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Willkommenskultur – Solidarität, medial konstruiert?

Dr. Tanja Evers ist Mitarbeiterin am Zentrum für Flucht und Migration der Katholischen Universität in Eichstätt. Sie ist Kommunikationswissenschaftlerin und forscht seit drei Jahren im Feld Medien und Migration – besonders zum Hintergrund, zur Gestalt und den Folgen medialer Berichterstattung zu Flucht. Mit Kohero hat sie über den medialen Umgang mit dem Narrativ der Willkommenskultur gesprochen und erklärt, welche Rolle dabei Politik und Bevölkerung spielen.

Fotograf: privat

Mit den Worten „Wir schaffen das“ prägte Altkanzlerin Angela Merkel die deutsche Willkommenskultur. Ein Narrativ, das nicht unumstritten inmitten des Diskurses um Flucht und Migration steht. Wie schön ist es, in einem Land zu leben, dessen Gesellschaft sich spätestens seit diesem Jahr eines auf die Fahne schreiben kann: Deutschland heißt alle Menschen Willkommen. Das ist schließlich in unserer Kultur verankert, oder nicht?

Selbst während der starken Fluchtmigration 2015 fand Altkanzlerin und Krisenmanagerin Angela Merkel dafür bezeichnende Worte: „Wir schaffen das.“ Und schon ein Jahrzehnt zuvor meißelte die ehemalige PDS (heute Linke) den Begriff „Willkommenskultur“ in die deutsche Identität. Geschliffen wurde er im gleichen Jahr von Berlins damaligem Innensenator Erhart Körting (SPD): „Es werden nicht alle bleiben können.“ Wie willkommen sind Geflüchtete in einer Willkommenskultur also wirklich?

Der bittere Beigeschmack von Körtings Aussage ummantelt auch heute das Narrativ der Willkommenskultur, trotz der überwältigenden Solidarität und Hilfsbereitschaft gegenüber ukrainischen Geflüchteten seit dem russischen Angriffskrieg. Solidarität wird nämlich sehr selektiv verteilt: Während wir Brücken für Menschen aus der Ukraine bauen, erfahren Geflüchtete an den belarussisch-polnischen EU-Außengrenzen brutale Push Backs. Wie passt das zusammen?

Das Konzept des Othering

Dr. Tanja Evers vom Zentrum für Flucht und Migration der Katholischen Universität Eichstätt erklärt: „Ich glaube, dass wir es dabei mit einem Konzept zu tun haben, das auch in der Migrationsforschung vielerorts angewandt wird. Es zeigt eine ganz menschliche Grundform im Umgang mit Konstruktionen von ‚Wir‘ und ‚den Anderen‘ auf. Das nennt man Othering, also die Konstruktion einer Wir-Gruppe, in der die deutsche Mehrheitsgesellschaft einer vermeintlich homogenen Kultur, die es so nicht gibt, einer Gruppe von anderen gegenübersteht, denen man dann eben andere Attribute zuschreibt.“

Das Problem: Othering kann diskriminieren, wenn die konstruierte Hierarchie zwischen den Gruppen rassistisch begründet wird. Und dass Rassismus in Deutschland ein Problem ist, belegt nicht zuletzt die jüngste Studie des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors des Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. Laut ihr glaubt fast die Hälfte der Bevölkerung an menschliche Rassen. 27 Prozent finden, dass es eine stärkere und eine schwächere Gruppe in der Gesellschaft geben muss. Willkommenskultur predigen und Rassismus leben, ist das nicht deutsche Ironie at its finest?

Willkommenskultur in den Medien

Um diese (rhetorische) Frage beantworten zu können, sollte vorab geklärt werden, was diese besagte Willkommenskultur überhaupt ist. Oft wird ihr vorgeworfen, ein politisches oder gar mediales Konstrukt zu sein. Beispielsweise fungierte das Narrativ schon 2006 als Deckmantel für einen diskriminierenden Einbürgerungstest, der die Gesinnung von Menschen, insbesondere muslimischen, abfragte. Der ehemalige Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) hatte die Diskriminierungsvorwürfe mit dem Argument abgestritten, dass doch eine Willkommenskultur im Lande herrsche. Doch hinter dem Begriff steckt mehr als ein Narrativ der deutschen Einwanderungsgeschichte.

In der Kommunikationswissenschaft handelt es sich bei Willkommenskultur um einen Frame, also ein Deutungsmuster, eine unsichtbare Brille, durch die wir blicken. Dieser Frame ist einer von vielen zum Thema Flucht, erklärt Tanja Evers. Ein prominentes Beispiel jüngster Geschichte zeichnet das Jahr 2015, in welchem sich Flucht als ein virulentes Thema durch den öffentlichen Diskurs zog. „Es gab die politische Realität der Zuwanderung, vor allem damals aus Syrien. Dabei wurde das Thema in den Medien zunächst im Rahmen des Agenda Settings Prozess aufgegriffen.“

Agenda Setting bezeichnet den Prozess, Themen in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Dabei versuche die Politik auch, Themen zu setzen. „Sie versuchen das, indem sie die Medienvertreter*innen, meist im Journalismus, davon überzeugen, dass diese Themen wichtig sind und unbedingt in die Berichterstattung gehören. Und die Journalist*innen ihrerseits entscheiden dann, was davon sie veröffentlichen und was nicht.“ Dabei stehen Medien und Politik stets in einem Verhältnis von wechselseitiger Anhängigkeit. Durch die Betonung ausgewählter Aspekte eines Themas legt der Journalismus zugleich bestimmte Deutungsangebote – Frames oder auch Narrative – nahe. 2015 wurde vor allem das Narrativ der Willkommenskultur medial besonders betont, „die sogenannte deutsche Bevölkerung präsentierte sich als gebende und willkommen heißende Nation“.

Geflüchtete als ungebändigte Flutwelle, Kriminelle und Opfer

Die anfängliche Euphorie und Bereitschaft zur Aufnahme von Geflüchteten waren jedoch nur von kurzer Dauer. Am 13. November 2015 schockierten mehrere islamistisch motivierte Terroranschläge in Paris die ganze Welt. Später bekannte sich die Terrorgruppe IS dazu.

Im deutschen Diskurs wurden Geflüchtete aus muslimisch geprägten Ländern in den Medien in der Folge zunehmend negativ abgebildet. Allein wegen ihres muslimischen Glaubens wurde ihnen eine vermeintliche Verbindung zu den Anschlägen zugeschrieben. Von Willkommenskultur keine Spur mehr, stattdessen sahen sich entlang ihrer Religion markierte Geflüchtete einer Kriminalisierung ausgesetzt.

Dabei, merkt Tanja Evers an, ist das Thema Flucht bereits seit den 1950er Jahren von negativen Narrativen geprägt. Der kriminelle Geflüchtete ist nur einer von vielen Frames, der sich auch in eindrücklichen Sprachmustern spiegelt. So stehe hinter dem Bild der „Welle“ von Geflüchteten ein konstruiertes Gefühl von Kontrollverlust angesichts propagierter Massen, die vermeintlich ins Land strömen. Wie eine ungebändigte Flutwelle also, die mit ihren Wassermassen wahre Zerstörungskräfte hat.

Positive Frames zum Thema Flucht

Doch ist ja nicht gleich alles schlecht – so gibt es auch einige positiv konnotierte Frames im Zusammenhang mit Flucht. In Verbindung zur Willkommenskultur steht zum Beispiel der Frame der „Nützlichen oder integrationswilligen Geflüchteten“. Diese seien jedoch klar mit Blick auf die aufnehmende Gesellschaft konstruiert, erklärt Evers. Inwiefern können Geflüchtete dem Land einen Mehrwert bringen, zum Beispiel als migrantische Arbeitskraft? „Es scheint, als sei die Akzeptanz von Geflüchteten an besondere Leistungen für die Gesellschaft geknüpft.“, erklärt die Journalistin und Kommunikationswissenschaftlerin.

Problematisch seien jedoch sowohl negative als auch positive Frames. Denn in ihnen werden Geflüchtete immer nur passiv dargestellt – man spricht über sie statt mit ihnen. Sie selbst haben selten Handlungsmacht oder eine eigene Stimme, so Evers. „Auch wenn man oft den Eindruck hat, Willkommenskultur sei ein gutes Narrativ – und das möchte ich nicht kleinreden – würde ich zumindest fragen wollen, ob es denn tatsächlich ausschließlich gewinnbringend ist. Schließlich ist automatisch schon mitgedacht, dass die aufnehmende Bevölkerung eine übergeordnete Position hat und ihr gegenüber dann die Geflüchteten als die Schutzsuchenden, die Opfer, die hoffentlich Dankbaren konstruiert werden.“

Gesellschaft und Medien im Aushandlungsprozess

Und da sind sie wieder, die Stärkeren und die Schwächeren, die Willkommenheißenden und die Opfer. Tanja Evers rät jedoch dazu, die Frage nach rassistischen Strukturen in der Bevölkerung ein Stück weit von medialen Narrativen zum Thema Flucht zu entkoppeln. Vielmehr könne das Problem, dass wir es mit rassistischen Strukturen in der Gesellschaft zu tun haben, auch neben einer Willkommenskultur stehen. „Diese Schwierigkeit spiegelt vor allem eine Komplexität von Einstellungen wider. Und das ist im Grunde ein ständiges Wechselspiel, welches von Medien begleitet, aber nicht unbedingt instrumentalisiert wird.“

Neben Studien, die Rassismus in der Gesellschaft belegen, gibt es – Stichwort Vielfalt an Einstellungen – auch Studien wie die der Bertelsmann Stiftung, die eine zunehmend positive Haltung gegenüber Einwanderung belegt. Auch, wenn diese sich oft auf den Nutzen der Geflüchteten bezieht. Das Engagement für Geflüchtete aus der Ukraine belegt zusätzlich die Solidarität der deutschen Bevölkerung. Auch, wenn dabei oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Die Kommunikationswissenschaftlerin Tanja Evers sieht die Rolle der Medien als Teil dieses großen Aushandlungsprozess. „Man versucht, dem Bevölkerungs- und Meinungsklima zu folgen und im besten Fall einen kritischen Gegenpol zu setzen. Wenn die Medien das Gefühl haben, es brauche zum Beispiel eine Solidarität mit Geflüchteten, könnte man das als proaktiven Versuch sehen, Solidarität zu stiften.“

Eine postmigrantische Gesellschaft

Willkommenskultur als Frame kann also gleichzeitig hierarchisierend und fordernd wie auch solidarisch sein. Im Diskurs um Flucht ist sie sicherlich ein essenzieller Frame, der in wechselseitigem Verhältnis zu Politik und Bevölkerung steht. Aber wie steht es um die Zukunft der Willkommenskultur? Dr. Tanja Evers möchte Gesellschaft gerne als postmigrantisch verstehen. „Also als eine Gesellschaft, die bereits so stark von Migration durchdrungen ist, dass man gar nicht mehr davon sprechen kann, dass es eine Willkommenskultur gibt, die Menschen integrieren muss. Sondern dass ohnehin eine hoch plurale Gesellschaft vorherrscht.“

Chiara Bachels
Chiara hat Mehrsprachige Kommunikation in Köln und Aix-en-Provence studiert. Ihre Interessen Kunst und Kultur teilt sie am liebsten in Wort und Schrift: „Toleranz und Sensibilität für andere Kulturen rücken im Zusammenleben viel zu oft in den Hintergrund. Kohero bietet den Raum für eine Auseinandersetzung damit“

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Chiara Bachels
Chiara hat Mehrsprachige Kommunikation in Köln und Aix-en-Provence studiert. Ihre Interessen Kunst und Kultur teilt sie am liebsten in Wort und Schrift: „Toleranz und Sensibilität für andere Kulturen rücken im Zusammenleben viel zu oft in den Hintergrund. Kohero bietet den Raum für eine Auseinandersetzung damit“

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