Bildung für alle??

Es ist der 365. Tag der Schließung von Schulen und Bildungseinrichtungen in Afghanistan - mein Slogan/Motto wird immer #LetAfghanGirlsLearn sein, bis wir Bildung für alle Menschen in einer Gesellschaft und dieser Welt bekommen.

Fotograf: Ehimetalor-akhere-unuabona-KnBrAkEg7RM-unsplash

Bildung für alle: Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt, dass jeder Mensch ein Recht auf Bildung hat und dass „die Bildung auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein muss. Stehen diese Artikel nur auf dem Papier?

Bildung in der Verfassung Afghanistans

Artikel 43 der Verfassung Afghanistans sagt: Bildung ist das Recht aller Bürger Afghanistans, das bis zum Abitur in den staatlichen Bildungseinrichtungen unentgeltlich vom Staat angeboten werden soll. Zur Ausweitung einer ausgewogenen Bildung sowie zur Bereitstellung einer obligatorischen Mittelstufe in ganz Afghanistan hat der Staat wirksame Programme zu entwerfen und umzusetzen und den Boden für den Unterricht in den Muttersprachen in den Gebieten, in denen sie gesprochen werden, zu bereiten.

Bildung für Mädchen

Seit dem Sturz der vorherigen Regierung sind die Schulen und Universitäten in Afghanistan für Mädchen ab der sechsten Klasse geschlossen. Die Mädchen dürfen nicht über die sechste Klasse hinaus zur Schule gehen und auch nicht ohne männliche Begleitung arbeiten oder reisen. 

Als die Taliban im August 2021 die Macht übernahmen, kündigten sie an, dass der Unterricht für Jungen und Mädchen ausgesetzt würde. Erst nach dem afghanischen Neujahrsfest am 23.2.22 sollte er wieder aufgenommen werden. Denn sie brauchten Zeit, um den Lehrplan zu überarbeiten, damit er den islamischen Werten entspricht. So sollte der Lehrplan für Mädchen und die Schuluniformen für Mädchen entwickelt werden. In der Zwischenzeit wurden viele andere Vorschriften erlassen, wie z. B., dass nur Frauen Mädchenklassen an Gymnasien und Universitäten unterrichten dürfen.  Weiterhin soll zwischen weiblichen und männlichen Student*innen eine räumliche Trennung an den Universitäten vorgenommen werden. 

Bildung in den letzten 20 Jahren

Ich persönlich würde sagen, dass es in der Phase der Republik in den letzten 20 Jahren positive Punkte gab. Trotz der Probleme, mit denen das Bildungssystem, die Schulen, die Lehrer*innen und die Schüler*innen konfrontiert waren, konnten Mädchen Schulen und Universitäten besuchen. 

Und der Prozentsatz der Mädchen, die die Schule und die Universität abschließen, stieg jedes Jahr in jeder Provinz Afghanistans an. Die Alphabetisierungsquote der Frauen lag zwar immer noch unter 50 %, stieg aber dramatisch an. Im Jahr 2018 waren mehr als 3,6 Millionen Mädchen eingeschrieben – mehr als 2,5 Millionen in der Grundschule und über 1 Million in der Sekundarschule. 

Besonders deutlich war der Anstieg bei den Mädchen in der Sekundarstufe: 2018 waren fast 40 % eingeschrieben, verglichen mit 6 % im Jahr 2003, so die UN (Batha, 2022). Laut dem Jahresbericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen für das Jahr 2020, liegt Afghanistan bei der Bildung von Frauen auf Platz 169. Trotz des jahrelangen Krieges im Land hat die Regierung ihr Bestes getan, um kostenlose Bildung für alle Menschen in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Persönliche Sicht der Autorin

Ich habe das Privileg, eine gebildete Frau zu sein, obwohl es auch für uns/mich nicht leicht war zur Schule zu gehen. Da wir während des Krieges in Pakistan auf der Flucht waren, hatten wir als Flüchtlinge kein Recht auf Bildung. Meine Eltern konnten kaum Geld verdienen, um uns mit dem Nötigsten zu versorgen. Sie konnten nicht genug verdienen, um uns in Privatschulen zu geben, aber sie haben ihr bestes gegeben, damit meine jüngeren Geschwister und ich die Schule besuchen und eine Ausbildung erhalten konnten. 

Meine Mutter ist selbst Lehrerin und hat uns zu Hause unterrichtet und uns in den Fächern geholfen. Die Schule, in der wir aufgenommen wurden und in der ich meinen Abschluss gemacht habe, war von der japanischen Regierung für afghanische Flüchtlinge finanziert. Die Lehrer*innen waren alle Afghan*innen, die als Flüchtlinge in der Stadt lebten und eine pädagogische Ausbildung hatten. Sie hatten den Lehrplan und das Bildungssystem so gestaltet, wie es in Afghanistan vor dem Krieg war.

Die Schule befand sich in einem alten Haus. Ich erinnere mich noch immer an die Schule, und meistens träume ich sogar von meinen Klassenkamerad*innen, Lehrer*innen und dem Schulgelände.

Ich würde also sagen, dass es für ein Mädchen aus Afghanistan nicht einfach ist, einen Master-Abschluss zu machen, wenn man als Flüchtling in einem Land lebt, in dem die Flüchtlinge nicht das Recht haben, Schulen zu besuchen. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, denn sie haben uns gut ausgebildet und uns die Chance gegeben, unser Leben selbst zu bestimmen und ein privilegiertes Leben zu führen, um unsere Träume zu erfüllen.

Und jetzt wiederholt sich die Geschichte für uns. Ich habe von Kontakten, die in der Türkei, in Indien, in dem Iran und Pakistan leben, gehört, dass sie kaum in den Schulen aufgenommen werden. Die Familien sind aus Afghanistan geflohen, weil sie aus verschiedenen Gründen nicht unter dem Taliban-Regime leben wollten. Jetzt können ihre Kinder in den Nachbarländern keine Schulen besuchen, entweder wegen der hohen Kosten oder wegen der Bürokratie und des Regimes, das sie gegenüber Flüchtlingen haben.

Hat ein Flüchtling nicht das Recht, Bildung zu erhalten? Haben nicht alle Flüchtlingskinder ihre Träume und Wünsche für die Zukunft?

 Ich denke, dass es für die Länder, in denen Afghan*innen auf der Flucht sind, überhaupt keine Rolle spielt, dass sie einerseits Gelder von den Vereinten Nationen für die Grundbedürfnisse der Flüchtlinge erhalten, andererseits aber den afghanischen Flüchtlingen keine grundlegende humanitäre Unterstützung gewähren. Dasselbe gilt für die Vereinten Nationen oder andere humanitäre Organisationen, die die Bildung in der Welt unterstützen. Sie wissen nur, wie man ein Zahlenmodell aufstellt, aber was diese Zahlenmodelle wirklich bewirken, ist nichts.

Appell

Bitte kämpfen Sie stattdessen für Bildung für alle in jeder Form. Und versuchen Sie auch, denjenigen, die keinen Zugang zur Grundbildung haben, eine Chance zu geben. Ich möchte nicht nur auf Afghanistan hinweisen, sondern auf viele andere Länder. Es ist dasselbe mit den afrikanischen Ländern und anderen asiatischen Ländern, in denen Mädchen oder Jungen keinen Zugang zur Grundbildung haben.

Und ich verstehe nicht, dass es Propaganda gibt, dass die hochrangigen Taliban-Führer ihre eigenen Kinder im Ausland studieren lassen und hoch gebildet sind, aber dass sie nicht wollen, dass afghanische Mädchen Bildung erhalten. Ich kann diese Mentalität überhaupt nicht verstehen.

Den Bericht der Unesco zur Bildung in Afghanistan könnt ihr hier lesen.

Hier geht es zu einem weiteren Artikel unserer Autorin über Afghanistan.

Sahar Reza
Sahar kommt aus Afghanistan und hat ihre Kindheit in Pakistan verbracht. Ihr Studium der  hat sie in Indien und Hamburg (Master Politik- und europäischen Rechtswissenschaft) absolviert. Sie hat im Management und im Journalismus gearbeitet. Seit langem setzt sie sich für Menschenrechte (besonders Frauen-, Kinder- und Flüchtlingsrechte) ein. Für kohero (früher Flüchtling-Magazin) ist sie seit 2017 aktiv. „Ich arbeite für das kohero-Magazin, weil das Magazin mir eine Stimme gibt und ich habe die Möglichkeit, über verschiedene Themen zu schreiben und kann in meinem Arbeitsbereich Journalismus in Deutschland weiterarbeiten und aktiv sein.“

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Sahar Reza
Sahar kommt aus Afghanistan und hat ihre Kindheit in Pakistan verbracht. Ihr Studium der  hat sie in Indien und Hamburg (Master Politik- und europäischen Rechtswissenschaft) absolviert. Sie hat im Management und im Journalismus gearbeitet. Seit langem setzt sie sich für Menschenrechte (besonders Frauen-, Kinder- und Flüchtlingsrechte) ein. Für kohero (früher Flüchtling-Magazin) ist sie seit 2017 aktiv. „Ich arbeite für das kohero-Magazin, weil das Magazin mir eine Stimme gibt und ich habe die Möglichkeit, über verschiedene Themen zu schreiben und kann in meinem Arbeitsbereich Journalismus in Deutschland weiterarbeiten und aktiv sein.“

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