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MITmacher vermittelt Geflüchtete und Migrant*innen ins Ehrenamt

Nach ihrer Ankunft in Deutschland befinden sich viele Geflüchtete in einer Art Wartemodus. Sie warten beispielsweise auf die Klärung ihres Aufenthaltsstatusses oder darauf, einen Deutschkurs besuchen zu dürfen. Wenn sie arbeiten oder studieren möchten, werden sie häufig von Ämtern und Behörden ausgebremst, weil Abschlüsse nicht anerkannt werden oder bestimmte Zertifikate fehlen. MITmacher, eine gemeinnützige Organisation aus Hamburg, hat sich zum Ziel gesetzt, Geflüchtete und Migrant*innen durch die Vermittlung in Ehrenämter zu empowern. Mit ihrem Angebot sorgt MITmacher nicht nur für mehr Integration und Teilhabe, sondern gibt den Teilnehmenden auch die Möglichkeit, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

Amira Mostafa übersetzt in einem Gespräch mit einem Ehrenamtlichen für MITmacher, man sieht drei Personen mit Maske, die sich unterhalten
Fotograf: Anne de Wolff

„Es mangelt den Geflüchteten nicht an Motivation, sondern an Möglichkeiten und an Informationen über die Möglichkeiten“. So fasst Anne Busch, geschäftsführende Gesellschafterin von MITmacher, die Aussage eines jungen Asylbewerbers zusammen. Sie traf ihn im Rahmen ihrer Teilnahme am Workshop „Refugee Innovation Challenge“ im Herbst 2016.

Interviews in Hamburger Flüchtlingsunterkünften

Damals führte sie gemeinsam mit anderen Workshopteilnehmer*innen Interviews in Hamburger Flüchtlingsunterkünften. Sie wollten herausfinden, wie es Geflüchteten in Deutschland ergeht und was sie benötigen. Viele äußerten den Wunsch, mit Einheimischen in Kontakt treten, die Sprache üben, das Land kennenlernen, sich gebraucht fühlen und der deutschen Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen. Da ein Ehrenamt all diese Bedürfnisse abdecken kann, entwickelte Busch in der Folgezeit mit anderen zusammen das Projekt MITmacher.

Ein Ehrenamt hilft, Barrieren zu überwinden

Man sieht eine Illustration von Amira Mostafa für das Projekt Über den Tellerrand
Amira Mostafa engagiert sich ehrenamtlich als Illustratorin für das Projekt Über den Tellerrand. Foto: Amira Mostafa

An Amira Mostafa zeigt sich, dass das Konzept aufgeht. Die junge Ägypterin war bereits in ihrer Heimat ehrenamtlich tätig. Für sie stand schnell fest, dass sie sich auch in Deutschland sozial engagieren möchte: „Ich habe eine ehrenamtliche Arbeit gesucht und die Lehrerin meines Integrationskurses gefragt, ob sie eine Möglichkeit kennt. Daraufhin hat sie den Kontakt zu MITmacher hergestellt.“ Das MITmacher-Team hat die gelernte Grafikdesignerin dann vor über einem Jahr an den Verein „Über den Tellerrand“ vermittelt. Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte lernen sich dort bei gemeinsamen Kochabenden kennen.

Für den Verein fertigt sie seither Illustrationen für Rezepte, Instagram und die Website an. Darüber hinaus hat sie eine Schulung zur Dolmetscherin bei IN VIA Hamburg e. V. absolviert. Amira Mostaf  ist sowohl für diese Organisation als auch für MITmacher, wann immer es ihre Zeit zulässt, ehrenamtlich als Übersetzerin im Einsatz. Von ihrem freiwilligen Engagement profitiert auch Amira Mostafa selbst: „Ich habe nun ein großes Netzwerk und jede Menge neue Freunde dazugewonnen. Außerdem hat sich mein Deutsch verbessert. Durch die Ehrenämter kann ich nicht nur die Gesellschaft besser kennenlernen, sondern gleichzeitig Einfluss auf sie nehmen.“

Für jeden ist etwas Passendes dabei

Vor der Pandemie sind Anne Busch und ihr Team vor allem in Integrationskurse gegangen, um das Angebot von MITmacher vorzustellen. Das ist nun schwierig. Aber durch Mundpropaganda und auf Empfehlung von befreundeten Vereinen finden ebenfalls viele zugewanderte Menschen den Weg zu ihnen. Die Vermittlungen erfolgen nicht nur in große, bekannte Organisationen, wie z. B. Caritas und Deutsches Rotes Kreuz, sondern genauso gut in kleinere Initiativen und Vereine. Dabei sind die Einsatzbereiche äußerst vielfältig: Man kann beispielsweise mit Senior*innen, Kindern und Menschen mit Behinderungen arbeiten. Auch kann man sich für den Umweltschutz engagieren oder sein handwerkliches Geschick in Repair Cafés entfalten.

„Wir versuchen im Beratungsgespräch, das wir individuell mit jeder Person führen, herauszufinden, was sie gut kann und ihr Spaß bereitet“, so Anne Busch. Selbst in Pandemiezeiten finden noch Beratungsgespräche statt, allerdings unter strenger Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln. Seit dem vergangenen Jahr haben sich jedoch die Einsatzmöglichkeiten verändert. Während Seniorenheime und Kitas für ein Engagement überhaupt nicht mehr in Frage kommen, sind wiederum Schreib-Tandems, Essensausgaben und Spielen mit Kindern im Freien nach wie vor möglich. Tatsächlich mussten auch einige Ehrenamtliche unfreiwillig eine Pause einlegen. Und viele Vereine nehmen überhaupt keine Neulinge mehr an.

Die Organisationen müssen bestimmte Kriterien erfüllen

MITmacher arbeitet ausschließlich mit Organisationen zusammen, die einen gesellschaftlichen Mehrwert leisten.

Porträt Anne Busch
Die geschäftsführende Gesellschafterin der MITmacher, Anne Busch. Foto: Anne de Wolff

Für Anne Busch ist zudem ein weiterer Aspekt sehr wichtig: „Wir achten bei der Auswahl der Einsatzstelle immer darauf, dass das Ehrenamt in einem deutschsprachigen Umfeld gemacht wird.“ Außerdem betont sie: „Ein Ehrenamt soll etwas sein, das nebenbei passieren kann und nicht die gesamte Zeit in Anspruch nimmt. Das Ehrenamt darf die Menschen nicht von ihren Zielen abbringen, wie z. B. Wohnungs- oder Jobsuche, Familiennachzug oder der Besuch eines Deutschkurses.“

Laut Anne Busch gab es bis jetzt keinen einzigen Fall, bei dem ein Einschreiten erforderlich gewesen wäre. Auch Amira Mostafa bestätigt, dass ihr trotz der Ehrenämter genügend Zeit bleibt, um am Deutschkurs teilzunehmen und ihrem Minijob bei einem Modehändler nachzugehen, wo sie seit September 2020 als Grafikdesignerin beschäftigt ist.

Intensive Betreuung der Ehrenamtlichen

Zunächst sucht man im Beratungsgespräch mithilfe der Angaben des/r Interessierten eine passende Organisation. Wenn diese gefunden wurde, begleitet ein Teammitglied der MITmacher den- oder diejenige zum Kennenlerntreffen. Dort werden nicht nur Termine und Aufgaben besprochen, sondern MITmacher sorgt ebenfalls dafür, dass beide Seiten ihre Erwartungen formulieren. In den folgenden drei Monaten nimmt MITmacher dann regelmäßig Kontakt zu den Engagierten auf und versucht sie zu unterstützen.

Amira Mostafa hat die Begleitung durch MITmacher sehr positiv in Erinnerung: „Man wird immer wieder per Whatsapp oder am Telefon gefragt, wie das Ehrenamt läuft, was ich ganz schön fand. Außerdem werden einem auch Freiheiten gelassen. Wenn man etwas nicht machen möchte, ist das völlig okay.“ Nach drei Monaten endet schließlich die Begleitung durch MITmacher und die Engagierten erhalten ein Zertifikat. Wenn sie Lust haben und die Organisation einverstanden ist, können sie jedoch ihre ehrenamtliche Arbeit weiter fortsetzen.

Anne Busch hat die Erfahrung gemacht, dass die Geflüchteten und Migrant*innen sich durch ihr Engagement verändern: „Wenn man anderen hilft, fühlt man sich gut. Man spürt seine eigene Kraft und glaubt mehr an sich selbst. Ein Ehrenamt kann das Selbstbewusstsein stärken. Am Anfang sind die Menschen manchmal noch so leise. Und dann zu beobachten, dass sie stärker und lauter werden, ist einfach nur schön.“

Unterstützung für MITmacher

Wer MITmacher unterstützen möchte, kann sich als Ehrenamtliche/r melden oder Geflüchteten und Migrant*innen von dem Angebot erzählen. Die Organisation finanziert sich hauptsächlich durch Fördergelder und ist dankbar für Spenden sowie Hinweise auf Fördermöglichkeiten. Bisher ist MITmacher nur in Hamburg aktiv, aber Anne Busch hofft, ihr Konzept zukünftig auch auf andere Städte ausweiten zu können.

Hier findest du weitere Informationen über MITmacher.

Ajda Omrani
Ajda hat einen Master in Medienwissenschaft der TU Berlin und arbeitet seit 2018 in einer Event- und Kommunikationsagentur. Sie reist viel, würde am liebsten die ganze Welt erkunden. Ihre zweite Leidenschaft ist Schreiben. Bei Kohero unterstützt sie Menschen mit Fluchtgeschichte beim Schreiben.
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Ajda Omrani
Ajda hat einen Master in Medienwissenschaft der TU Berlin und arbeitet seit 2018 in einer Event- und Kommunikationsagentur. Sie reist viel, würde am liebsten die ganze Welt erkunden. Ihre zweite Leidenschaft ist Schreiben. Bei Kohero unterstützt sie Menschen mit Fluchtgeschichte beim Schreiben.

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