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„Wir müssen viel Rücksicht nehmen“

Der Hamburger Wohnungsmarkt ist hart. Für viele Menschen ist es kaum möglich, eine Wohnung zu finden, die ihren Bedürfnissen entspricht. Unsere Vermutung: Für Geflüchtete ist die Wohnungssuche besonders schwierig. Deshalb haben wir bei Geflüchteten nachgefragt, die schon ein paar Jahre in Deutschland leben. Unsere Interviewreihe "Und wie wohnst du?".

Fotograf: Hani

Hani ist 27 Jahre alt und kommt Syrien. Bevor er nach Deutschland kam, hat er bereits einige Zeit in Jordanien gelebt. Hani lebt in einer Unterkunft von „fördern und wohnen“ in Hammerbrook.


Die Anstalt des öffentlichen Rechts fördern und wohnen (f & w) gibt nach eigener Aussage „wohnungslosen Menschen ein Dach über dem Kopf und hilft ihnen, wieder Fuß zu fassen“. Unter der Trägerschaft der Stadt Hamburg stellt f & w in 107 Unterkünften Wohnraum für insgesamt 34.063 Geflüchtete und Wohnungslose zur Verfügung (Stand: Juli 2020). Einige weitere Standorte fokussieren die Unterbringung von Senior*innen und Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder psychischen Leiden. Das Leistungsspektrum umfasst die Bereitstellung von Erstaufnahmeeinrichtungen, die entgeltliche Überlassung von Wohnraum, eine medizinische Versorgung, Verpflegung sowie Beratung bei Behördenangelegenheiten.


Kannst du mir was über deine aktuelle Wohnung erzählen? Wohnst du da alleine oder mit anderen? Gefällt es dir dort?

Ich lebe in einem Camp in Hammerbrook, in einem Container – im Sommer ist es sehr heiß darin. Wir teilen eine Wohnung mit einer anderen Familie, also das Bad und die Küche. Ich wohne zusammen mit meiner Mutter in einem Zimmer. Das ist nicht so toll. Es ist einfach ein bisschen komisch, mit seiner Mutter in einem Raum zu schlafen. Wir haben auch vorher zusammengelebt, hatten aber eigene Zimmer. Aber wir können es nicht ändern. Wir haben versucht, eine eigene Wohnung zu finden, aber das ist in Hamburg sehr schwierig.

Was magst du am meisten an deiner Wohnung?

Mir gefällt im Moment nichts an unserer Unterkunft.

Was magst du am wenigsten an deiner Wohnung?

Ich habe keine Privatsphäre. Es ist alles sehr eng.

Was bedeutet deine Wohnung für dich?

Mein Zuhause ist der Ort, wo ich mich ausruhen kann, ein sicherer und bequemer Ort. Wenn man traurig oder verärgert ist, fühlt man sich besser, sobald man zuhause ist. Für mich ist es so: Mein Leben organisiert sich, wenn ich zuhause bin, weil ich mein Zuhause organisieren kann. Im Moment ist das aber nicht möglich. Ich kann nicht selbst entscheiden, wann ich was mache. Wenn ich z.B. Wäsche waschen will, kann ich das nur zu bestimmten Zeiten tun.

Wie viel kostet deine aktuelle Wohnung im Monat?

Im Moment zahlt das Jobcenter meine Miete, aber wenn ich einen Job finde, muss ich selbst dafür aufkommen. Es ist sehr teuer. Für unser Zimmer müssten wir fast 1000 EUR im Monat bezahlen.

Wie ist der Kontakt zu Mitmenschen im Haus?

Die Familie ist nett, aber wir müssen sehr viel Rücksicht nehmen, um friedlich zusammenzuleben. Manchmal bleiben meine Mutter und ich in unserem Zimmer, um zu essen, weil die andere Familie kocht. Manchmal esse ich den ganzen Tag gar nichts, weil die Küche besetzt ist. Es ist außerdem nicht ganz einfach, weil wir unterschiedliche Kulturen haben. Wir sprechen nicht die gleiche Sprache und manchmal verstehen wir uns auf Englisch nicht so gut. Sie kommen aus Somaila.

Im Gebäude neben uns leben obdachlose Menschen. Oft ist es laut und die Leute trinken oder nehmen Drogen. In der Corona-Zeit gab es Gerüchte, dass dort 300 Menschen mit dem Virus infiziert waren. Wir haben ständig Polizei und Feuerwehr dort gesehen. Für Kinder ist diese Situation schwierig.

Ich habe aber auch einen guten Freund im Camp. Und meine Mutter trifft sich öfters mit den Nachbarinnen im Hof.

Wie erlebst du den Kontakt zu Verantwortlichen wie Hauswarten oder Vermieter*innen?

Der Hausmeister ist ein bisschen unangenehm. Er kommt einfach rein, ohne zu klopfen. Er hat einen Schlüssel, sogar zu unseren Zimmern. Sie kommen zu jeder Tageszeit rein. Einmal hat sich meine Mutter gerade umgezogen und der Hausmeister wollte die Tür öffnen. Ich sagte, er sollte warten, aber er meinte, er wollte uns einen neuen Schrank bringen. Ich musste ihn überreden, draußen zu bleiben bis meine Mutter fertig war. Ein anderes Mal nahmen sie unsere Haustür mit, um sie zu reparieren und brachten sie bis zum nächsten Tag einfach nicht mehr zurück, weil sie es vergessen hatten. Das Sozialmanagement ist aber sehr hilfsbereit. Wenn man z.B. zum Arzt muss, unterstützen sie dabei, einen Termin zu vereinbaren.

Gibt es viele Regeln?

Es gibt einige Regeln. Stell nichts in den Weg zwischen den Zimmern und der Küche, stell nichts anderes außer dem Tisch und den Stühlen in die Küche. Man darf auch keine eigenen Möbel aufstellen.

Wenn du dir die Miete aussuchen könntest – wie viel würdest du bezahlen?

Es kommt auf mein Gehalt an. Wenn ich viel verdiene, kann ich auch viel bezahlen.

Wie viele Quadratmeter hast du zur Verfügung?

Unser Zimmer ist ungefähr vier auf sechs Meter groß, schätze ich. Man hat nicht viel Platz, um Sachen unterzubringen. Der Schrank ist sehr klein und in der Küche hat man nur ein Regal zur Verfügung. Die meisten Leute stellen ihre Koffer und Taschen zusätzlich auf den Schrank oder legen sie unter das Bett.

Wie lief deine Wohnungssuche in Hamburg?

Ich habe es bei der Saga Wohnungsgenossenschaft versucht, aber bisher hat es nicht geklappt. Ich hatte Unterstützung bei der Wohnungssuche von meinen beiden Mentoren. Für meine Mutter und mich ist es wahrscheinlich trotzdem ein bisschen einfacher als für große Familien, weil wir nicht viel Platz brauchen.

Wie bist du nach Deutschland gekommen? Und wie ging es dann weiter? Wo hast du überall schon gewohnt?

Wir kamen aus Jordanien nach Deutschland. Wir sind nicht über das Meer geflohen, sondern kamen durch das Resettlement-Programm des UNHCR. Wir sind nach Kassel geflogen und waren zuerst im Camp in Friedland. Dort hat man nur ein sehr kleines Zimmer und teilt Küche und Bad mit ungefähr 100 Leuten. Am Tag unserer Ankunft kamen noch drei weitere Flugzeuge an, aus der Türkei, aus dem Libanon und aus Ägypten. Das waren also jede Menge Leute.

In Jordanien haben sie uns vorher gefragt, wo wir in Deutschland hinwollen. Wir sagten “Hamburg”, weil mein Bruder hier lebt. In Friedland blieben wir zwei Wochen. Danach wurden wir mit dem Bus nach Hamburg gebracht. Das war alles sehr gut organisiert. Eine Sache haben sie uns in Jordanien aber nicht gesagt. Wir hatten dort Kurse, in denen wir etwas über Deutschland gelernt haben. Sie sagten uns, von Friedland aus werden wir in unsere eigene Wohnung gebracht, nicht in ein weiteres Camp.

Willst du in den nächsten Jahren hier bleiben?

Ja, ich liebe Hamburg. Die Menschen hier sind nett und lächeln immer. Die jüngere Generation ist sehr offen gegenüber Ausländern und die meisten sprechen Englisch. Im Moment hilft mir das sehr, weil ich noch nicht gut Deutsch spreche.

In Studien ist klar geworden, dass Menschen mit Nachnamen wie Müller, Maier oder Schmidt in Deutschland viel einfacher Wohnungen finden. Was denkst du darüber? Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht?

Nein, ich denke nicht, dass das einen Unterschied macht. Wahrscheinlich ist es schwieriger für Studierende mit einem ausländischen Namen, die ein WG-Zimmer suchen. Ich kann mir vorstellen, dass viele Deutsche lieber mit anderen Deutschen zusammen wohnen wollen. Aber wenn man eine Wohnung sucht, glaube ich nicht, dass das ein Problem ist.

 


Mehr zum Thema in unserem Video:

Anna hat Medienwissenschaften studiert und promoviert in der Erwachsenenbildung. Bei kohero koordiniert sie die Online-Redaktion. In ihrem zweiten Job arbeitet sie für eine Hamburger Stiftung als Projektkoordinatorin eines Weiterbildungsprogramms. „kohero ermöglicht mir, online und offline gemeinsam mit tollen Menschen für gesellschaftlichen Zusammenhalts zu kämpfen. Jede*r hat eine Geschichte zu erzählen – dieses Motto des Magazins ist für mich die Grundlage dafür!“
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Anna hat Medienwissenschaften studiert und promoviert in der Erwachsenenbildung. Bei kohero koordiniert sie die Online-Redaktion. In ihrem zweiten Job arbeitet sie für eine Hamburger Stiftung als Projektkoordinatorin eines Weiterbildungsprogramms. „kohero ermöglicht mir, online und offline gemeinsam mit tollen Menschen für gesellschaftlichen Zusammenhalts zu kämpfen. Jede*r hat eine Geschichte zu erzählen – dieses Motto des Magazins ist für mich die Grundlage dafür!“

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