Willkommen, das ist Deutschland!

Mein Name ist Jilan und ich komme aus Syrien. Zurzeit wohne ich in Hamburg. Ich bin 18 Jahre alt. Jetzt versuche ich, einen Aufsatz auf Deutsch zu schreiben: Erst vor vier Monaten habe ich begonnen, Deutsch zu lernen. Ich finde es interessant,  dass man mehr als eine Sprache sprechen kann. Das ist so, als könnte ich mit mehr als einer Zunge sprechen. Meine Ankunft in Deutschland ist das wichtigste Ereignis in meinem Leben.

Foto: Tim Mossholder on Unsplash
Fotograf: Tim Mossholder on Unsplash

Die Zeit für einen neuen Anfang war gekommen

Bin ich hier wirklich mit meiner Familie?!
Ich kann das nicht glauben! Denn noch vor zwei Monaten war ich in einer Stadt im Norden des Iraks. Dort muss man Kurdisch sprechen.  Vor drei Monate war ich in einer anderen Stadt. Diese Stadt liegt in der Mitte des Irans. Dort muss man Persisch sprechen. Jetzt bin ich hier in Hamburg. Hamburg ist eines von den 16 Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland.

Ich habe sechs Geschwister, vier Brüder und zwei Schwestern. Mein Vater starb, als ich ein Kind war. Vor zwei Jahre segelten meine Mutter, meine Schwester und mein Neffe durch das Meer zwischen der Türkei und Griechenland und kamen schließlich nach Deutschland. Aber mein Bruder und ich blieben in Syrien, weil die Reise gefährlich und teuer war. Wir entschieden uns, dass wir nach kurzer Zeit unserer Familie folgen werden.
Aber das geschah nicht!
Am 5. Mai flogen mein Bruder und ich nach Iran. Nicht weil Iran ein schönes Land ist. Sondern weil man als Syrer leichter ein Visum für den Iran bekam.
In dieser Zeit hatte ich keinen Zorn, dass ich mein Land verlassen musste.
Ich wusste, dass nun die Zeit für einen neuen Anfang und ein neues Leben gekommen war.

Es ist schön, wenn du andere Kulturen kennen lernst

Das erste Problem war für mich die Neugier der Leute. Sie fragten mich zum Beispiel:
„Du siehst ruhig aus. Hast du keine Angst?“
„Warum lachst du? Es herrscht doch Krieg in deinem Land!“

Na ja, ich sah viel vom Krieg. Aber bis wann muss ich traurig sein? Ich entschied, dass bei allem das Lachen immer wichtig bleibt.

Dann lernen die Leute dich kennen. Du musst schnell damit beginnen, dich anzupassen. Es ist schön, wenn du andere Kulturen und Traditionen kennen lernst.
Aber muss ich diese Fähigkeiten immer haben? Muss ich mich in jeder Situation anpassen? Das ist eine Herausforderung! Das ist ein Kampf!

Eigentlich ist das Zusammenleben in Deutschland leichter als im Iran.
Weil es in Deutschland schon viele Kulturen, Ideologien und Ideen gibt.
Wenn du also anders bist, dann muss das hier niemand gleich bemerken.

Ich lernte viele Dinge, die ich in der Schule nicht lernen konnte

Mein Visum für den Iran war nach sechs Monaten abgelaufen. Eigentlich hätte ich nach Syrien zurückgehen müssen.  Aber ich blieb im Iran als illegaler Immigrant.
Deshalb musste ich immer zu Hause bleiben. Ich begann damit,  zeichnen, schreiben,  Tanz und Deutsch zu lernen – weil ich keine Zeit verlieren wollte.
Ich lernte viele Dinge , die ich in der Schule nicht lernen konnte.
Ich lernte Geduld, ich lernte, die Dinge mit Hoffnung zu sehen und ich konnte auch ein bisschen iranisches Essen kochen. Manchmal findet man andere Familien, die einen auffangen. Ich denke, dass ich Glück hatte.

Meine Familie war der größte Grund für meinen Bruder und mich, nach Deutschland zu kommen und hier in Deutschland zu leben. Vor einigen Tagen saß ich im Zug und ich las eine Geschichte auf Deutsch. Sie war schwer für mich, weil sie viele neue Wörter hatte.  Ich buchstabierte die Wörter langsam und ich bemerkte nicht, dass die andere Leute mich hören konnten.
In diesem Moment lächelte mir ein alter Mann zu. Er wollte mich mit diesem Lächeln ermutigen .
Er meinte, dass, es keine Probleme gibt, solange du es immer wieder versuchst, solange du lernst, solange du studierst.
„Mache weiter! Versuche es nochmal und nochmal…“
Nicht die Fehler sind das Problem.  Denn Fehler sind wichtig, solange du dadurch lernst.
Und das passt mir!
Willkommen , das ist Deutschland!

Dieser Artikel wurde im Schreibtandem mit Tilla Lingenberg geschrieben. 

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