#leavenoonebehind – Sichtbarkeit für Tausende in Camps

März 2020: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie zeichnen zunehmend erschreckende Bilder in der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Sie rauben den Menschen, welche zu dieser Zeit zu Tausenden in Camps auf den griechischen Inseln ausharren, Stimme und Sichtbarkeit. Kurz darauf rückt ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen mit Moria Monitor und E-Mail-Tool das humanitäre Versagen der EU zurück in den Fokus.

Refocus_Media_Labs_Moria

Kürzlich berichteten wir über die katastrophale Lage der Geflüchteten auf den griechischen Inseln. Laut Tagesschau vom 07.07.2020 drängen sich immer noch über 15.000 Menschen in Europas größtem Flüchtlingslager Moria auf Lesbos — nicht nur im Hinblick auf Abstandsregeln und Infektionsrisiko ein untragbarer Zustand. Verantwortliche der Europäischen Union wälzen die Einhaltung des Völkerrechts aufeinander ab. Die Initiative #leavenoonebehind, die NGO Sea Watch und das Unternehmen Ben & Jerry’s rufen zur sofortigen Evakuierung der griechischen Camps durch die Politik auf.

Bildung als Hoffnungsschimmer

Diese Forderung erhält visuelle Unterstützung durch den Moria Monitor. Das Online-Format gewährte von Ende Mai bis Ende Juni tagesaktuelle Einblicke in den Alltag der Campbewohner. Bei der Produktion der Storytelling-Inhalte half ReFOCUS Media Labs. Die Mediaschool bietet seit 2017 auf Lesbos kostenfreie Kurse an. Newcomer erfahren Bildung in verschiedenen Themenbereichen wie Journalismus, Photographie, Videoproduktion und Podcasts. Für die Konzeption der Inhalte des Moria Monitors zeichnen 20 Geflüchtete verantwortlich.

Auffällig dabei: das Hauptaugenmerk liegt nicht primär auf der Vermittlung von Elendsbildern. Vielmehr erhalten sportliche Aktivitäten, Meditation oder Religionsausübung Raum. Gerade in den prekären Verhältnissen der Camps sei die Entwicklung von Skills für die moderne Arbeitswelt schwierig, meint der Co-Founder des Projekts Douglas Herman. Er möchte humanitären Support leisten, welcher den Bewohnern komplett fehle. Der High School-Lehrer kam 2016 nach Lesbos und fasste schnell den Entschluss, ein Bildungsangebot einzurichten. Bis heute besuchten 120 Teilnehmerinnen die dortigen Lehrveranstaltungen von ReFOCUS Media Labs.

Umgehende Evakuierung gefordert

Bei der Erarbeitung des Konzepts des Moria Monitors erfuhr RFML Unterstützung von u.a. der NGO Sea Watch. Dazu Doreen Johann, politische Öffentlichkeitsbeauftragte der Seenotretter: „Der Moria Monitor zeigt die unbequeme Realität europäischer Migrationspolitik. Die Bewohner*innen im Camp Moria berichten über ihre alltäglichen Herausforderungen und die menschenunwürdigen Zustände, denen sie Tag für Tag ausgeliefert sind. Diese Art der Berichterstattung untermauert die Forderung nach der sofortigen Evakuierung der Lager.“ Sea Watch gibt den Inhalten auf Instagram-Channel sowie Website eine reichweitenstarke Plattform. Die Resonanz in den sozialen Medien fällt laut Johann mit aktuell mehr als 2 Mio. Views überwiegend positiv aus.

Mail-Flut gegen das Vergessen

Als weiteres Druckmittel für die schnellstmögliche Räumung agiert das von Ben & Jerry’s erdachte E-Mail-Tool. Das sozial engagierte Unternehmen entwickelte es bereits 2017 für die Durchsetzung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland. In Zusammenarbeit mit Sea Watch entstand eine modifizierte Version auf der Website der Initiative #leavenoonebehind. Bundesland-  bzw. wahlkreisspezifisch besteht die Möglichkeit zur direkten Kontaktaufnahme mit zuständigen Politikern und die Forderung nach Aufnahme Geflüchteter aus den überfüllten Lagern Griechenlands. Bisher erreichten mehr als 22.600 Mails Bundes- und Landtagsabgeordnete verschiedener Fraktionen, gibt Doreen Johann bekannt (Stand Juli 2020). Volker von Witzleben, Social Mission Activist bei Ben & Jerry’s, bezeichnet das Tool als „gute Grundlage, um politische Veränderungen zu schaffen.“

Das Mitwirken des Eiscreme-Herstellers an Mailkampagne und Moria Monitor und die Verbreitung des Contents in einer heterogenen Käuferinnenmasse sieht er als gewaltigen Mehrwert. Ein Unternehmen könne seinen großen ökonomischen Einfluss nutzen, um gesellschaftliche Probleme zu lösen oder zu betiteln. Mit 1,5 Mio. Instagram-Followern trägt Ben & Jerry’s essentielle Themen wie Humanität in sämtliche gesellschaftliche Blasen hinein und forciert baldige Veränderung der Lage Geflüchteter auf den griechischen Inseln. Moria Monitor als tagesaktuelle Kampagne sei zwar mittlerweile beendet. In den nächsten Wochen solle allerdings zahlreiches, bisher unveröffentlichtes Material den Weg online finden, kündigt Doreen Johann an. Außerdem können Unterstützerinnen weiterhin Hilfebedürftigen durch Nutzen des E-Mail-Tools eine Stimme verleihen.

Sahar Reza  hat diesen Bericht geschrieben.

Schlagwörter:

Zum Abo: 

Mit deinem Abo können wir nicht nur neue Printausgaben produzieren, sondern auch unsere Podcasts und das Online-Magazin weiter kostenlos anbieten.

Wir machen Journalismus, der zugänglich für alle sein soll. Mit dem Rabattcode koherobedeutetZusammenhalt kannst du einzelne Ausgaben günstiger bestellen. 

Joelle Pianzola und Moritz Marbach sitzen in einem Konferenzzimmer

Erkenntnisse der Migrationsforschung: Interview mit Immigration Policy Lab

Forschung nicht nur um ihrer selbst willen – das ist das Ziel des Immigration Policy Lab (IPL), einer Einrichtung für Migrationsforschung an der ETH Zürich und der University Stanford. Auf Grundlage belastbarer Daten will das IPL staatliche Stellen dabei unterstützen, die richtigen Entscheidungen in der Einwanderungs- und Integrationspolitik zu treffen. Kürzlich haben die Migrationsforscher*innen z.B. herausgefunden, dass Arbeitsverbote langfristig für alle Seiten von Nachteil sind, wie Anna Heudorfer im Interview mit Joëlle Pianzola und Moritz Marbach erfuhr.

Weiterlesen …

Drittes Hörbuch: Schuld

Dieses Mal führt uns die Hörbuchreihe nach Maynmar, wo Muslime und Buddhisten lange Zeit friedlich zusammenlebten. Seit dem zweiten Weltkrieg gibt es Konflikte, die hier in einer persönlichen Geschichte von verlorener und wiedergefundener Freundschaft erzählt wird.

Weiterlesen …
Das Kampfflugzeug kam - und dann, ich starb

The fighter jet came, and then I died

Time vanquishes everything. It vanquishes the stone, the huge mountains and even the people, but it can never defeat memories. That is our curse as humans, never to be able to forget our worst memories. We are forced to accept these memories and embrace them as part of us.

Weiterlesen …

Aus zwei mach mehr

Zwei Personen sind schon ein Team. Zu zweit ist man eben nicht alleine. Und zusammen schafft man mehr. Es ist wie beim Tandem-Fahren: Man teilt sich den Kraftaufwand und kommt immer gemeinsam ans Ziel.

Weiterlesen …
Kategorie & Format
Autorengruppe
Marius arbeitet als Berater in der Öffentlichkeitsarbeit für verschiedene Kunden. Wenn er nach Feierabend genug vom Redaktionswahnsinn hat, entspannt er am liebsten bei einer tiefenbetonten Dub-Platte. Am Wochenende zieht er sich regelmäßig mit seiner Freundin in Hamburgs Wälder und menschenarme Gegenden. „Ich engagiere mich fürs Magazin, weil ich den Stimmen Geflüchteter mehr gesellschaftliche Beachtung verschaffen will.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kohero Magazin