Vom IT-Bootcamp in die Arbeitswelt

Ahmad Mobayed ist vor sieben Jahren aus Syrien geflüchtet und weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Bildung für Geflüchtete auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist. Im Gespräch mit kohero stellt er als Programmleiter der Speak & Code Academy das neue Projekt vor und erläutert dessen Mehrwert für Menschen mit Fluchtgeschichte.

Fotograf: Ahmad Mobayed

 2015 kam Ahmad Mobayed aufgrund der politischen Unruhen und des Krieges in Syrien nach Deutschland. Von Anfang an stand für ihn fest, dass er unbedingt studieren wollte. Schon bald wurde sein Traum wahr: Der Besuch einer Online-Universität verschaffte ihm ein Stipendium für eine „richtige“ Hochschule. Da er aus eigener Erfahrung weiß, dass Bildung ein Schlüssel zu einem besseren Leben für Geflüchtete sein kann, wollte er selbst eine Lösung für sie anbieten.

Seit Juli dieses Jahres arbeitet er nun als Programmleiter der Speak & Code Academy an der Programmierschule le wagon in Berlin, wo Geflüchtete ab Mitte Oktober ein 6-monatiges Coding Bootcamp absolvieren können und fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden. Im Gespräch mit kohero stellt er das neue Programm vor und erläutert dessen Mehrwert für Geflüchtete.

 

Der Besuch einer Online-Universität öffnete Mobayed Türen

 

Wie kann ich mir Ihr früheres Leben in Syrien vorstellen?

Ich stamme aus einer Mittelklassefamilie im Mittelmeerraum und hatte ein ganz normales Leben. Meine Kindheit war im Großen und Ganzen ruhig. Als ich 18 war, begann die Revolution in Syrien. Von da an änderte sich alles in meinem Leben. Ich nahm an den Demonstrationen teil, weil ich mit vielen Dingen nicht einverstanden war, und dies war für mich eine Möglichkeit, meine Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen. Nach den Ereignissen in Tunesien und Ägypten schien es für viele Menschen in meinem Alter der richtige Zeitpunkt zu sein, um auf die Straße zu gehen. Aber dann musste ich das Land schnell verlassen, weil die Situation zu gefährlich wurde.

 

Der Besuch einer Online-Universität öffnete Mobayed Türen

 

Auf welchem Wege sind Sie nach Deutschland geflüchtet? Was waren für Sie die größten Herausforderungen hier in der Anfangszeit?

Ich ging zuerst in die Türkei. Damals konnte man die Grenze noch sehr leicht ohne Visum passieren. Anschließend zog ich für ein Jahr nach Zypern und dann wieder zurück in die Türkei. 2015 beschloss ich, mein Glück in Deutschland zu probieren, weil meine Familie aus dem Libanon hierhergekommen war.

Die ersten Monate waren für mich sehr stressig und ich machte mir große Sorgen. Ich war voll und ganz damit beschäftigt, alles dafür zu tun, damit ich hier bleiben konnte. Außerdem wollte ich unbedingt studieren und suchte nach passenden Lösungen. Und so begann ich, bei Kiron – Open Higher Education Online-Kurse zu belegen. Insgesamt hatte ich es leichter als andere Geflüchtete, weil ich bei meiner Familie leben konnte und nicht in einer dieser Flüchtlingsunterkünfte wohnen musste.

 

Wie haben Sie es geschafft, in Deutschland Fuß zu fassen?

Es gab einige Schlüsselfaktoren, die mir geholfen haben, mein Leben zu stabilisieren, z. B. die Anmeldung bei der offenen Hochschulplattform Kiron im Jahr 2015. Das ist eine Art digitale Universität für Geflüchtete. Ich hatte zwar meinen Schulabschluss in Syrien gemacht, aber ich hatte die Dokumente nicht dabei, als ich nach Deutschland kam. Kiron versucht, genau diese Hürde zu nehmen.

In meiner ersten Zeit in Deutschland habe ich wahrscheinlich sieben Stunden am Tag auf der Plattform verbracht und Online-Kurse besucht. Nach ein paar Monaten erhielt ich schließlich ein Stipendium vom Bard College und konnte dann an einer amerikanischen Universität in Berlin ein Bachelorstudium in Politik und Wirtschaft absolvieren. Im Master habe ich Public Policy studiert.

 

Er wollte seine eigenen Erfahrungen nutzen, um Geflüchteten zu helfen

 

Welchen Stellenwert haben Politik und Bildung in Ihrem Leben?

Beides spielt eine große Rolle. Jeder, der im Nahen Osten aufwächst, ist politisch. Man kann nicht unpolitisch sein. Meine Arbeit und die Revolution in Syrien haben mir so viel Energie und Leidenschaft für einige Themen gegeben. Als ich nach Deutschland kam, sah ich, dass eine Lösung wie Kiron, die von Menschen entwickelt wurde, die eine Veränderung herbeiführen wollten, wirklich etwas bewirken konnte. Solche innovativen Lösungen können das Leben von Menschen verbessern.

Nun mache ich das Gleiche bei le wagon. Mit dem Programm Speak & Code versuche ich im Prinzip, den Kreislauf zu wiederholen und ebenfalls eine Lösung für Ankommende zu schaffen. Nachdem ich mich intensiv mit dem Thema befasst habe, weiß ich, dass es tatsächlich ein Problem ist, Geflüchteten Zugang zu Bildung und Chancen zu ermöglichen, was an der Regierungspolitik und den Strukturen des Systems liegt. Ich bin bemüht, jeden Tag tiefer in dieses Thema einzutauchen.

 

Inwiefern können digitale Lösungen dazu beitragen, die Potenziale von Migration zu nutzen und die Lebensbedingungen von Geflüchteten und Migrant/innen zu verbessern?

Es liegt auf der Hand, dass die Bereitstellung digitaler Bildungslösungen für Geflüchtete eine große Erleichterung darstellt. Das allein reicht jedoch nicht aus. Man muss sie in der Regel mit anderen Lösungen kombinieren, um einen ganzheitlichen Kreislauf zu schaffen. Natürlich ist es immer von Vorteil, wenn eine der Lücken in diesem Kreislauf geschlossen wird. Es gibt allerdings noch andere Lücken, an die wir denken müssen. Ich bin ein großer Freund der Online-Bildung, aber wenn Menschen nur an Online-Kursen teilnehmen, die nicht mit anderen Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt verknüpft sind, dann bietet man nicht das Paket an, das die gewünschte Wirkung auf das Leben der Menschen hat.

Sie leiten in der Programmierschule le wagon seit kurzem die Speak & Code Academy. Seit wann gibt es das Programm und wie sieht Ihr Angebot für Geflüchtete aus?

Wir haben die Speak & Code Academy im Juli ins Leben gerufen und der offizielle Start soll im Oktober erfolgen. Das Programm dauert sechs Monate und geht täglich von 9.30 bis 17 Uhr. Es setzt sich aus drei Komponenten zusammen: Programmieren, Sprache und Inklusion. Die größte Komponente, das Programmieren, wird von le wagon abgedeckt und auf Englisch unterrichtet. Das gesamte Programm wird in Zusammenarbeit mit zwei anderen Unternehmen durchgeführt.

Dank Lingoda, einer Online-Sprachschule, können Geflüchtete bei uns auch Deutsch lernen. Die Deutschkurse finden dreimal pro Woche jeweils fast einen halben Tag lang statt. Die „integration class“ von Kiron stellt wiederum die dritte und kleinste Komponente dar. Dort lernen die Teilnehmenden eine Stunde pro Woche mehr über die deutsche Kultur und das gesellschaftliche Leben hier.

Der Vorteil der Speak & Code Academy besteht darin, dass sie eine Abkürzung für Ankommende bietet, die sonst einen langwierigen Prozess durchlaufen würden. Die drei Säulen erleichtern die Integration in den Arbeitsmarkt und in die Kultur. Der Deutschkurs und die „Integration Class“ sind jedoch nicht verpflichtend. Wir wollten das Programm nämlich möglichst inklusiv gestalten. Es gibt viele Geflüchtete, die seit 2015 oder 2016 hier leben und bereits Deutsch sprechen können. Ihnen geben wir die Chance, sich sechs Monate lang nur aufs Programmieren zu konzentrieren.

 

Nach dem Bootcamp sind Geflüchtete bereit für eine Junior-Stelle

 

Welche Vorteile hat die IT gegenüber anderen Bereichen, die es ermöglichen, dass Menschen in kurzer Zeit fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden können und dann tatsächlich auch einen Job finden?

Das Programm ist sehr intensiv und praxisorientiert. Die Teilnehmer/innen werden z. B. auf Webentwicklung vorbereitet und darauf, eine App von A bis Z zu erstellen. Sie erhalten die Fähigkeiten, die für eine Junior-Position als Software-Ingenieur/in oder Datenanalyst/in benötigt werden. Das Bootcamp wurde sozusagen als Antwort auf die Marktbedürfnisse und den Mangel an jungen Fachkräften in der IT-Branche entwickelt.

Der Vorteil des Programms ist seine kurze Dauer. Außerdem muss man nicht unbedingt Informatiker/in oder Mathematiker/in sein, sondern es haben sich Menschen aus allen erdenklichen Bereichen, u. a. aus der Kunst- und Literaturszene, bei uns gemeldet, die einen anderen Berufsweg einschlagen wollen. Absolvent/innen dieser Ausbildung können sofort nach ihrem Abschluss eine Stelle antreten.

 

Wie sind die Programmierkurse aufgebaut und welche Programmiersprachen lernen die Teilnehmenden?

Es ist geplant, dass die Dozent/innen vormittags Vorlesungen abhalten. Im Anschluss soll praktische Arbeit folgen, d. h. den Teilnehmenden werden Aufgaben gestellt, die sie in Gruppen lösen müssen. Während der so genannten „Challenge Period“ sind die gesamte Zeit über Lehrassistent/innen anwesend, um bei Problemen zu helfen. Die Teilnehmenden lernen JavaScript, Ruby on Rails, SQL, die Grundlagen von HTML sowie UX- und UI-Design.

 

 

Die Hürden für den Bildungsgutschein sind ein Problem

 

 

Erhalten Geflüchtete Unterstützung, um die Kosten des Programms zu stemmen?

Im Moment ist der Bildungsgutschein die einzige Möglichkeit. Wir können Geflüchtete nur ermutigen, ihn zu beantragen, denn dadurch werden die Kosten von der Bundesagentur für Arbeit getragen. Allerdings ist es nicht immer einfach, den Bildungsgutschein zu erlangen. Für einige, die bereits eine Weiterbildung absolviert haben oder bisher keinen Bezug zu dem Thema haben, kann es schwierig werden. Die Bewilligung hängt vom jeweiligen Jobvermittelnden ab.

Aber alles in allem haben wir eine gute Anzahl von Menschen, die über den Bildungsgutschein zu uns kommen. Derzeit arbeiten wir noch an einer zweiten Finanzierungsmöglichkeit. Wir verhandeln gerade mit einem unserer Partner, dass er erst einmal die Kosten für all diejenigen übernimmt, die keinen Anspruch auf den Bildungsgutschein haben. Wenn die Teilnehmenden den Kurs beendet und einen Job gefunden haben, zahlen sie dann den Betrag zurück an den Partner.

 

Wie sorgen Sie dafür, dass Geflüchtete von Ihrem Angebot erfahren?

Ich arbeite schon seit einigen Jahren in der Tech-Branche, insbesondere für marginalisierte Menschen, und ich habe ein großes Netzwerk von Organisationen, die Zugang zu Geflüchteten in Deutschland haben. Das Gleiche gilt für Kiron. Wir aktivieren im Grunde unser Netzwerk, um die Speak & Code Academy bekannt zu machen und Teilnehmende an Bord zu holen. Aber auf lange Sicht werden wir das natürlich anders handhaben.

Leider lohnt es sich derzeit nicht, an Flüchtlingsunterkünfte heranzutreten. Ein Problem ist, dass Geflüchtete, die seit kurzem in Deutschland leben, keinen Anspruch auf einen Bildungsgutschein haben, weil sie Deutsch lernen und deshalb den Integrationskurs besuchen müssen, der vom BAMF finanziert wird. Während dieser Zeit dürfen sie keine anderen Mittel erhalten. Wir müssen also in der Regel warten, bis diese Menschen den Integrationskurs beendet haben und erst dann könnten sie bei der Speak & Code Academy mitmachen.

 

 

Ein wachstumsorientiertes Umfeld

 

 

Können Geflüchtete aus Ihrer Sicht eine Lösung für den Fachkräftemangel in Deutschland sein?

Warum nicht? Wichtig ist, und dafür setze ich mich auch persönlich ein, ein wachstumsorientiertes Umfeld für die Ankommenden zu schaffen, damit sie Lösungen und keine Probleme darstellen. Es ist durchaus machbar, diesen qualifizierten Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Fähigkeiten so einzusetzen, dass sie den Bedürfnissen der Gesellschaft und der Wirtschaft entsprechen. Wir wissen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, und das wird es wahrscheinlich noch lange bleiben.

Ajda Omrani
Ajda hat einen Master in Medienwissenschaft der TU Berlin und arbeitet seit 2018 in einer Event- und Kommunikationsagentur. Sie reist viel, würde am liebsten die ganze Welt erkunden. Ihre zweite Leidenschaft ist Schreiben. Bei Kohero unterstützt sie Menschen mit Fluchtgeschichte beim Schreiben.

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Ajda Omrani
Ajda hat einen Master in Medienwissenschaft der TU Berlin und arbeitet seit 2018 in einer Event- und Kommunikationsagentur. Sie reist viel, würde am liebsten die ganze Welt erkunden. Ihre zweite Leidenschaft ist Schreiben. Bei Kohero unterstützt sie Menschen mit Fluchtgeschichte beim Schreiben.

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