Sprechende Bilder: Muttermale

Die Aquarelle „Muttermal“ von Marushka sind Bilder von Geflüchteten, die 2015 in Hamburg gestrandet sind. Tief verflochten mit der modernen Geschichte ihres Herkunftslandes, schafft sie eine Kunst gegen das Vergessen. Stets steht der einzelne Mensch, das Kind, das vor dem Krieg und seinen Folgen geflohen ist, im Mittelpunkt der gezeigten Werke, ob eilige Skizze, Gedicht oder Gemälde.

Fotograf: Berry Behrendt

“Darf ich eine dumme Frage stellen: ‘War das sehr schlimm, dass du aus der Ukraine fliehen musstest?”, fragt mich eine Drittklässlerin in der Waldorfschule Sternschanze, wo ich den neu angekommenen ukrainischen Kindern helfe.

“Ich bin nicht geflüchtet”, antworte ich, “aber mein Bruder kämpft dort.”

“Ist er Krieger geworden?”

Die Essenszeit war vorbei und ich bin mit der Frage wieder allein geblieben. 

Are you refugees?

Marushka Familie aus dem Irak, 2016, Aquarell, 30 x 40 cm, Hamburg

Infolge der russischen Annexion der Krim und des Krieges im Donbass sind mehr als zwei Millionen Menschen aus dem Osten der Ukraine vor dem Krieg und seinen Folgen geflohen. Damit zählt die Ukraine zu den zehn Staaten mit den meisten Binnenfliehenden weltweit.

Die Aquarelle „Muttermal“ sind Bilder von Geflüchteten, die 2015 in Hamburg gestrandet sind. Ich arbeite in der Schule Bergstedt und habe auf Einladung der neuen Schüler*innen ihre Familien besucht. Tief verflochten mit der modernen Geschichte ihres Herkunftslandes, schaffe ich eine Kunst gegen das Vergessen, gewidmet allen Opfern, die für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie gekämpft haben und allen, die es weiter tun. Stets steht der einzelne Mensch, das Kind, das vor dem Krieg und seinen Folgen geflohen ist, im Mittelpunkt der gezeigten Werke, ob eilige Skizze, Gedicht oder Gemälde.

Die Bilder von Geflüchteten, die jetzt in Hamburg sind, empfinde ich wie den Frühling, als Neubeginn eines Jahres, eines Lebens. Jede Familie bringt ihre Geschichte, ihr Schicksal mit. Für alle liegen die Wunden des Erlebten wie ein Muttermal auf ihrem Leben.

Wie Wunden ziehen sich Flüsse durch ein Land, wie Muttermale liegen Schicksale auf unserem Leben.

 

 

 Marushkas kleiner Junge aus dem Irak sucht sein Spielzeug

Marushka kleiner Junge aus dem Irak sucht sein Spielzeug, 2016, Aquarell, 30 x 40 cm, Hamburg

Den kleinen Jungen habe ich nach 7 Jahren in der Rudolf-Steiner-Schule Hamburg-Bergstedt wiedergesehen, wo die ukrainischen Kinder aus der von mir gegründeten Waldorfschule Lutsk (West Ukraine) im März 2022 untergekommen sind.

Er sagt zu mir: „Hallo.“

Alle Kinder sprechen fließend Deutsch, das sie Modelle für die Bilder waren, haben die vergessen. So wie manche ihre Muttersprache, aber Hauptsache, sie wissen was wichtig ist: Frieden.

„Erinnerst du dich, als ich dich gemalt hab‘? Was erinnerst du daran? Du hast mir alle deine Spielzeuge gezeigt und hast dich in einer Kiste versteckt.“

„Nee…“

„Erzähl kurz über dich.“

„Ich bin 13 Jahre alt und ich komme aus Irak, ich gehe in der 6. Klasse der Rudolf Steiner und ich spiele Geige.“

„Kannst du das alles in deiner Muttersprache sagen?“

„Schwierig in der Muttersprache. Kann ich nicht so gut.“

„Wie alt warst du, als du nach Deutschland gekommen bist?“

„Weiß ich nicht. Kann ich nicht erinnern.“

„Deine Lieblingstiere?“

„Mein Lieblingstier ist der Vogel. Wellensittiche, kleine Papageien, weil die so schön hübsch sind, blau grün weiß, die gibts auch in Deutschland.“

„Hast du Träume?“

„Nicht so ganz.“

„Willst du zurück in den Irak? Was kannst du von deinem Land erinnern?“

„Meine Eltern erzählen nicht so viel über den Irak. Nur manchmal.“

„Gefällt es dir in Deutschland?“

„Mir gefällt Deutschland sehr, es ist sehr schön.“

„Was gefällt genau?“

„Alles. Die Umgebung, ja.“

 

 

Marushkas Mädchen aus Afghanistan

Marushkas Mädchen aus Afghanistan kann schon Deutsch

“Wer ist das?”

“Das bist du, als du kleiner warst!”

“Ich bin jetzt 7 und gehe in die erste Klasse.” 

“Weißt du, woher du kommst?”

“Ja, ich hab’s vergessen.”

“Welche Sprache kennst du noch?”

“Ich kenne noch zwei Sprachen.”

Anstelle von zwei Sprachen nennt das Mädchen aus Afghanistan zwei Mal ihren Namen.

 

Tschetschenische Familie

Marushka Frau aus Tschetschenien, 2016, Aquarell, 30 x 40 cm
Marushka Familie aus Tschetschenien mit Vater, 2016, Aquarell, 30 x 40 cm, Hamburg

Alles wiederholt sich. Wir haben zur Welt geschrien: “Das ist Genozid!” Aber die Welt hat gesagt, wir sind Terroristen und Extremisten. Wir wurden im falschen Licht gezeigt. Genau wie in der Ukraine jetzt: Es wird gesagt, dass wir Nazis sind. Das ist ein altes System. Die ganze Welt weiß, dass Putin im KGB war. Nach der Auflösung der Sowjetunion wollten mehr als 90 % unabhängig von Putin sein. Aber das wäre schlecht für die Nachbarländer. Das mit den Tschetschenen war der Anfang.

Und die Welt hat russische Propaganda geglaubt. Dudajew sagte: Wenn Tschetschener Teil der russischen “Innenpolitik” werden, dann wird bald ganz Europa Teil von Russlands “Innenpolitik”. Man muss Putin stoppen. 

 

Afghanische Familie 

Marushka Frau aus Afghanistan 2016, Aquarell, 30 x 40 cm, Hamburg
Marushka Familie aus Afghanistan, 2016, Aquarell, 30 x 40 cm, Hamburg

“Das sind wir?”

“Kannst du dich an diesen Tag erinnern?” 

“Nee…”

“Ich bin 13 und gehe zur Rudolf-Steiner-Schule in die 7. Klasse. Ich habe zwei Schwestern, die sind 7 und 16.” 

Dieses Mädchen kann schon Persisch und Deutsch.

“Ich spiele gerne Fußball und Handball. Mama und Papa arbeiten.”

“Gefällt es dir hier in Deutschland?”

“Ja! Wir sind hier, weil Krieg ist und die Taliban da sind. Meine Eltern erzählen nicht viel. Wenn wieder Frieden ist, dann will ich da hin.”

 

 

 

Marushkas dairy „Muttermal“ Are you refugee? BIST DU GEFLÜCHTET?
„Refugees“

Bildserie (39) von Geflüchteten-Familien, die 2015 nach Hamburg kamen 

Gemalt in Hamburg, Wasserfarben mit Kohle, Deutschland, 2015-2016

Danke an die Schule Bergstedt und allen Familien, meinen neuen Freund*innen. 

art.marushka.de 

yuliia.marushko@gmail.com

 

Ausstellungen „Muttermal“

Herbst 2021, Berlin, Medusa-Bar, Performance Qualle Berlin

Herbst 2019 Flüchtlingshilfe Harvestehude e.V.

Frühling 2019 Flüchtlingshilfe Harvestehude e.V.

Frühling 2018 Aubiko Verein für Austausch, Bildung und Kommunikation

Januar 2017 im Rahmen des Ersten Hamburger Singer-Songwriter Festivals „Ein Tag Frühling“, MS Stubnitz

Foto: Julia Saßmannshausen Während der Ausstellung „Marushkas Tagebuch – Muttermal“ in der Flüchtlingshilfe Harvestehude e.V. (2019).

 

 

Dieser Beitrag ist im Schreibtandem entstanden.

Yuliia (Marushka) studierte Journalismus und Waldorfpädagogik (sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland). Das Lebensziel, eine Waldorfschule in ihrer Heimatstadt zu gründen, führte Marushka 2012 nach Deutschland und sie konnte diesen erfolgreich 2020 erfüllen. In der Ukraine war sie zuvor als Radiomoderatorin tätig. Die Maidan Revolution führte sie zum Aktivismus, den sie durch Kunst ausführt. In Hamburg ist sie nun als freie Künstlerin, Autorin und Märchenerzählerin (Mäuschen Marushka) unterwegs.  „Die Frage: ‚Bist du geflüchtet?‘ hat mich persönlich mitgenommen. Deshalb arbeite ich bei kohero. Es ist an der Zeit, ukrainische Stimmen wahrzunehmen.“

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Yuliia (Marushka) studierte Journalismus und Waldorfpädagogik (sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland). Das Lebensziel, eine Waldorfschule in ihrer Heimatstadt zu gründen, führte Marushka 2012 nach Deutschland und sie konnte diesen erfolgreich 2020 erfüllen. In der Ukraine war sie zuvor als Radiomoderatorin tätig. Die Maidan Revolution führte sie zum Aktivismus, den sie durch Kunst ausführt. In Hamburg ist sie nun als freie Künstlerin, Autorin und Märchenerzählerin (Mäuschen Marushka) unterwegs.  „Die Frage: ‚Bist du geflüchtet?‘ hat mich persönlich mitgenommen. Deshalb arbeite ich bei kohero. Es ist an der Zeit, ukrainische Stimmen wahrzunehmen.“

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