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Wenn Herkunft über den Bildungsweg entscheidet

Der Bildungsort sollte für alle Schüler*innen unabhängig von ihrer Herkunft ein sicherer Hafen sein, in dem sie sich frei entfalten und für die anstehende Zukunft gewappnet sind. Soweit die Theorie. Aber die Realität sieht oft anders aus. Rassismus und Ungleichbehandlung bestimmen noch immer den Bildungsweg vieler Menschen mit Einwanderungsgeschichte aus dem arabischen bzw. asiatischen Raum. Höchste Zeit, um gezielt gegen Rassismus vorzugehen.

Photo by Maximilian Scheffler on Unsplash
Fotograf: Maximilian Scheffler on Unsplash

Bildung ist ein hohes Gut. Dass sie einer elementaren Förderung bedarf, ist schon seit langer Zeit bekannt. Insbesondere das deutsche Bildungssystem ist facettenreich und bietet Schüler*innen durch einen chronologischen Ablauf differenzierte Möglichkeiten an, um Abschlüsse aller Art zu erreichen. Gute Noten, fleißige Mitarbeit, Motivation und Engagement sollten bekanntlich ausreichen um die Schullaufbahn und möglicherweise einen angestrebten Hochschulzugang zu erwerben.

Der Bildungsort sollte für alle Schüler*innen unabhängig von ihrer Herkunft ein sicherer Hafen sein, in dem sie sich frei entfalten und für die anstehende Zukunft gewappnet sind. Es sollte nicht zur Regel werden, dass Schüler*innen mit Einwanderungsgeschichte sich trotz guter Noten auf eine andere Art und Weise beweisen müssen wie ihre Mitschüler*innen ohne einer Einwanderungsgeschichte. Doch es passiert. Es ist Realität und diese rassistische Erfahrung habe ich bereits in der 4. Klasse durchlaufen. Heute wiederholt es sich wieder, in einer neuen Form.

Gleiche Leistungen – unterschiedliche Empfehlungen

Nach dem 1. Halbjahr der 4. Jahrgangsstufe entscheidet sich im bayerischen Schulsystem, ob Schüler*innen für einen Übergang an die Realschule oder an das Gymnasium geeignet sind. Mit meinen guten Noten, war es für mich als Tochter pakistanischer Einwanderer genauso eindeutig wie für die überwiegende Anzahl meiner Mitschüler*innen und Freund*innen. Ich möchte auch auf das Gymnasium und später an der Universität studieren. Meine damalige beste Freundin Maria und ich hatten uns auch schon gemeinsam eine beliebte Mädchenschule ausgesucht. Was ich zu diesem Zeitpunkt aber nicht wusste: Meine Lehrerin hatte trotz meiner sehr guten Leistungen keine Empfehlung für den Besuch einer höheren weiterführenden Schule ausgesprochen. In der Elternsprechstunde hieß es, ich würde dem Druck nicht standhalten können. Die Hauptschule würde vollkommen ausreichen.

Natürlich hatte die persönliche Empfehlung der Lehrkraft eine hohe Bedeutung für meine Eltern. Sie waren vollkommen davon überzeugt, die Lehrkraft könne die Leistungen des Kindes zweifellos am Besten einschätzen. Weder rückte ich auf das Gymnasium auf noch auf die Realschule. Es ging vorerst auf die Hauptschule und meine beste Freundin wechselte auf das Gymnasium (mit den gleichen Schulnoten). Damals verstand ich nicht, was Rassismus im Schulsystem bedeutet. Heute wird mir bewusst, dass Kinder mit Einwanderungsgeschichte nicht die selben schulischen Privilegien genießen wie Kinder ohne Einwanderungsgeschichte.

Gezielter Einsatz gegen Rassismus nötig

Damals verstand ich nicht, was Rassismus bedeutet. Jetzt Jahre später, da ich mein Akademikerzeugnis (Note: sehr gut) in den Händen halte, frage ich mich ob möglicherweise Schüler*innen mit Einwanderungsgeschichte eine geringere Lernfähigkeit oder Aufnahmefähigkeit von Wissen und Kompetenzen unterstellt wird? Wieso erhalten Ali, Meryem und Ayse trotz gleicher Noten wie Felix, Thomas und Hannah nicht die selben Perspektive aufgezeigt? Warum müssen Ali, Meryem und Ayse sich im deutschen Bildungssystem ihre Rechte erkämpfen, doppelt so viel Leistung erbringen, um den Übertritt in eine weiterführende Schule zu erreichen? Aus welchem Grund müssen sie sich für ihren Bildungsweg, der doch für alle Kinder auf einer gleichen Basis beruhen sollte, ständig neu beweisen?

Das bereits jede fünfte Person in Deutschland von Rassismus betroffen war, belegt eine aktuelle Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). „Die große Mehrheit in Deutschland erkennt an, dass es Rassismus in Deutschland gibt“, sagte Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) bei der Vorstellung der Studie. Es reicht nicht nur das Problem zu erkennen und dies mit wissenschaftlichen Befunden abzuschließen, sondern es ist essentiell, sich gezielt gegen Rassismus einzusetzen!

Andere Regeln für nicht-europäische Schüler*innen?

Heute erweitere ich meine Frage: Wird Schüler*innen mit Einwanderungsgeschichte aus dem asiatischen bzw. arabischen Raum eine geringere Aufnahmefähigkeit von Wissen und Aneignung von Kompetenzen unterstellt? Die Kultusministerkonferenz beschließt aktuell für Schüler*innen aus der Ukraine, ein Studium ohne Schulabschluss beginnen zu können. Doch für nicht-europäische Schüler*innen gelten andere Regeln? Die Flucht aus dem Krieg ist unbeschreiblich furchtbar, besorgniserregend und traumarisierend. Kein Kind auf dieser Welt hat solch eine grausame Flucht aus dem Heimatland verdient. Doch Solidarität und Humanität sollten nicht an den Grenzen von Europa enden. Sie sollten unendlich sein.

Kein Kind, kein Schüler*innen, kein Elternteil sucht sich eine Kriegssituation selbst aus. Kaum findet eine deutliche Aussprache über die Chancengleichheit insbesondere im Bildungswesen statt. In der 4. Klasse konnte ich mich nicht für die Ungerechtigkeit, die mir geschah, aussprechen. Heute bleibe ich nicht stumm. Rassismus im Alltag darf nicht geleugnet werden. Es sollte ein fester Bestandteil des Lehrmaterials werden. Sich selbst und andere für Rassismus zu sensibilisieren und klare Haltung einzunehmen, wenn Rassismus sichtbar wird, könnten die erste Schritte sein, um rassistische Strukturen zu beseitigen.

Maiyra Chaudhry
Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin aus Bayern.

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