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„Es gibt viele Stipendien, aber keines für Syrer*innen“

Als Hani Harb 2006 aus Syrien nach Deutschland kam, war er mit dem hiesigen Forschungsbetrieb überfordert. Mittlerweile ist er Juniorprofessor. Im Interview mit kohero spricht er über seinen Werdegang, die Forschung in Syrien und den USA sowie über seine Deutsch-Syrische Forschungsgesellschaft e.V.

Dr. Hani Harb (3. v. r.) mit dem Team der DSFG. Foto: Deutsch-Syrische Forschungsgesellschaft e.V.
Fotograf: privat. Dr. Hani Harb (3. v. r.) mit dem Team der DSFG. Foto: Deutsch-Syrische Forschungsgesellschaft e.V.

Hani Harb hat in Jordanien Pharmazie studiert und promovierte nach einem Abschluss als Diplom-Humanbiologe in Marburg ebenda über Immunologie und Epigenetik. Es folgten Forschungsaufenthalte an der Harvard Medical School und am Boston Children’s Hospital, wo er als Postdoc und später als Junior Faculty Member tätig war. Nach einem kurzen Aufenthalt bei AstraZeneca hat Harb seit 2022 eine Juniorprofessur für Immunologie und Infektionsbiologie an der Technischen Universität Dresden inne.

 

Sie haben Anfang 2017 die Deutsch-Syrische Forschungsgesellschaft mitgegründet. Was war Ihre Idee dabei?

Die Idee kam 2016 von mehreren syrischen Wissenschaftlern hier in Deutschland. Wir fanden, dass wir uns als Forscher und Wissenschaftler irgendwie noch besser organisieren müssen. Wir wollten die Wettbewerbsfähigkeit für ausländische Studierende verbessern. Als ich 2006 nach Deutschland kam, hatte ich überhaupt keine Ahnung von Forschung. Ich konnte nicht einmal eine Pipette halten. Ganz normale Bachelor-Studierende aus der Biologie und Humanbiologie konnten viel mehr.

Und deswegen haben wir uns gedacht: Ausländische Studierende müssen irgendwie ihre Fähigkeiten, ihre Soft Skills und Hard Skills verbessern. Und so ist die DSFG entstanden. Damals haben wir dann mit verschiedenen Workshops gestartet, zum Beispiel zum wissenschaftlichen Schreiben für arabischsprachige Studierende.

 

Wie ging es weiter, was macht die DSFG aktuell?

Anfang 2021 haben wir ein komplett neues Konzept implementiert. Wir hatten bis jetzt immer zwischen zwölf und 16 verschiedene Workshops im Jahr. Letztes Jahr haben wir Kurse über die Grundlagen der Immunologie und Humangenetik gemacht. Das wollen wir dieses Jahr wiederholen. Darüber hinaus gibt es Kurse über Architektur und Bioinformatik. Dieses Jahr kommt Politikwissenschaft und Wirtschaftswissenschaft neu dazu. Dann gibt es mehrere Kurse darüber, wie man Lebenslauf und Cover Letter erstellt, oder über Bewerbungsverfahren für Universitäten und Stipendien.

Denn viele ausländische Studierende machen ihre Bachelor-Arbeit, wollen sich auf einen Master bewerben und haben keine Ahnung, wie sie ihren Lebenslauf gestalten sollen. Überdies machen wir Workshops über wissenschaftliche Texte. Wie liest man diese? Wie kann man sie analysieren? Dann gab es auch einen Workshop über Plagiate in der Forschung. Zurzeit versuchen wir, Gelder zu sammeln, um einen Workshop über das Programmieren zu organisieren.

 

Sie möchten ein eigenes Stipendium ins Leben rufen. Was ist der aktuelle Stand?

Genau, unser wichtigstes Projekt ist das Academic Empowerment Scholarship, also ein Stipendium zur akademischen Förderung. Damit wollen wir Studierende aus Syrien fördern – ein Stipendium von Syrer für Syrer. Denn es gibt viele Stipendien, aber keines speziell für Syrer. Diese Lücke schließen wir. Mit diesem Projekt haben wir jetzt angefangen. Und es besteht eigentlich aus mehreren kleinen Projekten.

Da gibt es zum Beispiel das Academic Language Scholarship (ALS). Da haben wir bisher zwei Mal Studierende für Sprachkurse gefördert, zum Beispiel TOEFL oder IELTS. Das kostet viel Geld für die Studierenden in Syrien oder in anderen arabischen Ländern, so 150 bis 300 Euro pro Prüfung, viel zu viel. Jemand, der in Syrien lebt, kann davon sechs Monate leben. Darum haben wir uns gedacht, wir müssen den Leuten helfen. Wir haben bis jetzt zwei Runden gemacht und jeweils acht Studierende gefördert, also bis jetzt 16. Die nächste Runde ging am 15. April online – wir suchen wieder 10 Studierende.

Des Weiteren unterstützen wir das Students at Risk – Hilde Domin-Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Wir arbeiten für dieses Programm als Risk Assessment Center für syrische Studierende. Die müssen dann beweisen, dass für sie eine Art von Risiko besteht. Dann werden sie von uns an den DAAD weitergeleitet und können sich um eine Förderung bewerben. Das wird alles kostenlos gemacht, wir sind alle Ehrenamtliche hier im Verein.

 

Welche Projekte sind in Zukunft geplant?

Was jetzt nach und nach online kommt, sind Fakten über Deutschland, die wir in arabischer Sprache aufbereiten. In unserem Content geht es zum Beispiel um die zehn besten Universitäten Deutschlands. Oder um die bekanntesten 19 oder 20 Stipendien für ausländische beziehungsweise für arabischsprachige Studierende.

Ein weiteres, kleines Projekt, das wird unser Flaggschiff sein, ist das Academic Empowerment Scholarship für Master-Studierende. Wir wollen eine*n syrische*n Studierende*n von Syrien nach Deutschland holen und sie oder ihn für zwei Jahre als Stipendiat*in mit Geld während des Master-Studiums fördern.

 

Sie sagten, Sie arbeiten ehrenamtlich. Wie finanzieren Sie Ihre Projekte?

Das wird alles von Spendengeldern finanziert, insbesondere von syrischen Studierenden hier in Deutschland. Für das Academic Empowerment Scholarship für Master-Studierende versuchen wir, eine große Menge an Geldern zusammen zu suchen, durch Projekte, Spenden. Und wir denken, wenn wir so etwas schaffen, dann haben wir eine Chance, den Geldgebenden zu beweisen, dass wir das auf der organisatorischen Ebene schaffen können. Und dann können wir das Programm nach und nach vergrößern.

 

In Syrien gibt seit 2011 einen Bürgerkrieg. Wie beeinflusst das die Forschung vor Ort?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Die Forschung in Syrien ist derzeit fast wie tot. Momentan gibt es einzelne Versuche, ganz tolle Versuche, von Studierenden und ein paar Professoren an den Universitäten Damaskus, Aleppo und Latakia. Aber das sind immer Einzelkämpfer. Vor einer Woche zum Beispiel gab es eine schöne Arbeit, die mittlerweile im British Journal of Public Health veröffentlicht sein müsste. Da ging es um Covid-19-Impfungen in Syrien. Die Ergebnisse … waren schockierend.

Es gibt andere Forschungsprojekte, die von Syrern oder syrischen Wissenschaftlern in Europa oder den USA unterstützt werden. Das bedeutet, es gibt Proben oder eine innovative Idee, oder die Universitäten in Syrien sammeln Proben. Und dann wird das in die USA oder nach Europa geschickt, dort analysiert und dann erscheint die Universität in Syrien auch in der Publikation. Aber wie gesagt: Das sind nur Einzelprojekte, Einzelkämpfer. Wenn es nicht einmal Geld für Diesel gibt, dann schon gar nicht für Forschung. Darum wird Forschung jetzt nach und nach als Luxusware betrachtet.

 

Gibt es Möglichkeiten, die Universitäten vor Ort zu unterstützen?

Wir versuchen jetzt, mit mehreren Wissenschaftlern von Universitäten aus verschiedenen Ländern eine Plattform zu gründen. Das würde den Studierenden erlauben, miteinander zu interagieren, Professoren könnten Studierende in syrischen beziehungsweise arabischen Universitäten betreuen. Leider ist es nicht so einfach, eine Plattform zu gründen, Ideen zu bilden und Leute zu verknüpfen. Bis jetzt sind wir leider immer am Geld gescheitert. Eine solche Plattform kostet um die 30.000 Euro, und dann noch mal 5.000 bis 6.000 Euro pro Jahr für die Wartung.

Dabei gäbe es so viele Möglichkeiten. Wenn wir zum Beispiel über Autoimmunerkrankungen sprechen, da gibt es so viele in Syrien, alle genetisch geprägt. Und da kann man so viel Großartiges machen, was Forschung auf der medizinischen Seite, zum Beispiel nach Medikamenten, angeht. So könnte man am Ende auch die medizinische Versorgung verbessern.

Aber so etwas braucht immer den Willen der gesamten Welt, und damit meine ich den Willen der USA. Die westlichen Industrienationen haben Sanktionen gegen Syrien verhängt. Deswegen können wir keine Gelder, keine Materialien nach Syrien schicken. Wenn ich sage, ich will jetzt zu irgendeiner Universität Sachmittel schicken, damit die Experimente machen können … das kann ich nicht. Denn dann verstoße ich gegen gegen das Gesetz.

Mal angenommen, wir wollen syrische Studierende in Syrien sponsern, damit sie ihr Studium dort weiterverfolgen können. Das kostet um die 300 oder 400 Euro – pro Jahr, das ist eine minimale Summe. Damit könnten wir eine*n Studierende*n komplett sponsern, er oder sie wäre total unabhängig von seinen Eltern, und könnte das Studium komplett unabhängig weiterführen. Aber wir können diese 400 Euro nicht nach Syrien schicken, um ein solches Projekt zu starten. Es geht nicht, wegen der Sanktionen!

 

Sie haben sowohl in Harvard, als auch in Jordanien und Deutschland studiert und gearbeitet. Gibt es Besonderheiten der verschiedenen Systeme?

Ja, es gibt massive Unterschiede. Ich habe sowohl in Deutschland und den USA Forschung betrieben und das sind andere Welten. Insbesondere, wenn man an einer Ivy-League-Universität wie Harvard forscht. Die Summen der Gelder sind anders. Wenn man sagt, ich brauche dies und das und jenes, dann kriegt man das direkt, innerhalb von 24 Stunden. Auch größere Geräte, komplizierte Experimente. Das ist anders als in Deutschland, denn Gelder sind nicht immer so offen verfügbar.

Der Hauptunterschied zwischen den USA und Deutschland ist aber die Freiheit in der Forschung, oder mehr noch, die Aggressivität. In Harvard hatten wir eine feste Zeit, wir mussten auf Zack sein, publizieren – und patentieren. Dieser Innovationsgedanke fehlt im deutschen System. Die Leute machen ihre Forschung, publizieren ein Paper… aber wenige denken daran, ihre Forschung zu patentieren oder ein Startup-Unternehmen zu gründen.

In Deutschland gibt es auch immer diese Hierarchien in der Forschung. Herr Doktor, Professor, Institutsleiter … in den USA fehlt das. Ich kann beim Nobelpreisträger direkt ins Office reinkommen, mit ihm reden und diskutieren. Ich habe mich mit meinen ehemaligen Chefs in den USA gestritten und angeschrien. Und dann, am Ende des Tages, haben wir ein Paper zusammengebastelt und ich habe mit ihm sieben Patente und eine Firma gemacht. Das ist eine andere Forschungskultur.

 

Was können die unterschiedlichen Systeme voneinander lernen?

Verstehe mich nicht falsch, die USA sind kein Paradies. Dort ist es viel stressiger, es wird nach dem Motto publish or perish gearbeitet. Da kann der Chef dir von einer Sekunde zur anderen sagen, you are fired, du bist gefeuert, tschüss! Das Arbeitsrecht hier in Deutschland ist tausendmal besser. In den Staaten geht es immer darum, Geld zu machen. Wenn du deine Forschung an eine große Biotech-Firma verkaufst, sind alle happy. Alle haben Geld und man geht zum nächsten Projekt über.

Wie gesagt, insgesamt ist Deutschland tausendmal besser. Aber in den USA gibt es mehr Innovation und Deutschland sollte davon lernen. Dieses Innovationsdenken war doch auch in Deutschland von den 70ern bis in die 90er ganz präsent. Made in Germany, das war das Allerbeste. Das wird aber immer weniger.

 

Und wo ordnen Sie die Forschungskultur der arabischen Welt ein?

Das ist extrem schwierig einzuordnen. Momentan gibt es Forschung in Saudi-Arabien, an der König-Abdullah-Universität für Technologie. Es gibt Forschung in Tunesien, es gibt Forschung in Ägypten. Und ein bisschen Forschung in Jordanien, Katar, den Emiraten, Marokko und Algerien. Hauptsächlich geht es aber darum, woher der Professor kommt. Wenn der Professor aus den USA kommt, bringt er die amerikanische Forschungskultur mit. Kommt er aus Europa, wird im europäischen Stil gearbeitet.

 

Toll, dass Sie mit der DSFG dazu beitragen, Nachwuchs-Wissenschaftler*innen und die Innovation in der Forschung zu fördern.

Hoffentlich.

 

Vielen Dank für das Interview.

Ich danke Dir für die Gelegenheit, die DSFG vorzustellen. Wir freuen uns übrigens immer über Unterstützung. Nicht nur über monetäre Unterstützung, sondern auch über Mitarbeit. Wir sind zurzeit 41 ehrenamtliche Mitglieder und wir wachsen exponentiell. Unsere Türen sind immer offen für jede Hilfe, die wir kriegen können!

Victor studiert in Berlin und im französischen Nancy und Sozial- und Politikwissenschaften. „Bei kohero kann ich dazu beitragen, Dialoge sichtbar zu machen, die häufig zu kurz kommen. Gleichzeitig kann ich wahnsinnig viel über Interkulturalität und verschiedene Gesellschaftssysteme lernen.“

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