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Spurensuche: Zwei Jahre nach dem Terroranschlag von Christchurch

Der grausame Terroranschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch vor zwei Jahren hat die kleine Nation am anderen Ende der Welt ins Mark getroffen und nachhaltig aufgewühlt. Neuseeland verstärkt weiterhin seine Anstrengungen für multikulturelle Offenheit und Integration.

Spurensuche: Zwei Jahre nach dem Terroranschlag von Christchurch
Fotograf: AR on Unsplash

Christchurch/Neuseeland – Freundlich, friedlich und weltoffen: So sehen sich die Kiwis selbst und so werden sie von der Welt gesehen. Doch es gibt noch eine andere Seite, die nicht weiter ignoriert werden soll: Die außergewöhnliche Gastfreundschaft. Sie ist mehr als ein guter Ruf, von dem Urlauber, Gastschüler und Studenten schwärmen. Sie ist gelebtes Selbstverständnis in einem Land, dessen Bewohner sich tage-, wochen- und früher monatelange Reisen entfernt von Familie und Freunden eine neue Existenz aufgebaut haben. Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe waren bis zur digitalen Vernetzung mit „Alles-bestellen-per-Handyklick“ nicht nur willkommene Geselligkeit im abgeschiedenen Farmalltag, sondern notwendige Tugenden.

Während der Corona-Pandemie konnte Premierministerin Jacinda Ardern (Labour Partei) diesen Geist erneut wachrütteln und durch Erfolg bestärken. Weil die allermeisten Neuseeländer die strengen Maßnahmen mittragen und befolgen, gibt es bei geschlossenen Grenzen im Land nahezu keine Infektionen außerhalb der Quarantäne. Und dadurch kamen auch – mit kurzen Ausnahmen – alle Freiheiten zurück.

Zusammenhalt im Zeiten des Terrors

Zusammenhalt, Hilfe und großes Mitgefühl – bei gleichzeitiger Strenge. Mit diesem Credo hatte die junge Premierministerin vor zwei Jahren schon einmal ihre Landsleute mobilisiert und die weltweite Anerkennung für sich und die Kiwi-Nation gewonnen. Am 15. März 2019 tötete ein Rechtsradikaler bei einem Terroranschlag mit einer Schnellfeuerwaffe hinterrücks 51 Menschen. Sie knieten zum Freitagsgebet in zwei Moscheen in Christchurch und versuchten dann in Todesangst verzweifelt zu fliehen. Kurz darauf mischte sich Ardern, mit einem schwarzen Kopftuch, aber ohne den üblichen Medientross, unter die Trauernden. Sie bekundete tiefstes Beileid, Beistand und Respekt. „They are us“ (Sie sind wir alle). Mit diesem Bekenntnis gab die Premierministerin damals zu verstehen, dass diese grauenvolle Bluttat ein Angriff auf Neuseeland als gesamte, multikulturelle Nation bedeute. Einer Nation, in der jeder friedliebende, Respekt wahrende Einwohner, gleich welchen Glaubens, seine gleiche Wertschätzung habe.

Zumindest haben sollte. „Unsere Tränen und unsere Liebe sind nicht genug. Unsere Arbeit ist noch nicht getan“, schrieb die Journalistin Donna Miles-Mojab im September 2019 angesichts einer Ausstellung in der Christchurch Art Galerie. Diese würdigte die riesige Welle der Unterstützung und Solidarität, die sich nach dem Terroranschlag über die Stadt und das ganze Land ausbreitete. Meere von Blumen und Kerzen vor den Moscheen, Mahnwachen, Andachten und Gedenken auf öffentlichen Plätzen. Nachbarschaftshilfen. Haka-Tänze auf den Straßen – Kinder lernen den maorische Kriegstanz auch in Schulen. Er gilt als Bekenntnis zur Multikulturalität.

Trainingskurs für Empathie, Offenheit und Nächstenliebe

Dr. Mazharuddin Syed Ahmed lehrt am Ara Institute von Canterbury Architektur. Er hat mehr als einhundert solcher liebevollen Gesten und Aktionen in den Tagen und Wochen nach den Anschlägen dokumentiert. Daraus hat er jetzt einen Trainingskursus entwickelt. Dieser soll Hass und Feindseligkeiten durch Zuwendung und Nächstenliebe umwandeln und entkräften.

Liebe und Hass: Ahmed hat beides an jenem 15. März 2019 hautnah erlebt. Er überlebte den Terroranschlag geduckt in einer Abseite der Moschee. Fünf enge Freunde starben im Kugelhagel. In Todesangst rannte er nach Hause und harrte mit Frau und Kinder bei geschlossenen Vorhängen zitternd aus. Wie erlöst war Ahmed schließlich, als er bemerkte, dass Nachbarn sich vor seinem Haus postiert hatten, um es zu bewachen. Sie beruhigten und trösteten ihn, bis seine Panik nachließ.

Sein Kursus beleuchte die Bedeutung von Empathie, Offenheit und Nächstenliebe, die ein Land zusammenhalte. Der Kurs mahnt jedoch auch dazu, wachsamer zu sein, wie und wo Hass durch Propaganda und Vorurteile gedeihen, sagt Ahmed in einem Video-Interview. Spezielle Kurse für die Weiterbildung von Lehrern, Professoren, Polizei und Ersthelfern seien geplant, um rassistische Motivationen aufzuspüren.

Initiativen für mehr Integration und Begegnung

Mehr Rüstzeug für Lehrer, um schon vermeintlich kleinere rassistische Beleidigungen und Kommentare zu unterbinden, halten auch Vertreter verschiedener ethnischer Gruppen für notwendig. Sie haben sich den vergangenen Wochen mehrmals mit dem vormaligen Justizminister Andrew Little beraten. Er ist beauftragt, Empfehlungen aus dem Abschlussbericht in die Wege zu leiten, den die Untersuchungskommission zum Terroranschlag im Dezember 2020 vorgelegt hat. Er reist zurzeit durchs Land, um sich mit zahlreichen Vertretern und Gruppen intensiv auszutauschen.

Eine davon ist die Vorsitzende des Interkulturellen Förderfonds Waikato, der nach dem Terroranschlag eingerichtet wurde. Jannet Maqbool appellierte, dass nur tiefes Verständnis und Respekt auf allen Ebenen Grundlage für lebendige Diversität in den Kommunen sein könne. Es bringe wenig, nur die gewählten Vertreter anzusprechen oder ein neues Ministerium dafür einzurichten, sagte sie gegenüber der Mediengruppe Stuff. Bei allen Menschen müsse das Bewusstsein verinnerlicht werden, dass Integration, und nicht Anpassung, die Gesellschaft in ihrer bereichernden Vielfalt voranbringe. Der Fond soll Austausch, Begegnung und gemeinsame Aktivitäten in den Kommunen fördern.

Jannet Maqbool ist Muslimin indischer Abstammung und Expertin für Computer-Technologie und Finanzbuchhaltung. Als einer ihrer vielen Posten ist sie Neuseeland-Chefin des weltweiten Verbundes Smart City Council. Sie unterstützt Städte darin, sich mit Technologie basierten Konzepten nachhaltiger zu entwickeln, zum Beispiel in Sachen Verkehrsplanung.

Multikulturelle Erziehung und die Zusammenarbeit von Mitarbeitern vieler Nationen in Betrieben ist gelebter Alltag in Neuseeland. Kinder singen im Kindergarten Lieder der Ureinwohner Maori. Kinder chinesischer, indischer, thailändischer, europäischer Einwanderer und Maori spielen, essen, lernen zusammen. Auch in der Schule und an Universitäten ist die Erziehung zu toleranten Weltbürgern und der internationale Austausch erklärtes Ziel. So ist es in dem Strategiepapier von 2018 zu lesen. Doch gerade in Schulen der Grund- und Mittelstufe komme es immer wieder auch zu rassistisch motivierten Schikanen und Mobbing, sagt die Förderfond-Vorsitzende. Zum Beispiel werde muslimischen Mädchen das Kopftuch heruntergezogen.

Offener Austausch und ehrlicher Diskurs

Vertrauen schaffen, Fragen klären, das will auch Imam Sabah Al-Zafar, der in diesen Wochen mit Kollegen durch Ortschaften zieht, um mit Leuten auf der Straße ins Gespräch zu kommen. Die Aktion mit der Aufforderung: „Meet your Kiwi Muslim neighbour“ (Lerne Deinen neuseeländischen muslimischen Nachbarn kennen) ist Teil einer landesweiten Kampagne. Die Männer werden auch auf den Terroranschlag angesprochen und erfahren viel Mitgefühl, berichtet der Imam in Zeitungsinterviews. Sie müssen sich aber auch kritischen Fragen stellen, zum Beispiel zu Frauenrechten und Kopftuch-Pflicht.

Seit dem Christchurch-Attentat ist die Gesellschaft noch sensibler gegenüber rassistischem Verhalten geworden. Sie durchleuchten und hinterfragen Strukturen und mahnen Verbesserungen offen an. „Wir in Neuseeland sind stolz auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Willkommenskultur und darauf, dass wir Diversität hochschätzen. Doch des Öfteren sieht die Lebenswirklichkeit von Leuten, die nicht zur weißen Mehrheit gehören, anders aus“, reflektiert die Journalistin Donna Miles-Mojab im September 2019.

Miles-Mojab erinnert an die koloniale Vergangenheit des Landes, quasi die rassistische Wurzeln des Landes. Jetzt erst, nach fast 200 Jahren, sollen auch die neuseeländischen Kriege – europäische Einwanderer gegen Ureinwohner Maori – verpflichtend im Geschichtsunterricht durchgenommen werden.

Seit neuestem darf zudem die Bildung und Arbeit von Maori-Beiräten in Stadtvertretungen nicht mehr per Petition verhindert werden, was öfters vorgekommen ist. Trotz Diskriminierung konnte sich schließlich auch der indisch-stämmige Labour-Kandidat für Hamilton-West, Dr Gaurav Sharma, bei der Wahl im September 2020 durchsetzen. Zuvor sorgten einige Männer, die abfällig als „Curry Candidate“ bezeichnet hatten, für Schlagzeilen und öffentliche Empörung.

Die Stellung der Maori in Neuseeland

Auch die Black-Lives-Matter-Bewegung erhielt Unterstützung und sorgte für Sympathie-Demonstrationen in Neuseeland, obwohl die Stellung der maorischen Urbevölkerung im internationalen Vergleich als vorbildlich gilt. Die Sprache und kulturelle Identität erfährt in den letzten Jahrzehnten eine Renaissance. Zahlreiche Namen von Orten, Bergen, Seen sind inzwischen wieder in den maorischen Ursprung zurück benannt oder haben jetzt Doppelnamen. Dennoch sind von sozialer Ungleichheit, niedrigerem Verdienst, Krankheiten und Strafverfolgung überproportional Maori betroffen. Im Zuge von Black-Lives-Matter startete die Mediengruppe Stuff eine große Serie zu Diskriminierungen im Verlauf der neuseeländischen Geschichte.

In der jüngeren Vergangenheit machen zunehmend auch Einwanderer aus China, Taiwan, Thailand und anderen asiatischen sowie aus arabischen Ländern Neuseeland zu einem Schmelztiegel der Kulturen. Das exportabhängige Land begrüßt das sehr. Es stellt eine wichtige Basis für die weitverzweigten wirtschaftlichen Beziehungen und für die internationale Zusammenarbeit in Wissenschaft und Forschung dar. Gute Verständigung zwischen den Kulturen ist daher ein hoch gehängtes Ziel.

Bereits kurz nach dem Terroranschlag 2019 verschärfte das Parlament die neuseeländischen Waffengesetze. Auch eine beispiellose Rückkauf-Aktion für Schnellfeuerwaffen wurde gestartet, um diese aus dem Verkehr zu ziehen. Der Attentäter, ein 29-jähriger Rechtsradikaler aus Australien, wurde im August vorigen Jahres zur lebenslanger Haft mit Sicherheitsverwahrung verurteilt, ohne Möglichkeit zur Begnadigung. Diese Strafe ist die höchste, die jemals in Neuseeland verhängt wurde. Wie schon unmittelbar nach dem Anschlag, zitierten, hörten und zeigten die Medien erneut die Opfer, nicht den Täter. Seine Vorbereitungen allerdings wurden genau beleuchtet, um die Hintergründe nachzuvollziehen. Auch wenn alle Untersuchungen dazu bestätigen, dass der junge Mann seine Gräueltat allein, ohne ein verborgenes neuseeländisches Netzwerk plante und verübte, ist die Nation gewarnt.

Wiebke Reißig-Dwenger
Wiebke lebt als deutsche Journalistin und freiberufliche Redakteurin seit 10 Jahren in Neuseeland und Deutschland gemeinsam mit ihren Mann, dem Foto-, Videografen und Journalisten Sönke Dwenger. Multikulturelles Zusammenleben und das gesellschaftliche Bemühen darum ist Thema ihrer Veröffentlichungen.
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