Lebst Du multikulti?

Gestern wurde ich von einem Freund auf die FB-Seite „Flüchtling-Magazin“ hingewiesen. Dort schreiben Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte über ihre Kultur, ihre Gedanken, über Integration und ihre Erfahrungen in Deutschland. Im November veröffentlichen sie dort jeden Tag eine Aussage zum Thema „Zusammen leben“. Gestern gab es die Frage „Lebst Du multikulturell?“

Fotograf: Privat

Lebe ich multikulturell ? Ich bin mir nicht sicher!

Nach meinem ersten, spontanen „Ja, klar“ komme ich ins Nachdenken. Denn eigentlich frage ich mich oft, was genau das denn sein soll – eine „multi-kulturelle Lebensart“? Wie kann ich gleichzeitig (m)einer Kultur und mehreren angehören? Und was wäre dann „meine“, also „die deutsche“ Kultur – und wo fängt eine „fremde“ Kultur an? Ist meine portugiesische Herzensschwester, die in Deutschland aufgewachsen ist, von „anderer“ Kultur? Oder zählen dazu nur meine neuen arabischen oder persischen Freunde? Ist mein Lebensmensch, weil er eben nicht ordentlich und preußisch-strukturiert ist, kein Kultur-Deutscher? Oder wenn eine andere Religion den Unterschied macht – was ist dann mit atheistischen, deutschen Freunden?

Meine Neugierde macht mich aus

Seit zweieinhalb Jahren bin ich jetzt bei Hagen ist BUNT aktiv. Wenn ich darüber nachdenke, dann hat sich mein Leben in dieser Zeit tatsächlich verändert. Ich behaupte von mir selber, dass ich immer schon „offen“ für andere Kulturen war – aber eben nur in einem für mich lebbaren Maße. Meine Neugierde auf Menschen unabhängig ihrer Herkunft war immer vorhanden. Und ich hatte nie Angst vor Menschen, weil sie aus einem anderen Land stammen, weil sie anders aussehen oder anderes Essen bevorzugen. Aber macht mich das „multikulti“?

Bin ich „multikulturell“? Nein. Ich bin es nicht. Ich bin eine deutsche Frau, deren polnische und jüdische Wurzeln so viele Generationen zurückliegen, dass sie für mein Leben keine Rolle spielen. Und ja. Ich bin es. Wenn „multikulturell“ bedeutet, dass die Herkunft eines Menschen für mich nicht die zentrale Rolle spielt. Wenn ich – jenseits von Religion, Kultur, Herkunft – bereit bin, den Menschen zu sehen. Und mich mit ihm anfreunden, ihm respektvoll begegnen kann, unabhängig vom Ort seiner Wiege. Weil mir das Fremde keine Angst macht.

Die Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen in den vergangenen zweieinhalb Jahren hat mich in meiner eigenen Kultur in manchem Punkt sogar gestärkt. Denn indem ich angefangen habe, über meinen Glauben, meine Werte, meine Kultur zu sprechen – bin ich mir und meiner Herkunft „selbst-bewusster“ geworden. Ich bin dankbar, in einem Land zu leben, in dem Gleichberechtigung, Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit vom Staat geschützt werden. In einem Land, das eine eigene, starke, wunderbare, aber sich immer auch verändernde Kultur hat – und das gleichzeitig multi-kulturell ist. Darum muss ich es gar nicht sein..

Das Fremde begegnet mir nur durch Zufall – aber es ängstigt mich nicht

Denke ich an vergangene Geburtstage, dann war mein Freundeskreis zwar bunt – aber bezogen auf Herkunft und ja, auch Religion, eben doch ziemlich homogen. Was vielleicht nicht wirklich verwunderlich ist. Denn wo hätte ich Menschen aus „fremden“ Kulturen treffen, wie sie ansprechen sollen? Wenn ich ins Theater, in ein Konzert oder zum Basketball gehe, spreche ich ja niemanden an „Hallo, Sie haben dunkle Haut / Sie tragen ein Kopftuch – ich glaube, ich finde Sie interessant!“ Und bevor wir die Hagen-ist-BUNT-Bewegung gestartet haben, habe ich die Orte, an denen ich „andere“ Kulturen treffe, nicht gesehen – obwohl es sie bestimmt immer schon gab.

Und habe ich mich nun verändert? Bin ich jetzt „multikulturell“? Nein. Ich bin es nicht. Ich bin immer noch ein Hasper Mädchen, dessen polnische und jüdische Wurzeln so viele Generationen zurückliegen, dass sie für mein Leben keine Rolle spielen. Und ja. Ich bin es. Wenn „multikulturell“ bedeutet, dass die Herkunft eines Menschen für mich nicht die zentrale Rolle spielt. Wenn ich – jenseits von Religion, Kultur, Herkunft – bereit bin, den Menschen zu sehen. Und mich mit ihm anfreunden kann, unabhängig vom Ort seiner Wiege. Weil mir das Fremde keine Angst macht.

Fremde Kulturen haben mich für meine eigene sensibilisiert

Ich gehe mit einem befreundeten Paar aus Palästina ins Theater. Ich besuche mit einer bedeckten deutschen Freundin und einem syrischen Muslim eine Moschee, nehme afghanische und iranische Freunde mit in einen christlichen Gottesdienst. Beim letzten Geburtstag gab es westfälischen Kartoffelsalat, Fleischwurst und persische Reisgerichte. Im Küchenstudio erkläre ich meine wunderbare, reiche deutsche Sprache – und lerne arabisch.

Und wenn ich es genau betrachte – hat die Begegnung mit anderen Kulturen und Religionen mich in meiner eigenen Kultur in manchem Punkt sogar gestärkt. Denn indem ich angefangen habe, über meinen Glauben, meine Werte, meine Kultur zu sprechen – bin ich mir und meiner Herkunft „selbst-bewusster“ geworden. Ich bin nicht stolz, Deutsche zu sein – aber dankbar, in einem Land zu leben, in dem Gleichberechtigung, Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit vom Staat geschützt werden. In einem Land, das eine eigene, starke, wunderbare, aber sich immer auch verändernde Kultur hat – und das gleichzeitig multi-kulturell ist. Darum muss ich es gar nicht sein…

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Eine Antwort

  1. Multikulturell leben?

    Aber natürlich!
    Ich koche (wenn ich koche) nur italienisch, weil das die Küche ist, die ich von klein auf kenne und liebe. Und wenn ich nicht selbst koche dann gibt es arabisch.
    Ich habe fast jeden Tag mit Russen zu tun, und weil ich deren Sprache leider nicht spreche rede ich englisch.
    Ich kaufe in syrischen und türkischen Läden ein, nicht nur weil die bessere Preise haben als die deutschen Supermärkte und Discounter, sondern auch weil die ein besseres Angebot, frischeres Obst und Gemüse, besseres Fleisch und viele andere Dinge -wie zum Beispiel Olivenpaste- haben, die in deutschen Geschäften kaum zu finden sind.

    „Meine“ Flüchtlinge spielen bei meinem multikulturellen Leben eigentlich gar keine Rolle, denn sie sind Menschen wie Du und ich.

    Aber vielleicht ist mein Leben ja gar nicht multikulti, sondern einfach ganz normal?

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