Diplomats of Color – für mehr Diversität im Auswärtigen Amt

Tiaji Sio ist Diplomatin. Mitte 2019 gründete die 24-Jährige die Initiative „Diplomats of Color“ (DoC) im Auswärtigen Amt. Angefangen hat dies als interne Interessensvertretung. Nun ist daraus das Netzwerk DIVERSITRY hervorgegangen. Es setzt sich für eine übergreifende Diversitätsstrategie in allen Bundesministerien ein. Denn noch immer sind BIPoC dort unterrepräsentiert – vor allem in der Führungsebene.

Fotograf: Genia Loginova (Illustration)

Als wir uns über Zoom zum Interview treffen, ist es zehn Uhr morgens – zumindest in Deutschland. Für unsere Interviewpartnerin Tiaji Maynell Sio ist es schon drei Uhr nachmittags. Sie ist zurzeit nämlich in Vietnam. Dort arbeitet die 24-Jährige im Wirtschaftsreferat an der deutschen Botschaft in Hanoi.

Das südostasiatische Land ist nicht der erste Auslandsposten der jungen Diplomatin. Zuvor hatte sie bereits für jeweils zwei Monate das Rechts- und Konsularreferat in Senegal geleitet. Weiter hat sie an der deutschen Botschaft in Mosambik gearbeitet und während des Studiums noch ein neunmonatiges Praktikum in China, Shanghai gemacht. Im Auswärtigen Amt kommt man viel rum. Gehört man einmal zum Stammpersonal, wird alle drei bis fünf Jahre der Einsatzort gewechselt.

Über Freunde auf dem ganzen Globus

Klar, das könne auch mal schwierig sein: „Wenn man neue Freunde findet, muss man die auch immer wieder verlassen. Mittlerweile habe ich sehr viele Freunde verteilt auf dem ganzen Globus. Aber dadurch, dass wir alle auf Social Media usw. verbunden sind, haben wir regelmäßig Kontakt. Man sieht sich halt nur seltener.“

Und natürlich hat es vor allem gute Seiten, immer wieder in eine neue Stadt irgendwo auf der Welt zu ziehen. „Das Spannendste ist für mich, wirklich in eine andere Kultur einzutauchen – sich diese Flexibilität zu bewahren, dass man alle drei Jahre woanders hingeht und wieder in einen komplett neuen Kontext geworfen wird. Man lernt ein Land auf jeden Fall besser kennen, als wenn man einfach nur touristisch für eine kurze Zeit irgendwo ist.“

Gründung des Diversitätsnetzwerks

Ein Traum-Einsatzort für Tiaji ist Südamerika: „Das ist der einzige Kontinent, wo ich noch nicht war. Das würde ich voll gern mal erleben.“ Vor allem weil sie Salsa tanzt. Auch wenn sie dafür momentan gar nicht so viel Zeit hat. Denn: Neben ihrem Job als Diplomatin und ihrem Masterstudium „International Development“ an der Universität Edinburgh hatte Tiaji Mitte 2019 das Diversitätsnetzwerk „Diplomats of Color“ (DoC) im Auswärtigen Amt gegründet – damals noch als ganz informelle Gruppe.

Sie trafen sich alle paar Wochen zum Mittagessen, um sich zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen. Heute, zwei Jahre später, geht ihr Engagement für mehr Diversität im Außenministerium weiter: Diplomats of Color setzt sich für institutionelle Veränderungen gegen systematische Ungleichheit ein.

Planung von Veranstaltungen

Dafür organisiert Tiaji mit einem siebenköpfigen Planungsteam zum Beispiel interne und auch öffentliche Veranstaltungen – so wie die Gesprächsreihe „Außenpolitik neu denken“ in Kooperation mit der jungen DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik). Wie alle anderen Veranstaltungen bisher auch, musste diese coronabedingt digital stattfinden. „Unsere erste Veranstaltung 2020 hatten wir sogar noch analog geplant. Und das war dann aber genau die Woche, als die ersten Beschränkungen eingeführt wurde. Direkt die erste Veranstaltung haben wir dann voll digital gemacht. Das hat aber auch den Vorteil, dass sich weltweit Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland dazuschalten können. Wir können das aufnehmen und dann noch später zu Verfügung stellen.“

So hat Diplomats of Color eine größere Reichweite und auch Leute, die gerade nicht in Berlin sind, können teilnehmen. Mittlerweile sind nämlich bereits 150 Leute im Auswärtigen Amt Mitglied bei DoC, die auf der ganzen Welt verteilt leben und arbeiten. Und es gibt ein Schwesternetzwerk – Diplomats of Color and Allies. „Da wollen wir auch nochmal explizit weiße Menschen ansprechen, die auch mitmachen und das aktiv unterstützen wollen.“

Je höher die Position in der Hierarchie, desto weniger divers sind die Menschen

Dass es gerade im Auswärtigen Amt, das doch aus der Arbeit mit verschiedenen Ländern, Menschen und Kulturen besteht, ein Diversitätsnetzwerk braucht, klingt erstmal vielleicht verwunderlich. Aber: „Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hat herausgefunden, dass in der Bundesverwaltung nur zwölf Prozent der Beschäftigten einen Migrationshintergrund haben – im Vergleich zu 26 Prozent in der Gesamtbevölkerung“.

Das Außenministerium ist da einfach keine Ausnahme. Als Tiaji 2015 nach ihrem Abitur anfing, „Public Administration“ an der Akademie Auswärtiger Dienst in Berlin zu studieren, fiel ihr auf: „Im Vergleich zu meinem Aufwachsen ist es im Auswärtigen Amt homogener. Vor allem je höher ich in der Hierarchie geschaut habe, hat sich gezeigt, dass es dann anscheinend doch noch nicht so selbstverständlich ist, dass sich diese diverse Gesellschaft und diese diverse Umgebung, die ich für normal hielt, auch in Spitzenpositionen in der Verwaltung widerspiegeln.“

Heimatstadt Frankfurt

In ihrer Heimatstadt Frankfurt am Main hatte Tiaji das bis dahin nämlich anders erlebt. „Ich war gewohnt, dass Menschen mit ganz vielen verschiedenen Sprachen und Kulturen aufwachsen. Dass es auch tatsächlich wertgeschätzt wird. Es kam mir gar nicht in den Sinn, darüber nachzudenken, dass es irgendwie strukturelle Hindernisse oder so für mich geben könnte.“

Beim Auswärtigen Amt habe sie sich einfach aus einem fachlichen Interesse heraus beworben. Durch erste Erfahrungen mit Außenpolitik hatte sich bei ihr der Wunsch gefestigt, in die Diplomatie zu gehen. Noch während ihrer Schulzeit hatte Tiaji beim Europäischen Jugendparlament mitgemacht und an „Model United Nations“-Sitzungen teilgenommen. „Ich fand es spannend, da in Sitzungen in ganz Europa teilzunehmen und mit Jugendlichen aus verschiedenen europäischen Ländern zu diskutieren. Ich dachte, das ist super cool – ich möchte sowas Ähnliches auch in meinem späteren Beruf machen.

Studium beim Auswärtigen Dienst

Diesen Wunsch setzte Tiaji mit dem Studium beim Auswärtigen Dienst in die Tat um. Dabei engagierte sie sich weiterhin auch außerhalb des Studiums – unter anderem als Jugendbotschafterin bei ONE, einer Organisation, die sich dafür einsetzt, bis 2030 extreme Armut und vermeidbare Krankheiten zu beenden. In dieser Funktion hat Tiaji 2015 mal Ellen Johnson Sirleaf, die ehemalige Präsidentin von Liberia, getroffen. „Ich fand sie eine super inspirierende Persönlichkeit, weil sie sich vor allem auch für die Rechte von Frauen und Mädchen eingesetzt hat.“

Die Friedensnobelpreisträgerin war 2006 die erste Frau, die in einem afrikanischen Staat zum Staatsoberhaupt gewählt wurde – und ist ein Vorbild für Tiaji, so wie auch die Ex-Siemens-Vorständin Janina Kugel, die derzeit als Beraterin und Aufsichtsrätin tätig ist. „Auch von ihr kann man super viel lernen, gerade zum Thema Führung. Sie ist ein supergroßes Vorbild.“

Tiaji Sio als Vorbild

Dabei ist Tiaji Sio aber selbst ebenso ein Vorbild für andere: 2020 schaffte sie es auf die „FORBES DACH 30 Under 30“-Liste. Damit wurde sie von dem Wirtschaftsmagazin zu einer der 30 erfolgreichsten Unternehmer*innen, Gründer*innen, Wissenschaftler*innen, Sportler*innen und Künstler*innen in Deutsch, Österreich und der Schweiz gekürt – für ihr Engagement mit Diplomats of Color und den Anti-Rassismus-Diskurs, den sie damit im Auswärtigen Amt vorantreibt.

Chancengerechtigkeit ermöglichen

Mittlerweile geht es aber nicht nur um den Diskurs, sondern um konkrete Handlungen. Das übergeordnete Ziel: Eine Diversitätsstrategie. „Wir wollen prüfen, ob Chancengerechtigkeit herrscht. Und wenn nicht, was für Maßnahmen wir ergreifen können, um Chancengerechtigkeit in der Bundesverwaltung zu ermöglichen. Das schließt verschiedene Dinge mit ein. Zum Beispiel, dass man kritisch schaut, ob die Auswahlverfahren fair gestaltet sind: ob es da einen Unconscious Bias gibt und ob die Voraussetzungen für alle dieselben sind.“

Weitere Aspekte sind, rassismuskritische Aus- und Fortbildungen, insbesondere für Führungskräfte, anzubieten, Leitfäden für inklusive Sprache zu implementieren und die Durchlässigkeit bei der Hierarchie genau in den Blick zu nehmen. Beim Frauenanteil unter den Führungskräften sei das Auswärtige Amt mit 23 Prozent Schlusslicht unter allen Ministerien. „Da kann man natürlich auch schauen: Wie sieht das denn bei Personen mit Migrationsgeschichte aus? Gibt es strukturelle Barrieren?“

Quote als Lösung?

Und eine Quote? Wäre das die Lösung für mehr Diversität in Ministerien? Auch hier zieht Tiaji wieder den Vergleich zu Frauen: „Da gibt es gesetzliche Grundlagen. Es gibt das Gleichstellungsgesetz auf Bundesebene seit 2001. Es gibt Gleichstellungsbeauftrage. Und trotzdem sind Frauen noch immer unterrepräsentiert, besonders in Führungspositionen. Das heißt, man kann sich durchaus fragen, ob da eine Quote vielleicht Abhilfe schaffen kann.“

Dahingegen besteht für Menschen mit Migrationsgeschichte noch keine solche Rechtsgrundlage. Während z.B. Gleichstellungsbeauftrage oder Schwerbehindertenbeauftragte gesetzlich verpflichtend sind, gibt es kaum Diversitätsbeauftragte. „Falls man das rechtlich verankern möchte, kann man da direkt Lehren ziehen aus anderen Bereichen. Das wäre zum Beispiel eine Quote.

Andere Länder, mit denen das deutsche Auswärtige Amt im engen Kontakt ist, seien da schon weiter: „Kanada ist besonders fortschrittlich. Die haben beispielsweise einen Diversity Champion und konkrete Maßnahmen, wie sie die Repräsentation der gesellschaftlichen Vielfalt fördern können. In den USA gibt es ein Fast Track Programme, insbesondere für afroamerikanische Diplomaten und Diplomatinnen. Und auch im UK gibt es auch so einen Fast Stream.“ Da könne man schauen, was man auf Deutschland übertragen könnte.

Gesellschaftliche Vielfalt  sollte sich in Politik und Verwaltung widerspiegeln

Den Rückhalt der Bundesregierung habe Diplomats of Color dafür. Besonders das Auswärtige Amt sei besonders offen. „Ich glaube, dass das auch der Grund ist, weshalb sich DoC zuerst dort gebildet hat und nicht etwa im Heimatministerium. Ich war tatsächlich überrascht, wie positiv die Initiative aufgenommen wurde. Wir haben eine politische Führung, die vollkommen hinter uns steht und das ebenso als Ziel für sich definiert hat.“

Sicht der Opposition

Nur ein Teil der Opposition sieht das wohl anders. In einer Bundestagsanfrage beleuchtete die AfD-Fraktion Tiaji Sio und die Legitimität von Diplomats of Color kritisch anhand von suggestiven Fragen, die einen Zusammenhang mit Linksextremismus herstellten. „kritisch“ klingt irgendwie so legitim; den Fall genauer ausführen?

Und auch am Diversity Day gab es auf Social Media einen Shitstorm von rechts, als Tiaji auf den Kanälen des Auswärtiges Amtes Diplomats of Color vorstellte. Die Vielzahl negativer Nachrichten überraschte die Diplomatin. „Natürlich ist es wichtig, dass man auch kritischen Stimmen zuhört und versucht, in den Dialog zu treten. Aber für Debatten muss es einen Grundkonsens darüber geben, dass es eine gesellschaftliche Realität ist, dass wir in Deutschland in einer vielfältigen Gesellschaft leben, in der mehr als 25%, also mehr als jeder Vierter, einen Migrationshintergrund hat. Dass wir ein Einwanderungsland sind.“

In einer repräsentativen Demokratie sollte sich diese gesellschaftliche Vielfalt dementsprechend auch in Politik und Verwaltung widerspiegeln. „Auf der Grundlage kann man natürlich diskutieren, was für Maßnahmen am besten geeignet sind, um sich für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen. Aber es gibt eben Leute, die noch nicht mal an eine offene, vielfältige Gesellschaft glauben.“ Dennoch glaube Tiaji, dass das eine Minderheit in Deutschland sei – die einfach eine sehr laute Stimme hat. „Der Großteil glaubt an eine offene, plurale Gesellschaft. Und das sind auch genau die Leute, die wir erreichen wollen – und ich glaube, das machen wir auch.“

Netzwerk als Ziel

Ziel sei ein Netzwerk mit Vorbild Diplomats of Color in allen Ministerien. Diversitätsbeauftragte in jedem Ministerium. Ein Diversitätsgesetz. Und langfristig natürlich: „Dass wir in einer chancengerechten Welt leben, in der das alles gar nicht mehr notwendig ist.“ All dem ist Diplomats of Color nun einen Schritt nähergekommen. Denn die Initiative hat eine Förderung von erhalten. Damit soll nun das nächste Projekt umgesetzt werden: „Wir sind gerade in der Anfangsphase, ein interministerielles Diversitätsnetzwerk aufzubauen. Das heißt DIVERSITRY. Im Entwicklungsministerium, im Verteidigungsministerium und verschiedenen anderen Ministerien sind wir gerade in den ersten Gesprächen. Da gibt es jetzt auf jeden Fall Bewegung.

Dank der Förderung JoinPolitics können zwei Personen hauptamtlich für DIVERSITRY arbeiten. Vier weitere engagieren sich ehrenamtlich dort – darunter auch Tiaji Sio, neben ihrem Job als Diplomatin im Auswärtigen Amt.

Mittlerweile ist es schon später Nachmittag bei ihr in Vietnam. Die E-Mails werden weniger, der Arbeitstag neigt sich dem Ende. Bevor wir uns verabschieden, ermutigt Tiaji nochmal alle, die sich auch beim Auswärtigen Amt bewerben möchten: „Go for it. Macht es einfach!“

Clara Bettenworth
Clara studiert Politikwissenschaft an der Uni Hamburg und macht gerne Sport, vor allem Handball. Ihre größte Leidenschaft sind aber schon immer Worte gewesen. Am liebsten lernt sie in Gesprächen neue Leute kennen, um diese zu portraitieren. Denn: „Hinter jedem Menschen steht eine inspirierende Geschichte. Kohero bietet den Raum, damit diese Geschichten gelesen und gehört werden.“
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Seit drei Jahren lebt Zahra in Deutschland. Ihre Familie kommt aus Afghanistan. Dort aber konnten sie nicht leben. Gemeinsam…
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Clara Bettenworth
Clara studiert Politikwissenschaft an der Uni Hamburg und macht gerne Sport, vor allem Handball. Ihre größte Leidenschaft sind aber schon immer Worte gewesen. Am liebsten lernt sie in Gesprächen neue Leute kennen, um diese zu portraitieren. Denn: „Hinter jedem Menschen steht eine inspirierende Geschichte. Kohero bietet den Raum, damit diese Geschichten gelesen und gehört werden.“

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