Rezension: Ein Irokese am Genfersee

"Kriminalroman, Politthriller, Reportage und literarische Parabel" - so beschreibt der Unionsverlag das im Oktober 2020 veröffentlichte Buch von Willi Wottreng. Es erzählt die wahre Geschichte des Irokesen Deskaheh, der in Europa Anerkennung für sein Volk in Nordamerika einfordert.

Ein Irokese am Genfersee

„Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer.“ Dieses alte Zitat von Generalmayor Philip Herny Sheridahn bewahrheitet sich auch in dem Schicksal von Irokese Deskaheh Levi General, Erbchief der Cayuga und Sprecher der Six Nations. Er galt als Unruhestifter, Rädelsführer, Rebell und forderte die Eigenstaatlichkeit der Six Nations, einem Zusammenschluss des Volks der Berge, des Volks der großen Hügel und des Volks des aufrechten Steins. Die Six Nations wollten keine kanadischen Untertanen sein. Denn sie lebten auf eigenem Grund, der ihnen von der britischen Krone als Anerkennung für ihre Aufopferung im Krieg gegen die amerikanischen Separatisten gewährt worden war.

Leben und Streben von Irokese Deskaheh

Willi Wottreng beginnt diese Roman-Biographie mit einem klassischen Autorentrick. Die Erzählerin, Staatsanwältin Ursula Haldiman, findet in einem Nachlass Papiere und Fotos und ist sofort fasziniert. Denn auch sie selbst sah sich in ihrer aufmüpfigen Jugend als eine Art Winnetou, als Stadtindianerin, und rebellierte mit den Rockern der Stadt gegen die langweilige Engstirnigkeit ihrer Umgebung. Freiheit und Gerechtigkeit waren die Pfeiler ihres Denkens, angespornt und vertieft durch Dürrenmatts „Monstervortrag über Gerechtigkeit und Recht“.

Ursula Haldiman beginnt zu recherchieren und präsentiert den Leser*innen Seite für Seite eine außergewöhnliche Person mit einem außergewöhnlichen Leben. Deskaheh war ein Einzelkämpfer mit zahlreichen Unterstützer*innen – der Suffragette Miss Robertson Matheson, der „Anti Slavery and Aborigines’protection Society“, dem „Internationalen Büro für die Verteidigung der Indigenen“ und ähnlichen Gruppierungen mit missionarischen Eiferern. Auch durch seine vielen Vorträge und seine „bella figura“ im federgeschmückten Ornat der Plains-Indianer erlangte er darüber hinaus eine große Fan-Gemeinde.

Angeregt durch einen amerikanischen Anwalt, zog Irokese Deskaheh mit dem Wunsch seines Volkes vor den Völkerbund in Genf. Er versuchte auch, König George V in London seine Petition zu unterbreiten, scheiterte jedoch. Winston Churchills Kommentar: Das sei eine interne Angelegenheit Kanadas. Duncan Campbell Scott, ein Dichter, Erzähler und Beamter des „Canadian Department of Indian Affairs“, sieht in den Indigenen des Landes Schutzbefohlene, die man erziehen und zivilisieren müsse. Das Überlegenheitsgefühl der Weißen führt in Kanada zu drastischen Maßnahmen: Kindswegnahme (wie auch in Australien geschehen), die Royal Mounted Police wird mit festen Posten eingesetzt, Land wird konfisziert.

„Alle sind Sprecher und keiner hört zu.“

In Willi Wottrengs Buch erfährt man, dass sich Deskaheh voller Stolz als Vertreter einer der ältesten Demokratien der Welt sah und wie er gegen Ungerechtigkeiten seinem Volk gegenüber kämpfte. Und trotz der vielen Unterstützer*innen und der Zusagen kleinerer Nationen war seine Mission in Genf vor dem Völkerbund ein Misserfolg. Der Völkerbund wurde 1920 mit der Aufgabe gegründet, bei internationalen Konflikten Frieden zu vermitteln. Schon zu Deskahehs Zeit gab es immer den gleichen Streit um Territorien: „Alle sind Sprecher und keiner hört zu.“

Er kehrte zurück über den Atlantik Richtung Heimat. Aber er begab sich ins Exil nach Rochester in den USA, denn nach Kanada konnte er nicht zurück. Schon in der Schweiz hatte ihn eine starke Erkältung so sehr geschwächt, dass er zur Kur musste. Dabei immer liebevoll-tatkräftig an seiner Seite war Hedwig Barblan. Sie sah in ihm den Ausweg aus ihrer Familie mit einem Übervater und einer strengen Mutter, den Weg in ein exotisches Leben abseits der kleinbürgerlichen Schweizer Enge. Nachdem Deskaheh im Exil ankam, wollte er sie später zu sich holen. Aber dazu kam es nicht mehr.

Denn in Rochester überfiel ihn ein Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Unter anderem wird ihm der Besuch der Heiler seines Volkes verweht. Er stirbt mit 52 Jahren. Gerüchte über einen unnatürlichen Tod machen die Runde und Ursula Haldiman lässt diese Frage keine Ruhe. Sie recherchiert und spricht mit Medizinern. Der ein Einsatz von Tuberkulose-Erregern, z.B. als Beigabe in seiner täglich getrunkenen Milch, steht dabei im Raum. Doch sie kann natürlich keine Beweise erbringen, aber Mutmaßungen bleiben offen. Der Geheimdienst? War es Huntington, ein sogenannte Freelance-Business-Man, der sich Deskaheh als PR-Berater präsentiert hatte?

Was sah Deskaheh? Sah er Frieden und Glück, sah er Verrat?

Man sagt, im Moment des Todes ziehe das ganze Leben vor den Augen des Sterbenden vorbei. Was sah Deskaheh? Sah er Frieden und Glück, sah er Verrat?

In dieser kleinen Tour d’horizon von 185 Seiten erfahren wir viel über die Traditionen und Denkweisen der nordamerikanischen Indigenen und Sichtweisen außerhalb der Hollywood-Maschinerie. Aber wir erfahren auch viel über die Denkweisen der politischen Machthaber und viel über ihre Selbstherrlichkeit. Es ist mehr als lobenswert, dass hier in klarer Sprache einem vergessenen Kämpfer ein Denkmal gesetzt wird. Für Freunde der indianischen „Kindheits“-Literatur und für Freunde der indianischen Realität ein unbedingtes Muss.

Das Buch endet mit fünf Fragen: Schritt er rückwärts in die Zukunft? War er ein Vorreiter der Zivilisation? Oder nur ein Verteidiger der Vergangenheit, Nachhut der Zivilisation? Oder sah er in der Vergangenheit eine Utopie? Wer war Deskaheh? Das mag jede*r interessierte Leser*in für sich selbst entscheiden.

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