Überleben in einem Arabisch-Laden

Foto: Rachid Oucharia, Unsplash

Arabisch-Laden!? Vermutlich wissen die meisten, was damit gemeint ist, auch wenn das Wort vielleicht so nicht im Wörterbuch steht. Arabisch-Laden - das meint vor allem das Zusammenwirken von besonderen Einkaufs-Erlebnissen, findet Janita. Als Deutsche kannte sie bislang eher die kommerziellen Supermärkte. Aber das ist ganz etwas anderes...

Du kommst nicht um einen Besuch beim Arabisch-Laden herum, wenn du Teil dieser Ethnie bist. Es ist auch gar nicht so schlimm, denn es handelt sich ja nicht um ein Horror-Kabinett. Allerdings helfen dir gewisse Charaktereigenschaften bei der Motivation für einen zweiten Besuch:

  • Geduld
  • Kommunikationsfreude
  • Keine Angst, vermutlich an Diabetes erkranken zu können

Ob Letzteres ein Charakterzug ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Aber ich besitze definitiv keines der drei genannten Dinge.

Der Laden ist in keiner Weise mit unseren kommerziellen Supermärkten zu vergleichen, in denen uniformierte Verkäuferinnen genervt mit dem Zeigefinger in die ungefähre Richtung zeigen, in der sich die von dir begehrte Ware zu befinden hat. Sie erkennen auch nicht die Odyssee in deinen Augen, die du gerade hinter dir hast: wie ein Geier hast du den Ort, an dem du den Bio-Honig zu wissen glaubst, umkreist. Gefunden hast du ihn allerdings nicht. Zu diesem Zeitpunkt hast du bereits geschätzt 8000 Schritte gemacht. Dabei hast du mehrmals das Blickfeld anderer genervter Kunden durchkreuzt. Und da du von ihnen nicht verflucht und als Dummdödel betitelt werden willst, gehste halt lieber fragen…

Ganz anders als im kommerziellen Supermarkt

An der Kasse muss es schnell gehen. Du kaufst einen Beutel aus Naturfaser zu 3,50 dazu, denn du willst kein Umweltsünder in den Augen der genervten Schlangestehenden sein. Im Kassenbereich gibt´s Himbeerdrops. Du überlegst sie zu kaufen. Dann denkst du an die abgelaufene Rolle Pfefferminz-bonbons, die du beim Staubsaugen des Fahrgastraumes deines Autos gefunden hast und du beschließt, erstmal diese aufzubrauchen.

Ich weiß gar nicht, ob es eigentlich wirklich „Arabisch-Laden“ heißt. Mein Feras sagt jedenfalls immer mit seinem niedlichen arabischen Akzent: „Ich fahre noch zum Arabisch-Laden;  wegen Saubohnen und Halumi. Muss das gekauft sein.“ Jedenfalls wirst du dort bereits draußen, also vor dem Laden, vom rauchenden Inhaber begrüßt; mit breitem Lächeln und Bussi-Bussi. Dir wird das Gefühl vermittelt, als hätte er dich vor fünf Jahren schon einmal gesehen und dich seither ehrlich vermisst.

Arabisch müsste man können

Erstmal müssen hier und jetzt Neuigkeiten ausgetauscht werden. Ob es aus Kannen regnet oder die sengende  Sonne dir auf die Rübe scheint, ist nebensächlich. Der Inhaber spricht nur ein paar Brocken Deutsch. Du selbst sprichst nur ein paar Bröckchen Arabisch. Also lächelt er dich einfach nur an, während er deinem Feras auf Arabisch Fragen über dich stellt. Dieser platzt vor Stolz und erzählt deine Bio in typisch arabischer Manier: wild gestikulierend, laut sprechend und ohne einmal Luft zu holen.

Du lächelst auch und hoffst, dass tatsächlich über dich und in positiver Weise gesprochen wird. Aber dann hörst du ein paar bekannte Orte aus dem Dialog heraus, zum Beispiel dein Geburtsort, dein Arbeitsort und du nickst eifrig wie ein Idiot zur Bestätigung. Dir wird klar: du musst unbedingt Arabisch lernen.

Probieren muss sein

Drinnen geht das Gespräch zwischen den beiden weiter. Du guckst dich derweil um und bist erstaunt, wie so viele Sachen auf so engem Raum untergebracht werden können. Der leckere Halumi-Käse schwimmt hier in einem auf dem Boden stehenden Fass. Du freust dich, weil du dich dann zuhause nicht mit einer der Hygieneverordnung unterworfenen Umverpackung aus Plaste herumschlagen musst. Gleichzeitig bist du besorgt, dass dieser nette Laden vielleicht wegen Missachtung derselben geschlossen werden könnte. Aber wer Halumi kennt, der weiß, dass die ihn umgebende Salzlake ihn praktisch steril hält.

Überhaupt fragst du dich, wie hier mit wenig Klimatechnik eine Konservierung der Waren aufrechterhalten wird. Diese Frage wird beantwortet, wenn man die kunstfertigen Gebäckstücke eines Arabsich-Ladens betrachtet. Denn sobald du neugierig vor eben jenen stehst, wirst du genötigt, sie zu probieren. Jawohl, ich sage GENÖTIGT. Das Probieren der Ware abzulehnen, ist nämlich nur unter folgenden Voraussetzungen erlaubt:

  • Es ist Ramadan und die Sonne scheint noch
  • Das Produkt enthält Schwein, oder Teile davon (aber hier eher unwahrscheinlich)
  • Es enthält Alkohol (auch unwahrscheinlich, wenn es sich nicht um ein Kosmetikprodukt handelt)
  • Jetzt, hier, sofort würde dich das Produkt bei Verzehr durch eine metabolische Azidose töten und ein Imam kann das glaubhaft bestätigen

Und Zeit muss man mitbringen

Mein Feras bestärkte mich ebenfalls darin, das Gebäck zu kosten und unmittelbar nach dem Zubeißen wird dir schlagartig klar, warum hier kein Hightech zur Konservierung vonnöten ist. Denn das Gebäck selbst scheint ein Konservierungsmittel zu sein. Auch weißt du jetzt, warum die Koronare-Herzkrankheit und Diabetes Mellitus ausgerechnet in den arabischen Ländern die meisten Menschen dahinrafft. Du kommst um den Kauf herum, indem du glaubhaft versicherst, diese Gebäck bereits gestern Nachmittag von arabischen Freunden geschenkt bekommen zu haben. Denke dir keinen Zeitraum aus, der länger als 24 Stunden zurückliegt. Denn für Araber ist es absolut untypisch, dass Süßigkeiten länger als einen Tag unverzehrt zuhause lagern. Du verlierst also deine Glaubwürdigkeit.

Bringe ausreichend Zeit mit. Im Arabisch-Laden wird an der Kasse ausgiebig geplaudert. Der hinter dir Stehende steigt irgendwann ins Gespräch mit ein. Der hinter ihm Stehende auch, und so weiter und so fort… Scheue dich auch nicht, von deiner Pilzinfektion im Zehenbereich zu erzählen. Hier hat immer irgendjemand irgendeinen Tipp oder kennt zumindest jemand, der die Schwägerin des Cousins der Oma seiner Schwester ist und sich damit auskennt.

„Nur mal schnell“ dauert manchmal etwas länger

Deine Waren werden in einer apricotfarbenen Plastiktüte verpackt. Du willst bei den Arabern nicht als ein Snob verschrien sein. Also trage diese Tüte mit Stolz nach Hause, nachdem du bar (!) bezahlt hast. Trinke unmittelbar nach deinem Besuch ausreichend Wasser. Dein Körper wird vom vielen Probieren dehydriert sein. Einst ergab es sich, dass mein Feras „nur mal schnell“ in den Arabisch-Laden springen wollte. Ich glaube, wir benötigten lediglich eine Dose Saubohnen, aber das tut hier nichts zur Sache. Da wir ohnehin gerade mit dem Auto unterwegs waren und ich die Worte „nur mal schnell“ in meiner deutschen Naivität wörtlich nahm, parkte ich gegenüber im Parkverbot und Feras eilte hinüber. Solltest du in dieselbe Situation kommen und obendrein das Pech haben, der im Auto Wartende zu sein, hier die Überlebensregeln:

  • Vergiss die oben genannten Worte mit den Anführungszeichen in Kombination mit Arabisch-Laden (vergiss überhaupt die Worte im Kontext mit allem Arabischen)
  • Dein Handy sollte gute Akkuladung haben, damit du dir die Wartezeit mit Daddeln vertreiben kannst.
  • Du kannst auch Bücher in deinem Auto horten. Ein Thriller kommt gut, wenn du warten musst, während es regnet
  • Eine Kuscheldecke und ein in einer Thermokanne vorbereitetes Heißgetränk bewahren dich vor dem Erfrierungstod bei Außentemperaturen unter 8 Grad Celsius
  • Wenn das Ordnungsamt kommt: Simuliere ein Nickerchen und überzeuge die Politessen davon, ein vorbildlicher Bürger zu sein, indem du lieber im Parkverbot hältst und schläfst, als weiterzufahren und vom Sekundenschlaf überwältigt zu werden.
  • Im Hochsommer: raus aus dem Wagen (auch mitgeführte Haustiere), ab zum Eisstand um die Ecke und schau zu, wie dein Auto abgeschleppt wird
  • Der beste Tipp: Beachte den ersten Punkt und halte dich daran.

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Alltagserfahrungen Missverständnisse
Janita, ist 35 Jahre alt, wohnt in Halle/Saale und ist vom Beruf Krankenschwester. Sie ist [...]

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