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Krieg in der Ukraine: Doppelmoral im Umgang mit Krisen

Framings der Medien, die Putins Krieg in der Ukraine verharmlosen und in einen falschen Kontext setzen, sowie Berichte von Diskriminierung Schwarzer Menschen an den Grenzen zeigen, dass der Umgang mit humanitären Krisen nicht immer aufrichtig ist.

Ukraine
Fotograf: Photo by Max Kukurudziak on Unsplash

„Zivilisierte Flüchtlinge“, „blonde und blauäugige Flüchtlinge“, „weiße und christliche ukrainische Flüchtlinge“ und „relativ zivilisierte Ukraine im Vergleich zu Afghanistan und dem Irak“ sind Aussagen von Journalist*innen, Rundfunksprecher*innen und Analyst*innen, die im Bezug des Kriegs in der Ukraine in den Medien aufgetaucht haben. Außerdem haben Studierende aus Afrika und Indien von Diskriminierung an der ukrainischen Grenze berichtet. All das zeigt die Doppelmoral im Umgang mit humanitären Krisen in Europa.

Freedom Fighter oder Terrorist

Bilder aus der Ukraine haben gezeigt, wie sich die Menschen dort engagieren, ihr Land zu verteidigen. Dafür haben sie auf Sozialen Medien ihre Fotos mit Waffen gepostet, um das Widerstandbild zu verbreiten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Abgeordnete aus dem ukrainischen Parlament haben das auch gemacht. Diese bewaffneten Menschen sind heute überall bekannt und die bekommen Solidarität und Verständnis aller Welt. Denn sie sind die Held*innen, die ihr Land gegen den russischen Feind verteidigen.

In diesem Moment erkannte jede*r, dass jedes Volk das Recht hat, angesichts von Feinden Gewalt anzuwenden, die ihr Land sabotieren und die Ersparnisse kontrollieren wollen. Jede*r verstand, dass Diplomatie angesichts einer bewaffneten Gefahr nicht funktioniere. Daher besteht kein Zweifel daran, dass die internationale Gemeinschaft von einem rationalen Standpunkt aus mit der Ukraine interagiert hat.

In diesem Fall stellt sich die Frage: Wenn diese Szenen in einem der Länder des Nahen Ostens stattfinden würden, werden Menschen mit Waffen als Helden betrachtet, die ihr Land verteidigen, oder wären sie Terroristen, die nur die Sprache der Waffen verstehen?

Als Palästinenser versuche ich immer, mich auf die humanitären Themen zu fokussieren, wenn ich über etwas in Palästina/Israel oder in Syrien berichte. Denn ich weiß, dass militärische Themen mir dabei nicht helfen, ein richtiges Bild über den Konflikt in den westlichen Medien zu schaffen. Weil ich auch weiß, dass die militärischen Konflikte keinen Frieden bringen.

Mir ist auch aufgefallen, dass, wenn Selenskyj dazu auffordert, Europa Menschen in die Ukraine schickt, damit sie sich an dem Kampf gegen Russland beteiligen. Das Vereinigte Königreich hat etwa sofort reagiert und seine Bereitschaft erklärt, diejenigen, die kämpfen wollen, in die Ukraine zu entsenden. Wenn dies in einem afrikanischen oder arabischen Land stattgefunden hätte, wäre es in dem westlichem Medienauge als Aufruf zum „Dschihad“ angesehen worden. Diese Situation wird dann nicht rational, sondern ideologisch erklärt. Der Präsident wird nicht als Held betrachtet und der Verteidiger seines Landes nicht als Widerstandskämpfer.

Rassistische Berichterstattung

In den letzten Tagen wurde von Journalist*innen extrem darüber diskutiert, welche Bevölkerungsgruppen es wert sind, Schutz und Hilfe angeboten zu bekommen und welche nicht. Etliche westliche Medien stehen wegen diskriminierender und andere problematischer Äußerungen in ihrer Berichterstattung über den Krieg in Kritik. Insbesondere zogen einige Medienmoderatoren und Reporter unappetitliche Vergleiche mit kriegsgeschüttelten Regionen des Nahen Ostens, anstatt den Krieg in der Ukraine an sich zu behandeln.

Charlie D’Agata, Auslandskorrespondent des Londoner CBC-Büros, sagte während seiner Berichterstattung aus Kiew: „Erwarten Sie nicht, in der Ukraine die Art von militärischem Konflikt zu erleben, der den Nahen Osten geplagt hat. […] Dies ist kein Ort – bei allem Respekt – wie der Irak oder Afghanistan, wo seit Jahrzehnten Konflikte andauern, dies ist eine zivilisierte und relativ europäische Stadt“, fügte er hinzu.

D’Agata hat sich dafür entschuldigt. Allerding kam seine Entschuldigung bei Kritiker*innen nicht gut an. Er hat den historischen Kontext von Konflikten ignoriert, die den Nahen Osten seit Jahrzehnten verwüsten.

Auch wenn die Entschuldigungen der betroffenen Journalist*innen für ihre rassistischen Berichterstattung akzeptiert wird, sollten die Medien aufmerksam sein. Sie sollten nicht zulassen, dass sich rassistische Diskurse auf ihren Plattformen ausbreiten. Außerdem dürfen Medien keine Vergleiche anstellen, die die Bedeutung eines Konflikts oder Krieges gegenüber einem anderen abwägen oder die Rechtfertigung implizieren. Denn zivile Opfer und Vertreibungen in anderen Ländern sind genauso abscheulich wie in der Ukraine. Die Menschen haben Kriege nicht gewählt. Der Krieg war eine unausweichliche Realität unter Regierungen, die sich nur um ihre politischen Interessen kümmern.

Zugang nur für Ukrainer

Ein weiterer Aspekt des Krieges, der in Kritik geraten ist, ist der Rassismus in der europäischen Flüchtlingspolitik. Das gilt gerade insbesondere für die Nachbarländer der Ukraine. Eine Videoaufnahme von afrikanischen Studierenden, denen die Einreise nach Polen verweigert wurde, ging viral. Das Video zeigt einen Grenzschutzbeamten, der mit seiner Waffe versuchte, den Zugang für afrikanische Studenten in Polen zu verhindern. Medienberichten zufolge standen außerdem andere internationale Studierende aus Ländern wie Indien, Ägypten und Tunesien vor ähnlichen Problemen. Ohne Visum dürfen sie nicht in flüchtlingsfreundliche Länder einreisen.

Was an den Grenzen passiert ist, ist eine selektive Solidarität. Damit verbreitet Europa eine rassistische Asylpolitik, die Menschen in zwei Klassen aufteilt. Die erste Klasse ist für zivilisierte blauäugige Migranten. Und eine zweite Klasse, die für Migranten mit dunkler Hautfarbe oder arabischem Hintergrund reserviert ist.

Kriege, Zerstörungen und Flucht werden niemals normal sein. Dies unterscheidet sich nicht von Land zu Land, ob arabische, afrikanische oder europäische Länder. Daher müssen Kriegsreporter*innen die geeigneten Begriffe und Phrasen wählen, um über Krisen zu sprechen und genaue Vergleiche anzustellen. Und Europa muss feststellen, dass die eigenen Grenze für alle Schutzsuchende, egal mit welchen Hintergründen, offen sind.

Ahmad Shihabi
Als Praktikant bei einem Verlag fing Ahmad mit seiner Arbeit im Journalismus an. Danach arbeitete er als Redakteur im Politik- und Kulturbereich bei dem palästinensischen Magazin „Al-Hourriah“. Seit Februar 2019 unterstützt er das Team des JournalistenBüro Herne als Redaktionsassistent.

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Ahmad Shihabi
Als Praktikant bei einem Verlag fing Ahmad mit seiner Arbeit im Journalismus an. Danach arbeitete er als Redakteur im Politik- und Kulturbereich bei dem palästinensischen Magazin „Al-Hourriah“. Seit Februar 2019 unterstützt er das Team des JournalistenBüro Herne als Redaktionsassistent.

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