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Meine kulturelle Identität

In diesem Beitrag schreibt Erkeaiym anhand ihrer persönlichen Geschichte über einen Verlust der kulturellen Identität und dessen Wiederfinden.

Fotograf: Patrick Rosenkranz on Unsplash

Auf Wikipedia bedeutet die kulturelle Identität das Zugehörigkeitsgefühl eines Individuums oder einer sozialen Gruppe zu einem bestimmten kulturellen Kollektiv. Dies kann eine Gesellschaft, ein bestimmtes kulturelles Millieu oder auch eine Subkultur sein. Identitätsstiftend ist dabei die Vorstellung, sich von anderen Individuen oder Gruppen kulturell zu unterscheiden, das heißt in einer bestimmten Anzahl gesellschaftlich oder geschichtlich erworbener Aspekte wie Sprache, Religion, Nation, Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuchen oder in sonstigen Aspekten der Lebenswelt.

Ich verstehe kulturelle Identität als etwas Komplexes und Wichtiges. Es ist unsere Verbindung mit dem Leben selbst. Durch meine Muttersprache kann ich mich mit meinen Emotionen verbinden und sie ausdrücken. Alleine durch den Geruch eines traditionell kirgisischen Gerichtes kann ich mich auf emotionale Ebene mit meiner kulturellen Identität verbinden und mich in der Welt vertraut und sicher fühlen.

„Dieser Traum schien mir und Menschen in meiner Umgebung zu groß und zu frech zu sein, um wahr zu werden“

Als ich in Kirgisistan gelebt und studiert habe, hatte ich den inneren Drang, in meinem Leben etwas mehr zu erleben und erreichen als ich es mir dort leisten konnte. Ich hätte wahrscheinlich – wie viele Frauen es gemacht haben – nach meinem Studium jemandem geheiratet, Kinder bekommen und als Lehrerin in der Schule gearbeitet. Das war definitiv nicht mein Weg.

Nach langen Überlegungen und Recherche habe ich durch einer Freundin über einen Programm für Au-Pair-Mädchen erfahren und das war für mich eine gute Möglichkeit, mein Leben zu verändern. Ich wollte sogar in Deutschland studieren. Dieser Traum schien mir und Menschen in meiner Umgebung zu groß und zu frech zu sein, um wahr zu werden. Zum Glück waren Frechheit und Großdenken immer ein Teil meines Charakters.

Deshalb habe ich es gewagt, alle meine Kräfte dafür zu investieren, um nach Deutschland zu fahren. Und es hat geklappt: Meine Unterlagen beim Konsulat für ein Visum als Au-Pair-Mädchen stimmten, der Abschied mit der Familie und Freunden war wunderbar. Was mich am meisten zufrieden gestellt hat, war meine Gastfamilie! Meine Gasteltern waren ziemlich offene und hilfsbereite Menschen.

Die Vielfältigkeit und Schönheit Hamburgs und das Freiheitsgefühl von familiären Verpflichtungen haben mir Flügel verliehen. Ich fühlte mich in den ersten Tagen glücklich und stark.

Ich habe 3 Kinder betreut und bin zu einem intensiven Sprachkurs gegangen. Ich habe schon innerhalb des ersten Jahres in Hamburg eine B2-Sprachprüfung bestanden und einen Platz an der Universität Hamburg bekommen.

„Wenn ich jetzt nachdenke, hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes eine Panikattacke“

Im Winter 2007 bin ich für einen Monat zurück nach Kirgisistan geflogen.

Zuerst bin ich nach Moskau geflogen und habe dort 4 Stunden auf den nächsten Flug nach Bischkek gewartet. Erst am Flughafen merkte ich, wie schlecht es mir eigentlich ging. Ich fühlte mich gespalten. Das letzte Jahr in Deutschland war für mich sehr intensiv und anstrengend. Ich war sehr nervös.

Wenn ich jetzt nachdenke, hatte ich im wahrsten Sinne des Wortes eine Panikattacke. Als ich in Warteraum saß und auf einmal so viele Kirgisen gesehen habe, fühlte ich mich wie eine Verbrecherin, die vor der Polizei auf der Flucht war. Ich hatte Angst, dass jemand mich gleich festnimmt und irgendwo in einem Raum abschließt. Grund für diese starke Schmerzen, waren hauptsächlich meine Schuldgefühle. Ich war „schuldig“, weil ich meine Heimat und alles, was dazu gehört, verlassen hatte, um meinen persönlichen Weg gehen zu können.

Als ich in Kirgisistan ankam, hat meine Familie mich herzlich angenommen. Sie haben mir Blumen mitgebracht und mich fotografiert. Ich schenkte ihnen mein Lächeln. Aber meine Freude war künstlich. Innerlich war ich immer noch voller Angst. Der Flughafen „Manas“ in Bischkek kam mir alt und klein vor. Menschen schienen in meine Augen auch klein und sogar hässlich.

Die Wohnung in einem guten Stadtteil in Bischkek, wo ich geboren und aufgewachsen bin, schien mir nun auch alt und sehr bescheiden. Ich fühlte mich in der Wohnung fremd und gespalten. Ich zählte schon die Tage, bis ich wieder nach Deutschland fliegen konnte. Meine Familie, also mein Bruder, Vater und andere haben mich als eine Deutsche wahrgenommen und nicht mehr die Erkeaiym, die ich mal war…

„Der Verlust meiner kulturellen Identität äußerte sich durch psychische Schwäche und Ängstlichkeit“

Ich fühlte deren große Erwartungen an mich, stark zu sein, viel Geld zu haben, um ihre emotionalen und finanziellen Bedürfnisse zu erfüllen. Obwohl ich innerhalb von einem Jahr in Deutschland, mit viel Disziplin und Wille, vieles geschafft habe, habe ich von ihnen leider keine Anerkennung bekommen.

Eigentlich war ich psychisch fertig und ich war auf die emotionale Unterstützung meiner Familie angewiesen. Aber stattdessen habe ich Druck erfahren. Ich musste so sein, wie ich schon immer da gewesen war. Ich sollte die Rolle der jüngeren Schwester spielen und für meine Familie da sein. Oft fühlte ich mich so schwach und ich habe versucht, möglichst alles richtig zu machen. Innerlich empfand ich unheimlich viel Wut. Ich bin oft mit meinen Freundinnen raus gegangen, um meine innere Spannung irgendwie zu dämpfen. Das ist mir teilweise gut gelungen.

Der Verlust meiner kulturellen Identität äußerte sich durch psychische Schwäche und Ängstlichkeit. Ich war überangepasst. Mit meinen Freundinnen in Kirgisistan und Familienmitgliedern habe ich leise gesprochen und ich konnte nicht allein mit meinen Neffen Bus fahren. Ich fühlte mich vor meinen Landsleuten so schuldig, dass ich nicht noch ein „Verbrechen“ machen wollte, falls meinen Neffen etwas passieren würde.

Daher haben meine Verwandten mich oft für eine Egoistin gehalten. Sie dachten, dass ich im Westen gelernt habe, nur über mich selbst nachzudenken. Versammlungen mit Verwandten haben mich noch mehr geschwächt und ich fühlte mich wie eine kleine Maus, die jede Minute getötet werden konnte, falls ich etwas Unvorsichtiges gesagt oder gemacht hätte.

„Die neue deutsche Identität bestand für mich in einem Gefühl, perfekt zu sein“

Als ich nach meinem Urlaub in Heimatland wieder nach Deutschland kam, war ich froh, wieder in meine „neue deutsche Identität“ zu schlüpfen. Hier in Hamburg hatte ich schon eine feste Beziehung mit einem Freund und viele Freundinnen aus meinem Heimatland. Mein Studium hat angefangen und ich habe Berufspläne gemacht.

Die neue deutsche Identität bestand für mich in einem Gefühl, perfekt zu sein. Ich fühlte mich wie eine „Deutsche“: stark, zielstrebig, fleißig und konsumorientiert. Ich mochte konsumieren: leckeres Essen, viel ausgehen, viele Klamotten kaufen, viel trinken und Partys feiern. Am besten sozusagen alles, was „kirgisisch“ war, löschen, vernichten, vergessen und nur noch perfekt und dazugehörig sein. „Kirgisisch“ hat alles Schlechte aufgenommen: schwach, arm, dreckig, 3. Welt-Land, schlimme Männer – alles Schlechte war „kirgisisch“.

Ich sendete Geld an meiner Familie, ab und zu Pakete mit Klamotten und ich telefonierte mit ihnen. Über mich erzählte ich wenig, weil  zwischen uns immer eine dicke Blockade stand. Ich dachte, dass die Familie doch keine Ahnung von Deutschland und dem Leben hier haben. Lieber fragte ich sie, was sie so gemacht haben, wie sie mit ihren Leben zurechtgekommen waren.

„Was will man mehr?“

Sie antworteten immer dasselbe: Gelder reichten nicht, Politik war korrupt, alles wurde teuer, Kirgisien als Volk sind ja eher Loser gewesen. Ich lächelte nur und tröstete sie und blieb die Starke in einem „starken Land“.

Ich habe mein Studium mit 1,6 fertig studiert. Da ich mich immer für menschliche Psychologie interessiert habe, habe ich nach einem halben Jahr einen neuen Job beim ASP (ambulanter sozialpsychiatrischer Dienst) gefunden.

Danach hatte ich großes Glück, Mutter zu werden. Ich habe eine wunderschöne Tochter bekommen. Als nächsten Schritt wollten ich mit meinem damaligen Partner eine Neubauwohnung in Winterhude kaufen. Alles lief „perfekt“: Neue Wohnung, Beruf läuft und das zweite Kind ist auch schon in Planung, regelmäßige Urlaube in andere Länder, manchmal auch nach Kirgisistan. Was will man mehr?

„Ich wurde immer unglücklicher und schwermütiger“

Und dann fing in meinem Leben eine dunkle und schwere Krise an…

Ich wurde immer unglücklicher und schwermütiger. Meine kulturelle Identität wurde von Jahr zu Jahr zu etwas nicht Realem, Abstraktem… Alles, was mir früher Spaß gemacht hat, war nun für mich langweilig. Als Mutter fühlte ich mich dieser Aufgabe schlecht gewachsen, ich fühlte mich überfordert und einsam. Mein Exmann war immer viel beruflich beschäftigt.

Im Frühling 2018, bei einem Spaziergang nach der Arbeit, bin ich in den Eilbeker Park gegangen und Tränen flossen aus meinen Augen. Ich fühlte in mir eine unglaubliche Leere und Schmerz. Obwohl ich in letzten Jahren irgendwie oft geweint habe und oft krank war, wollte ich bisher immer weiter machen. Es ging mir so schlecht, dass eine böse Stimme in mir sagte, dass mein Leben nichts mehr wert ist.

Mein Leben war so leer und ich war so unglücklich, dass ich mir mein Leben nehmen wollte. Aber ich hatte eine wunderschöne Tochter, die mich brauchte. Eine gesunde und eine spirituelle Stimme flüsterte mir zu, dass ich dringend mein Leben verändern muss. Wenn ich jetzt an diesen Moment denke, weiß ich, dass sich in mir meine kirgisischen Wurzeln angefangen haben, zu bewegen.

„Ich habe entschieden, mich selbst, meine kulturelle Identität wieder ins Leben zu holen“

Wenn mich jemand in diesem Park ernsthaft gefragt hätte, wer ich war, konnte ich es nicht beantworten. Ich wusste nicht mehr, wer ich war… Es ist eine große Tragödie für einen Menschen, der nicht mehr weiß, wer er ist, woher er kommt, wo seine Wurzeln sind, was er mag und was er nicht mag, welche Werte er hat…

Ich habe entschieden, mich selbst, meine kulturelle Identität wieder ins Leben zu holen. Egal, was es mich koste. Ich habe meinen Job gekündigt und bin mit meiner damals 4-jährigen Tochter mit einem One-Way-Ticket nach Kirgisistan geflogen. Dadurch waren wir für den Kauf unserer neuen Wohnung nicht mehr kreditwürdig.

Als ich nach Kirgisistan kam, habe ich eine Wohnung gemietet. Mein Bruder ist allein zum Flughafen gekommen. Ich konnte näheren und längeren Kontakt weder mit meinem Bruder noch mit anderen Familienmitgliedern aushalten. Sie schienen auch gleichgültig zu sein.

Typische Symptome meines Traumas waren: Lähmung, Angstzustände, Misstrauen in Verwandte und fremde Menschen. Diesmal war es mir aber bewusst, warum ich so war. Ich wusste, dass ich ein Trauma erlebt habe und nicht anders konnte, als meine kulturelle Identität aufzugeben, um in einem neuen Land zurechtzukommen.

„Ich war die Kranke und die Ärztin in einem Menschen“

Aber jetzt war ich mit dem inneren Drang erfüllt, mir das zurückzuholen. Ich habe viele Spaziergänge mit meiner Tochter und einer Babysitterin in den Orten, wo ich früher als Kind gewesen war und neue Orte in Bischkek gemacht. Ich habe internationale Cafés besucht, viel Musik gehört und mich viel entspannt. Ich habe nur das gemacht, worauf ich Lust hatte, und nichts gemacht, worauf ich keine Lust hatte. Das ist eine Methode aus der Verhaltenstherapie des russischen Psychologen Michail Labkowski.

Diese waren erste Schritte zurück in meine kulturelle Identität. Mein Körper und meine Psyche mussten sich wieder erinnern, wer ich war, welche Werte ich hatte, was mir wirklich wichtig ist.

Wenn ich mich an das Jahr 2019 erinnere, in dem ich den ganzen Sommer in Kirgisistan verbracht habe, komme ich mir wie ein seelisch kranker Mensch vor, deren seelische Krankheit nicht von außen erkennbar ist. Ich habe mich gut kaschiert. Ich war die Kranke und die Ärztin in einem Menschen.

„In mir ist Platz für beide Länder und Kulturen“

Ich habe oft von Erdbeben geträumt. Mein Leben war auch auf psychischer Ebene bedroht, weil ich es gewagt habe, mich innerlich vom Deutschland abzuwenden, um wieder zu Kirgisin zu werden. Das hat viel Mut und Kraft und Verluste gekostet.

Kirgisische Sprache, Fernsehen, Familie, unser Essen, neue Menschen, die ich dort kennengelernt habe, Luft und Natur, kein Zeitdruck, Spontanität und letztendlich die Freiheit, nach vielen Jahren Leistungsdruck endlich mal nichts zu machen, haben mich in meiner schweren Krise gehalten und gestärkt.

Jetzt kann ich mit einer ruhigen Stimme sagen, dass es sich gelohnt hat, mich auf die Spuren meiner Wurzeln zu begeben, weil ich mich jetzt im Herbst 2022 über den Wind und Regen in Hamburg freuen kann. Erinnerung an den letzten Sommer in Bischkek wärmen mein Herz. In mir ist Platz für beide Länder und Kulturen. Ich bin beides… Aber ich fühle die Trauer um den Verlust meiner Heimat und kulturelle Identität so groß, dass mein Weg der Heilung noch weiter geht…

Ich wünsche jedem Menschen, der sein Heimatland verloren, den Mut, seine Trauer zu akzeptieren und sie auszudrücken…

Erkeaiym kommt aus der Hauptstadt von Kirgisistan, Bischkek. In Deutschland ist sie seit ca. 15 Jahren. In Bischkek hat sie russische Sprache und Literatur auf Lehramt studiert. Später, als sie nach Deutschland kam, wurde ihr Diplom an der Universität Hamburg anerkannt und sie hat Erziehungswissenschaften und russische Literaturwissenschaften auf Magister studiert. Nach dem Studium hat sie ca.7 Jahren beim ambulanten sozialpsychiatrischen Dienst gearbeitet. Sie hat Erwachsene mit seelischen Erkrankungen begleitet und Gruppenangebote gemacht.

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Erkeaiym kommt aus der Hauptstadt von Kirgisistan, Bischkek. In Deutschland ist sie seit ca. 15 Jahren. In Bischkek hat sie russische Sprache und Literatur auf Lehramt studiert. Später, als sie nach Deutschland kam, wurde ihr Diplom an der Universität Hamburg anerkannt und sie hat Erziehungswissenschaften und russische Literaturwissenschaften auf Magister studiert. Nach dem Studium hat sie ca.7 Jahren beim ambulanten sozialpsychiatrischen Dienst gearbeitet. Sie hat Erwachsene mit seelischen Erkrankungen begleitet und Gruppenangebote gemacht.

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