Respekt für die Ballroom-Szene

„Vogue“ wurde am Ende der 80er in der Ballroom-Szene Harlems entwickelt und ist tief in der Geschichte und Kämpfe der US Black und Lateinamerikanische LGBTIQ Communities verwurzelt. Zu diesen Tanzstil gehört eine ganze Subkultur – die Ballroom-Szene, wo die Teilnehmenden in verschiedenen Kategorien gegeneinander antreten und sich beweisen müssen. Aquileia hat im Interview über die vielfältige Welt des Ballrooms und die persönliche Bedeutung der Szene gesprochen.

Fotograf: Nilustrate

Aquileia (auch bekannt als Bellatrix Salem in der Kiki-Ballroom-Szene) entdeckte die Ballroom-Szene und „voguing“ für sich, als en 18 Jahre alt war. En wurde in Hamburg geboren, ist in Südafrika aufgewachsen und lebte 3 Jahre in Venezuela. Wegen der Arbeit enes Eltern ist en oft umgezogen. Zwischendurch kehrte en aber  nach Hamburg zurück, wo Aquileia der eigenen Leidenschaft, dem Tanzen, folgte. Als aktives Mitglied der Ballroom Szene in Hamburg, leitet Aquileia die Vogue Open Sessions im Lukulule e. V.

Erster Zugang zur Ballroom – Szene

Aquileia sitzt draußen unter der kalten Oktobersonne, als wir mit unserem Skype-Interview anfangen. Trotz der Entfernung und der typischen technischen Schwierigkeiten, ist enes Begeisterung deutlich, als en mich in die Geschichte der Ballroom-Szene einweiht.

Die Ballroom-Szene entstand in den 1920er Jahren. New Yorks Black und lateinamerikanischen LGBT Gemeinschaften kreiierten die Szene. Sie war eine direkte Reaktion auf die verschiedenen Diskriminierungsformen (Homophobie, Transphobie und Rassismus), mit denen ihre Teilnehmer*innen in ihrem täglichen Leben konfrontiert waren. Dabei ging es sowohl um Anerkennung und Respekt als auch Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Der Ballroom diente vor allem als ein Safe Space für ihre Mitglieder und bleibt nach wie vor ein Ort des Widerstands.  Im Laufe der Zeit wuchs die Szene und entwickelte sich über die Landesgrenzen hinaus. Somit brachten unter anderem die französische Vogue Tänzerinnen Lasseindra Ninja (die früher in New York lebte) und Nikki Gucci den Tanzstil nach Europa. Und damit auch die Sprache und Kultur der Szene.

Ballroom-Szene in Europa

„Die Szene hat sich danach in Europa weiter etabliert. Es gibt natürlich eine viel größere Szene in den Staaten als hier, aber hier ist die Szene auch anders als in den Staaten, weil wir hier auch andere Kategorien haben, andere Geschichten. Doch jeder hat irgendwie eine andere Verbindung zur wahren Szene.“ En erklärte mir, dass Ballroom-Szene in zwei Gruppen aufgeteilt ist: die Kiki und Major Szene. In der Kiki-Szene wird neuen Mitgliedern der Einstieg ins Ballroom erleichtert. Sie werden dabei unterstützt, Kategorien auszuprobieren, bis sie finden was sich am besten anfühlt. Die Kiki Szene ist weniger kompetitiv als die Major Szene, die im Vergleich internationaler ist und meist aus erfahrene Mietgliedern besteht.

Umzug nach Venezuela

Aquileas Zugang zur Ballroom-Szene war enes Bekanntschaft mit Dominik Lamovski (auch als „Domi Twinkle“ bekannt). Während eines Aufenthalts in Hamburg, lernte Aquilea Dominik in einem von ihm geleiteten Hip-Hop Kurs kennen. Als en nach Venezuela zog, hielten beide weiter Kontakt. En wurde durch YouTube auf Dominiks Beiträge zum Thema Vogue aufmerksam. Das Thema gewann zunehmend an Bedeutung während enes Zeit in Venezuela, als en nach einem sicheren Ort suchte, um enes Sexualität und Geschlechtsidentität zu definieren.

Dort ging en auf eine deutsche Privatschule und erinnert sich, dass in Venezuela eine konservative Atmosphäre herrschte. „Ich habe mich da eher zurückgehalten (…) und ich hatte immer irgendwie das Gefühl, ich kann mich da niemandem anvertrauen. Ich finde da keinen Zugang, keine Personen, die mich wirklich verstehen (…) auch wegen meines Genders hatte ich Schwierigkeiten, da irgendwie einen Platz zu finden“. Als en einen Beitrag vom NDR auf YouTube findet, in dem Dominik das „Haus von Laser“ vorstellt, öffnet sich für en eine Welt voller neuer Möglichkeiten: “ Da habe ich zum ersten Mal gesehen: Okay, es gibt noch was anderes!“

Hamburg und das House of Twinkle

Aquileia und enes Familie kehrten 2015 aus Venezuela nach Hamburg zurück. Kurz danach wurde en von Dominik in die Ballroom-Szene eingeführt. „Ich war damals in seinem Hip-Hop Training und er hat mich dann zum Open Vogue Training mitgenommen. Damals gab es auch nur einfache Sessions und die Ballroom-Szene war noch nicht so groß wie heute“. Als Dominik das House of Twinkle gründete, war en voller Überzeugung, als dessen erstes Mietglied dabei.

Für die Ballroom-Szene der 70er-Jahre in New York spielten die Houses (Häuser) eine wichtige Rolle. Weit über eine Tanzgruppe hinaus waren sie, historisch betrachtet, ein Zufluchtsort für Menschen, die aufgrund mangelnder Akzeptanz, Diskriminierungen oder Gewalterfahrungen ihr Zuhause verlassen mussten. Für viele bedeuteten die Houses eine Art selbst gewählte Familie und im wahrsten Sinne des Wortes ein Zuhause. Hierbei ist es Tradition, dass die Familienmitglieder den Namen ihres jeweiligen Hauses als ihren Nachnamen annehmen. Dies unterstreicht das Verständnis von Zugehörigkeit und Zusammenhalt der Houses.

Die Leiter der Houses sind die „Mothers“ und „Fathers“. Die „Mütter und Väter“ stellen sie für ihre „Kinder“ in der Regel elterliche Figuren dar, bei denen sie sich Ratschläge holen und Trost finden können. Für Aquileia war es nicht anders. „Es ist tatsächlich so, dass man in den Houses sehr enge Verbindungen zueinander hat und zusammenlebt. Das Haus ist ein Zufluchtsort, in dem man trainiert, zusammen essen geht, manchmal auch zusammenwohnt“. Dominik übernahm die Rolle als „Father“ und später kam auch eine „Mother“ hinzu. In ihr fand Aquileia eine wichtige Bezugsperson.

Im Interview erzählte en von Menschen, die en in der Szene kennenlernte und aufgrund ihrer sexuellen Orientierung von ihren Familien ausgegrenzt wurden. Auf der Suche nach einer Unterkunft fanden sie einen Zufluchtsort in der Ballroom-Szene. „Einige haben zum Beispiel Schwierigkeiten gehabt, überhaupt in ihren Familien zu bleiben. Sie haben die Menschen in den Houses, die Mütter und Väter, sozusagen als neue Bezugsperson angenommen“.

Heute ist Aquileia Mitglied des von Ray Salems gegründete House of Salem, zu das sie vor ein paar Jahren wechselte.

Voguing

„Voguing ist der Tanz und innerhalb von Vogue gibt es verschiedene Tanzstile“, betonte Aquileia. „Die drei unterschiedlichen Vogue-Stile heißen „Old Way“, „New Way“ und „Vogue Femme“. Es ist schwierig die Bewegungen und Abläufe, die Vogue ausmachen, im Text darzustellen. Noch schwieriger ist die Energie, die dabei mitschwingt, in Worte zu  fassen. Dennoch sind die Namen der Tanzstile ein guter Anhaltspunkt, denn sie kennzeichnen die Veränderung des Tanzstiles in den letzten Jahren. Den „Old way“, der Ursprungstil, kennzeichnet rigide Bewegungen, die an die Kampfkünste und Tanzschritte des Poppings, Break Dances, angelehnt sind. Der „New Way“ führte neue Elemente ein. Ergebnis waren innovative abstrakte Bewegungen, die Boxen und Linien nachahmen, und flüssigere Bewegungsabläufe.

Aquileia selbst bewegt sich im Bereich des „Vogue Femme“. „Vogue Femme ist der Stil der Drag Queens und Femme Queens (…) dieser kommt sozusagen von den Transfrauen und hat sich dann bei den cis Frauen und Butch-queen[1] in der Szene weiterverbreitet.“ Beim „Vogue Femme“ geht es vor allem um eine Betonung der weiblichen und theatralischen Bewegungen. Dadurch kann jede*r sich auf seine kreative Art feminine Charakteristika aneignen und damit Spaß haben.

Voguing ist aber nur ein Bestandteil von Ballroom-Veranstaltungen. Bei den „Balls“ treten unterschiedliche Houses oder einzelne Performer gegeneinander in verschiedenen Kategorien an. Diese sind von verschiedenen Rollenbildern inspiriert. Ob Bussiness Woman oder Königin, es geht darum, sich in diese Rollen hinein zu versetzen. Die Teilnehmer*innen haben auf der Bühne die Möglichkeit, die ausgewählte Kategorie für sich zu interpretieren. Während dieser Zeit finden sich die Teilnehmenden in einer Welt wieder, in der sie sich durch ihr Outfit und Auftreten ständig neu erfinden können.

„Realness“

Allerdings müssen sich alle, die gewinnen möchten, an bestimmte Voraussetzungen halten. Denn die Jury beurteilt jeden Auftritt nach einer bestimmten Vorstellung: wie „echt“ wirkt die Performance der weiblichen oder männlichen Rollen? Die geforderten Präsentationen sind nach wie vor an gesellschaftliche Normen und Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit gebunden. Dafür ist die Anpassung an diese Erwartungen wichtig. Die Kategorie „Realness“ (Echtheit) spiegelt das sehr stark wider. „Du musst damit rechnen, dass es hart wird, dass es viel Competition gibt und dass du viel in Schubladen reingesteckt wirst. Aber es gehört auch zur Szene, denn es ist auch eine Widerspiegelung in der Gesellschaft.“ Dennoch, so wie unsere Gesellschaft auch, befindet sich die Szene in einem ständigen Wandel. Es werden immer wieder neue Kategorien kreiert, die sich langsam von der Binarität der Geschlechter lösen.

Trotz der starren Wettbewerbsregeln, bietet die Ballroom-Bühne einen Raum, in dem Geschlechternormen hinterfragt werden und ihre Teilnehmenden sich diesen widersetzen können. Die Menschen haben hier die Möglichkeit ihre Geschlechtsidentitäten auf eine Art und Weise auszuleben, die von unserer/der Gesellschaft nicht akzeptiert oder sanktioniert wird.

Empowerment durchs Tanzen

Eine der Wettbewerbskategorien an denen Aquileia teilnimmt, ist „Sex Siren“ (Sex Sirene). In diesen Kategorien geht es um Sexappeal, Flirten und Bewegungen, die den eigenen Körper betonen. Es ist auch eine geschützte Kategorie. Damit sich alle Teilnehmenden frei und sicher fühlen können, wird oft darauf hingewiesen, dass während des Auftritts nicht gefilmt werden darf.

Aquileia erzählte, wie diese Kategorie von und für Sexarbeiter*innen und Stripper*innen erschaffen wurde. Dabei ging es darum, einen sicheren Ort zu kreieren, an dem alle Menschen, die sich als Frau identifizieren, die Möglichkeit haben, sich frei auszudrücken und ihren Körper zu präsentieren: „Darum geht es eben bei Sex Siren. Dass man sich selbst fühlt, dass man sozusagen eine sexuelle Energie ausstrahlt.“

Für Aquileia ist diese Kategorie von großer Bedeutung, denn dadurch lerne en enes Körper besser kennen und es verleiht en ein stärkeres Selbstbewusstsein. „Früher habe ich mich sehr versteckt (…) ich wurde immer auch in der Schule gemobbt, weil ich afghanisch und türkisch ausgesehen habe. In der Szene war es das erste Mal, dass ich meine Haut richtig zeigen konnte, dass ich stolz auf das sein konnte, wer ich bin und auch irgendwie meinen eigenen Körper kennenlernen konnte. Das gab mir extrem viel Energie und Freiraum“.

Bei den Competitions trifft Aquileia immer wieder auf Gleichgesinnte, die wie en um Selbstliebe ringen. Die meisten haben tatsächlich auch negative Erfahrungen gemacht, weil ihre Figuren nicht einem konventionellen, gesellschaftlichen Schönheitsideal entsprechen. In solchen Momenten rückt der persönliche Ehrgeiz in den Hintergrund. Denn die gemeinsamen Erlebnisse stärken den Sinn für die Gemeinschaft und die Solidarität zwischen den Teilnehmenden.

Die Zukunft von Vogue

Zurzeit erlebt „Voguing“ eine wachsende Popularität als eigener Tanzstil. Durch die Präsenz der Ballroom-Szene in den sozialen Netzwerken, haben viele einen Zugang gefunden. Diese zunehmende Sichtbarkeit ist auch Serien wie Pose und Legend zu verdanken, welche einen Einblick in die Welt des Ballrooms gewährt haben. Dennoch bleibt die Szene in Deutschland zum größten Teil weiter im Verborgenen.

Für Aquileia ist es wichtig, dass trotz der allgemein wachsenden Aufmerksamkeit, die Safe Spaces der Bühne im Ballroom erhalten bleiben. Denn für en bedeutet die Ballroom-Szene unter anderem ein sicherer Ort, wo jede Person sein kann was en möchte, ohne Angst vor Gewalt oder Stigmatisierung. Aquileias Meinung nach, führt die wachsende Bekanntheit der Szene unter anderem zu einer Kommerzialisierung des Tanzstils. Infolge dessen droht eine wichtige Essenz des Ballrooms verloren zu gehen: nämlich ihre Ureigenschaft als Schutzraum.

In Hamburg kann man an Vogue-Workshops teilnehmen und Kurse besuchen, in denen der Tanz gelehrt wird. Aber leider werden die (sub-)kulturellen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Aspekte ausgeblendet oder vergessen. Aquileia versucht dieser Entwicklung entgegenzuwirken, indem en, im Rahmen enes Open Sessions Einzelheiten zur Geschichte der Ballroom-Szene behandelt. Dabei geht es Aquilea um Respekt für die Szene und die Menschen, die ein Teil von ihr sind: „Also was mir immer wichtig ist, ist, dass die Szene nicht kommerziell dargestellt wird (…) dass jeder sich mit dieser Geschichte auseinandersetzt, bevor man überhaupt mit dem Voguen anfängt. Das finde ich auf jeden Fall wichtig zu betonen, weil es sehr viele Leute gibt, die unterrichten, aber sich eigentlich wenig mit der Geschichte des Ballroom auseinandergesetzt haben.“

[1] Butch Queen: Szene Bezeichnung für cis-Männer die homosexuell oder bisexuell sind.

Valeria kommt aus Ecuador und wohnt in Hamburg. Sie ist Kriminologin und arbeitet zurzeit als Sozialpädagogin in der Drogenhilfe. Das Schreiben ist für sie sowohl ein Rückzugsort, als auch ein Weg ihre Erlebnisse als Migrantin in Deutschland aufzuzeichnen. „Ich habe lange nach einer Plattform wie Kohero gesucht, für die keine Geschichte zu unwichtig ist und BIPoC Stimmen Gehör finden können. Die Erfahrungen im Schreibtandem und die Unterstützung meiner Tandempartnerin haben mich dazu ermutigt weiter zu schreiben.“
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Valeria kommt aus Ecuador und wohnt in Hamburg. Sie ist Kriminologin und arbeitet zurzeit als Sozialpädagogin in der Drogenhilfe. Das Schreiben ist für sie sowohl ein Rückzugsort, als auch ein Weg ihre Erlebnisse als Migrantin in Deutschland aufzuzeichnen. „Ich habe lange nach einer Plattform wie Kohero gesucht, für die keine Geschichte zu unwichtig ist und BIPoC Stimmen Gehör finden können. Die Erfahrungen im Schreibtandem und die Unterstützung meiner Tandempartnerin haben mich dazu ermutigt weiter zu schreiben.“

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