Deutsche Studentin trifft Geflüchteten aus Afghanistan – Was wir voneinander lernen können. Teil 2

Dies ist der zweite Teil des Interviews mit Murad. Murad ist aus Afghanistan geflohen. Die Geschichten, die er mir erzählt, handeln von Unsicherheit, Angst und Gewalt, aber auch von Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe und der Sehnsucht nach Freiheit.

Afghanistan
Fotograf: privat

 

Den ersten Teil von Murads Geschichte haben wir hier veröffentlicht.

 

Teil 2 – Religion, Gegenwart und Zukunft

Wir reden über Religion. Ich bin christlich erzogen worden, er muslimisch.

 

Ich: Glaubst du an Gott? An Allah?

Murad: Ja, ich glaube an Gott, aber nicht, dass er Krieg will. Die Taliban sagen ja, dass sie im Auftrag Gottes Krieg führen, aber das kann nicht stimmen. Gott hat uns erschaffen, um auf der Erde zu leben, nicht um uns gegenseitig und unser Zuhause zu zerstören. Gott will niemals Krieg. Da bin ich mir sicher.

In Afghanistan verstehen weniger Leute, was wirklich im Koran steht, weil sie kein Arabisch können – Also glauben sie, was man ihnen erzählt. „Bring keinen Menschen um!“, das sagt niemand. Dann musst du 8 Jahre ins Gefängnis, ja. Aber es ist keine absolute Regel, so wie dass Frauen Kopftuch tragen müssen. Das ist doch Quatsch. Warum versteht niemand, dass wir einander nicht töten dürfen?

Wenn einer einen Menschen tötet, sagt niemand was; wenn eine Frau ohne Kopftuch draußen herumläuft, kommen sie mit Steinen raus. Das ist echt verrückt.

Ich: Ich frage mich manchmal, wie es dazu gekommen ist. Irgendwann müssen sich Menschen das ja ausgedacht haben…

Murad: Oft steht es im Koran. Viele sagen, dass der Koran von Gott geschickt wurde und eine absolute Wahrheit darstellt. Woher weiß man das? Es könnte doch auch sein, dass er geschrieben worden ist. Ich denke oft darüber nach, ob nicht vielleicht doch ein Araber den Koran geschrieben hat. Wenn das so wäre, wäre es ja falsch, zu behaupten, Gott hätte es geschrieben. Der Mensch hätte ja sagen müssen: „So hat Gott zu mir gesprochen“, oder so. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott die Zeit hat, so wie ich jetzt ein Interview zu führen…

Ich: Ich sehe mich als Teil der Menschheit. Alle Menschen sind meine Brüder und Schwestern. Wir sind eine Familie und ich will, dass es uns allen gut geht…

… Und ich denke, dass es auch das ist, worum es in Religionen gehen sollte. Institutionelle Religionen wie Christentum oder Islam sagen das vielleicht auch und enthalten viele gute Wahrheiten, aber sie bewirken auch Abgrenzung und Teilung: „Ich glaube das Richtige. Ich habe etwas verstanden, was andere nicht verstanden haben. Das macht mich zu etwas Besserem und ich muss gegen die anderen etwas unternehmen.“

Ich bin keine Christin mehr, weil ich ein Teil der Welt bin – Teil von Existenz. Ich will mich nicht abgrenzen. Und wie du sagst, ist Religion etwas Persönliches. Es geht nicht nur um Regeln und darum, wer was gesagt hat. Wenn du an Gott glaubst, ist er auch für dich da; hat dich geschaffen und respektiert dich, auch wenn du Dinge hinterfragst oder kein Kopftuch trägst.

Murad: Der Koran sagt gute und schlechte Sachen und ich halte mich an die Guten und die Schlechten sind mir egal. Und natürlich gibt es Regeln, wie dass man keinen Alkohol trinken soll, da weiß ich nicht genau, ob das gut ist oder schlecht. Aber vor dem Koran haben ja auch schon Menschen gelebt. Für viele Tausende Jahre vielleicht. Ich denke nicht, dass alle diese Menschen vor dem Koran in die Hölle gekommen sind, weil sie nicht an Gott geglaubt haben. Sie hätten es ja nicht wissen können. Und Gott hat ja nicht alle diese Menschen geschaffen, nur um sie in die Hölle zu schicken. Das wäre ja dumm. Das ist so unverständlich.

Ich: Ich finde es beeindruckend, wie du dir deine eigenen Gedanken machst.

Murad: Ich denke manchmal: Wenn ich jetzt Präsident wäre in Afghanistan, würde ich alles anders machen. Ich würde keinen Krieg führen. Das Leben ist ja viel schöner, wenn man anderen Menschen helfen kann.

 

Individualität und Gemeinschaft 

Ich: Haben wir es verlernt in einer Gemeinschaft zu leben?

Murad: Hier in Deutschland fällt mir manchmal auf, dass Menschen sich einander nicht helfen. Zum Beispiel alten Menschen im Bus. Ich habe einmal gesehen, wie eine Oma im Bus hingefallen ist und niemand ging, um ihr zu helfen. Ich fand das so komisch. Irgendwann ist man selbst ja auch alt und fällt vielleicht hin, würdest du dann wollen, dass alle einfach wegschauen und niemand dir hilft? Das ist doch blöd… Ich saß ganz hinten im Bus, recht weit weg von ihr, aber ich bin aufgestanden, zu ihr gegangen und habe ihr geholfen aufzustehen und sie war so dankbar! Sie hat bestimmt 100 Mal danke gesagt. Das hat mich sehr glücklich gemacht.

Ich: Ja, manchmal leben wir in Deutschland zu sehr für uns selbst. Individuelle Freiheit ist gut, aber manchmal vergessen wir, dass wir darauf angewiesen sind, einander zu helfen – dass wir in einer Gemeinschaft leben. Das habe ich in anderen Ländern, wie zum Beispiel Israel, auch ganz anders erlebt. Da haben die Menschen einander mehr geholfen.

 

Ich habe an diesem Abend schon viel von Murad gelernt. Nun wird mir bewusst, dass nicht nur ich persönlich, sondern wir als Gesellschaft von ihm und anderen Geflüchteten oder generell Ausländern lernen können. Es scheint mir wichtig, dass Menschen hierherkommen, die unsere Lebensweise hinterfragen und mit anderen Werten aufgewachsen sind. Indem ich anderen zugehört habe, habe ich gelernt aus verschiedenen Varianten des Zusammenlebens das Beste herauszusuchen.

 

Rückkehr nach Afghanistan

Ich: Stell dir mal vor, du würdest in einigen Jahren, vielleicht mit Familie, nach Afghanistan zurückkehren. Wie würdest du dich verhalten? Was würdest du verändern wollen?

Murad: Ich glaube, dass es in Afghanistan sehr schwer wird, die Bräuche zu ändern. Sie würden denken, dass ich kein richtiger Muslim mehr bin, und ich bekäme richtig Ärger. Zum Beispiel habe ich neulich mit einem alten Freund von mir telefoniert und habe ihm von meinem Gedanken erzählt, dass der Koran ja vielleicht von Hand geschrieben worden ist und nicht direkt von Gott. Er hat so schnell reagiert und gesagt, dass ich kein Muslim mehr bin. Er hat gesagt, ich dürfe mich nicht mehr Muslim nennen und dass, wäre ich da, er mich für meine Ketzerei direkt umbringen würde.

Er war mal ein richtig guter Freund von mir… Ich habe gesagt: „Was laberst du? Das war doch nur eine Idee von mir… Ich bin immer noch Muslim.“ Aber er meinte: „Nein. Du bist nicht mehr Muslim“. Jetzt haben wir lange nicht mehr telefoniert. Er war so lange in der Koranschule, dass diese Gedanken zu tief in ihm eingegraben sind. Sein Kopf funktioniert nicht mehr richtig.

Ich: Ich denke, dass so etwas auch ganz viel mit Angst funktioniert. Er hat so oft gehört, dass er in die Hölle kommt, wenn er sich nicht an die Regeln des Islam hält, dass er Angst hat, diese zu hinterfragen, alleine schon der kleinen Möglichkeit halber, dass er dafür in die Hölle kommt. Ich glaube, es ist wirklich so wie du sagst, dass sein Kopf nicht mehr richtig funktioniert, weil die Angst ihn lähmt und am Nachdenken hindert.

Murad: Genau. Ja, das ist wirklich sehr schwierig. Würde ich hinfahren und sagen: das ist falsch und das ist falsch und das muss so sein, dann würde ich richtig Ärger bekommen. Sie würden mich vielleicht nicht direkt umbringen, wenn es keinen Krieg mehr gibt, aber ich wäre wahrscheinlich auch nicht willkommen, wenn sie denken, dass ich sie von ihrer Religion abbringen will.

Ich: Fändest du es gut, wenn Afghanistan nicht mehr muslimisch wäre?

Murad: Wichtig finde ich, dass die Menschen mehr Rechte haben als ein Buch; dass Menschen am wichtigsten sind und dann kommt die Religion. Ein Leben ist ein Leben: Tiere, Menschen… die müssen leben. Gott hat das Leben gegeben; nur Gott kann es nehmen. Aber niemand muss anderen wehtun oder sie umbringen. Ich würde sowas gerne ändern, wenn ich könnte.

 

Hoffnungen für die Zukunft

Es ist spät geworden. Ich überlege, ob er sich ohnmächtig fühlt – Wie er mit diesem Lebensgefühl umgeht.

 

Ich: Was erhoffst du dir von deiner Zukunft?

Murad: Ich hoffe, es läuft gut: dass ich eine Ausbildung machen kann und eine gute Arbeit finde. Und danach will ich einfach in Frieden leben: Genießen,  keinen Stress haben, einfach das Leben auf mich zukommen lassen, so wie es läuft. Dafür habe ich gar nicht so viele Ideen. In Afghanistan vor ca. 10 Jahren hätte ich nie gedacht: Morgen fahre ich in den Iran, übermorgen in die Türkei und überübermorgen nach Deutschland. Das hätte ich nie für möglich gehalten, aber so ist es passiert. Wie kann ich das geschafft haben, nach Deutschland zu kommen?

Ich hatte so ein schweres Leben, konnte nie etwas machen, hatte kaum Geld und immer Angst. Ich habe irgendwas gearbeitet, irgendwie überlebt. Und jetzt bin ich hier – vielleicht war das Schicksal. Ich bin jetzt zufrieden. Ich habe viel mehr geschafft, als ich je für möglich gehalten hätte. In meinem Leben habe ich so viele gute Menschen kennengelernt und kann jetzt ganz anders denken als früher. Ich hoffe, dass noch mehr schöne Zeiten und Spaß kommen – dass ich ein gutes Leben habe.

 

Wir reden noch kurz über seine Familie. Murad hat Angst um sie, kann häufig nicht schlafen und ruft sie nachts an, weil gerade wieder die Front durch ihre Stadt verläuft und täglich Menschen sterben.

 

Ich empfinde einen unglaublichen Respekt für diesen wundervollen Menschen

Ich bedanke mich für sein Vertrauen, wir umarmen uns. Gemeinsam gehen wir runter in die Küche meiner Eltern und machen uns schnell noch ein Brot zum Abendessen. Dann setzen wir uns zu meinen Brüdern ins Wohnzimmer an den Tisch und spielen noch eine Weile „UNO mit Zwischenwerfen“. Ich verliere dauernd, weil ich die ganze Zeit etwas abgelenkt bin davon, wie natürlich Murad hier als Teil von uns sitzt und mit uns lacht und wie in diesem jungen Menschen so viele Erfahrungen verborgen sind, die ich mir auch nach unserem langen Gespräch kaum ansatzweise vorzustellen vermag: was er alles schon durchgemacht hat; wie viel Angst er schon in seinem Leben hatte und immer noch hat. Ich empfinde einen unglaublichen Respekt für diesen wundervollen Menschen und eine tiefe schwesterliche Liebe und Dankbarkeit, ihn kennen zu dürfen und durch seine Erfahrungen auch bereichert zu sein.

 

Mirjam, bin 23 Jahre alt und studiere Jura in Passau und London. Sie beratet  Geflüchtete im Asylrecht bei der Refugee Law Clinic Passau und bin Teil des Teams für politische Bildung im Verein „Chancen Gestalten Passau“. Sie reist gerne und lernt neue Kulturen und Menschen kennen und freut sich darüber, wenn neue Kulturen und Menschen direkt hier nach Deutschland kommen und unsere Gesellschaft ein wenig herausfordern.
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Mirjam, bin 23 Jahre alt und studiere Jura in Passau und London. Sie beratet  Geflüchtete im Asylrecht bei der Refugee Law Clinic Passau und bin Teil des Teams für politische Bildung im Verein „Chancen Gestalten Passau“. Sie reist gerne und lernt neue Kulturen und Menschen kennen und freut sich darüber, wenn neue Kulturen und Menschen direkt hier nach Deutschland kommen und unsere Gesellschaft ein wenig herausfordern.

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