Die traumatisierten Eltern

Kriegstraumata bedeuten für viele Familien mit Fluchterfahrung eine große emotionale Belastung. Vor dem Hintergrund des Kriegs in Sri Lanka und der Fluchtgeschichte in seiner eigenen Familie beschreibt der Autor die Folgen solcher Traumatisierungen. Und er macht Mut zu Veränderungen.

Fotograf: Luise and Nic on Unsplash

Der Krieg in Sri Lanka brach aufgrund der Pogrome im Jahre 1983 aus, als in der Hauptstadt Colombo tamilische Zivilisten von singhalesischen Mobs getötet und zahlreiche Geschäfte geplündert wurden. Innerhalb weniger Wochen ereignete sich in Sri Lanka ein unbeschreibliches Szenario an ermordeten tamilischen Zivilisten. Der Monat Juli ist in der Geschichte des Bürgerkrieges von Sri Lanka als „Schwarzer Juli“ eingegangen. Im Juli 1983 wurden mehrere Tausend Tamilen durch die staatliche Bewachung von singhalesischen Mobs getötet. Brennende Autos und herumliegende Leichen waren zu dieser Zeit an der Tagesordnung. Die Flucht ins Ausland war für viele die einzige Lösung, ihr Leben noch zu retten.

Den Flüchtlingen gehörte meine Mutter mit meinen beiden Geschwistern an. Mein Vater, der bereits vor Ausbruch des Krieges nach Deutschland gekommen war, blieb von den Pogromen verschont. Die Flüchtlinge ließen ihr gesamtes Hab und Gut zurück, um ihren Traum nach einem besseren und vor allem friedlicheren Leben im Ausland zu verwirklichen.

Wenn Trauer und Wut sich anstauen

Unterschätzt wird das traumatisierte Erlebnis, welches sich in der Heimat ereignete. Gerade diese Traumatisierung führt später zu unkontrollierten emotionalen Verhaltensweisen gegenüber den Kindern. Die betroffenen Menschen tragen eine unbeschreibliche angestaute Trauer und Wut in sich. Das Anstauen des Erlebten aus der Heimat, begleitet von zusätzlichen Problemen im Exil-Land, kann die Psyche ab einem bestimmten Punkt nicht mehr tragen. Emotionale Gewaltausbrüche sind das Resultat dieses psychischen Drucks, unter dem die betroffenen Flüchtlinge jahrelang leiden. Viele Migranten ignorieren dies. Die Selbstreflexion, dass man ein Kriegstrauma erlebt hat, gelingt nur wenigen.

In meiner Familie waren beide Elternteile von unterschiedlichen Erlebnissen geprägt. Mein Vater blieb von einem Kriegstrauma und der ständigen Angst um sein Leben verschont. Er machte sich auf die weite Reise nach Deutschland, um ein neues Leben aufzubauen. Meine Mutter – im September 2008 verstorben – dagegen erlebte den Bürgerkrieg zusammen mit meinen beiden älteren Geschwistern. Fünf Jahre verbrachte sie ohne meinen Vater in Sri Lanka und erlebte die Flucht, um zu überleben. Vereint in Deutschland standen sich meine Eltern gegenüber wie zwei komplett unterschiedliche Menschen.

Auf der Suche nach jeweils eigenen Fluchtgebieten

Dass die Ehe nach fünfundzwanzig Jahren irgendwann in die Brüche gehen würde, ist für mich nach heutiger Sicht nachvollziehbar. Geprägt war die weitere Beziehung in Deutschland vor allem von Verletzungen und unkontrollierten emotionalen Ausbrüchen, die sich sowohl in verbaler als auch in körperlicher Art äußerten. Sie suchten jeder für sich ihr eigenes Fluchtgebiet, um die negativen Gefühlszustände zu verdrängen. Meinem Vater fehlte die Erfahrung im Umgang mit im Krieg traumatisierten Menschen. Der Zugang zu den Gefühlen meiner Mutter blieb ihm daher verschlossen.

In dieser Hinsicht gibt es eine Fülle von Exil-Tamilen, die aufgrund persönlicher Kriegserlebnisse seelisch leiden.

Eine aus der Kindheit nicht verheilte Wunde, die möglicherweise durch die Großeltern hinzugefügt worden ist, wird durch dieselbe Verhaltensweise an die eigenen Kinder weitergegeben. Wenn ein betroffenes Kind die dadurch entstehenden Wunden nicht verarbeitet und mit seinem Schmerz beispielsweise eine Ehe eingeht, entsteht ein sich ständig wiederholender Kreislauf von Verletzungen.

Wege aus dem Gefühlschaos

Versucht man, den Umgang deutscher Eltern mit ihren Kindern den Eltern gegenüber als gut und positiv zu erklären, könnte man abgestempelt werden als „zu westlich“ und „zu deutsch“. Ziel ist es nicht, sich selbst darzustellen, sondern eine mögliche Änderung in den häuslichen Umgangsformen zu bewirken. Ein Weg aus diesem Gefühlschaos wäre für betroffene Kinder, zu verstehen, dass die Eltern aufgrund von Kriegserlebnissen in der Heimat ein schweres Schicksal erlebt haben. Und dass bestimmte Schicksalsschläge bei ihnen zu gewissen Verhaltensweisen führen.

Nach dieser Erkenntnis könnte man durch externe Hilfe lernen, welche weiteren Wege man für sich im Umgang mit den Eltern wählt, um den Aufenthalt unter ihrem Dach erträglich zu machen. So lange, bis man das Glashaus eines Tages mit einer gesunden Psyche verlassen kann. Der Vorteil einer solchen Erkenntnis ist der, dass man die Fehler der Eltern nicht kopiert. In der eigenen Familiengründung könnte auf Aspekte geachtet werden, die bei einem selbst nicht erfüllt waren. Manche erkennen ihre Chance und setzen sie auch in die Tat um, andere brauchen eine helfende Stütze, die sie auf dem langen Weg durch das Tal der Emotionen begleitet. Auch hier ist wichtig: Man sollte keine Angst haben, die eigenen Eltern zu verraten oder das Miteinander ins Negative zu ziehen. Die Hilfe von außen kann diskret und persönlich geschehen, ohne die Eltern dabei zu involvieren.

 

Devakumaran Manickavasagan, geb.1987 in Ratingen, beschäftigt sich seit über 10 Jahren mit dem Wandel verschiedener Kulturen in Deutschland. Dies gelang ihm durch den Austausch mit betroffenen Menschen, begleitet von zahlreichen Beobachtungen und persönlichen Erfahrungen mit dem Leben zwischen zwei Kulturen. Während der „Flüchtlingskrise“ 2015 konnte er als Leiter einer Notunterkunft mit seiner tatkräftigen Unterstützung einen wertvollen Beitrag für die neu angekommenen Menschen in Deutschland leisten. Deva war lange Jahre im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit aktiv.
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