Vom Fortgehen und Zurückkehren

Der Roman "Riwan oder der Sandweg" von Ken Bugul schildert uns plastisch und lebendig eine weibliche Odyssee. Die Odyssee einer gebildeten und schönen Afrikanerin, die nach unglücklichen, unerfüllten Jahren in Europa zurückkehrt in ihr Heimatdorf.

„Riwan oder der Sandweg“
Fotograf: privat

Riwan oder der Sandweg“  – der bereits 1999 erschienene Roman von Ken Bugul mit vielen autobiographischen Sequenzen wurde den 100 einflussreichsten afrikanischen Romanen zugeordnet. Er schildert uns plastisch und lebendig eine weibliche Odyssee. Die Odyssee einer gebildeten, studierten und schönen Afrikanerin, die nach unglücklichen, unerfüllten Jahren in Europa zurückkehrt in ihr Heimatdorf. Ohne einen prall gefüllten Koffer, ohne Seide, Perlen, Colliers und Brokat. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, auf der Suche nach sich selbst, nach ihrer ureigensten Identität. Sie fühlt sich zerrissen, zerstört, zerbrochen. Der westliche Lebensstil, die Anforderungen eines modernen Lebens mit stark feministischer Prägnanz haben sie ausgehöhlt.

Ein komplexer Roman mit diversen Ebenen: die moderne, studierte Frau, die es nach Europa zieht und ihre Rückkehr. Die spirituelle Welt der Muradiya, einer senegalesischen Sufi-Bruderschaft. Das polygame traditionelle Frauenleben Afrikas im Gegensatz zu moderner westlicher Emanzipation mit feministischen Untertönen. Die senegalesischen Traditionen mit ihrer strikten Struktur und Hierarchie, die einengen mögen, aber auch Geborgenheit und Sicherheit geben. Immer wieder unterbrochen von gesellschaftskritischen Aussagen und politischen Protestnoten, die wie Werbeslogans, fast wie im Stakkato, eingestreut sind, so dass der gesamte Text dadurch rhythmisch und lebendiger wird.

Endlich die weiße Maske auf schwarzer Haut abgelegt

Wir verfolgen die Häutung der jungen Frau, die endlich ihre „weiße Maske auf schwarzer Haut“ (Frantz Fanon) als Fremdkörper empfindet und ablegt. Die in ihr Heimatdorf als Zufluchtsort zurückkehrt mit der Alternative: leben oder sterben. Und sie findet langsam den Weg, ihren Sandweg, zurück zu sich selbst. Sie lernt die Traditionen kennen und schätzen ohne ihren kritisch- intellektuellen Blick, in Europa geschärft, dabei zu verlieren.

Für den Serigne, den Kalifen der Muradiya-Gemeinde, empfindet sie Hochachtung. In ihm findet sie einen Vertrauten, einen Freund, mit dem sie über alles debattieren, sich mit ihm von gleich zu gleich austauschen kann.
Alles ändert sich, als der Serigne sie zur Frau erwählt, zur 28. Ehefrau seines Anwesens, seines Lebens. Zum ersten Mal empfindet sie Liebe, Liebe gepaart mit Sanftmut und Zärtlichkeit in stillem Einvernehmen. Diese Liebe, diese Zuneigung, dieses Vertrauen lösen einen Heilungsprozess in ihr aus und sie bleibt dem Serigne über Jahre engst verbunden.

Wir erfahren in diesem Roman viel über das Äußere und das Innere des Muriden-Kalifats sowie über die Position und Wirkungsfelder des Serigne. Einem Mann mit einer Aura der Güte, des Wissens, des Scharfsinns, der Weisheit und der Freigiebigkeit. Er verkörperte ein Ganzes. Die Ich-Erzählerin erlebte eine ganz neue Art von Sinnlichkeit, von Liebe und auch von Lust. Die manipulativen Spiele der Wolllust und der Stellungswechsel kamen hier nicht zum Einsatz

Eine ganz andere Sichtweise auf das Leben und die Liebe

Sokhna-Si singt nicht das Lied der Polygamie. Aber sie setzt diese gegen die Aushöhlung westlicher Liebes- und Lebensprinzipien, früher einmal mit romantischer Konnotierung, heute eher ein Optimierungsprozess, ein Leistungsprinzip. Und betont immer wieder eine ganz andere Sichtweise auf das Leben und die Liebe. Der Serigne war für sie und ihre Mitfrauen der Mann, aber er war nicht ihr Leben. Und natürlich hatte diese afrikanische Frauengemeinschaft nichts mit den westlichen Vorstellungen eines üppigen orientalischen Harems gemeinsam. Es gab keine Rivalität. Das Gesetz hieß: füge dich dem Willen deines Ehemannes, sei unterwürfig. Aber natürlich gab es auch in diesem Vielfrauen-Haushalt Eifersucht, die aber gemeinsam mit Ritualen wie dem Xaxar-Ritual, gebändigt wurde. In traditionellen Gesellschaften gibt es strikte Regeln, um die Menschen zu schützen und vor Verfehlungen zu bewahren. Traditionen, die bei uns meist nur noch Folklore sind. Wobei es doch wichtig wäre, eine Balance zwischen Tradition und Moderne zu finden.

Als der Serigne sich nach Jahren eine neue Frau nimmt, ein blutjunges Mädchen, geht die Ich- Erzählerin ihren eigenen Weg. Sie ist jetzt stark genug und hat sich selbst gefunden. Sie beginnt zu schreiben. „Ich war zu der geworden, die ich war“. Emanzipiert von den falschen Verlockungen und Verführungen des Westens. Fernab vom westlichen Feminismus, der einfach nur eine weitere – ismus-Schublade war. Von privilegierten Frauen für privilegierte Frauen.

„Ich war im Einklang mit mir und meiner Umwelt“

Eingebettet in die soziologischen, religiösen, psychologischen und philosophischen Facetten sind die starken Kurzporträts der Frauen Bousso Niang. Sohkna Mama Faye. Rama. Nabou Samb. Djagua Sylla. Und das Portrait von Riwan, der nicht redete, nicht lachte, nicht weinte, nur den Anweisungen folgte, starren Blickes. Er tat schweigend immer die gleichen Dinge. Er schlachtete und kochte, hielt das Feuer am Leben, er war nie krank. Und der als einziger Mann Zutritt zu den Frauen-Gehöften hatte. Wie konnte Riwan all den Frauen und ihren ihn umschmeichelnden Düften widerstehen?

Immer wieder Einsprengsel von sozialkritischen und politischen Statements, das Hinterfragen der afrikanischen Gesellschaft, der modernen Gesellschaft dort und anderswo. Und auch zu dem ganz anderen Frauenbild: die Frau nicht nur ein Konsumobjekt, sondern ein Kernelement des Lebens. Die Autorin setzt sich auch mit der Rolle der Jungfräulichkeit auseinander, diesem „roten Fleck“ der Tugend und der Ehre, der eine ganze Familie, einen ganzen Clan ins Unglück stürzen kann.

Ken Bugul entführt uns mit ihrem Roman in zwei Welten, in eine traditionelle afrikanische und eine moderne westliche. Und für mich klingt durchaus die Frage auf: Welche ist die bessere? Nachzudenken, über Traditionen und Moderne, über weibliche Rollenspiele und Schicksale – dazu regt dieser Roman an. Und er führt vielleicht zu mehr Verständnis für andere Lebensarten und zu einem tieferschürfenden Hinterfragen der eigenen Situation, der persönlichen wie der allgemeinen in Europa.

Abschließend ein Satz von Fernando Pessoa: Nie eine Haremsdame gewesen zu sein.

 

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