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Das Kampfflugzeug kam – und dann, ich starb

Es ist 8 Jahre her, aber immer, wenn ich ein Flugzeug im Himmel sehe, kommt mir alles zurück. Ich habe Angst vor Flugzeugen, egal ob sie Kampf- oder zivile Flugzeuge sind. Seit 6 Jahren lebe ich in Deutschland, aber konnte bisher nie wagen, in ein Flugzeug einzusteigen und damit zu reisen

Das Kampfflugzeug kam - und dann, ich starb
Fotograf: Jeff Cooper on Unsplash

Die Zeit besiegt alles. Sie besiegt den Stein, die riesigen Berge und sogar den Menschen, aber sie kann die Erinnerungen nie besiegen. Das ist unser Fluch als Menschen, nie die schlimmen Erinnerungen vergessen zu können. Wir sind gezwungen, diese Erinnerungen anzunehmen und sie als einen Teil unseres Lebens zu erklären.

2013, Rakka, Syrien: Ein „normaler“  Morgen

Unsere Stadt wurde seit ein paar Monaten von der brutalen Regierung befreit. Es hat nicht so lange gedauert, wie es in anderen Städten Syriens war, bis die Oppositionstruppen die Stadt übernommen haben. Wir dachten, dass wir endlich frei wären, jedoch die Regierung Assads sah in Freiheit eine große Sünde an und beschloss, uns nie in Ruhe zu lassen.

Ich wachte auf und hatte Glück, denn ich war noch am Leben. Wir waren noch am Leben, weil wir am Vortag nicht gestorben waren. Das war normal an diesem Ort und normal hat eine andere Definition dort. Ich machte Kaffee und schaltete den Fernseher an. Die Nachrichten waren wie üblich, ganz normal. Luftschläge, Kämpfe und Proteste waren die Themen des Morgenberichtes. Ich hörte einen lauten Knall und die Wohnung zitterte. Aus dem Fenster konnte man den grauen Rauch sehen. Ich murmelte „Hauptsache es war nicht ich“. Mutter war anscheinend bei den Nachbarn zum Kaffeetrinken. Der Kaffee morgens schmeckt nicht, wenn man ihn allein trinkt. Man braucht auf jeden Fall Gesellschaft. So ist es bei einer kleinen Stadt wie Rakka.

Zukunft voller Hoffnung

Ich zog mich an und ging zum Büro des lokalen Koordinationskomitees, wo ich freiwillig als Aktivist arbeitete. Wir aßen zusammen Frühstück und quatschten über die Neuigkeiten. Danach sprachen wir über die neuen Pläne. Wir wollten eine neue Kampagne starten und die Wände in der Stadt mit Graffitis anmalen. In diesem Ort ist Freiheit eine Sünde. Jeden Tag flogen die Kampfflugzeuge in den Himmel und führten Luftschläge aus. Es war nicht systematisch. Der Pilot machte die Augen zu und warf die Bomben herunter. Ihm war egal über wen sie fallen. Hauptsache er kehrte zum Militärflugplatz ohne Munition zurück.

Wir nahmen die Farben und gingen auf der Straße. Meine Schule war gegenüber dem Büro und dort fingen wir an. Unser Künstler nahm die Aufgabe der Zeichnung der Graffitis und wir schrieben Worte über Demokratie, Freiheit und über unsere Vorstellung vom zukünftigen Syrien. Für uns war die Zukunft im Gegensatz zu einer schwarzen Realität voller Hoffnung.

Und dann, ich starb

Ich machte mich auf den Weg nach Hause und dann hörte ich es. Das Kampfflugzeug kam. Ich nahm meine Kamera und versuchte es zu filmen. Die Alarmsirenen dröhnten laut und die Menschen fingen an, in alle Richtungen zu rennen, als ob die Welt untergeht. Dann kam das grausame Geräusch des Triebwerks vom Kampfflugzeug, als ob der Himmel zu mir brüllte. Das war die göttliche Strafe für einen sündigen Menschen. Es riss mein Herz aus und ich wurde blass als ich sah, wie das Kampfflugzeug in meine Richtung einstürmte. Diesmal hat es mich ausgewählt. Alles wurde grau und kurz still und dann starb ich.

In diesem grauen Ort konnte ich nichts sehen. Die Zeit lief langsam und jede Minute war lang wie das Alter der Erde. Dann sah ich ihn. Ich sah Gott und er sprach zu mir, aber ich verstand ihn nicht.  Gott habe ich nie verstanden. Ich habe immer über den Tod nachgedacht und wusste nicht wie das Jenseits aussieht. Mein Vater hat mir immer gesagt, dass das Jenseits ein schöner Ort wäre, wo man alles bekommt, was man will und ist, mit wem man sein will. Aber dieser Ort war grau und kalt.

Grauer Rauch auf der Straße

Ich fing an, Pfeifen in meinen Ohren zu hören. Während ich stand versuchte ich wahrzunehmen, wo ich war. Ich sah dann die Straße und der graue Rauch ging langsam weg. Dann sah ich eine Gestalt. Es war eine Frau. Sie hatte ein Kopftuch und ein rotes traditionelles Kleid an. Sie lief in meine Richtung und sagte kein Wort. „Sind Sie in Ordnung? Sind Sie verletzt?“ fragte ich, aber sie blieb still und lief weiter, als ob ich nicht da war oder ein unsichtbarer Geist aus einer anderen Welt. Ich lief weiter durch den grauen Rauch und sah einen Mann. Er lag auf dem Boden und um ihn herum gab es einen roten See von Blut.

Ich schrie „Hilfe“ und lief weiter. Der graue Rauch war total weg. Es lagen viele auf dem Boden, eine Mutter mit ihrer zwei Kindern, Jungen und Älteren. Nach ein paar Sekunden konnte ich begreifen, was hier passiert war und fühlte auch das Blut, das von meinem Kopf runterfloss.

 

 

Hassoum Mazen
Mazen ist syrischer Journalist und Flüchtling in Deutschland. Er schreibt über Politik und Gesellschaft.
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Hassoum Mazen
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