Streit zwischen alten und neuen Geflüchteten

Wie reagieren geflüchtete Menschen, die schon vor längerer Zeit nach Deutschland gekommen sind auf die Ankunft der vielen neuen Geflüchteten aus der Ukraine? Hussam Al Zaher beleuchtet Hintergründe für die Spannungen zwischen Geflüchteten und setzt sich damit auseinander, welche Auswirkungen diese Spannungen haben könnten - und weshalb Willkommenskultur für alle gelten muss.

Geflüchteten

Am 21. September 2019 wurde ein Video auf Facebook veröffentlicht, in dem ein Journalist einer Berliner Redaktion eine Frau fragt, ob sie dafür ist, die Grenzen wieder für syrische Flüchtlinge zu öffnen, die von russischer Seite und von Assads Armee angegriffen wurden. Sie antwortete: “Natürlich bin ich nicht dafür. Ich denke dreißig Jahre zurück, ich möchte wieder entspannt leben. Jetzt ist das Leben stressig, weil so viele Menschen in die Stadt gekommen sind.” 

Man denkt wahrscheinlich, dass es sich um eine Berlinerin ohne Migrationshintergrund handelt. Oder um jemanden, der einfach keine Ausländer*innen mag. Aber es war eine libanesische Frau mit Kopftuch, die auf Arabisch, nicht auf Deutsch antwortete. Leider können wir nicht mehr erfahren, was sie genau gemeint hat, was sie genau sagen wollte. Denn der Journalist hat sie nicht gefragt. 

 

Streit zwischen ‚alten‘  und ’neuen‘ Geflüchteten

Für mich zeigt dieses kurze Interview viel über den Streit zwischen ‘alten’ und ‘neuen’ Geflüchteten, den wir jetzt im Zusammenhang mit den neuen Flüchtlingen aus der Ukraine wieder erleben. Viele Libanes*innen sind in den 80er Jahren vor dem Bürgerkrieg geflüchtet. Leider hat sich die Politik damals nicht um sie gekümmert, oder mindestens nicht so wie sie es heute tun könnte. Es gab keine staatlich bezahlten Sprachkurse, keine Starthilfen, keine Willkommens-Cafés oder Initiativen. Das Motto war: Willkommen in Deutschland, aber erwartet keine Unterstützung oder zivilgesellschaftliches Engagement. Jede*r ist für sich selbst verantwortlich.

Als dann 2014 bis 2016 die vielen syrischen Geflüchteten nach Deutschland kamen, war nicht nur ein Teil der Libanes*innen sauer, sondern auch ein Teil der Syrisch-Deutschen (Deutsch-Syrer*innen), die hier seit langer Zeit leben und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Sie wollten zur Mehrheit gehören und poistionierten sich wegen der vorherrschenden Mehrheitsmeinung ebenfalls gegen die neuen Geflüchteten. Auch wenn diese Syrer*innen sind. Deshalb hat nur ein kleiner Teil der Deutsch-Syrer*innen damals den Geflüchteten geholfen. Viele haben sich auch nur um ihre eigene Familie gekümmert, die noch in Syrien lebte. 

 

Helfer*innen der zweiten und dritten Generation

Viele Menschen mit Migrationsgeschichte haben den neuen Geflüchteten, die 2015 gekommen sind, geholfen. Aber mir ist besonders aufgefallen, dass viele der Helfer*innen mit Migrationsgeschichte aus der zweiten und dritten Generation stammten, und sehr wenige Leute aus der ersten Generation. Ich gehe davon aus, dass die erste Generation damals gegen neue Geflüchtete war. Aber die zweite und dritte Generation wollten gerne ihre Hilfe anbieten. Besonders wenn sie die gleichen Wurzeln hatten wie die Geflüchteten. Weil sie die Zugehörigkeit suchen.  

Das ist auch ein Grund, warum die Syrer*innen bis jetzt noch keine Community in Deutschland, oder wenigstens in den Bundesländern, gebildet haben. Darüber will ich in einem weiteren Artikel schreiben, insha’allah, auf Deutsch – oder richtiger zu sagen auf Bayrisch – so Gott will.

 

Willkommenskultur muss für alle gelten

Jetzt kommt die Diskussion um die ganzen neuen Geflüchteten aus der Ukraine. Und damit einher geht die hochnäsige, rassistische Unterscheidung zwischen den neuen Geflüchteten mit blauen Augen und blondem Haar und den „anderen“, die noch an der europäischen Grenze ausharren. Für sie gibt es viel Empathie und wohlwollende Berichterstattung, Unterstützung von Seiten der Unternehmen, vereinfachte Bürokratie, schönen Worte von Politiker*innen und ganz einfach die Tatsache des im Vergleich zu anderen Geflüchteten vereinfachten Lebens.

Als die damals aus dem Libanon geflüchteten Menschen gesehen haben, wie die neuen Flüchtlinge 2015 kamen und welchen Luxus sie im Vergleich zu ihnen bekommen haben, waren einige von ihnen sauer. Aber nicht auf die Politiker*innen, sondern auf die neuen Geflüchteten

Und so passiert es auch heute. Wegen der langsam aufkommenden Kritik der Geflüchteten, die zur gleichen Zeit wie ich gekommen sind gegenüber den ukrainischen Flüchtlingen.

Die Ex-Geflüchteten waren vielleicht neidisch aufeinander und auf das neue, vereinfache Leben für die  neuen Geflüchteten. Weil wir sehen, wie wir selber gelitten haben, möchten wir Anerkennung für diesen harten Weg, den wir gegangen sind, um hier ein neues Leben aufzubauen.

Aber am Ende werden wir alle verstehen, dass die Politiker*innen das Leben aller Geflüchteten vereinfachen müssen oder diese werden sich gegenseitig bekämpfen. Wegen all dieser Gründe muss die Willkommenskultur allen Geflüchteten gelten!

Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“

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