und Wohlbefinden schenkt.

Auch wenn Bücher in einer so belastenden Situation vielleicht keine Wunder bewirken – sie bleiben nicht wirkungslos: Für eine Weile wecken sie die Lust am Staunen und Wundern – gerade dort, wo der Alltag wenig Raum lässt, um sich in einer Atmosphäre der Geborgenheit auf tröstliche Bilder einzulassen.

„Der Traum ist das Programm des kindlichen Lebens“

Der jüdische Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak (1878-1942) wusste über die Bedeutung von Geschichten und Bücher für Kinder bereits vor rund 80 Jahren zu sagen: „Immer, wenn du ein Buch aus der Hand legst und beginnst, den Faden eigener Gedanken zu spinnen, hat das Buch sein angestrebtes Ziel erreicht.“ Und wenn Kinder dabei ins Träumen kamen, so war er überzeugt: „Der Traum ist das Programm des kindlichen Lebens“.

Zurück nach Lampedusa und zu den „stillen Büchern“, die Menschen zum Schauen, Träumen und Ruhe finden einladen – auch wenn heute deutlich weniger Flüchtlinge dort ankommen: Eine, die dieses besondere Projekt über viele Jahre auf den Weg gebracht hat, ist die Italienerin Deborah Soria von IBBY Italy („International Board on Books for Young People“). Sie kann aus eigenem Erleben eine Menge davon erzählen. Wie kürzlich in Lübeck: Ende Februar 2018 war sie dort zu Gast, um Menschen beim 1. Norddeutschen Leseförderkongress der Bücherpiraten e.V. von ihren wechselvollen Erfahrungen mit dem Projekt zu berichten: „A project, any project that is for a new community, with someone who is stranger to us, is about learning how to understand and learning how to change and then learning and understanding what moves others ad why they act in their ways, and learning respect. This takes a very organic amount of time, a very slow growing set of relationships and trust. This will change us very much and there is no coming back from change.

Die Stadtbibliothek Lübeck hat dazu eine Buchausstellung mit „Silent Books“ veranstaltet.

Weitere Informationen zu dem Bilderbuchprojekt auf Lampedusa gibt es hier:

Geschichten für geflüchtete Familien auch in deutschen Bibliotheken

Die Ideen und Erfahrungen mit den „silent books“ haben sich rumgesprochen. Inzwischen gehören auch in Deutschland vielerorts textfreie Bilderbücher aus verschiedenen Ländern – angeregt von dem Projekt in Lampedusa –  zum Angebot von Öffentlichen Bibliotheken.  So bieten z.B. die Hamburger Öffentlichen Bücherhallen dazu eine breite Auswahl an Beispielen aus aller Welt an. Gleiches gilt für zahlreiche Bibliotheken in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und anderswo.

Bildergeschichten entdecken und erzählen mit dem Kamishibai-Erzähltheater / Foto/c : Susanne Brandt

Bei den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen gibt es noch eine weitere originelle Variante, wenn es darum geht, mit Bildern und Geschichten geflüchtete Kinder zu erreichen: Unter dem Motto „Geschichten auf Rädern“ machen sich Ehrenamtliche mit einem alten Postfahrrad und einem Kamishibai-Erzähltheater auf den Weg zu Kindern und Familien aus aller Welt, um ihnen auf diese lebendige Weise Geschichten zu großformatigen Bildern zu erzählen.

Weitere Informationen zum Geschichtenfahrrad-Projekt:

Wer wissen möchte, welche „Bücher ohne Worte“ in vielen Büchereien vorhanden sind, findet hier eine Liste mit einigen Beispielen:

In englischer Sprache sind zahlreiche Anregungen für die Praxis mit textfreien Bilderbüchern hier zu finden:

Wer also das gemeinsame Betrachten und Erzählen mit textfreien Bilderbüchern einfach mal ausprobieren möchte, kann in der nächstgelegenen Bibliothek nachfragen. Dort gibt es dazu Rat, Hilfe – und vor allem eine große Auswahl an Büchern zum Ausleihen.

Susanne ist im Bibliothekswesen tätig. Bei kohero schreibt sie eigene Texte, unterstützt als Schreibtandem und arbeitet im Lektorat. „Geschichten gehören zu meinem Leben: beim Entdecken und Zuhören, beim Lesen, Schreiben und Erzählen, auf Reisen, im Garten und am Meer, im Beruf, im Gespräch mit Menschen und auch hier bei kohero.“
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Susanne ist im Bibliothekswesen tätig. Bei kohero schreibt sie eigene Texte, unterstützt als Schreibtandem und arbeitet im Lektorat. „Geschichten gehören zu meinem Leben: beim Entdecken und Zuhören, beim Lesen, Schreiben und Erzählen, auf Reisen, im Garten und am Meer, im Beruf, im Gespräch mit Menschen und auch hier bei kohero.“

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