Warum ich meine Heimat Iran verlassen habe

In den deutschen Medien und der Öffentlichkeit wird wenig über den Iran gesprochen, findet Vahid. Er erzählt, warum er seine Heimat verlassen hat, damit die Menschen die Gründe seiner Flucht besser verstehen.

Fotograf: Mohammad Reza Domiri Ganji. Das Grabmal des Kyros II.

„Die Adamskinder sind ja Glieder eines Körpers,
denn von der Schöpfung sind sie alle von einer Essenz.
Brächte jedoch das Schicksal ein Glied zum Schmerzen,
andere Glieder könnten sich nicht zur Ruhe setzen.
Bist du über die Leiden anderer Menschen sorglos,
so kann man dich nicht als Mensch bezeichnen bloß.“

 Gedicht von Saadi Shirazi übersetzt aus dem Persischen ins Deutsche von Ali Ghazanfari

Ich bin Vahid, 39 Jahre alt und ich komme aus dem Iran. Seit ungefähr drei Jahren lebe ich in Deutschland. Viele Menschen in Deutschland wissen sehr wenig über den Iran und fragen mich, warum ich mein Heimatland verlassen habe. Ich denke, das liegt unter anderem daran, dass in den deutschen Medien und der Öffentlichkeit sehr wenig über den Iran gesprochen wird. In diesem Text möchte ich gerne etwas über meine Heimat erzählen, damit du die Gründe meiner Flucht besser verstehen kannst. Du solltest wissen, dass ich im Rahmen dieses Artikels nur an der Oberfläche kratzen kann. Aber vielleicht kann es ein Anstoß sein, dich mehr mit dem Iran zu beschäftigen.

Korruption

Es gibt viele Gründe, warum ich meine Heimat, den Iran, verlassen habe. Die Liste ist sehr lang. Ganz vorne steht für mich die korrupte Regierung. Korruption findet im Iran auf höchster Regierungsebene statt und ich könnte tausende Beispiele dafür nennen.

Ein aktueller Fall betrifft den Leistungssportler Navid Afkari. Dieser wurde ohne ordnungsgemäßen Prozess, nachdem er während der Proteste im Iran 2018 verhaftet wurde, am 12. September 2020 erhängt. In den Demonstrationen ging es um die explodierenden Benzin- und Lebensmittelpreise und die Korruption im Staatsapparat. Afkari wird beschuldigt, während der Proteste ein Mitglied der Basidsch-Milizen erstochen zu haben. Für diesen Vorwurf existieren keine Beweise und Menschenrechtsorganisationen sagen, das Geständnis sei unter Folter erzwungen worden. Afkari ist kein Einzelfall. Er zeigt dir aber stellvertretend für viele weitere Menschen, wie die Regierung Angst verbreitet und Proteste gewaltsam unterdrückt.

Staatlich kontrollierte Medien

Ein weiteres Beispiel für Korruption in diesem Zusammenhang sind die staatlich kontrollierten Medien. Diese berichteten fälschlicherweise von lediglich 9 Menschen, die ihr Leben bei den Protesten von 2018 verloren. Amnesty International berichtete am 29. November, die Zahl der Todesopfer liege bei mindestens 161.

Menschenrechtsorganisationen gehen jedoch von mehr als 400 Tötungen aus. Die ausländischen Medien berichteten nicht genug über dieses wichtige Thema und dieses öffentliche Massaker am iranischen Volk durch das iranische Regime. Dies zeigt auch, wie schwer es ist, gesicherte Informationen aus öffentlichen Kanälen über die Situation im Iran zu bekommen. The France 24 Observers hat durch die Analyse vieler Videos von Augenzeug*innen versucht die Geschehnisse und Tötungen bei weiteren Demonstrationen im Iran im November 2019 nachzuvollziehen. Unter diesem Artikel findest du unter anderem den Link zu dem Video.

Wirtschaft

Die Öl- und Gasindustrie, Petrochemie, Kfz-Industrie sowie die Landwirtschaft und Stahlindustrie stellen die Hauptzweige der Wirtschaft Irans dar. Trotzdem hat das iranische Volk große wirtschaftliche Probleme. Zum Beispiel ist der Iran fast vollständig auf den Erdölexport angewiesen. Die Unterschiede zwischen armen und reichen Menschen sind sehr groß. Viele haben kein Geld zur Verfügung und erhalten keine finanzielle Unterstützung von der Regierung. Da die Teilnahme am Schulunterricht mit hohen privaten Kosten verbunden ist, können viele Kinder nicht zur Schule gehen. Von 5 Personen hat nur eine Person einen Arbeitsplatz.

Geschichte: König Kyros

Ich möchte dir auch zeigen, dass meine Heimat eine interessante Historie von 2500 Jahren hat, in denen es viele Könige gab: Der König Kyros, genannt König Kyros der Große, nahm den ersten Flüchtling der Welt auf. Der Name Kyros wird in der Bibel 23 Mal deutlich erwähnt. Die Vereinten Nationen erklärten 1971 den „Kyros-Zylinder“ zur ersten Menschenrechtscharta. Eine Kopie des Kyros-Zylinders wurde angefertigt und im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York ausgestellt.

Kyros könnte man als ein Symbol für die Ablehnung der islamischen Republik sehen. Deswegen ist der Name des Königs Kyros in den Lehrbüchern im Iran derzeit zensiert, so wie viele weitere Errungenschaften. Iranische Altertümer werden zerstört und es wird nichts getan um diese zu bewahren. Beispiele dafür sind Persepolis und Pasargadae. Die iranische Regierung verkauft die Kunst seit Jahren. Beispielweise kann man die Säulen von Persepolis im Louvre sehen. Das macht es für mich schwer, stolz auf meine Heimat zu sein.

Wofür sich Menschen schuldig machen

Kannst du dir vorstellen, dass sich im Iran Menschen schuldig machen, wenn sie Mitglieder eines der sozialen Netzwerke wie Facebook oder Instagram sind? Tanzen ist im Iran ein Verbrechen und iranische Christen haben nicht das Recht, in ihre Heimat zurückzureisen. Im Iran werden Muslime, die zu einem anderen Glauben konvertieren, mit lebenslanger Haft bestraft und sogar hingerichtet. Ich bin zu einem anderen Glauben konvertiert. Vielleicht kannst du jetzt ein bisschen besser verstehen, warum ich den Iran verlassen musste. Ich hoffe, dass sich die Situation ändert und eine neue Regierung es möglich macht, dass ich ohne Angst in den Iran reisen kann.

Quellen:

Meier-Walser, Reinhard, Tabatabai, Wahid A. 2019, Krisenherd Iran: Innere Entwicklung und außenpolitischer Kurs seit 2015, Aktuelle Analysen 70, München: Hanns-Seidel-Stiftung. Online verfügbar unter: https://www.hss.de/download/publications/AA_70_Krisenherd-Iran.pdf (letzter Zugriff: 22.11.20).

Amnesty International 2020, Report Iran: IRAN 2019. Online verfügbar unter:  https://www.amnesty.de/jahresbericht/2019/iran

The France 24 Observers 2019, Iran’s Hidden Slaughter‘: a video investigation. Online verfügbar unter: https://observers.france24.com/en/20191224-iran-hidden-slaughter-video-investigation-protest

Dieser Artikel entstand im Schreibtandem gemeinsam mit Jenny Fleischmann.

Vahid ist 39 Jahre alt und kommt aus dem Iran. Er hat Metallgiesserei studiert. Seine Gesundheit ist ihm wichtig, daher macht er gerne Sport und ist draußen in der Natur. Aber er raucht auch gerne und genießt das Leben, auch wenn es nicht immer einfach ist.
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