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„Wir wollen unser gemeinsames Leben vorantreiben.“ 

Der Hamburger Wohnungsmarkt ist hart. Für viele Menschen ist es kaum möglich, eine Wohnung zu finden, die ihren Bedürfnissen entspricht. Unsere Vermutung: Für Geflüchtete ist die Wohnungssuche besonders schwierig. Deshalb haben wir bei Geflüchteten nachgefragt, die schon ein paar Jahre in Deutschland leben. Unsere Interviewreihe "Und wie wohnst du?".

Fotograf: Privat

Der 34-jährige Ishaq Qureshi kam 2015 mit seiner Frau und seinem Sohn aus Afghanistan nach Deutschland. Heute leben sie in einer Wohnung in Burgwedel bei Hamburg.


Die Anstalt des öffentlichen Rechts fördern und wohnen (f & w) gibt nach eigener Aussage „wohnungslosen Menschen ein Dach über dem Kopf und hilft ihnen, wieder Fuß zu fassen“. Unter der Trägerschaft der Stadt Hamburg stellt f & w in 107 Unterkünften Wohnraum für insgesamt 34.063 Geflüchtete und Wohnungslose zur Verfügung (Stand: Juli 2020). Einige weitere Standorte fokussieren die Unterbringung von Senior*innen und Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder psychischen Leiden. Das Leistungsspektrum umfasst die Bereitstellung von Erstaufnahmeeinrichtungen, die entgeltliche Überlassung von Wohnraum, eine medizinische Versorgung, Verpflegung sowie Beratung bei Behördenangelegenheiten.


Aktuelle Wohnsituation

Ich lebe mit meiner Frau und meinem Sohn in einem vierstöckigen Gebäude im Hamburger Stadtteil Burgwedel. Nach fünf Jahren des Wartens und Suchens haben wir dieses Mehrfamilienhaus finden können. Im April dieses Jahres sind wir endlich in eine neue Wohnung gezogen und leben jetzt dort. Das Haus gehört zu einem modernen Gebäudekomplex, welcher neben dem Burgwedeler Bahnhof erbaut worden ist. Manchmal hören wir die Züge, aber es ist besser als früher. Die Kosten für unsere jetzige Wohnung belaufen sich auf 800 Euro im Monat, womit wir sehr zufrieden sind. Ich verstehe mich sehr gut mit meiner Frau und meinem Sohn. Meine Frau und ich kümmern uns nicht nur gemeinsam um die Erziehung, wir stimmen auch darin überein, dass wir unser gemeinsames Leben vorantreiben wollen. 

In unserem Haus leben viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. Alle von ihnen leben in Familien. In den ersten Tagen half ich vielen von ihnen, ihre Habseligkeiten in die Wohnungen zu tragen, um sie kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen. Das Leben in einer Wohnung hat eine andere Etikette und Kultur als das in einem Einfamilienhaus.

Regeln im Mehrfamilienhaus

Es gibt spezielle Regeln. In den ersten Tagen wussten wir nicht, was für Regeln wir zu befolgen hatten. Aber mit der Hilfe meiner Frau übersetzten wir uns sie ins Persische und fanden heraus, was die Regeln verlangen und was nicht. Meistens werden die Regeln von allen befolgt, aber manchmal hören unsere Nachbarn laute Musik. Wir tolerieren dies und werden nicht wütend, aber weil wir selbst eher ruhig leben, hoffen wir, dass unsere Nachbarn sich bald ändern.

Ich mag es nicht, mit meinem Nachbarn zu streiten und Unbehagen zu verursachen. In unserem Haus besteht ein Problem mit der Abfalltrennung, wofür es eine Regelung gibt, die aber kaum einer beachtet. Da so viele Nachbarn nicht auf die Mülltrennung achten, haben wir beschlossen, dass wir nächsten Monat einen freundlichen Rundbrief schreiben, in welchem wir alle darum bitten, auf dieses Problem zu achten. Denn die Sauberkeit der Umwelt hat Auswirkungen auf unsere Gesundheit.

Der lange Weg bis zur Wohnung in Burgwedel

Derzeit stehen 75 Quadratmeter zur Verfügung. Und das reicht uns. Aktuell wird unsere Miete vom Jobcenter  bezahlt. Außerdem macht meine Frau eine Ausbildung, von der wir hoffen, dass wir damit die Kosten nach ihrem Abschluss selbst bezahlen können. 2015 kamen meine Frau, mein Sohn und ich aus Herat, Afghanistan nach Hamburg. Damals waren wir im Geflüchtetenlager Neugraben untergebracht. Nach einer Weile wurden wir in eine Wohngemeinschaft an der Hallerstraße transferiert. Dann wieder in andere Räume in der Nähe von Duvenacker in Hamburg.

Das Leben hier war bisher wirklich hart. Es gab keine Regeln und niemand kümmerte sich darum, welche aufzustellen. Wir mussten es einfach ertragen. Dreimal stürzte mein Sohn während er mit dem Fahrrad fuhr und von anderen Kindern belästigt wurde. Ihm brachen Zähne aus und wir gingen mit ihm ins Krankenhaus. Dort fühlten wir uns unbehaglich.

In dieser Zeit bewarb ich mich bei 54 Gebäuden. Bei 24 von ihnen bekamen wir eine Einladung zur Besichtigung. Wir gingen hin und uns gefielen sie, aber wir wurden nicht angenommen, da es viele Bewerber gab und der Eigentümer die Wohnung nur an jemanden vermietete, der unabhängig ist und arbeitet. Nicht aber an uns. Da uns das Jobcenter unterstützte, war dies für den Eigentümer inakzeptabel.

Ich habe von vielen Einwanderern gehört, dass sie für 3.000 Euro ein Zuhause auf dem Schwarzmarkt fanden. Auch uns wurde das angeboten, aber ich wollte es nicht tun und den Umfang des Fehlverhaltens erhöhen. Keine Deutschen haben uns geholfen, ein Zuhause zu finden. Als wir welchen sagten, dass wir ein Haus suchten, sagten sie uns: „Es ist schwierig, ein Haus in Hamburg zu finden. Warten Sie.“ Oder: „Ich kann Ihnen keines anbieten.“

Ausblick

Zur Zeit bin ich sehr froh, dass wir ein unabhängiges Zuhause haben und ein ruhiges Leben führen können.  Ich hoffe sehr, bald in den Arbeitsmarkt eintreten zu können und meinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. In meinem Heimatland war ich Journalist und habe über 10 Jahre Nachrichten recherchiert, Fotos gemacht und für Magazine geschrieben. In diesen Arbeitsbereich würde ich gerne zurückkehren. 

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