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Meine Kriegsgeschichte

Olga Baraschykowa berichtet, wie sie den russischen Angriff auf ihre Heimat, die Ukraine, erlebte. Dies ist der erste Teil ihrer Kriegsgeschichte.

Ich heiße Olga, ich bin 52 Jahre alt und ich bin Ukrainerin. Mein ganzes Leben lang lebte ich in Kyjiw, arbeitete, hatte eine Familie, ein Zuhause und viele Pläne für die Zukunft. Pläne, die in einem Moment durch eine Invasion der russischen Armee in mein Land zerstört wurden.

Der 24. Februar

Am Abend des 23. Februar war ich bei der Eröffnung einer Kunstausstellung, wo ich auch teilgenommen habe. Die Ausstellung fand in einer privaten Galerie im Herzen der Stadt statt, nur wenige Gehminuten von Maidan Nesalezhnosti (zentraler Platz in Kyjiw red.). Viele Menschen kamen dort zusammen, wir tranken Wein, genossen Malerei und unterhielten uns. Nachdem ich nach Hause kam war ich gut gelaunt, konnte lange nicht einschlafen, ich war überwältigt von Emotionen, und mein Kopf war voll von neuen Ideen und Plänen für die Zukunft.

Um fünf Uhr morgens wachte ich auf und konnte nicht verstehen, was gerade passiert. Etwas donnerte, und im Innenhof eines mehrstöckigen Wohnhauses fuhren die Leute mit ihren Autos weg. Es waren ungewöhnliche viele. So viele, dass sie nicht auseinander fahren konnten. Ich bemerkte einen entgangenen Anruf auf meinem Handy. So früh rief mich meine Freundin nie an. Es lief mir eiskalt den Rücken hinunter, in dem Moment wurde mir etwas bewusst, etwas was ich zu vertreiben versuchte ein Gedanke. Das kann nicht passieren! Aber genau so begann der Krieg für mich.

Die Explosionen aus den Raketen waren sehr gut zu hören. Das Glas in den Fenstern klirrte. Über eine russische Invasion wurde im Radio und Fernsehen berichtet. Es war furchtbar, aber das Gefühl, dass es so schnell enden würde, wie es begann, ließ mich nicht los.

Es schien wie ein Traum

Ich kann mit Sicherheit sagen, dass das ukrainische Volk für diesen Krieg nicht vorbereitet war. Es wurde über die Wahrscheinlichkeit gesprochen, aber bis zum Ende glaubte man nicht, dass es sein könnte. Die Menschen glaubten es vor allem nicht, weil die Ukrainer eine Nation friedlicher fleißiger Menschen ist, die an Gott glauben, ihre Familien und ihre Heimat lieben. Wir haben nie eine aggressive Politik gegenüber anderen Ländern betrieben. Das wichtigste für den Ukrainer ist, dass keiner die Arbeit stört. Wir lieben es, zu arbeiten und kümmern uns gerne um unsere Kinder und geliebten Familienangehörigen.

Selbst als Luftalarme und endlose Sirenen begannen, als ich mehrere Tage wach blieb, darauf wartete, meine Mutter und meinen Sohn aufzuwecken, um rechtzeitig Bunker zu erreichen, weigerte sich mein Gehirn, diese Realität wahrzunehmen. Es schien wie ein Traum. Du wirst jetzt aufwachen und alles wird gut.

Bis man den Horror des Krieges nicht spürt, versteht man ihn nicht

Am dritten Tag des Krieges versteckten wir uns in der U-Bahn, an unserer Station, deren Ausgang gesperrt war, weil es bereits Schlachten auf den nahe gelegenen Straßen gab. In Obolon, dem Bezirk, in dem wir leben, fuhr ein russischer Panzer; eine russische Landung landete im Nachbarnbezirk, zehn russische Hubschrauber versuchten in Hostomel zu landen. Es ist 19 km von uns entfernt.

Meine Mutter ist 87 und musste den ganzen Tag auf dem kalten Granitboden in der U-Bahn sitzen, zwischen Hunderten von Menschen, in der Schwüle und Angst, nicht nach Hause zurückkehren zu können. Ihr Blutdruck stieg an, ihr ganzer Körper tat weh. Ich beschloss, ins Haus in der Nähe von Kyjiw zu fahren, aber ich konnte nicht mehr nach Hause kommen, um das Auto zu holen. Genauso hatte ich keine Möglichkeit nach Hause zu kommen, um Sachen zu holen. Wir stiegen in die U-Bahn ein und fuhren ins Haus auf dem Land, nur mit Pässen und Taschengeld. Fünf Familien versammelten sich an diesem Abend in unserem Haus. Ältere Kinder, ihre Freunde und Eltern kamen zu uns.

Einmal im Jahr 2014 haben wir Geflüchtete aus Donezk aufgenommen. Das waren Menschen die wir kaum kannten, wir telefonierten nur mit einander wegen der Arbeit. Wir konnten sie kaum überreden, alles aufzugeben und nach Kyjiw zu kommen. Damals hatte mir ihre Situation  sehr leid getan, ich dachte, ich verstehe sie. Seitdem hatte ich ein Gefühl für die Absurdität der Situation und die umgekehrte Realität. Aber jetzt weiß ich, dass ein Mensch so angeordnet ist: bis man den Horror des Krieges nicht spürt, wird man nicht verstehen, was er wirklich ist.

Völlige Ungewissheit

In den ersten Kriegstagen gab es riesige Schlangen an den Tankstellen, es war unmöglich, das Auto zu tanken. Den Läden gingen Brot, Zucker, Getreide, Fleisch und Milchprodukte aus. Es dauerte nicht lange, aber genug, um die Panik und Angst vor dem hungrigen Tod zu spüren. Das Licht durfte am Abend nicht eingeschaltet werden. Wir versammelten Kinder und Enkel im Keller, legten ein Bett auf den Boden und schliefen zusammen: fünfzehn Menschen, von denen der älteste 87 Jahre alt war, und der jüngste – nur ein Paar Monate.

Jede Nacht frühmorgens hörten wir ein schreckliches Summen von Flugzeugen. Es schien, als würden sie ins Dach des Hauses stürzen. Wir wussten nie, ob das unsere Kampfjets oder russische waren. Das Haus wurde zu einem Wohnheim, in dem Kinder liefen und weinten, Männer während des Tages Lebensmittel beschafften, damit Frauen Essen kochen konnten, und alle Erwachsenen folgten ständig den Nachrichten. Die Schule wurde unterbrochen. Für meinen 16-jährigen Sohn war es eine Katastrophe, in ein paar Monaten sollte er ein Schulzeugnis für die Universität bekommen. Eine völlige Ungewissheit erwartete uns.

Männer begannen Frauen zu überreden, mit ihren Kindern an einen sicheren Ort zu fahren. Im Land wurde ein Ausnahmezustand verhängt, und in Kyjiw und anderen Städten – eine Ausgangssperre. Alle Männer im Alter von 18-60 Jahren durften das Land nicht verlassen. Zunehmend kam es zu Zusammenstößen zwischen Landesverteidigung und Separatisten, die waren sehr viele, wie es sich heraus stellte.

Der moderne Krieg

Wenn du nachts auf der Straße bist kannst du dein eigenes Auto oder sogar das Leben loswerden. Brücken wurden gesperrt, der öffentliche Verkehr funktionierte nicht, auf allen Straßen wurden mehrere Checkpoints angeordnet, auf denen bewaffnete Menschen die Autos, Ausweise, persönliche Gegenstände kontrollierten. In einem mehrstöckigen Gebäude in der Nähe des Gebäudes, in dem meine größere Tochter und ihre Familie lebten, traf ein Fragment einer entwendeten Rakete ein. Mehrere Stockwerke wurden zerstört und verbrannt.

Moderner Krieg ist eine schreckliche Sache. Sie leben zu Hause mit dem Internet, Mobilfunk, Licht, Wasser, Heizung, aber plötzlich trifft eine Rakete das nächste Haus, Menschen sterben, und ihre Wohnungen verwandeln sich in Asche. Sie haben heute Glück, aber was wird im nächsten Moment passieren, wo werden Sie einen sicheren Ort finden, um Kinder und Eltern dorthin zu transportieren, bis das alles vorbei ist…

Viele Fragen können Sie nicht beantworten. Es gibt eine Art von Nichtanwesenheit. Die Art und Weise, wie du Filme siehst, und du hast den Eindruck, anwesend zu sein, nur genau umgekehrt. Es ist echtes Leben, und es scheint, als wärest du ins Kino gekommen. Weil es nicht  die Wahrheit sein kann…

Aber die Opfer des Beschusses zwischen den Zivilisten wurden immer mehr mit  jedem Tag. Explosionen wurden häufiger in verschiedenen Regionen der Ukraine. Dann war Butscha…

Zunächst wurde die Kommunikation mit den Städtchen in der Nähe von Kyjiw von der Seite des Militärflughafens in Hostomel unterbrochen, wohin die Rashisten ihre Truppen schickten. Butscha und Irpin sind kleine Satellitenstädte der Hauptstadt. Russische Truppen wollten sie einnehmen, um ihren Weg nach Kyjiw zu öffnen. Es gab heftige Schlachten dort.

 

Fortsetzung folgt…

Dieser Artikel ist im Schreibtandem entstanden.

Olga studierte Architektur in Kyiv (Ukraine), leitete ihr eigene Werbeagentur in Kyiv und war unter anderem als Journalistin tätig. Im März 2022 flüchtete sie mit ihren 17-jährigem Sohn nach Deutschland und beschäftigt sich hier mit den Schicksalen des Menschen sowohl als Künstlerin als auch als Journalistin. „Mich inspirieren die Geschichten von Ukrainer*innen (in Deutschland), die als Motivation in den schwierigen Zeiten, als Hoffnung und Wegweiser dienen. Bei kohero schreibe ich über die Unterschiede zwischen deutsch-ukrainischen Mentalitäten.“

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Olga studierte Architektur in Kyiv (Ukraine), leitete ihr eigene Werbeagentur in Kyiv und war unter anderem als Journalistin tätig. Im März 2022 flüchtete sie mit ihren 17-jährigem Sohn nach Deutschland und beschäftigt sich hier mit den Schicksalen des Menschen sowohl als Künstlerin als auch als Journalistin. „Mich inspirieren die Geschichten von Ukrainer*innen (in Deutschland), die als Motivation in den schwierigen Zeiten, als Hoffnung und Wegweiser dienen. Bei kohero schreibe ich über die Unterschiede zwischen deutsch-ukrainischen Mentalitäten.“

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