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Eine Zeitreise in den Orient der 60er Jahre, Teil 1

„Was wisst ihr von Deutschland? Was gefällt euch, was nicht?“

Das fragen wir Geflüchtete. Aus gutem Grund, denn es ist wichtig, die Sichtweise des Anderen zu verstehen. Aber im Gegenzug? Was weiß ich über Syrien, Libanon, Tunesien?

Fotograf: Eugenia Loginova

Die Briefe meines Vaters

Ich kann nicht einmal sagen, was mir gefällt, so schwach sind meine Eindrücke. Bilder von orientalischen Städten, ein paar Brocken Geschichte und seit meiner Kindheit Berichte und Bilder von Bürgerkriegen. Beirut, Palästina und jetzt Syrien. Und doch ist da bei mir so ein Bild von Gastfreundschaft, der Akzeptanz und freundlichen Aufnahme von Fremden. Gern würde ich diese Länder in friedlichen Zeiten bereisen, so wie es in den 60er Jahren mein Vater getan hat. Als junger Historiker, frisch verlobt mit meiner Mutter, bereiste er Nordafrika und den Nahen Osten. Er arbeitete an seiner Doktorarbeit über die Kulturgeschichte des Fasans. In antiken Mosaiken suchte er Zeugnisse der Verbreitung dieser Kulturvögel. Was für eine unschuldige Tätigkeit, ja grotesk, denkt man an all das Leid in der Region heute.

„War Vater auch in Syrien?“ frage ich meine Mutter. „Du kannst es nachlesen“, sagt sie. „Ich habe die Briefe aufbewahrt, die er mir geschickt hat.“ Und damit reicht sie mir eine volle Mappe mit eng beschriebenem blauen Briefpapier. 

Und so beginnt für mich gleich eine dreifache Reise: in den Orient, in die Vergangenheit vor 53 Jahren und in die Gefühle und Hoffnungen meines damals 27-jährigen Vaters.

1) Ankunft in Algerien

Am Morgen des 3.6.1964 betrat mein Vater zum ersten Mal in seinem Leben den Boden Afrikas. Ganz Historiker kommentierte er seine ersten Eindrücke: „Mich begrüßte aber kein Berber in aller Herzlichkeit- wie Massinissa den jungen Scipio, als Bundesgenossen gegen die Punier von Karthago- sondern eine Meute von Straßenjungen, die mir ein Taxi besorgen wollten.“

Mit dem Schiff „Le President de Cazalet“ war er von Marseille nach Algier übergesetzt. Die Speisekarte hat er als Souvenir mitgenommen und meine Mutter hat sie tatsächlich aufbewahrt. Auf der Reise träumt er bereits davon, einmal mit meiner Mutter in einem eigenen Wagen durch die Sahara zu fahren, so wie es Mitreisende geplant haben, die er unterwegs kennenlernt. Er macht sich Sorgen, dass er seine, bei der VW-Stiftung beantragte Förderung, bekommt. Ansonsten wird das Geld bei der Rückreise nur für eine Deckpassage reichen.

In Algier herrscht Trubel. Algerien befindet sich im Umbruch seit der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahre 1962. Es hängen überall Spruchbänder, die für den Wiederaufbau im Geiste des algerischen Sozialismus werben. Er sieht uniformierte Polizisten und Posten mit Maschinenpistolen.

So friedlich war die Welt also damals auch nicht in der Region. Von Wikipedia erfahre ich, dass der Algerienkrieg von 1954 – 1962 mehr als 350.000 Todesopfer forderte und beim Abzug der Franzosen große Teile der Infrastruktur zerstört wurden.

Unverzüglich macht sich mein Vater auf, einen Mosaik-Experten in der Universität zu treffen, wo er gut aufgenommen wird. Man hilft dem jungen deutschen Forscher auch bei der Suche nach einem Hotelzimmer. Von Algier geht es dann per Bus auf eine Rundreise über die Ruinenstädte in Tipasa und Cherchell, wo mein Vater auch sein erstes Fasanenmosaik fotografieren kann. Der dortige Ausgrabungsleiter «Mr. Tourenne» ist sehr hilfsbereit, auch wenn die Situation für Europäer inzwischen recht schwierig ist. Wegen der politischen Lage trauen sich kaum noch Wissenschaftler in die Region. Aus diesem Grund verhält sich wohl auch die Mehrheit der Franzosen eher kühl meinem Vater gegenüber. Leichten Kontakt findet er dagegen bei der einheimischen Jugend und Angestellten der Stadtverwaltung, die er abends im Hotel kennenlernt. Schon auf der Busfahrt ist ihm die bedrückende Armut auf dem Lande aufgefallen und hier erfährt er von der Gründung von Genossenschaften und den Wiederaufforstungsprogrammen für die zum Teil mutwillig verbrannten Wälder. Er wertet diese Bemühungen der jungen Regierung als ehrlichen Versuch, Gerechtigkeit auf sozialem Gebiet zu erreichen und sieht sich hier auf der Seite der Algerier. Da hat mein Vater das Herz am rechten Fleck.

Sein Reisetagebuch verfasst er in den Briefen, die ich in den Händen halte. Seine Studien werden ihn noch durch Tunesien, den Libanon, Syrien, Türkei, Jordanien und Israel führen. Aber davon weiter beim nächsten Mal …

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