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Für Flucht, Schmerz und Hoffnung Worte finden

Worte und Geschichten helfen dabei, andere Perspektiven besser zu sehen und zu verstehen. Deswegen stellen wir dir hier mit Buchtipps regelmäßig Geschichten von oder über Menschen mit Fluchterfahrungen vor, die neue Blickwinkel auf unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben eröffnen. Diesmal tauchen wir in die ganz persönlichen Erlebnisse und Sichtweisen von Geflüchteten ab. In diesen Romanen und autobiographischen Erzählungen berichten die Autor*innen von Flucht, Heimweh, Hoffnung und dem Ankommen in Deutschland.

Fotograf: kohero Magazin

Rauda Al-Taha: “Die Geschichte einer Flucht. Von Raqqa nach Celle”

Rauda Al-Taha erzählt auf 110 Seiten ihre ganz persönliche Geschichte von Flucht, Verlust und Ankommen. Die Syrerin ist  2013 mit ihren drei Kindern und ihrem Mann aus Raqqa (Syrien) geflohen und lebt seit 2015 in Celle.

Viel zu oft werden Geflüchtete nur als eine anonyme Masse wahrgenommen und nicht als Individuum mit ganz eigenen Geschichte. Immer noch gibt es viel zu wenige Geschichten und Erzählungen, geschrieben von Geflüchteten selbst. Deswegen haben die niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, Doris Schröder-Köpf, und die Celler Stadträtin für Soziales und Kultur, Susanne McDowell, Rauda Al-Taha dabei unterstützt ihre Erfahrungen niederzuschreiben und zu veröffentlichen.

Dabei herausgekommen ist ein originelles Büchlein, das neben den deutschen Übersetzungen auch den arabischen Originaltext sowie private Fotos und Zeichnungen der Autorin enthält. Exemplare können beim Verbindungsbüro der Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe unter migrationsbeauftragte@stk.niedersachsen.de oder bei der Stadt Celle unter stadt@celle.de angefordert werden. Hier erfährst du mehr.

 

Filimon Mebrhatom: “Ich will doch nur frei sein”

Wer verlässt sein Heimatland schon freiwillig und vor allem allein, im Alter von vierzehn Jahren, fragt Filimon Mebrhatom im Vorwort seiner autobiographischen Erzählung seiner Flucht. Filimon Mebrhatom wünschte, er hätte in seiner Heimat Eritrea bleiben können, bei seiner geliebten Mutter, seiner Familie. Doch schon als kleiner Junge  erfährt er die grausame Gewalt und ständige Überwachung der eritreischen Militärdiktatur. In Eritrea leben, bedeutet politische Unterdrückung, ein endloser Militärdienst und Ausbeutung. Deswegen macht er sich auf den Weg nach Europa. Heute lebt er in Freiheit in München. Doch der Weg dorthin war lang und beschwerlich. Nicht nur einmal stand er dem Tode nahe. In seinem Buch erzählt er von unwürdigen Transportbedingungen, Zwangsarbeit, Menschenhandel, korrupter und grausamer Polizeigewalt, Folter, Hunger – und vielen Toten.

Sein Buch richtet sich an Europäer*innen, die sich ihrer Privilegien oftmals nicht bewusst sind. Filimon Mebrhatom möchte davon erzählen, warum Menschen ihre Länder verlassen und welchen Leidensweg sie gehen müssen. Im Interview mit der Heinrich Böll Stiftung sagt er: “Ich wünsche mir, dass die Organisationen in Europa für eine sichere Flucht kämpfen, statt nur wenige Menschen zu retten und die Mehrheit sterben zu lassen.”

Die Geschichte von Filimon Mebrhatom rüttelt auf und appelliert an ein Europa, dass sich für eine wirkliche Bekämpfung der Fluchtursachen einsetzt. Hier findet ihr eine Leseprobe.

Das Buch ist hier bei KomplettMedia erhältlich.

 

Louis-Philippe Dalembert: “Die blaue Mauer”

Die blaue Mauer erzählt die Geschichte dreier Frauen, die dasselbe Ziel vereint: ein besseres Leben in Europa. Dima, die aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Syrerin, verlässt ihre Heimat, als die ersten Autobomben in Aleppo explodieren. Chochana kommt aus einer jüdischen Igbo-Gemeinde in Nigeria und möchte den unerträglichen Lebensbedingungen in ihrem Dorf entgehen. Die Eritreerin Semhar träumt davon, Lehrerin zu werden und flieht, als sie zum endlosen nationalen Dienst in der eritreischen Armee eingezogen wird. Alle drei Frauen könnten keine unterschiedlichere Vergangenheit haben, treffen aber alle an Bord eines Kutters Richtung europäischer Küste aufeinander.

Einfühlsam begleitet der Erzähler die schwierige Reise dieser Frauen: von ihrem Leben in ihrer Heimat, der Abreise und die grausame Notwendigkeit, sich in die Hände von Schleppern zu geben. Über eine blutige Auseinandersetzung auf dem völlig überfüllten Flüchtlingsboot bis hin zur ersehnten Ankunft an der italienischen Küste, die dann nur wieder neue Strapazen mit sich bringt.

Der aus Haiti stammende Autor Louis-Philippe schrieb seinen neuesten Roman in Anlehnung an die Tragödie eines Bootes mit illegalen Einwanderern, das 2014 von einem dänischen Öltanker gerettet wurde. Die blaue Mauer ist eine Anklageschrift gegen die Flüchtlingspolitik der EU, die bewegt.

Den Roman findest du hier bei Nagel & Kimche.

 

Helon Habila: „Reisen“

Ein nigerianisch-amerikanischer Akademiker zieht mit seiner amerikanischen Frau nach Berlin, da diese dort ein renommiertes Kunststipendium bekommen hat. Was folgt, ist ein Kulturschock und ein Prozess der Selbstreflexion. Ohne deutsche Sprachkenntnisse, angestarrt von blondschopfigen Jungen und umgeben von distanzierten Berliner*innen, fühlt sich der gebürtige Nigerianer fremd. Als der Akademiker in Berlin immer wieder auf afrikanische Immigrant*innen trifft und deren Geschichten hört, wird ihm jedoch auch vor Augen geführt, wie privilegiert sein eigenes Migrantendasein im Vergleich zu anderen verlaufen ist. Was als klare Ich-Erzählung anfängt, baut sich immer mehr zu einem Mosaik an Erfahrungen und Geschichten von Migrant*innen auf, das nicht nur eine, sondern ganz viele Perspektiven erzählt. Eine ausführliche Rezension findest du hier bei der Frankfurter Rundschau.

Der nigerianische Autor Helon Habila, der in den USA lebt und der 2013 für ein Jahr als Stipendiat des DAAD nach Berlin kam, erlaubt uns in seinem neuesten Roman einen ganz neuen Blick auf Berlin, auf Deutschland und ganz Europa.

Der Roman ist hier beim Verlag das Wunderhorn erschienen.

 

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Ibrahima Balde, Amets Arzallus: “Kleiner Bruder. Die Geschichte meiner Suche”

Kleiner Bruder erzählt die autobiografische Geschichte von Ibrahima Balde auf dem Weg von seinem Heimatland Guinea nach Europa. Doch er ist nicht auf der Flucht, sondern auf der Suche. Auf der Suche nach seinem kleinen Bruder. Der Protagonist wächst unter ärmlichen Verhältnis auf dem Land in Guinea auf. Er ist noch sehr jung als sein Vater plötzlich verstirbt und er die Vaterrolle für seine jüngeren Geschwister übernehmen muss. Als sein Kleiner dann plötzlich verschwindet und sich aus einem Flüchtlingslager in Libyen meldet, zögert Ibrahima nicht lange. Er muss ihn finden und auf ihn aufpassen.

Auf seiner Reise erlebt Ibrahima Gewalt, Ausbeutung, Verzweiflung und Todesangst, aber auch den Zusammenhalt einer Schicksalsgemeinschaft mit einer gemeinsamen Hoffen: lebend in Europa anzukommen. Im Artikel im Migazin kannst du einen packenden Auszug aus der Geschichte lesen.

Der Autor Ibrahima Balde kam 2018 in die baskische Stadt Irun, wo er den Bertsolari-Sänger Amets Arzallus kennenlernte und vertraute ihm seine Lebensgeschichte an. „Kleiner Bruder ist mit Ibrahimas Stimme und Amets Händen geschrieben.”

Den Roman findest du hier beim Suhrkamp Verlag.

 

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Anna hat American Studies und Französisch in Mainz, Dijon und Sherbrooke (Québec) studiert. Sie liebt es zu reisen und neue Kulturen zu entdecken. Neben ihrem großen Interesse für interkulturelle Themen, begleitet sie schon immer eine Leidenschaft fürs Schreiben. „Es ist mein Wunsch, gesellschaftlich und kulturell relevante Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und die Geschichten von Menschen sichtbar zu machen, die wirklich etwas zu erzählen haben.“
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Anna hat American Studies und Französisch in Mainz, Dijon und Sherbrooke (Québec) studiert. Sie liebt es zu reisen und neue Kulturen zu entdecken. Neben ihrem großen Interesse für interkulturelle Themen, begleitet sie schon immer eine Leidenschaft fürs Schreiben. „Es ist mein Wunsch, gesellschaftlich und kulturell relevante Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und die Geschichten von Menschen sichtbar zu machen, die wirklich etwas zu erzählen haben.“

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