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Der Ankerplatz St. Pauli unterstützt Geflüchtete

Wir haben Gabi Goldammer-Büttner und Rebecca Piatek, zwei der engagierten Gründerinnen des Ankerplatz St. Pauli, getroffen. Die Flüchtlingshilfe an der Friedenskirche e.V. unterstützt Geflüchtete mit Sachspenden und bietet ihnen jeden Mittwoch einen Kommunikations-Treffpunkt.

Fotograf: Eugenia Loginova

Was ist „Ankerplatz“ und wie ist die Idee für den „Ankerplatz“ entstanden?

Rebecca Piatek: Wir sind der Ankerplatz St. Pauli eV. und haben uns vor gut 2 Jahren gegründet.
Entstanden ist die Idee, weil Susanne Pfeifer, die in der Kirchengemeinde arbeitet, bereits Flüchtlinge aus der Lampedusa-Gruppe betreut hat. Gabi lernte sie kennen und ich bin wiederum mit Gabi befreundet. So kamen wir drei zusammen. Und wir beide haben uns gedacht, dass Susanne Unterstützung benötigt. Dann haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, was wir machen können und relativ schnell entschieden, dass wir einen festen Tag haben wollen, an dem wir hier einen Treff stattfinden lassen. Das fing so an, dass wir uns jeden Mittwoch vor der Kirche mit einem VW-Bus hingestellt haben, und aus dem VW-Bus Spenden verteilt haben, die wir bei Freunden und Bekannten gesammelt hatten. Irgendwann wurden aus den Kleiderspenden auch Lebensmittelspenden, die wir bei EDEKA gesammelt haben. Als dann immer mehr Leute zu uns kamen, beschlossen wir einen Verein zu gründen. Damit wir eine besser organisierte Struktur haben und an Spendengelder kommen können, z.B. aus Stiftungen.

Gabi Goldammer-Büttner: Es ist ein dauerhafter, sich entwickelnder Prozess. Angefangen, wie gesagt, mit einer kleinen Gruppe von Familien aus der Lampedusa-Gruppe, die wir unterstützt haben. Daraus haben wir auch unser Vereinsmotto kreiert. Wir haben gesagt: Das sind die geflüchteten Menschen, die durch das Raster fallen, die nicht in Integrationskursen sind oder diese nicht in Aussicht gestellt bekommen haben. Das war so der Start. Es fing an mit Spenden verteilen, aber eben auch mit rechtlicher Unterstützung, die wir durch Fluchtpunkt erhalten haben. Und dann hat sich auch durch die Entwicklung der Flüchtlingskrise/-welle (es ist nach wie vor ein schreckliches Wort, aber trotzdem benutze ich es jetzt einmal) eigentlich auch unsere Gruppe verändert. Also es sind junge Männer aus Syrien dazugekommen, Menschen aus Eritrea, eine afghanische Familie, die wir betreuen. Durch die Anforderungen an uns hat sich auch das verändert, was wir anbieten können. In der Zeit sind natürlich auch viele Menschen auf uns zugekommen, die gesagt haben: „Wir möchten uns auch engagieren, wir möchten auch gerne helfen“. Sie sind auch in unserer Gruppe hier am Mittwoch, machen Kinderbetreuung und geben Deutschunterricht. Wir haben versucht Patenschaften aufzubauen, das ist ein bisschen schwierig. Jetzt sind wir an dem Status, wo wir hauptsächlich junge Frauen aus Afrika, Nigeria und Ghana betreuen, die tatsächlich auch wieder durch das Raster fallen. Sie sind hier angekommen und sind in den Unterkünften. Sie haben kleine Babys oder sind schwanger, und ihnen fehlt eben einfach auch die Unterstützung. Und sie haben keine Zeit durch die Betreuung ihrer eigenen Kinder, sich um Deutschunterricht zu bemühen. Wir sagen ganz einfach, diese Menschen sind da, und sie brauchen Hilfe, und sie wenden sich hier an uns. Wir haben den ganz großen Vorteil, dass wir mit unserem Verein hier in der Kirchengemeinde sind und von der Kirchengemeinde eben auch sehr unterstützt werden, finanziell und mit der Lokalität hier. Das findet hier immer alles in der Friedenskirche statt.

Rebecca Piatek: Es werden auch z.B. Benefizkonzerte veranstaltet, von denen wir auch profitieren, von den Spendengeldern. Da bekommen wir Vieles. Es gab schon Flohmärkte, die von der Kirche organisiert werden, wo die Erlöse an den Ankerplatz weitergegeben wurden. Wir bekommen ganz häufig einen Teil der Kollekte. Das heißt, ein Großteil unserer Finanzierung wird unterstützt durch die Kirche. Obwohl wir kein kirchlicher Verein sind aber doch eng zusammenarbeiten, und ohne diese Unterstützung könnten wir die Arbeit so in dem Rahmen gar nicht machen. Wir sind sehr dankbar, dass wir die Unterstützung haben und die Arbeit sonst gar nicht so leisten könnten.

– Wie kann man Euch noch unterstützen?

Rebecca Piatek: Also ganz niederschwellig brauchen wir zum Beispiel Sachen wie frisches Obst und Gemüse. Wenn wir Lebensmittelspenden bei EDEKA sammeln, dann können wir keine frischen Sachen nehmen, weil wir dann nicht wissen, wie lange die schon in den Kartons liegen. Da bitten wir nur um haltbare Lebensmittel, und wir sind sehr dankbar, wenn wir am Mittwoch frisches Obst und Gemüse bekommen. Dann freuen wir uns immer über Windelspenden, weil wir eben sehr viele Mütter haben und Windeln teuer sind.

Gabi Goldammer-Büttner: Und wir freuen uns natürlich auch über Geldspenden, weil wir dann solche Dinge kaufen können.

Rebecca Piatek: Wir haben ja den Unterricht, und der wird momentan von ein, manchmal zwei Lehrern bestritten. Das ist sehr schwierig, weil wir viele unterschiedliche Könnensstufen hier haben. Es sind also Leute dabei, die schon relativ gut Deutsch sprechen, die einen ganz anderen Unterricht benötigen als wiederum eine andere Gruppe, die noch gar kein Deutsch spricht. Es sind auch durchaus Leute dabei, die Analphabeten sind. Also drei unterschiedliche Könnensstufen, die wir mit einem oder zwei Lehrern gar nicht bedienen können. Da würden wir uns sehr darüber freuen, wenn wir qualifizierte Lehrer hätten, die ehrenamtlich am Mittwoch hier mithelfen könnten.

– Wie funktioniert es mit den Patenschaften?

Rebecca Piatek: Es muss gar nicht ganz offiziell laufen, sondern einfach z.B. eine Mutter, die Lust hat, sich mit einer andern Mutter, die ein Kind im gleichen Alter hat, zu treffen und ab und zu mal etwas gemeinsam zu unternehmen. Zum Zoo zu gehen, oder einfach auf den Spielplatz. Um Kontakt zu bekommen und auch, um die Sprache zu lernen. Das wäre für die Frauen ganz wichtig. Die haben gar nichts, die sitzen den ganzen Tag in ihrem Camp. Sie gehen natürlich auch raus, aber immer mit Leuten, die die gleiche Sprache sprechen. Und wenn es da Leute geben würde, die eine Art Patenschaft annehmen und sagen, ich beschäftige mich damit, ich freunde mich an mit einer anderen Mutter und wir unternehmen ab und zu etwas, Kaffee trinken gehen, etwas Schönes machen, das wäre toll. Das würde den Frauen sehr helfen.

Gemeinsam mit dem Pastor Michael Schirmer von der Kirche St. Johannis in Altona, hat Ankerplatz einen Chor mit Geflüchteten gegründet.

– Wie ist die Idee für den Chor entstanden?

Pastor Michael Schirmer: Ich habe die Anfangszeiten und die Initiativen der drei Frauen, die den Ankerplatz gegründet haben, indirekt miterlebt. Und habe mich dann immer erkundigt, wie es läuft. Wie viele Leute kommen, und was man so miteinander macht. Und da ich denke, dass Musik eines der Medien ist, wo man am leichtesten, auch wenn man nicht dieselbe Sprache spricht, zu einander in Kontakt kommt, habe ich einfach irgendwann einmal gefragt: „Was habt Ihr für Musik?“ Und dann stellte sich zweierlei heraus, nämlich erstens, dass die allermeisten aus der Gruppe Christinnen und Christen sind. Die haben oder hatten ihre Gemeinden, und sie haben demzufolge auch ihre Lieder. Ich habe einfach in der ersten Phase nur zugehört und mal versucht, mit der Gitarre harmonisch und melodisch aufzunehmen, was sich da so abspielt. Dann habe ich auch mal gefragt, worüber das Lied handelt, damit man auch inhaltlich ein bisschen weiß. Manche Lieder kamen zum Beispiel aus Gana, waren auch in der Landessprache und nicht auf Englisch. Daher ist es auch eine sehr interessante Erfahrung gewesen, welche Lieder da mitgebracht worden sind.

– Ist der Chor schon einmal aufgetreten?

Der kleine Chor hat auch schon zweimal im Gottesdienst in der St. Johannis Kirche gesungen, was mich sehr gefreut hat. Einmal beim Ehrenamtlichenfest und dann in einem Gottesdienst, wo eine Taufe gefeiert wurde. Und es sind ja auch viele Kinder hier am Ankerplatz, vielleicht wird das ja auch mal ein Thema, was wir weiterverfolgen.

– Freuen sich die Frauen darüber?

Ich merke schon, dass sie fröhlich und manchmal sehr beschwingt nach Hause gehen. Ich weiss, wenn auch nicht in allen Details, dass ihr Leben über die Woche überwiegend nicht so einfach ist, und ich sehe auch als Musiker was z.B. der Rhythmus mit ihnen macht. Wie man es ja auch auch zumindest aus Filmen oder eigenem Erleben mit afrikanischer Musik und Sängerinnen kennt. Dass, sobald da Rhythmus mit im Spiel ist, sich sofort die Atmosphäre im Raum verändert. Und das nehme ich da auch wahr.

– In welchen Sprachen sing der Chor?

Ich hatte letztes Mal einen aktuellen Gospel von Andrae Crouch mitgebracht: „Soon and very soon we are going to see the King“ und das kannten sie überwiegend. Manches geht in einer afrikanischen Sprache, da kann ich halt zuhören und versuchen so über die Phonetik ein bisschen mitzumachen, ohne jetzt Wort für Wort zu wissen, worum es da geht. Deutsch haben wir noch nicht versucht, aber das ist sicherlich eine Idee.

 

 

Genia ist freie Künstlerin und für Bilder und Illustrationen bei kohero verantwortlich. „Ich liebe meine kulinarische Ecke und bin ständig auf der Suche nach verrücktesten Rezepten für Euch.“
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Petra Urban ist aktiv in der Flüchtlingshilfe. In dem folgenden Beitrag erklärt sie, wie Teilhabe und Integration gelingen können….

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