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Mokki – Sein Weg vom Außenseiter zum Fußballprofi

Soufiane Mokhtari ist Spielerberater und ehemaliger Fußballprofi. Mit dem Sport kämpfte sich „Mokki“, wie ihn alle nennen, aus der Geldnot und dem Drogendealen in einen Top-Club im Ausland und hat heute eine eigene Spieleragentur. Darüber hat er nun ein Buch geschrieben, das im Oktober im L100 Verlag erscheint. Wir durften seine packende Geschichte schon vorab lesen und haben mit Mokki darüber gesprochen.

Mokki sitzt neben dem Spielfeld auf dem Trainerstuhl
Fotograf: Soufiane Mokhtari

„Fußballprofi“ – das klingt nach einem Leben, in dem sich alles um den Sport dreht. Es klingt nach Trainingslagern und Fußballinternat in der Kindheit und Jugend. Nach Auswärtsspielen an jedem Wochenende, die von mitfiebernden Eltern begleitet werden. Ab 6 Jahren Kicken im Verein, F-Jugend Kreisliga, D-Jugend Landesliga, C-Jugend Regionalliga, Probetrainings bei Top-Clubs, A-Jugend Bundesliga, U16- bis U21-Nationalmannschaft: So sieht die normale Karriere eines angehenden Profi-Fußballers aus.

Nichts hat Soufiane „Mokki“ Mokhtari, Spielerberater und ehemaliger Fußballprofi, sich in seiner Kindheit mehr gewünscht, als diese Normalität. Das Leben und die Karriere des heute 44-Jährigen verliefen nämlich alles andere als „normal“: „Diese intakte Familie, in der sich die Eltern um die Kinder kümmern und sie unterstützen. Eltern, die ihre Kinder ,mein Schatz´ nennen. Das kenne ich alles nicht.“

Keine elterliche Unterstützung

Für Mokkis Eltern, die Anfang der 70er Jahre als Gastarbeiter von Tunesien nach Deutschland kommen, sei er nur ein „überflüssiges Produkt, das entstanden ist“, gewesen. Unterstützt wird er nicht. Ganz im Gegenteil: Während andere Mütter und Väter die Talente ihrer Kinder fördern, zu zweit an Elternabenden in der Schule teilnehmen und sonntags am Spielfeldrand jubeln, sind bei Mokki häusliche Gewalt und Psychoterror an der Tagesordnung. So gilt er in der Schule als „der komische Junge mit dem gewalttätigen Vater und der verrückten Mutter“. Auch seine Schulnoten lassen zu wünschen übrig.

Auf dem Fußballfeld hingegen wird Mokki als schneller und agiler Spieler bewundert. Als der, der auch alleine gegen drei spielt – und immer gewinnt. „Es war eine Welt, in die ich fliehen konnte. In der war ich gut. In der hatte ich Anerkennung und Schulterklopfen. Und dort wollte man mich auch. Wenn ich mal nicht zum Spiel kommen durfte, stand die ganze Truppe vor der Tür und meinte: ,Jetzt komm, sonst verlieren wir´“.

Seine Eltern beeindruckt das herzlich wenig. Einladungsschreiben von großen deutschen Bundesligavereinen ignorieren sie. Und als Jugendlicher ohne Auto kann Mokki diese Einladungen zu weit entfernten Probetrainings auch nicht alleine wahrnehmen. „Meine Eltern sind bei keinem einzigen Spiel von mir gewesen – weil nie ein Interesse da war“.

Rausschmiss von zu Hause

Mit 18 Jahren wirft seine Mutter ihn schließlich von zu Hause raus – ein Wendepunkt in Mokkis Leben: „Ich konnte das erste Mal wirklich atmen. Als ich rausgeflogen bin, hab´ ich tief eingeatmet und das erste Mal etwas anderes geatmet als sonst. Weil ich endlich raus war aus diesem Druck von zu Hause, aus diesem kranken Dasein und ohne alles andere Negative im Kopf. Endlich.“

Aber schon bald ist es nicht nur die frische Luft neu gewonnener Freiheit, sondern auch der bittersüße Geruch von Marihuana, der Mokki in die Nase steigt. „Du bist Araber, Mann“, sagt ihm ein Kumpel, der in Stuttgarts Straßen Gras vertickt. „Was meinst du, was wir an Geld machten könnten, wenn du das mit mir zusammen durchziehst!“. Und dann bekommt Mokki sein erstes „Pack“: „Das war so eine Haschisch-Platte. Kauft man für hundert Mark und macht das Doppelte draus. Am ersten Tag hab´ ich 130 gemacht, also sogar 30 mehr als das Doppelte.“ Wenn man zuvor drei Tage lang hungern musste, ist der Verkauf von Marihuana eine verheißungsvolle Geldquelle.

Geldnot trotz Arbeit

Porträt Soufiane Mokhtari
Über seinen harten Weg zum Profifußballer und Trainer kann Mokki heute offen sprechen

Ob es eine Alternative zum Dealen gegeben hätte? Nun, Mokki macht eine Ausbildung beim Bäcker. Aber das Gehalt reicht nicht zum (Über-)Leben: „Mir haben jeden Monat fünf Mark gefehlt, um überhaupt die Miete meiner Ein-Zimmer-Dachgeschosswohnung zu zahlen. Und da red´ ich noch gar nicht von Strom, Wasser, Essen und Trinken. Also hab´ ich natürlich bei der Bäckerei Überstunden gemacht. Dann konnte ich wenigstens meine volle Miete bezahlen. Strom und Wasser mal ja, mal nein – je nachdem. Es kamen Rechnungen und Schulden. Die Probleme wurden immer größer. Aus einem Hügel wird ein unbezwingbarer Berg an Problemen.“

Deswegen die Drogen – auch wenn er von Anfang an ein schlechtes Gewissen dabei hat: „Ich wollte nie diese Art von Leben führen. Ich hatte Gangster-Filme gesehen und auf einmal war ich mittendrin. Ich hätt´s lieber weiter nur im Fernsehen gesehen. Ich bin in eine Situation geraten und das Leben hat mir eine Lösung gegeben. Die war nicht schön und nicht legal, aber ich hab´ einfach nur nach der Lösung gegriffen. Ich habe zwar immer wieder nebenbei gekellnert, damit ich rauskomme aus dem Drogengeschäft. Aber da hast du nichts verdient. Immer wieder habe ich einen anderen Job versucht, immer wieder bin ich auf die Schnauze gefallen.“

Ein Leben zwischen Fußball und Drogen

Der einzige Ausweg aus der Geldnot und dem Drogenmilieu: Fußball. „Ich wollte verdammt nochmal Fußballer werden. Dann hätte ich alles, was ich brauche – und zwar legal. Und es war auch das einzige, was ich konnte.“ Vier Jahre lang führt Mokki ein Doppelleben zwischen Fußballtraining und Drogendealen. Immer wieder bekommt er es mit der Polizei zu tun: Personenkontrollen auf der Straße, nächtliche Wohnungsdurchsuchungen, Schikane in der Untersuchungshaft.

Und immer die ständige Angst, abgeschoben zu werden. Denn Mokki bekommt lange Zeit nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. „Man muss auch ganz klar festhalten: Ich habe den ganzen Mist gebaut. Und wenn einer der Polizisten hinter mir her war, dann nicht grundlos, das ist gar keine Frage. Da stelle ich mich nicht auf ein Unschuldspodest. Aber: Die Art und Weise ist manchmal nicht sauber. Das schiebe ich dann auf meine Herkunft. Vorm Richter, vor dem Staat war ich der Böse. Und dann hab´ ich auch verstanden: Egal, was man dir sagt – sobald du schwarze Haare hast, bist du immer der Böse.“

Karriere im Ausland

Nach einigen Probetrainings bei verschiedenen Vereinen, enttäuschenden Absagen, falschen Versprechungen, korrupten Angeboten und abenteuerlichen Reisen schafft Mokki es schließlich doch, unter anderem beim FC Perak Malaysia und beim Atletico River Plate in Paraguay Fuß zu fassen.

Soufiane Mokhtari wurde ausgezeichnet
In München besuchte Mokki ein Spielerberater-Seminar

Wie das geklappt hat? Ja, sicherlich habe auch Glück dazugehört: Ein Freund, der ihm Probetrainings bei namhaften Vereinen vermittelt. Der Chef, der ihm große Summen an Geld leiht. Ein Zeitungsartikel, der zufällig Mokki zu meinen scheint. Aber: „Das Glück kommt oftmals auch an den richtigen Stellen zu einem Menschen. Kein Mensch würde mir ein Probetraining vermitteln, wenn sie nicht wissen, dass ich extreme Leistungen erbringen kann. Wenn ich Ballett tanze, bekomme ich kein Fußball-Probetraining. Das Umfeld muss schon wissen: ,Ey, der Junge kann kicken!´“ Und diesen Ruf hat Mokki sich hart erarbeitet – trotz schwieriger Startvoraussetzungen in der ersten Halbzeit seines Lebens.

Spielerberater

Heute scoutet, berät und vermittelt Mokki als Player Agent mit seiner eigenen Fußballagentur „90minStars“ talentierte junge Spieler, wie er es selbst früher gewesen ist. So kann der 44-Jährige sich genau in die Sportler hineinversetzen. „Hundert Prozent der Spieler, die ich beraten habe oder noch berate, sind auch privat mit mir befreundet. Ich bin nicht nur ihr Berater. Ich will auch eine Säule in ihrem Leben sein. Und ich arbeite gern auf diesem Niveau – weil ich die Jungs dann erreiche. Wenn einer mal eine schlechte Phase hat und seinen Kopf hängen lässt, weil halt einfach alles schiefläuft – die Freundin hat Schluss gemacht, der Papa schimpft und im Fußball hat er auch keine Tore geschossen – kommt er zu mir und heult sich bei mir aus. Und dann sag´ ich ihm: ,Hey, hör mal zu. Ich hab´ doch schon mal die gleiche Situation durch wie du.´“

Diese menschliche Seite – die Person, die hinter einem Spieler steckt, und das gesamte Umfeld kennenzulernen, sich um alle Sorgen zu kümmern, mache Mokki am meisten Spaß bei seiner Arbeit als Spielerberater. Auf ihrem Weg in die großen Stadien dieser Welt gibt er seinen Schützlingen mit: „Denke groß, um groß zu werden“. Das hat Mokki aus all den Erfahrungen gelernt, die er selbst in seinem Leben gemacht hat – und die er nun auch in einem Buch schildert.

Die Geschichte seines Lebens

Im Oktober 2021 erscheint Soufiane Mokhtaris Autobiografie im L100 Verlag. Darin erzählt er eine – nein seine packende Geschichte: Über illegale Machenschaften, Verführungen und Bedrohungen im Drogen- und Rotlichtmilieu. Über Korruption, ausgeträumte Träume und Depressionen. Und darüber, wie er sich von all dem gelöst hat – über das runde Leder, die wichtigsten Tore in seiner Karriere, Heimat, Staatsbürgerschaft und die Bedeutung eines Studierendenausweises.

„So ein Buch wollte ich schon immer schreiben. Um meiner Tochter zu zeigen: Guck mal, Papa war auch mal ein ganz schlimmer Finger! Um zu zeigen: ,Das bringt alles nichts. Der gerade Weg ist die einzige Lösung!´ Das war so meine erste Idee – dass ich was hinterlasse sozusagen. Und dann war es noch so, dass Freunde mir oft sagen: ,Erzähl mal! Erzähl mal!´. Oft sitzen wir zwei Stunden lang zusammen am Tisch und alle hören mir zu. Da habe ich gemerkt: Das interessiert die Leute. Es ist eine unterhaltsame Geschichte.“

Clara Bettenworth
Clara studiert Politikwissenschaft an der Uni Hamburg und macht gerne Sport, vor allem Handball. Ihre größte Leidenschaft sind aber schon immer Worte gewesen. Am liebsten lernt sie in Gesprächen neue Leute kennen, um diese zu portraitieren. Denn: „Hinter jedem Menschen steht eine inspirierende Geschichte. Kohero bietet den Raum, damit diese Geschichten gelesen und gehört werden.“
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Clara Bettenworth
Clara studiert Politikwissenschaft an der Uni Hamburg und macht gerne Sport, vor allem Handball. Ihre größte Leidenschaft sind aber schon immer Worte gewesen. Am liebsten lernt sie in Gesprächen neue Leute kennen, um diese zu portraitieren. Denn: „Hinter jedem Menschen steht eine inspirierende Geschichte. Kohero bietet den Raum, damit diese Geschichten gelesen und gehört werden.“

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